© Cinéma Bellevaux ("Compilation, 12 instants d’amour non partagé“)

Aus der ersten Person #24: „Compilation, 12 instants d’amour non partagé“ (2007) von Frank Beauvais

Montag, 17.01.2022

In dem experimentellen Liebesfilm „Compilation, 12 instants d’amour non partagé“ nutzt Frank Beauvais Lieder, um seine Verehrung für einen 20-jährigen Jungen zum Ausdruck zu bringen

Diskussion

In autofiktionalen Filmen spielt die Musik meist eine untergeordnete Rolle, weil das filmende Ich ganz dem gesprochenen Wort vertraut. Dabei gibt es kaum etwas Persönlicheres als die Musik, die jemand hört und liebt. Frank Beauvais hat das in „Compilation, 12 instants d’amour non partagé“ vorbildlich für einen ungewöhnlichen Liebesfilm genutzt.


Im Juni 2006 verliebt sich Frank Beauvais in Arno, einen 20-jährigen Jungen mit blassblauen Augen. Der aber liebt ihn nicht zurück. Aus dem Wunsch, ihn wiederzusehen und einem ungeteilten Gefühl entsteht die Idee zu einem Film. Beauvais lädt Arno ein, den ganzen Sommer lang täglich zu ihm nach Hause zu kommen. Er wird ihm Musik vorspielen und ihn dabei filmen. Das Ergebnis ist ein persönliches Album aus 12 Songs, das gleichzeitig ein Porträt des jungen Mannes und ein Selbstporträt des Filmemachers ist. Ein Dialog, gesprochen mit Musik.

In Filmen, die aus der ersten Person erzählen, spielt die Musik nur selten eine wichtige Rolle; das filmende Ich vertraut ganz dem gesprochenen Wort, das Voiceover regiert. Dabei ist kaum etwas so persönlich wie die Musik, die jemand hört und liebt. Sie gibt Auskunft über Sozialisation, Geschmack und Stil, ist Ausdruck von Gefühlen und Stimmungen. Sie speichert Erinnerungen, übermittelt Nachrichten und sendet versteckte Botschaften.


Es ist alles schon gesungen

Von all dem macht Frank Beauvais Gebrauch. Die 12 Stücke erzählen von seinen Gefühlen für Arno, wie er ihn sieht, wie über ihn denkt, was er an ihm mag oder auch schwierig findet. Er versucht ihn mit der Musik zu bewegen, ihn zu verunsichern und zu verführen, ihn zum Lachen zu bringen (die Schluckauf-Version von „Somewhere Over the Rainbow“) und an den Rand der Tränen („Famous Blue Raincoat“ von Leonard Cohen). Er selbst muss gar nichts sagen, es ist ja alles schon gesungen: von Anne Sylvestre, David Byrne, The Dresden Dolls und vielen anderen.

„Compilation, 12 instants d’amour non partagé“ (2007) besteht aus zwölf statischen Einstellungen des Gesichts, die jeweils mit Schwarzbild voneinander getrennt sind. Die Musik wird in Echtzeit gespielt und bestimmt die Dauer der Einstellung. Ähnlich wie die Porträtierten in Andy Warhols „Screen Tests“ hat Arno nicht mehr zu tun als er „selbst“ zu sein. Es geht nicht um Darstellung, sondern um reine Präsenz. Die Schauanordnung, ein ambivalentes Wechselspiel von Voyeurismus und Zurückschauen, ist bei Beauvais jedoch weit weniger neutral und cool. Arno wird manchmal im Sitzen, manchmal im Liegen gefilmt, auch das Kissen hinter seinem Kopf deutet ein intimeres Verhältnis an. Er hat es sich bei Beauvais behaglich gemacht. Oft raucht er.

Arno ist schön, vermutlich weiß er das auch. Beauvais’ Kamera registriert jede Geste, jeden Blick, jede Regung seines Gesichts. Manchmal hellt es sich auf, dann wieder verdunkelt es sich, als würde gerade eine dicke Wolke über seinem Kopf vorüberziehen. Bei dem herzzerreißenden „Summer Boy“ scheint er erstmals gemeint, sein Blick geht ganz nach innen (Summer boy, give me your hours/Give me your glance like the wing of a dove/Summer boy, give me your love), bei „Je m’aime“ wird er plötzlich ganz nachdenklich, womöglich fühlt er sich ertappt. „We Can Work It Out“ klingt wie eine dringende Bitte (Life is very short, and there's no time/For fussing and fighting, my friend), Anne Sylvestres „Les gens qui doutent“ deutet Verständnis für sein Zögern und seine Unwissenheit an. Bei „Parce que“ hat Arno feuchte Augen – „Et la vie n'est plus rien sans l'amour qu'elle nous donne ...“ singt Serge Gainsbourg.


Die Songs sind bei Spotify zusammengestellt

Anbei die Songs von „Compilation, 12 instants d’amour non partagé“ zum Nachhören. „Je m’aime, Je n’aimerai plus que toi“ und „Hurlements en faveur de Serge T.“ sind allerdings nicht bei Spotify vorhanden, „Parce que“ nur in der Version von Charles Aznavour.


  • „Over the Hiccups“ (Harold Arlen/ E.Y.Harburg), Negativland, 1987
  • „Summer Boy“ (Buffy Sainte-Marie), Buffy Sainte-Marie, 1967
  • „Je m’aime“ (Michel Renard/Thierry Vincent), Pascale Audret, 1969
  • „We Can Work It Out“ (John Lennon/Paul McCartney), Petula Clark, 1966
  • „Les gens qui doutent“ (Anne Sylvestre), Anne Sylvestre, 1977
  • „Heroin and Cocaine“ (Martyn Jacques), The Tiger Lillies, 1994
  • „Je n’aimerai plus que toi“ (Olivier Martineau/Philippe Miller), Élise Caron, 1998
  • „Famous Blue Raincoat“ (Leonard Cohen), Leonard Cohen
  • „Hurlements en faveur de Serge T.“ (Serge Turc/Sylvain Chauveau), Sylvain Chauveau, 2000
  • „Heaven“ (David Byrne), Talking Heads, 1984
  • „Coin-Operated Boy“ (Amanda Palmer/The Dresden Dolls), The Dresden Dolls, 2004
  • „Parce que“ (Charles Aznavour/Gaby Wagenheim), Serge Gainsburg, 1985



Hinweis

Alle bisherigen Kracauer-Blogs „Aus der ersten Person“ von Esther Buss und viele andere Texte, die im Rahmen des Siegfried-Kracauer-Stipendiums in früheren Jahren entstanden sind, gibt es hier.

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