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Berlinale 2022 - "Wir brauchen das Kino"

Mittwoch, 09.02.2022

Morgen beginnt die 72. "Berlinale". Anders als ein Jahr zuvor kam für die Organisatoren keine Hybrid-Ausgabe in Betracht

Diskussion

Am morgigen Donnerstag, 10. Februar, beginnt die 72. „Berlinale“ unter der Leitung von Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek. Anders als noch im letzten Jahr kam für die Organisatoren keine Hybrid-Ausgabe oder Teilung in Frage. Die „Berlinale“ findet in Präsenz statt, was nicht zuletzt ein Signal für die Unterstützung der Kultur sein soll. Mit den Werken namhafter Filmemacher wurden dafür die wichtigsten Voraussetzungen geschaffen.


Als Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek 2020 die Leitung der „Berlinale“ übernahmen und Dieter Kosslick ablösten, schwankten die Reaktionen zwischen Erleichterung und Skepsis – je nachdem, ob man die Festivalbilanz von Dieter Kosslick als Ära der Beliebigkeit oder als eine des stetig wachsenden Zuspruchs interpretierte. Unter normalen Umständen ließe sich spätestens jetzt im dritten Jahr von Chatiran & Rissenbeek eine erste Bilanz ziehen, inwieweit der Neuansatz Erfolge gezeitigt hat. Doch vorläufig steht alles unter dem Eindruck des Krisenmanagements. Kosslick musste sich nie mit solchen Problemen beschäftigen, wie sie auf das Duo jetzt schon zum zweiten Mal zukamen: Die Organisation und Durchführung der „Berlinale“ in Zeiten der Corona-Pandemie als beständigem Kraftakt zwischen Bangen und Hoffen.

Die klaren Worte, mit denen Chatrian und Rissenbeek seit Dezember 2021 immer wieder betonten, für die „Berlinale“ nur die Option eines Präsenzfestivals vorzusehen, künden jedenfalls vor allem vom Willen, dem Filmfest wieder stärker den Charakter eines Festivals zu verleihen.

Auf eine Wiederholung der Ausgabe 2021 – fünf Tage Online-Präsentation für Jurys, Fachpublikum und Journalisten im März, Publikumsvorführungen im Juni – waren sie offenkundig nicht erpicht. Das kollektive Erlebnis sei zentraler Bestandteil eines Festivals, hatte Chatrian immer wieder erklärt, und auch die neue Kulturstaatsministerin Claudia Roth stellte wenige Tage vor Beginn noch einmal klar, dass ein Festival mit Kinos etwas grundlegend Anderes ist als eine Online-Ausgabe: „Wir wollen mit dem Festival ein Signal an die gesamte Filmbranche, an die Kinos und Kinogänger und die ganze Kultur setzen. Wir brauchen das Kino, wir brauchen die Kultur.“

Ein Herz für die "Berlinale": Kulturstaatsministerin Claudia Roth (imago/Eibner)
Ein Herz für die "Berlinale": Kulturstaatsministerin Claudia Roth (© imago/Eibner)

Gewährleistet werden soll dies unter anderem durch ein verschärftes Sicherheitskonzept, das auch für „geboosterte“ Pressevertreter tägliche Tests vorsieht und die Auslastung der Kinos auf höchstens fünfzig Prozent beschränkt. Gemeinschaftserlebnis ja, Gruppenbildung nein, so muss man das Paradox dieser besonderen „Berlinale“ begreifen.

Immerhin braucht man das ganze Corona-Elend nicht auch noch auf der Leinwand zu erleben. So wurden zwar neben vielen „unter Corona-Bedingungen gedrehten“ Filmen (erkennbar an kleinen Besetzungen, einem Handlungsort oder vielen Außenszenen) auch Werke eingereicht worden, die direkte Abbildungen der Pandemie im Zentrum hatten. Doch Chatrian und die anderen Sektionsleiter versichern, dass von diesen Filmen nur wenige ins Programm aufgenommen wurden. Man muss sich wohl eher auf indirekte Spiegelungen der Corona-Ära einstellen.


Experiment mit M. Night Shyamalan

Zur Rückkehr zur weitgehenden „Berlinale“-Normalität gehört, dass im Vergleich zur extremen Reduzierung 2021 nun wieder deutlich mehr Filme zu sehen sind und alle Sektionen vollbestückt erscheinen. Insgesamt wurden 256 lange und kurze Werke ausgewählt.

Im dritten Jahr der Ära Chatrian setzt sich die Mischung aus arrivierten internationalen Filmemachern, aufrückenden Talenten und Neuentdeckungen weiter fort. Durchaus als Experiment lässt sich die Wahl des US-amerikanischen Mysterythriller-Spezialisten M. Night Shyamalan zum Jury-Präsident verstehen, der gemeinsam mit der simbabwischen Regisseurin Tsitsi Dangarembga, dem französisch-tunesischen Produzenten Saïd Ben Saïd, der dänischen Schauspielerin Connie Nielsen sowie den Filmemachern Ryusuke Hamaguchi, Anne Zohra Berrached und Karim Aïnouz über die Preise im Wettbewerb entscheidet

Wählen können sie dabei unter anderem über die neuen Filme von Nicolette Krebitz („A E I O U“) und Andreas Dresen („Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“). Nicolette Krebitz greift nach „Wild“ erneut ein sehr unkonventionelles Zweierverhältnis auf, bei dem diesmal kein Wolf und keine introvertierte Außenseiterin, sondern eine 60-jährige Schauspielerin (Sophie Rois) im Mittelpunkt steht, die sich in einen 17-jährigen Handtaschendieb verliebt. Andreas Dresen wagt eine erneute filmische Auseinandersetzung mit dem Fall Murat Kurnaz, wobei hier nicht der Guantanamo-Häftling im Zentrum steht, sondern seine Mutter (gespielt von der Stand-up-Komikerin Meltem Kaptan), die sich entschlossen daranmacht, die Freilassung ihres Sohns zu erreichen, selbst wenn sie sich dafür mit dem Obersten Gerichtshof der USA anlegen muss.

Der Österreicher Ulrich Seidl kehrt mit „Rimini“ über einen alternden Schlagerstar im titelgebenden Badeort in den Wettbewerb zurück. Aus der Schweiz kommen Werke von Ursula Meier („La ligne“) und Michael Koch („Drii Winter“), die beide vom schwelenden Gewaltpotenzial in Familien erzählen.

Erstmals im „Berlinale“-Wettbewerb dabei sind die Französin Claire Denis mit ihrer Dreiecksgeschichte „Avec amour et acharnement“ (besetzt mit Juliette Binoche, Vincent Lindon und Grégoire Colin), der Katalane Isaki Lacuesta mit „Un año, un noche“ über ein Paar, das den Anschlag auf das Pariser Bataclan-Konzerthaus 2015 überlebte, sowie die Frau von Carlos Reygadas, Natalia López Gallardo, mit ihrer ersten Regiearbeit „Robe of Gems“, in der eine mexikanische Familie in Kontakt mit den Drogenkriegen im Land gerät.

"Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush" von Andreas Dresen (© Andreas Höfer / Pandora Film)
"Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush" von Andreas Dresen (© Andreas Höfer / Pandora Film)

Der 90-jährige italienische Filmemacher Paolo Taviani inszenierte nach dem Tod seines Bruders Vittorio mit „Leonora addio“ erstmals allein einen Film, bleibt ihren gemeinsamen Lieblingsmotiven aber treu und setzt sich erneut mit einer Vorlage von Luigi Pirandello auseinander. Dieser feiert ebenso in Berlin Premiere wie die neuesten Arbeiten von Rithy Panh (mit „Everything will be OK“, einer Fortsetzung des Tonfiguren-Animationskonzepts von „Das fehlende Bild“) und Hong Sang-soo, dessen neueste Arbeit „The Novelist’s Film“ einmal mehr künstlerische Grundsatzfragen aufgreift.

Spannend dürften auch die Beiträge der Spanierin Carla Simón („Alcarràs“) und des Franzosen Mikhaël Hers („Les passagers de la nuit“) werden, die sich mit ihren früheren Filmen schon für A-Filmfestival-Wettbewerbe empfohlen hatten und nun erstmals tatsächlich auf der großen Bühne ihre Arbeiten präsentieren können. In der Konkurrenz dabei ist auch der Eröffnungsfilm von François Ozons, „Peter von Kant“. Dieser verspricht eine sehr persönliche Auseinandersetzung mit Rainer Werner Fassbinder, indem Ozon das reine Frauen-Figurenensemble aus „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ aufbricht und ins Zentrum einen von Denis Ménochet gespielten Regisseur stellt.


Gefeierte Autorenfilme bei „Encounters“ & den Specials

Auch die von Carlo Chatrian zur zweitwichtigsten Sektion gekürte „Encounters“-Konkurrenz wartet wieder mit einer interessanten Auswahl auf. Von einer wachsenden Bereitschaft international gefeierter Autorenfilmer, sich in Berlin zu präsentieren, künden die neuen Filme von Bertrand Bonello („Coma“), Peter Strickland („Flux Gourmet“) und Arnaud des Pallières („Journal d’Amérique“), hinzu kommen Regisseurinnen und Regisseure wie Ruth Beckermann („Mutzenbacher“) und Syllas Tzoumerkas („I Poli ke i Poli“), die bei der „Berlinale“ zuletzt in der „Forum“- beziehungsweise „Panorama“-Sektion aufgetaucht waren. Zwei junge deutsche Filmschaffende, die mit ihren ersten Werken Beachtung gefunden hatten, wurden ebenfalls für „Encounters“ ausgewählt: Jessica Krummacher stellt nach Totem(2011) ihren zweiten Film „Zum Tod meiner Mutter“ vor, Jöns Jönsson (Lamento, 2014) „Axiom“. Hinzu kommt der Schweizer Cyril Schäublin, der für sein Debüt Dene wos guet geit (2017) gefeiert worden war, mit „Unrueh“, einem Historienfilm, in dem Uhrenhersteller im 19. Jahrhundert gegen die Arbeitsbedingungen rebellieren.

Während Wettbewerb (18 Filme) und Encounters (15 Filme) wieder normale Größe erreicht haben, wurde auch die „Berlinale Special“-Auswahl wieder deutlich aufgestockt. Auch hier finden sich durchaus bekannte Regie-Namen wie Andrew Dominik (mit der Nick-Cave-Doku „This Much I Know to Be True“), Dario Argento (mit einer Rückkehr zu den stylischen Serienmörder-Stoffen, die ihn einst berühmt machten) oder Quentin Dupieux, bei dem nach bizarren Filmen über mörderische Autoreifen, bizarre Hirschlederjacken oder Fliegen mit „Incroyable mais vrai“ eine Obsession für einen Keller hinzukommt. Der Dokumentarfilmer Simon Brückner stellt innerhalb der Special-Sektion „Eine deutsche Partei“, eine über mehrere Jahre gedrehte Dokumentation über die AfD, vor.

"Drii Winter" von Michael Koch (© Armin Dierolf / hugofilm)
"Drii Winter" von Michael Koch (© Armin Dierolf / hugofilm)

Das Programm der weiteren Sektionen war bereits vor dem 19. Januar verkündet worden, den längsten Vorlauf hatte die Retrospektive No Angels – Mae West, Rosalind Russell & Carole Lombard. Diese hätte eigentlich schon 2021 durchgeführt werden sollen und war angesichts der Corona-Umstände auf dieses Jahr verlegt worden. Gründe für Vorfreude gibt es also reichlich, auch wenn die „Berlinale“ alles andere als sorgenfrei über die Bühne gehen wird.


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