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Wunderbare Wiederkäuer - Andrea Arnold über „Cow“

Montag, 07.02.2022

Die britische Regisseurin im Gespräch über ihren Dokumentarfilm, der eine Milchkuh auf einer Farm in Kent porträtiert.

Diskussion

Die britische Regisseurin Andrea Arnold erzählt in ihren Spielfilmen wie „Fish Tank“ und „American Honey“ oft von Figuren, die mit großem Freiheitsdrang gegen beengende soziale Umstände aufbegehren. In ihrem neuen Dokumentarfilm „Cow“ rückt die Filmemacherin eine Kuh auf einer Farm in Kent ins Zentrum und nimmt unaufdringlich an deren Alltag teil. Der Film ist ab 11. Februar beim Streamingdienst Mubi zu sehen. Ein Gespräch über die Annäherung an eine tierische Filmheldin.


Sie sind vor allem für Ihre Spielfilme wie „Fish Tank“, „Wuthering Heights“ und „American Honey“ bekannt. Warum haben Sie jetzt einen Dokumentarfilm gedreht?

Andrea Arnold: Die Idee reicht schon lange zurück, bestimmt sieben Jahre. Ich hatte immer schon etwas über Landwirtschaft und Viehzucht machen wollen. Ich wusste aber noch nicht, wie das aussehen sollte. Dann hatte ich die Idee, einfach – so ähnlich wie in meinen Spielfilmen – ein lebendiges Wesen zu beobachten. Ich konnte aber nicht wissen, ob man dieses Wesen dann auch kennen lernen würde, ob es überhaupt Sinn machte, ob man dieses Wesen fürchten müsste. Ich hatte aber das Gefühl, dass es einen Versuch wert sei. Ich bin mein ganzes Leben lang von Tieren umgeben. Ich weiß etwas über ihre Instinkte und Verhaltensweisen. Darum war ich sicher, dass das Tier, dem ich folgen wollte, eine Persönlichkeit hätte. Es war auch nicht so wichtig, was für ein Film das werden würde – kurz oder lang, Dokumentarfilm oder Drama. Ich wollte es einfach ausprobieren. Es musste nicht in irgendwelche Schubladen passen. Ich würde alles machen, wenn es nur interessant ist, sich das Ergebnis anzuschauen.


Was war nun der Auslöser dafür, dass Sie eine Dokumentation über eine Kuh gemacht haben, nicht über ein anderes Tier?

Arnold: Am Anfang wollte ich den Alltag eines Farmers beobachten. Doch aus irgendeinem Grund… Ich habe Kühe schon immer geliebt. Ich wuchs in einer ländlichen Gegend auf, die zwar nicht von Wildnis, aber von wilden Räumen umgeben war. In diesen großen, offenen Räumen tollte ich als Kind immer herum. Seitdem habe ich ein genaues Gespür für die Natur. Als ich als 18-Jährige mit meinem Freund auf einem Feld spazieren ging, begegneten mir erstmals Kühe. Sie kamen auf mich zu, leckten mich ab. Eine spannende Erfahrung, zumal Kühe so groß und mächtig sind. Dann begann ich mich auch für die Milcherzeugung zu interessieren. Das ist eine große Industrie. Das Verrückte ist ja, dass Milchkühe ihr ganzes Leben über in einer Art mütterlichem Zustand gehalten werden, um Milch geben zu können. Sie werden gemolken, befruchtet, sie sind schwanger, sie gebären Kälber – das ist ihr ganzes Leben! Wie fühlt es sich an, so leben zu müssen?


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Wie muss ich mir die Dreharbeiten praktisch vorstellen?

Arnold: Es ging zunächst darum, eine ganz normale Milchfarm zu finden. Es gibt alle möglichen Arten von Milchfarmen, von groß und industriell bis zu klein und biobetrieben. Die Farm, die wir ausgesucht haben, war ein normaler, mittelgroßer Familienbetrieb. Das war mir sehr recht – ich wollte keine Extreme ausloten. Wir kehrten über vier Jahre hinweg immer wieder dorthin zurück – immer dann, wenn etwas passierte. Ich wollte zunächst einem Neugeborenen und seinem Lebenszyklus folgen. Doch das ergab sich leider nicht. Dann entdeckten wir Luma, die „Hauptdarstellerin“. Sie hatte so ein schönes Gesicht. Sie wurde dann schwanger, und wir filmten die Geburt. Luma war die perfekte Kandidatin.

Die Hauptdarstellerin in „Cow“: Luma (© MUBI/BBC)
Die Hauptdarstellerin in „Cow“: Luma (© MUBI/BBC)

Nun kann man einer Kuh nicht sagen, wie sie vor einer Kamera agieren soll. Haben Sie sich deswegen auf den Zufall verlassen müssen?

Arnold: Meine Absicht war es, die Dinge so zu präsentieren, wie sie sind. Ich wollte nichts manipulieren. Man muss immer eine Wahl treffen, beim Dreh, im Schneideraum. Innerhalb dieses Rahmens habe ich bis zu einem gewissen Grad versucht zu zeigen, was ist. Dazu gehörte auch, dass Luma sich der Kamera bewusst war. Sie schlug gerne mal mit dem Kopf gegen die Kamera oder sah neugierig hinein. Ich habe mich dann entschieden, diese Szenen drin zu lassen. Wenn sie mit dem Prozess des Filmemachens interagiert, muss man das beibehalten. Denn das ist die Wahrheit. Ich versuche, auch in meine Dramen reale Dinge einzubringen. Sie verleihen der ganzen Sache erst Leben. Ich bin glücklich mit dem, was auch immer passiert.


Das ist das Schöne an Ihrem Film: Luma bleibt Luma. Da ist nichts Artifizielles.

Arnold: Genau. Wir haben nichts konstruiert. Wir haben nicht Dinge erfunden, die nicht passiert sind. Es ist, wie es ist.


Die Kamera geht manchmal sehr nah ran an die Kuh. Hat sie das nicht verunsichert?

Arnold: Die Kühe sind es gewohnt, dass immer Menschen um sie herum sind. Ihr Leben wird von den Menschen sehr geregelt und bestimmt. Sie fühlte sich also nicht wirklich gestört. Manchmal war sie wegen irgendetwas genervt, und das schloss uns dann mit ein. Wir haben immer darauf geachtet, die Tiere nicht zu stören, wenn es nicht der richtige Zeitpunkt war. Wir haben sie sehr respektiert. Wir haben sie geliebt. Luma hatte sich daran gewöhnt, dass wir sie beobachten. Denn das ist, was wir die meiste Zeit taten: sie beobachten, mit einer sehr kleinen Kamera. Irgendwann hatte ich das Gefühl, dass sie wusste, dass sie gesehen wurde. Immer wenn ich im Schneideraum eine Einstellung hatte, in der sie in die Kamera schaute, schien sie zu spüren: „Ich sehe dich, Luma.“ Ich wollte, dass wir sie sehen. Und ihr es genauso ging: „Sie sehen mich.“ Ich kann natürlich nicht wissen, was das in Bezug auf ihr Bewusstsein bedeutet.


Sie blickt mit ihren großen, schwarzen und traurigen Augen in die Kamera, und das bedeutet, dass sie auch mich, den Kinozuschauer, ansieht. Ich frage mich unwillkürlich, was sie denkt, was sie fühlt. Für mich ist das ein sehr großer Moment.

Arnold: Ich liebe es auch, wenn sie so in die Kamera schaut. Wir können natürlich nicht wissen, was sie denkt. Es ist ein Geheimnis.

Beobachtung frei von Künstlichkeit (© MUBI/BBC)
Beobachtung frei von Künstlichkeit (© MUBI/BBC)

Was meinen Sie – hat sie ein Bewusstsein? Weiß sie, was mit ihr passiert?

Arnold: Man sagt, dass Tiere keine Vorstellung von der Zukunft haben. Die Menschen unterscheiden sich vom Tier, weil sie Entscheidungen treffen. Wir kennen die Vergangenheit und die Zukunft. Doch als Luma zum zweiten Mal kalbte, wusste sie, was passieren würde. Sie wurde böse, obwohl das Baby noch gar nicht da war. Sie muhte die ganze Zeit und ging im Kreis herum. Sie wusste, dass die Menschen ihr wieder das Kalb wegnehmen würden. Sie wusste, was passieren würde. Vielleicht bringt das den Zuschauer dazu, über sein eigenes Leben in Relation zu diesem Leben nachzudenken. Die Menschen haben sehr viele Antworten darauf – was ich sehr faszinierend finde.


Die Geburtsszenen sehen sehr grausam aus, weil das Kalb mit Ketten an den Füßen aus dem Mutterleib gezerrt wird. Ist das das normale Vorgehen?

Arnold: Ich denke schon. Man macht das so, um der Kuh zu helfen. Wenn sie aber im Sommer auf dem Feld sich selbst überlassen sind, verschwinden sie in einer Ecke und gebären die Kälber allein. Ich weiß, dass das oft passiert. Es hängt von den Umständen ab. Manchmal brauchen sie Hilfe, manchmal wollen die Milchbauern aber auch, dass so eine Geburt schnell über die Bühne geht. Beides ist möglich.


Sehr interessant bei Ihrem Film fand ich, wie Sie die Welt außerhalb des Milchhofes zeigen. Ich sehe Flugzeuge am Himmel, einen großen Brexit-Heißluftballon, Feuerwerk, Vögel, Züge, die Sterne und den Mond am Himmel. Sind das Symbole der Freiheit?

Arnold: Vielleicht. Kennen Sie das, wenn man Tiere aus einem fahrenden Zug beobachtet? Ich habe diese Situation einfach umgekehrt. In der Nähe der Farm gab es eine vielbefahrene Straße. Mir gefiel die Idee, dass das eine ständige Erinnerung an uns Menschen ist. Die Tiere sind wegen uns dort, wo sie sind. Wir sehen sie, aber wir engagieren uns nicht für die Tiere, die wir für Nahrung und Kleidung benutzen. Das ist mein Weg, uns daran zu erinnern, wer wir sind. Die Sterne waren einfach da, und sie waren schön. Die Kühe bewegen sich nachts sehr friedvoll auf dem Feld. Das war ein sehr kraftvolles Bild. Ich zeige keine anderen Menschen, die diese Dinge außerhalb des Milchhofes sehen. Es könnte also sein, dass nur die Kühe die Dinge so sehen und erfahren. Es ist nicht ihre Perspektive, aber immerhin der Raum, aus dem sie schauen.


Mir gefielen auch die Szenen sehr, in denen die Kühe im Sommer auf der Wiese weiden und wiederkäuen – ein sehr friedvolles und idyllisches Bild, während die Kälber Spaß haben und sehr lebhaft sind. Ein sehr schöner Kontrast zu den anderen Szenen.

Arnold: Wenn sie am ersten Frühlingstag rausgelassen wurden, spielen sie wirklich verrückt. Sie tanzen sogar und sind glücklich, einfach glücklich. Und wenn die Kälber zum ersten Mal Gras fressen, ist das bemerkenswert. Natürlich wissen wir, dass Kälber Gras fressen. Aber dies ist wirklich das aller-, allererste Mal. Ich könnte stundenlang dabei zusehen, wenn sie wiederkäuen und der Kiefer diese typische runde Bewegung macht. Es ist faszinierend. Darum lasse ich die Einstellungen auch so lange dauern. Als der Film in Cannes aufgeführt wurde, fragte ich mich, ob den Zuschauern das gefallen würde, einer Kuh so lange bei ganz selbstverständlichen Tätigkeiten zuzusehen. Doch sie gingen mit. In Wuthering Heights habe ich ähnlich obsessiv Fliegen gefilmt, wie sie sich auf Fensterscheiben setzen und ähnliches. Ich finde sie einfach wunderschön. Ich könnte stundenlang im Schneideraum sitzen und dem Cutter sagen: „Lass es noch ein wenig länger drin!“ Für mich bedeuten diese Szenen des Fressens und Kauens schlicht das Leben. Oftmals schenken wir dem keine Beachtung mehr, aber es bringt auch Freude.

Die Kuh akzeptierte zusehends die Nähe der Kamera (© MUBI/BBC)
Die Kuh akzeptierte zusehends die Nähe der Kamera (© MUBI/BBC)

Wir sehen in Ihrem Film nur ganz selten Menschen, schon gar nicht ihre Gesichter. Erst viel später werden sie ein wenig präsenter.

Arnold: Die Kühe stehen eindeutig im Vordergrund des Films. Ich wollte zunächst nur mit ihnen so etwas wie eine Verbindung herstellen. Ich konzentrierte mich auf die Gesichter und vor allem die Augen der Kühe. Die Augen sind ja das Fenster zum Bewusstsein. In ihnen spielt das eigentliche Leben. Darum blieb ich zumeist auf dem Kopf und den Augen. Das war eine sehr strenge Regel. Wenn also Menschen in der Nähe waren, hat man sie schlicht und einfach nicht gesehen. Irgendwie gefiel mir das, weil die Menschen so zu Aliens, zu Fremden, werden.


Es gibt keinen Kommentar, der das, was wir sehen, erklären würde.

Arnold: Ich war von Anfang an überzeugt, dass wir ihn nicht brauchen. Man muss niemandem irgendetwas erzählen. Was sollte ich dem Zuschauer erklären? „Hier ist sie. Sie bekommt ein Baby.“ Das ist gar nicht nötig. Die Menschen sollen ihre eigenen Erfahrungen mit Luma machen. Ich wollte nicht zu überdeutlich werden, indem ich etwas sage oder erkläre. Der Zuschauer wird so mehr und mehr involviert. Er muss darüber nachdenken, was passiert. Er bekommt nicht alles vorgesetzt. Das ist es doch, worum es beim Kino geht: Man lässt Raum für die Menschen, sich zu beteiligen. Man regt das Publikum an, in dem man ihm nicht alles gibt. Heutzutage sind wir daran gewöhnt, dass alles ausbuchstabiert wird, vor allem in Hollywood-Dramen. Es gibt keine Subtilität mehr. Das Kino erlaubt einem aber, sich seine eigenen Gedanken zu machen. Dinge werden einem nicht erzählt, sondern gezeigt. Ich wollte, dass mein Film Kino ist.


Ich weiß nicht, wie es in England ist, aber in Deutschland wird Milch von großen Firmen industriell in großem Maße produziert und ist darum viel zu billig. Die kleinen Bauern können von ihrer Arbeit nicht mehr leben. Verstehen Sie Ihren Film auch als Kritik an diesen Praktiken?

Arnold: Sie haben Recht – die Milchbauern bekommen viel zu wenig Geld für ihr Produkt, sie müssen wirklich kämpfen. Die Preise fallen auch in England, die Bauern haben keinen Einfluss darauf, sie selbst zu bestimmen. Ich möchte eigentlich nicht so viel darüber reden. Die Menschen sollen ihre eigene Beziehung zu dem herstellen, was ich zeige. Sie sollen darüber nachdenken, was es ihnen bedeutet. Wenn ich zuviel sage, wird es etwas anderes. Der Film soll eine Einladung an den Zuschauer sein, solche Dinge anschließend vielleicht selbst herauszufinden.


Mir gefiel auch die Tatsache, dass die Kuh einen Namen hat. Die Bauern rufen sie auch „Big Girl“ oder „Good Girl“. Es gibt ihr eine eigene Persönlichkeit.

Arnold: Nicht alle Kühe haben einen Namen, aber einige. Sie haben einfach zu viele Kühe. Es ist unmöglich, ihnen allen Namen zu geben. Wenn sich gewisse Charaktere unter den Tieren herauskristallisieren, wenn sie irgendwie aus der Masse heraustreten, werden sie „getauft“.

Der Blick auf die Freiheit? (© MUBI/BBC)
Der Blick auf die Freiheit? (© MUBI/BBC)

Und dann ist da dieses grausame Ende. 90 Minuten haben wir Luma kennengelernt. Dann wird sie einfach so erschossen und liegen gelassen. Niemand kümmert sich um sie.

Arnold: Ich finde das im Gegenteil sehr schön. Es hätte sehr viel schlimmer sein können. Sie muss nicht mehr leiden. Vielleicht hat sie für einen Sekundenbruchteil eine Ahnung davon, was passieren wird. Aber dann ist sie auch schon tot. Es ist ein schöner Tod, wenn es so etwas überhaupt gibt. Ich war dabei, und ich finde, dass der Mann, der es getan hat, es sehr gut gemacht hat. Sie hatte Glück, so sterben zu dürfen.


Ihr Film wurde von der BBC produziert und läuft jetzt auf dem Arthouse-Streamingdienst Mubi. Was bedeutet das, wenn Filme nicht mehr ins Kino kommen?

Arnold: Das Kino hat sich sehr verändert. Aber es ist noch da. Es gibt noch genug Orte, wo Filme gezeigt werden. Als Filmemacherin wünsche ich mir natürlich, dass die Menschen meine Filme sehen. Und es macht keinen Unterschied, wie sie sie sehen, solange sie sie überhaupt sehen. Für mich ist es etwas Fantastisches, ins Kino zu gehen, mit vielen anderen Menschen. Zuhause holt man sich zwischendurch eine Tasse Tee, redet mit jemandem, das Radio läuft noch, die Aufmerksamkeit teilt sich, man schaltet den Fernseher aus. Man hat die Kontrolle. Jeder kann es auf seine Weise machen. Es ist aber viel schöner, irgendwo hinzugehen, wo einen der Filmemacher anderthalb Stunden im Griff hat. Zuhause zu schauen, ist schon extrem antisozial. Man verweigert sich einer außerordentlichen Erfahrung. Es sind zwei unterschiedliche Dinge. Doch die Menschen wollen sich den Ideen von jemand anderem hingeben. Für diese Erfahrung gibt es immer noch Raum. Man geht nach draußen, trifft Leute, man sitzt da und spürt die Atmosphäre. Und dann die große Leinwand, die mir eine Geschichte erzählt. Man kann jemandem ins Auge schauen. Auf einem Handy bekommt man das nicht. Ich bin nicht gegen das Streamen. Doch wir sollten uns wieder auf den Film konzentrieren, ohne etwas anderes zu tun. Darum geht es beim Kinobesuch. Es ist einfach die bessere, befriedigendere Erfahrung.

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