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Fenster zum Hof - Neue Filmliteratur

Montag, 07.02.2022

Vier neue Publikationen zeigen die Bandbreite der Filmpublizistik auf, die mit schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen zu kämpfen hat

Diskussion

Trotz hoher Studentenzahlen in der Film- und Medienwissenschaft oder benachbarten Disziplinen tun sich viele Verlage schwer, unter wirtschaftlichen Bedingungen ein (Fach-)Publikum für Filmliteratur zu finden. Dennoch erscheinen immer wieder bemerkenswerte Werke. Eine kleine Auswahl aktueller Publikationen deutet die publizistische Bandbreite an.


Am 21. Februar feiert Margarethe von Trotta ihren 80. Geburtstag. Dazu erscheint im Schweizerischen Kampa Verlag ein Gesprächsband mit der Filmemacherin, die zu den wenigen weltweit anerkannten deutschen Regisseurinnen zählt. „Gegenwärtig sein“ stammt von dem Autor Thilo Wydra, der schon einmal ein Buch über das filmische Oeuvre von Margarethe von Trotta publiziert hat. Mit kenntnisreichen, oft auch sehr persönlichen Fragen entlockt er seiner Gesprächspartnerin interessante Neuigkeiten, etwa über die Existenz einer Schwester, infolge einer Lebenslüge der aus Moskau geflohenen adeligen Mutter.

Margarethe von Trottas frühe Jahre der Entbehrung beflügelten ihre unabhängige Natur. Ein Aufenthalt in Paris stand Ende der 1950er-Jahre im Zeichen des Post-Existentialismus; Filmbildung sog sie am Ursprungsort der Nouvelle Vague auf. Ihre Favoriten hießen jedoch Alfred Hitchcock und Ingmar Bergman. Zurück in Westdeutschland folgten Kunst-, Germanistik- und Romanistikstudien sowie Schauspielunterricht. Nach Auftritten am Theater war von Trotta 1967 in Tränen trocknet der Wind… in ihrer ersten Kinorolle zu sehen. Nach Auftritten in Klaus Lemkes Brandstifter sowie der Brecht-Adaption Baalvon Volker Schlöndorff erkannte und sicherte sich Rainer Werner Fassbinder die Dienste des ausdrucksstarken Talents.


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In den Gesprächen über biografische, künstlerische und gesellschaftliche Prägungen pflegt von Trotta einen eigenen, selbstbewussten Stil. Sie betont Frauenthemen und Durchsetzungsvermögen. Die deutsche Staatsbürgerschaft garantierte der Staatenlosen die (erste) Heirat. Förderung erfuhr die Aktrice, Autorin und Regisseurin insbesondere durch Schlöndorff, ihrem zweiten Ehemann. Offen erzählt sie von diversen Beziehungen – als Ausdruck einer emanzipatorischen, nachvollziehbaren Rebellion.

Wydra arbeitet mit knappen Sätzen und Einschüben und legt Wert auf eine verständliche Sprache. Den Allgemeinplatz, dass ihr starke Frauen imponieren, arbeitet er facettenreich auf. Nicht umsonst erwähnt sie das Motto Rosa Luxemburgs „Sieh, dass du Mensch bleibst“ aus einem Brief von 1916. Und die wiederentdeckte Ikone Hildegard von Bingen unterstreicht zwei Grundpfeiler von Trottas zahlreichen (auto-)biografischen Produktionen: Zerrissenheit und Ambivalenz, Eifersucht und zeithistorische Bedeutung. Ihre Filmstoffe lassen diese klare Linie bis hin zu ihrem neuen Projekt „Ingeborg Bachmann & Max Frisch“ erkennen.

Ausführlich thematisiert wird von Trottas Sympathie für die Utopie der Linken, von Rosa Luxemburg bis zur RAF, einschließlich der These vom Mord an den inhaftierten Terroristen in Stammheim. Der 1968er-Aufbruch zu politischer Veränderung mündet für sie folgerichtig im Aktionismus der „Fridays for Future“-Bewegung. Ihre Argumentation wirkt teilweise aber sprunghaft und unkritisch. Darin schlummert eine melancholische, auch selbstgerechte Verklärung, ohne Distanz zur gescheiterten Utopie, die das Entstehen der „bleiernen Zeit“ erst ermöglichte. Diese anti-bürgerliche Einstellung wird auch in der Darstellung ihres Aufenthalts in Italien spürbar, im ungefilterten Lob renommierter, sich kommunistisch gerierender Filmemacher/innen. Hier wären Nachfragen des Autors nötig und aufschlussreich gewesen.

Margarethe von Trotta: Gegenwärtig sein (© Kampa Verlag)
Margarethe von Trotta: Gegenwärtig sein (© Kampa Verlag)


Papst Franziskus und der filmische Neorealismus

Eine der einflussreichsten Epochen der italienischen Filmgeschichte, den Neorealismus, nutzt der Ex-Direktor des Vatikanischen Fernsehzentrums, Dario E. Viganò, um das kinematografische Selbstverständnis von Papst Franziskus sichtbar zu machen. Sein schmaler Band „Der Blick – Tür des Herzens“ referiert grundlegende Positionen und neuere Forschungsergebnisse zum Neorealismus und spiegelt dessen Aktualität an den Erinnerungen von Jorge Mario Bergoglio an seine Kindheit und Jugend in Argentinien. Ein achtseitiges Interview mit Papst Franziskus bringt viele von dessen zentralen Aussagen und eine subjektive, außereuropäische Sichtweise ein.

Kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs entstand in Italien, einem traumatisierten, moralisch zerstörten und in sich gespaltenen Land, unter bescheidensten Bedingungen eine innovative, Hoffnung spendende und „dokumentarische Authentizität“ ausstrahlende Filmästhetik. Zu den Leuchttürmen der später als „Neorealismus“ gefeierten Entwicklung gehörte eine breite Künstlergruppe um Regisseure wie Roberto Rossellini, Vittorio de Sica, Luchino Visconti und andere. Die filmische Trauerarbeit an der weltweiten Nachkriegstragödie und Depression mündete in einen neuen Blick auf die Wirklichkeit, auf die gesellschaftlichen Werte des christlich geprägten Abendlandes – aus der Perspektive von Kindern, mit einem Plädoyer für Neuanfang und Zuversicht.

Der Neorealismus „predigte“ eine universale Botschaft und versprach Licht in der Dunkelheit; er entging und entgeht selbst heute nicht der Gefahr der Mythifizierung. Wenn man die Kompromisse des Vatikans in Bezug auf die Aufklärung und Sanktionierung des weit verbreiteten Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen durch Vertreter der Amtskirche in den Kontext der päpstlichen Ausführungen zur filmhistorischen Thematik setzt, bleiben Fragen offen.

Produktionen wie Rom, offene Stadt oder Paisà werden in dem Buch einer „Schule des Humanismus“ zugerechnet, die sich als moralische Instanz und Mittel einer Neuausrichtung sieht. Die Betrachtung der Wirklichkeit und des Menschen jenseits innerer wie äußerer Grenzen und eines hemmungslosen Konsumismus plädiert für eine Kultur des Herzens. Das audiovisuelle Erbe, hier die Filmkunst des Neorealismus, kann und soll als kollektives Gedächtnis fungieren, als eine Art moralische Lehranstalt oder Kompass.

Papst Franziskus verweist auf ihn prägende Filme wie Federico Fellinis La strada – Das Lied der Straßeoder Gabriel Axels sinnlich-genussvolles Babettes Fest. Auffällig oft zitiert Viganò neben Wim Wenders’ Der Himmel über Berlin dessen Hommage Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes, die einer Reinheit des Blicks, der Kraft und Macht der Erinnerung, einer sozioökonomischen Gewissenserforschung das Wort rede. Hier schlagen die Produktionsaktivitäten des päpstlichen Medienchefs allzu deutlich durch.

Lo sguardo: Porta del cuore. Il neorealismo tra memoria e attualità (© Effatà Editrice)
Lo sguardo: Porta del cuore. Il neorealismo tra memoria e attualità (© Effatà Editrice)


„Erinnerungen im Film - Ein Versuch“

Thomas Koebner, emeritierter Professor der Mainzer Filmwissenschaft, liebt Diskussionen über die filmische Rezeptionsgeschichte. Parameter wie Erinnerungen, Reflexionen, (Ge-)Schichten, Tiefenstrukturen, Verlust und Verschwinden der Dinge oder Inseln im Meer der Intersubjektivität stehen dabei im Wettstreit von gesellschaftlicher Anpassung und Konformität versus Rebellion und Veränderung.

In seinem neuen Buch „Erinnerungen im Film. Ein Versuch“ findet der Autor nach einem literarisch aufgeladenen Vorwort mit der Frage „Was ist wirklich geschehen?“ in Rashomon – Das Lustwäldchen einen unverzichtbaren Kandidaten. Auch die beiden Resnais-Klassiker Hiroshima, mon amour und „Letztes Jahr in Marienbad erfüllen die gewählten Kriterien. Demütigende Rückblicke in die Vergangenheit wie in „Wilde Erdbeeren von Ingmar Bergman oder Erinnerungen Holocaust-Überlebender an das „Lager“ werden mit Beispielen zur Liebe von Gestern, Familien-Alben, Gedächtnisverlust, gefälschten Erinnerungen, traumatischen Erfahrungen oder zur unvermeidlichen Suche nach der verlorenen Zeit präsentiert. Das Endgültige im Vergessen und Vergessenwerden, der Prozess der Vergänglichkeit wird in der Melancholie und im Weltschmerz von Jenseits von Afrika nachvollziehbar.

Koebner stellt 42 Filme unter verschiedenen Themen vor. Der Umfang pro Titel beträgt zwischen einer und sechs Druckseiten, teilweise mit ikonischem Bild. Diese beträchtliche Differenz ist wohl mit Vorlieben des Autors oder der Komplexität von Erzähldramaturgie und Aussagekraft erklärbar. Die Mehrzahl der ausgewählten Filme stammt aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Rebeccavon 1940 ist der „älteste“ Film, ein Stummfilm ist nicht mit dabei. Schade ist, dass John Fords legendärer Spätwestern Der Mann, der Liberty Valance erschoß fehlt. Die meist längeren Inhaltsangaben unterstützen Interpretationen und Verweise auf andere Klassiker. Auf diese Weise laden die empathischen, gut lesbaren Texte zur Wiederbegegnung mit den Filmen ein.

Erinnerungen im Film. Ein Versuch (© Schüren Verlag)
Erinnerungen im Film. Ein Versuch (© Schüren Verlag)


Länderporträt: Schweiz

Kompakte Darstellungen zur nationalen Filmproduktion wurden lange Zeit vernachlässigt. Umso verdienstvoller ist es, dass neben den Länder-Überblicken der edition text + kritik der Schüren Verlag dem Schweizer Filmschaffen ein jährliches Forum bietet. Das aktuelle Schweizer Filmjahrbuch „Cinema #67“ wählt als Schwerpunkt „Trennlinien“ der eidgenössischen Film- und Medienlandschaft, verbunden mit der (modischen) Frage nach sozialer wie kultureller Ausgrenzung und gesellschaftlicher Diversität.

Zahlreiche Beiträge verweisen direkt oder indirekt auf die große, einflussreiche Tradition des Schweizer Dokumentarfilms, der ästhetische und neue ethische Ansätze anbietet. Das alte/neue Thema der Schweiz als Einwanderungsland, die Aufmerksamkeit für kulturelle Minderheiten (die Jenischen), die Frage von Inklusion und Exklusion behinderter Menschen sowie die Situation der Schweizer Film- und Kinobranche während der Corona-Pandemie zählen zu den Inhalten.

Es ist spannend, wie sich Mischformen von Dokumentation und Fiktion, Grenzverschiebungen in der Ausgestaltung filmischer Handschriften, in der Erweiterung eigener wie fremder Betrachtungskonzeptionen, spiegeln. Ein farbenfroher, psychedelisch anmutender Bildessay aus zwei Kurzfilmen der Videokünstlerin Olga Titus wirkt sehr auflockernd.

Der Band gibt auch Auskunft über das Selbstverständnis und die Neuorientierung der Festivals in Solothurn und Locarno. Eine „Sélection Cinema“ lässt das Filmschaffen 2020/21 Revue passieren. Zahlen zu dem während dieser Zeit eingeschränkten Kinobesuch oder einen Beitrag zur Arbeit der „Cinémathèque suisse“ in Lausanne vermisst man allerdings.

Cinema. Trennlinien. Das Schweizer Filmjahrbuch #67 (© Schüren Verlag)
Cinema. Trennlinien. Das Schweizer Filmjahrbuch #67 (© Schüren Verlag)


Literaturhinweise:

Margarethe von Trotta: Gegenwärtig sein. Gespräche mit Thilo Wydra. Kampa Verlag. Zürich 2022. 354 S., 24 Euro.

Lo sguardo: Porta delcuore. Il neorealismo tra memoria e attualità. Von Dario Edoardo Viganò. Effatà Editrice. Cantalupa/Turin 2021. 104 S., 14 Euro.

Erinnerungen im Film. Ein Versuch. Von Thomas Koebner. Schüren Verlag. Marburg 2022. 192 S., 20 Euro.

Cinema. Trennlinien. Das Schweizer Filmjahrbuch #67. Schüren Verlag. Marburg 2022. 239 S., 25 Euro.

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