© imago/APress (Carlo Chatrian vor dem "Berlinale"-Palast)

Berlinale 2022 - Am Ende bleiben die Filme

Freitag, 11.02.2022

Kämpferischer Auftakt bei der 72. „Berlinale“: Claudia Roth und Franziska Giffey stimmen auf ein Festival trotz Corona ein. Und François Ozon beschwört in „Peter von Kant“ die Kraft des Kinos, das auch in unsicheren Zeit Halt gibt und Trost spendet

Diskussion

„Filme können uns dabei helfen, die Einsamkeit zu überwinden“, erinnerte Carlo Chatrian anlässlich der Eröffnung der 72. „Berlinale“ an die grundlegende soziale Dimension von Kino und Kultur und stimmte damit indirekt schon auf den Eröffnungsfilm „Peter von Kant“ ein, eine Rainer-Werner-Fassbinder-Hommage von François Ozon. In der kämpft der deutsche Filmemacher mit sich und seinen Dämonen – und findet Trost und Halt in den eigenen Bildern.



Der Palast ist wieder offen. Nach fast zwei Jahre sind die Filmfestspiele wieder an ihren angestammten Veranstaltungsort am Potsdamer Platz zurückgekehrt, nachdem 2020 das Ende der 70. „Berlinale“ praktisch mit dem Anschwellen der ersten Coronawelle in Deutschland zusammenfiel. Zur Eröffnung der diesjährigen Filmfestspiele (10.-20.2.) lag auch der rote Teppich vor dem „Berlinale“-Palast wieder aus, auch wenn es nicht das strahlende Schaulaufen der Stars wie zu den glanzvollsten Zeiten war. Wie hätte dies auch sein können, angesichts des nur halb mit Zuschauern belegbaren Palastes und der damit einhergehenden Reduzierung der Gäste?

Schon jetzt steht fest: Vom Flair einer „Berlinale“ unter corona-freien Umständen ist diese Ausgabe weit entfernt – ebenso aber auch vom Vorwurf eines angeblich leichtsinnigen Unterfangens, als das die Filmfestspiele im Vorfeld in der Kritik standen. Bereits nach einem Tag lässt sich sagen, dass Vorsichtsmaßnahmen, Hygienekonzept und die Durchführung der Vorstellungen so durchdacht und organisiert erscheinen, dass die erhoffte Konzentration auf die Filme keine Utopie bleiben sollte.


Emphatische Bekenntnis zum Kino

Von diesem Wunsch war auch die Eröffnungszeremonie geprägt. Während die Gala in früheren Jahren mitunter etwas bemüht Euphorisches an sich hatte, nahm sie sich 2022 nun überzeugend entschlossen und kämpferisch aus. Von Kulturstaatsministerin Claudia Roth und der Regierender Bürgermeisterin von Berlin, Franziska Giffey, über die Internationale Jury unter Vorsitz des US-Regisseur M. Night Shyamalan bis zu Schauspielerinnen wie Meret Becker, Marie Bäumer und Sibel Kekilli reichten die emphatischen Bekenntnisse zum Kino als einem wichtigen Erlebnisort von Kultur – und zum „Big Player“ bei der Rückkehr ins normalere Leben nach der Pandemie. „Filme können uns dabei helfen, die Einsamkeit zu überwinden“, erinnerte Carlo Chatrian an den sozialen Aspekt des Kinoerlebnisses, den er und Mariette Rissenbeek in den vergangenen Wochen immer wieder als wichtigstes Argument für eine „Berlinale“ in Präsenz benannt hatten.

Einen Beleg für Chatrians Aussage bot auch gleich der Eröffnungsfilm der 72. Filmfestspiele. François Ozons Variation von Rainer Werner Fassbinders „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ als „Peter von Kant“ – genau 50 Jahre, nachdem das Original im „Berlinale“-Wettbewerb lief – fügt sich sehr schlüssig an die Kino-Treueschwüre der Eröffnung an, da er um die Person eines labilen Filmemachers kreist, den seine Kunst vor dem Sturz in den Abgrund bewahrt.

Vor der Kamera, hinter der Kamera: "Peter von Kant" (C. Bethuel/FOZ)
Vor der Kamera, hinter der Kamera: "Peter von Kant" (© C. Bethuel/FOZ)

Ozon verlegt die Handlung des Fassbinder-Originals vom Bremer Luxus-Apartment in eine deutlich beengtere Wohnung über einem Kölner Hinterhof, wo Peter von Kant lebt, schwelgt, säuft, kokst, zum Sound von Schallplatten seinen Schmerbauch hin- und herwiegt, seinen Assistenten Karl demütigt und nebenher diverse Filmprojekte vorantreibt. Auch sein Liebesleben tendiert zur Ekstase, die zeitweise sogar seine Arbeitswut überdeckt - oder auch beflügelt: So nimmt die Beziehung zu dem jungen Schauspieler Amir erst wirklich Fahrt auf, als von Kant ihn in seinen Studioraum drängt und vor die Kamera platziert. Die traurige Geschichte seiner Herkunft, die Amir dann erzählt, ist für den Regisseur bereits die erste Gelegenheit, das Kamerapotenzial eines künftigen Stars seiner Filme zu testen. Zugleich ist es aber für Amir die Chance, sich seine Karrieretraum zu erfüllen und sich vielleicht (auch) deshalb in solcher Intensität zu offenbaren.


Eine gewaltige Palette an Gefühlen

Ozon betont die Unsicherheit seiner Hauptfigur, was die Gefühlsregungen der anderen angeht, mehr, als Fassbinder das bei seiner Modedesignerin Petra von Kant tat. Es ist eine gewaltige Palette an Gefühlen, die Ozon seinem Protagonisten auflädt, und die der französische Darsteller Denis Ménochet als Fassbinder-Doppelgänger beeindruckend umsetzt: besitzergreifend, roh, verzweifelt, hilflos wie ein Kind, das – buchstäblich – von seiner Mutter getröstet werden muss. Und über allem stets der Wille, sich gegen den Kontrollverlust zu behaupten – er habe Amir nicht geliebt, sondern besitzen wollen, wird der Regisseur am Ende zugeben, als der junge, dank ihm zum Star aufgestiegene Liebhaber ihn verlassen hat.

Was uns tröstet: "Peter von Kant" (C. Bethuel/FOZ)
Was uns tröstet: "Peter von Kant" (© C. Bethuel/FOZ)

Mit Peter von Kant, Amir und Karl hat Ozon die Hälfte der Figuren einem Geschlechterwechsel unterzogen, während die Mutter und Tochter der Hauptfigur sowie ihre engste Vertraute weiterhin Frauen sind. Das sorgt für eine gelungene Ausgeglichenheit in einem Film, der Handlung und Dialoge zwar weitgehend beibehält, das Original aber auch um etliche Facetten bereichert. Ozons Kenntnis des gesamten Fassbinder-Kosmos bezieht auch Referenzen auf „Angst essen Seele auf“, „Die Ehe der Maria Braun“ oder „Querelle“ mit ein. Das Spiel mit Farben (vor allem Rot), Kameraeinstellungen und Schlagern als Intermezzi ist ebenfalls Teil der umfassenden Hommage. Die bezieht sich nicht nur auf den von Ozon verehrten deutschen Kollegen, sondern auch auf das ihnen gemeinsame Medium, das es bei der „Berlinale“ 2022 zu feiern gilt.


Was auch in schweren Stunden hilft

Wenn Peter von Kant, ganz auf sich selbst zurückgeworfen, Trost in seinen eigenen Aufnahmen sucht und auch findet, ist das ein schönes Bild für die Hoffnungen, die mit dem Festival 2022 verbunden sind. Denn was auch immer an negativem Ballast die Stimmung niederzudrücken droht – am Ende bleiben die Filme.

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