© Ulrich Seidl Filmproduktion ("Rimini")

Berlinale 2022 - Im Trotzdem-Modus

Sonntag, 13.02.2022

Allen widrigen Umständen zum Trotz entpuppt sich der Wettbewerb der 72. „Berlinale“ nach den ersten Tagen als erfreulich leidenschaftlich und lebendig

Diskussion

Allen widrigen Umständen zum Trotz entpuppt sich der Wettbewerb der 72. „Berlinale“ als erfreulich leidenschaftlich und lebendig. Für besonderen Drive sorgen Filme wie „La ligne“ von Ursula Meier oder „Rimini“ von Ulrich Seidl, die mit familiären Defiziten ringen und nicht vor herausfordernden Gefühlen zurückschrecken.


Die Rahmenbedingungen sind miserabel. Draußen ist es winterlich-trist; der Badeort an der Adria ist um diese Jahreszeit verödet, das Hotel und seine wenigen Gäste haben alle schon bessere Tage gesehen. Für den Künstler gilt das ebenfalls. Doch Richie Bravo lässt sich davon nicht unterkriegen. Wenn er ans Mikrofon tritt, die Speckröllchen hinter einer Bauchbinde verschnürt und in einen glitzerigen Anzug verpackt, um von Amore zu tremolieren, als gäbe es kein Morgen mehr, dann hängen die versammelten Senioren – und speziell die Seniorinnen – förmlich an seinen Lippen; alle Schäbigkeit, die Kälte und das Alter lösen sich für kurze Zeit in einer rosaroten Schlager-Wolke auf.

"Amore" in Glitzerkleid: "Rimini" (Ulrich Seidl Filmproduktion)
"Amore" in Glitzerkleid: "Rimini" (© Ulrich Seidl Filmproduktion)

Dieser Richie Bravo, „Bären“-würdig verkörpert von Michael Thomas, ist der Held von Ulrich Seidls „Rimini“. Der Film balanciert ähnlich wie Seidls „Paradies“-Trilogie zwischen dem für den Regisseur typischen Alltagshorror des Hässlichen und Grotesken und einer diesem Horror hinterrücks abgetrotzten Zartheit im Umgang mit dem beschädigten Figurenkabinett.


Echte Gefühle in falscher Gefühligkeit

Richies Stern als Schlagersänger ist schon so weit gesunken ist, dass er seine spärlichen Einnahmen durch Gigolo-Dienste aufbessern muss und sein Heil in immer mehr Alkohol sucht; zudem wird er von familiären Verstrickungen heimgesucht. Gleich zu Beginn steht eine Reise in Ritchies alte Heimat in Österreich an, weil die Mutter verstorben ist.

Als er dann wieder an die winterlich-triste Küste der Emilia Romagna zurückkehrt, wo statt Badetouristen schutzsuchende Asylanten von jenseits des Mittelmeeres am Strand campieren, bekommt er überraschenden Besuch von seiner 18-jährigen Tochter, die er als Kind bei der Mutter zurückließ. Sie unterläuft kaltschnäuzig jeden Versuch ihres Erzeugers, das Wiedersehen zu einer herzigen Vater-Tochter-Versöhnung zu machen, und fordert stattdessen Unterhaltszahlungen ein, was Ritchies ohnehin prekäre Existenz endgültig ins Schlingern bringt.

Gelegentlich knirscht es im dramaturgischen Gebälk des Films; die Handlung in Österreich, wo Ritchie auf seinen Bruder (Georg Friedrich) und seinen Vater (steinerweichend: Hans-Michael Rehberg, kurz vor seinem Tod) trifft, bleibt in der Luft hängen, weil diese Begegnungen mehr epischen Atem gebraucht hätten. Nichtsdestotrotz ist Ritchie Bravo, dieser abgeschmackt-manipulative, schamlose Kitsch-Verkäufer, der zugleich ein rührend-tragikomischer Don Quijote des Gefühls in einer durch und durch kalten Welt ist, eines der Highlights der bisherigen „Berlinale“-Wettbewerbs.

Und das schon allein deshalb, weil die zähe Unverdrossenheit, mit der der heruntergekommene Schnulzenkönig allen Widrigkeiten zum Trotz seine Shows durchzieht, im Rahmen dieser Omikron-„Berlinale“ einen gewissen Identifikations-Bonus besitzt. Schließlich findet auch die Berlinale im Trotzdem-Modus statt und kämpft damit, trotz angezogener Handbremse dennoch ein Festival-Feeling zu entwickeln.


Ein schmerzhaft-emotionales Tauziehen

Da jenseits der Kinosäle wenig davon spürbar werden kann, liegt umso mehr Gewicht auf der Programmauswahl. Die setzt im Wettbewerb in der ersten Hälfte forciert auf große Gefühle. François Ozons Fassbinder-Hommage „Peter von Kant“ gab als Eröffnungsfilm die Betriebstemperatur vor, und weitere Beiträge hielten das Emotions-Kraftwerk auf gleichem Niveau: da wird geliebt und gestritten, geheult, geschrien und das Inventar zerdeppert, als gelte es, der Social-Distancing-Stimmung vor der Leinwand mit besonderer Sensualität und Hitzigkeit auf der Leinwand zu Leibe zu rücken.

Großartig gelingt das Claire Denis mit dem Liebesdrama „Avec amour et acharnement“, dessen Konstellation ein bisschen an Jean-Luc Godards „Die Verachtung“ erinnert. Die Ehe eines langjährigen Paares (Juliette Binoche, Vincent Lindon), das einander zärtlich zugetan ist, gerät unversehens in eine Schieflage, als ein zweiter Mann ins Spiel kommt. Der Partner der Frau fängt eine Geschäftsbeziehung mit einem Mann an, mit dem die Frau früher liiert war. Bei ihr brechen durch den erneuten Kontakt alte Wunden, Sehnsüchte und Gefühle wieder auf. Ihr Gefährte hat dafür zunächst keinen Blick, weil er mit anderen Problemen befasst ist, und reagiert dann zutiefst verunsichert. Claire Denis inszeniert das mit der ihr eigenen Sensibilität für ein Kommunikation, die sich zwischen den Zeilen, durch Blicke und mit der Sprache der Körper zwischen zwei Menschen passiert. Das gestaltet sich zunehmend als schmerzhaftes emotionales Tauziehen, wobei auch dem Ringen mit sich und seinen widersprüchlich-verwirrenden Gefühlen viel Platz eingeräumt wird.

Zwischen den Zeilen:
Zwischen den Zeilen: "Avec Amour et acharnement" (© Curiosa Films 2022)

Für den Wettbewerb hatte Festivaldirektor Carlo Chatrian Filme angekündigt, in denen „zwischenmenschliche und emotionale Bindungen“ im Fokus stehen. Und das gilt sogar für einen jener typischen politischen „Berlinale“-Stoffe wie „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“ von Andreas Dresen, der um den Fall des Guantanamo-Häftlings Murat Kurnaz und die Gefährdung rechtsstaatlicher Prinzipien kreist. Der Film tut dies von einer hochemotionalisierten Warte aus, nämlich der Perspektive der Mutter des Inhaftierten. Wobei sich Dresen und seine Drehbuchautorin Laila Stieler in Sachen Erzählton an Stephen Frears „Philomena“ angelehnt haben und das Melodram einer zunehmend verzweifelter um ihren Sohn kämpfenden Frau mit „Odd Couple“-Humor auflockern, indem sie der temperamentvollen deutschtürkischen Protagonistin (Meltem Kaptan) einen staubtrockenen deutschen Juristen (Alexander Scheer) an die Seite stellen.


Tour de force auf der Gefühlsklaviatur

Eine hinreißende „tour de force“ auf der Gefühlsklaviatur bewältigt auch „La ligne“ von Ursula Meier. Der Film kreist um eine einst berühmte Pianistin (Valeria Bruni-Tedeschi) und ihre drei Töchter, von denen zwei schon erwachsen sind, während die dritte erst zwölf ist. Schon in der furiosen Eröffnungssequenz fliegen die Fetzen. In verfremdenden Zeitlupenaufnahmen entfaltet sich ein gewalttätiger Streit, bei dem eine der Töchter (Stéphanie Blanchoud) ausrastet und ihre Mutter angreift, die nach einer Ohrfeige mit dem Kopf so unglücklich auf den Konzertflügel knallt, dass sie ins Krankenhaus muss.

Kapriziöse Künstlerin und Mutter: Valeria Bruni-Tedesci in "La ligne (2022 Bandita Films)
Kapriziöse Künstlerin und Mutter: Valeria Bruni Tedesci in "La ligne (© 2022 Bandita Films)

Diesen rätselhaften Exzess versteht man besser, wenn der Film einen tiefer in dieses Familiengefüge lockt und vor allem die Matriarchin näher beleuchtet, deren Egozentrik auch sanftere Seelen zur Weißglut treiben könnte. Der Tochter bringt das ein gerichtliches Kontaktverbot ein, das ihr untersagt, sich der Mutter auf mehr als 100 Meter zu nähern – womit die titelgebende Linie ins Spiel kommt. Denn die Jüngste, die das Wärmezentrum der Geschichte darstellt, markiert diesen Abstand zum Familiendomizil mit einer blauen Linie und kreiert damit eine Art Spielfeld. Die Linie trennt die Schwester, die ihre Impulse nicht gut kontrollieren kann, zwar von Mutter und Haus, funktioniert aber auch als Zone, wo man sich treffen und die Beziehungen neu verhandeln kann.

Ein neben dieser besonderen Raumpoetik anderes wichtiges Stilmittel ist die Musik, die einerseits die Unterschiede zwischen den Figuren herausarbeitet, andererseits aber auch als Bindeglied fungiert. Neben der Pianisten-Mutter mit ihrem klassischen Repertoire drückt sich auch die gewalttätige Tochter als Gitarristin und Singer-Songwriterin mit Musik aus und offenbart darin ihre sonst gut versteckten sensibleren Seiten. Die jüngste Tochter wiederum, die vor den familiären Stürmen Schutz in der Religion sucht, singt in einem Chor und macht das Einüben von Kirchenliedern, für das sie die verstoßene Schwester als Hilfe rekrutiert und regelmäßig an der Linie trifft, zum Band zwischen ihr und der Familie.

Dank intensiver Beiträge wie dem eindrucksvollen Familienporträt „La ligne“ dürfte sich auch die vor Beginn des Festivals so oft formulierte Frage erübrigt haben, ob sich ein „Berlinale“-Besuch in diesem Jahr trotz der Omikron-Welle lohnt. So lähmend das vom Sicherheitskonzept diktierte Drumherum des Festivals auch sein mag: In den Kinos gibt sich die 72. „Berlinale“ erfreulich leidenschaftlich und lebendig.

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