© Cris Lyra (aus "Tres tigres tristes")

Berlinale 2022 - Pandemie-Filme im "Forum"

Mittwoch, 16.02.2022

Wie Filmemacherinnen und Filmemacher auf die Covid-19-Krise reagieren: Ein Überblick über Beiträge im "Internationalen Forum des jungen Films" 2022

Diskussion

Die Berlinale 2022 stellt sich den Zeichen der Zeit und zeigt in ihrem diesjährigen Programm diverse Filme, die sich in unterschiedlichsten Formen und Genres mit der Coronapandemie auseinandersetzen. Für sie wurde keine besondere Sparte reserviert, sie sind quer durch die Sektionen zu finden. Nicht zuletzt das „Internationale Forum des jungen Films“ wartete mit einigen spannenden Pandemie-Filmen auf, die sich in Machart, Ton und Genre sehr voneinander unterscheiden.


Seit zwei langen Jahren hält die Coronapandemie die Welt in Atem und übt mehr Macht über unser Privat- und Arbeitsleben aus, als uns lieb sein kann. Hat man es angesichts der Allgegenwärtigkeit und Virulenz dieser Krise auch noch nötig, sie auf der Leinwand gespiegelt zu sehen? Weicht man stattdessen lieber auf eskapistische Kinoerlebnisse aus – mit James Bond oder behaglichen Komödien? Oder sollte man den Teufel mit dem Beelzebub im Kinosessel austreiben und neugierig darauf sein, wie Filmschaffende die Krise künstlerisch interpretieren?


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Da Bilder, und damit auch Pandemie-Bilder, heute für jedermann produzierbar sind, stammen die nachhaltigen Eindrücke der neuen Corona-Welt bisher nicht zuletzt aus den (sozialen) Medien; das Medium Film hinkte bei der Produktion von eindrücklichen Corona-Visionen bislang weitgehend hinterher – abgesehen von einigen Dokumentarfilmen („76 Days“ oder „Die Welt jenseits der Stille“) und Spielfilmen („8, Rue de l’Humanité“, „Lockdown mit Hindernissen“, „Songbird“) sowie diversen Trash-, Horror- und Low-Budget-Produktionen mit selbstredenden Titeln wie „Corona Zombies“.

Die Pandemie mal persönlich, mal humoristisch, mal verfremdend

Doch nun sind anspruchsvollere Pandemiefilme im Kommen – offenbar mit der Verzögerung, die Produktionsplanungen mit sich bringen. Internationale Filmfestivals holen auf und präsentieren künstlerisch diverse und sehenswerte Filme über die Coronakrise, nicht zuletzt die Berlinale. So krönte das Festival schon im letzten Jahr Radu Judes Gesellschaftssatire „Bad Luck Banging or Loony Porn“, in der pandemiegeplagte, Masken tragende Figuren sich heftige verbale Gefechte lieferten, mit dem „Goldenen Bären“. In Denis Côtés „Sozialhygniene“ gingen die Figuren symbolträchtig auf Abstand zueinander, während im „Forum“ 2021 der mit dem „Caligari“-Preis ausgezeichnete chinesische Filmessay „A River Runs, Turns, Erases, Replaces“ von Shengze Zhu dem Ausbruchsort der Pandemie, Wuhan, ein Denkmal setzte.


Gewann 2021 den "Goldenen Bären": "Bad Luck Banging or Loony Porn"( © Silviu Ghetie & Micro Film)
Gewann 2021 den "Goldenen Bären": "Bad Luck Banging or Loony Porn"( © Silviu Ghetie & Micro Film)

2022 haben nun mehr als eine Handvoll Corona-Filme ihren Weg ins Programm der Berlinale gefunden und reflektieren das weltweite Phänomen mal persönlicher, mal humoristischer, mal beiläufiger, mal verfremdend. Die meisten von ihnen sind in der Sektion Berlinale Forum zu sehen.

Eine Künstler-Familie am Rand des Nervenzusammenbruchs: "La edad media"

Anarchisch und witzig gestaltet sich das argentinische Lockdown-Kammerspiel „La edad media“ von Alejo Moguillansky und Luciana Acuña, im Leben wie auf der Leinwand ein Paar. Eine dreiköpfige Familie – gespielt von den Filmemachern und ihrer Tochter Cleo – darf während der Pandemie ihre Wohnung nicht verlassen und unternimmt allerlei Versuche, um dem heimischen Lagerkoller zu entkommen.

Beide Elternteile arbeiten in der Unterhaltungsbranche und können ihren Beruf nur virtuell ausüben. Acuña, eine Tänzerin und Choreografin, probiert den Fernunterricht mit ihren Schülern, doch das will nicht recht gelingen, während die Tänzerin selbst sich bei Sprüngen und Pirouetten am Mobiliar stößt. Moguillansky, ein Regisseur, arbeitet per Distanz an einer Inszenierung von „Warten auf Godot“ und stagniert, da ein gemeinsamer physischer Raum fehlt. Ganz im Geist des Beckett‘schen Theaterstücks verdrängt er die Notlage und wartet vergeblich – wie Vladimir und Estragon. Die Mutter flüchtet derweil in Hyperaktivität, rennt ähnlich einem Hamster im Rad die Treppen auf und ab und reagiert ihren Frust über das Nichtstun an einem Sandboxsack ab, den sie im Internet erstanden hat.

"La edad media" (© El Pampero Cine)
"La edad media" (© El Pampero Cine)

So findet der Film Bilder für die Klaustrophobie in einer Wohnung, die immerhin zwei Stockwerke hat, und inszeniert eine eigentlich existenzielle Krise mit Pointen und Situationskomik. In einer regelrechten Choreographie des Duckens und Voreinanderflüchtens versteckt sich die Tochter vor ihrer Mutter. Denn sie erweist sich als die Resistenteste und Erfinderischste der Kernfamilie und handelt, während die Erwachsenen mit sich und der Welt hadern. Zum einen darf sie per Distanzunterricht weiter lernen (und lässt bei einer Englischlektion ein paar lustige Spitzen gegen ihre Mutter ab). Zum anderen betätigt sie sich als Unternehmerin. Weil sie sich ein Teleskop kaufen will, fängt sie an, Gegenstände aus der elterlichen Wohnung zu veräußern. Ein Motorradkurier verkauft die Waren in der unerreichbaren Welt da draußen: Schmuck, Dekorationsgegenstände oder Haushaltsgeräte. Am Ende stellt der Film auch Fragen über Besitz, über Essenzielles und Verzichtbares und denkt über die Möglichkeit von Neuanfängen nach.

Vom Verlust des Zeitgefühls in der Quarantäne: "Jet Lag"

Überlagerten sich in „La edad media“ Fiktion und Wirklichkeit, wird die Filmemacherin und Darstellerin Zheng Lu Xinyuan in ihrem persönlichen Doku-Essay „Jet Lag“ von der Pandemie überrascht und macht sie zur Mitprotagonistin. Eigentlich sollte der Film, der in Europa beginnt, eine Reise zu familiären Wurzeln schildern. Die gesamte Familie sucht nach Spuren eines sagenumwobenen Urgroßvaters, der von China nach Myanmar zog und seine Familie nie wiedersah. Zheng Lu sammelt unterschiedlichste Zeugnisse über den fernen Verwandten ein und filmt familiäre Zusammenkünfte in Myanmar. In China wiederum ist die Regisseurin plötzlich mit einer Quarantäne-Situation konfrontiert. Sie muss in einem Hotel ausharren, filmt manchmal durch den Türspion, ihren einzigen Ausblick ins Hotel, wo Personal das Essen für die Gäste deponiert.

Einmal sieht man eine so eindrückliche wie schöne Sequenz durch ein Fenster: Träger von Ganzkörperanzügen, die man meist nur als uniforme Ausführer von Desinfizierungsmaßnahmen und Tests wahrnimmt, schälen sich mit viel Mühe aus ihren futuristisch-animalisch anmutenden Outfits heraus. Auf einmal erscheinen hinter der Hülle Individuen, die sich aus der Enge und Hitze der Anzüge befreien. Man freut sich mit ihnen über das Ende ihres Arbeitseinsatzes. In Innenräumen ist Zheng Lu oft auf sich selbst gestellt und filmt dabei sich oder ihre Freundin.


"Jet Lag" (© Zheng Lu Xinyuan)
"Jet Lag" (© Zheng Lu Xinyuan)

Eine gewisse Form der Autofokussierung und Selbstdarstellung, wie man sie bereits aus den sozialen Medien kennt, wird durch die Pandemie verstärkt. Aber Zheng Lu baut sie auch als (selbst-)reflektierendes Moment in den Film mit ein. Die Zeitebenen verschwimmen in „Jet Lag“ genauso wie die Schauplätze und offenbaren einen Verlust an Zeitgefühl und eine Orientierungslosigkeit, die sich auch auf den Zuschauer überträgt. Das Handy schafft Abhilfe und wird zum wichtigsten Werkzeug der Ablenkung, der Kommunikation nach draußen, aber auch zum Arbeitsinstrument.

Wider das Kinosterben: „Scala“

Den Trend zu mehr Corona-Filmen hatte die Leiterin des Berlinale Forum, Cristina Nord, bereits im ersten Jahr der Pandemie bemerkt: „Schon im Herbst 2020, als wir die Filme für das 51. Berlinale Forum auswählten, nutzten Filmemacher*innen die im Lockdown zu Hause verbrachte Zeit, um Tagebuchfilme zu drehen. Meistens verdoppelten solche Filme die Tristesse, die Corona mit sich bringt, sodass sie es nicht ins Programm schafften. Im Herbst 2021 gab es dann mehr Einreichungen, die künstlerisch so ernst zu nehmen waren wie Shengze Zhus Film [„A River Runs, Turns, Erases, Replaces“, der bereits 2021 im Forum lief].“

Der thailändische Dokumentarfilm „Scala“ wiederum ist für Liebhaber der siebten Kunst bedeutsam, verhandelt er doch das, was die Berlinale-Macher durch die Präsenzveranstaltung in diesem Jahr mitbekämpfen wollen: das Kinosterben. Die Filmemacherin Ananta Thitanat und von ihr Befragte reflektieren über das Bangkoker Kino Scala als Erlebnis- und Kommunikationsort. Das beeindruckend große Lichtspieltheater hat Biografien geprägt: Es sorgte für schöne Erinnerungen aus der Jugend, fungierte aber auch als Arbeitgeber. Nun wird das seit 1969 bestehende Traditionskino abgerissen – schmerzlich für alle Beteiligten und die zuschauenden Cineasten.

"Scala" (© Bandai Dam Studio)
"Scala" (© Bandai Dam Studio)

„Scala“ zeigt die nicht ganz ungefährlichen Abrissarbeiten. Im riesigen Kinoraum werden Vorhänge und Dekorationen entfernt, die Bestuhlung abgeschraubt, während in der Lobby Kronleuchter und andere riesige Leuchten und Lampen abgebaut werden. Dies geschieht in Zeiten der Pandemie; die Arbeiter tragen – mal lässiger, mal gewissenhafter – ihre Masken. Corona wird zwar nicht explizit erwähnt, aber durch seine Erzählung entwickelt sich der Film unspektakulär zum Zeitdokument und schildert, wie in einer Krisenzeit ein kulturelles Vakuum entsteht.

Institutionen-Porträt in Zeiten der Pandemie: „Für die Vielen – Die Arbeiterkammer Wien“

Auch für den Regisseur Constantin Wulff veränderten sich die Gegebenheiten radikal, als mitten im Dreh für seinen Dokumentarfilm „Für die Vielen – Die Arbeiterkammer Wien“ die Pandemie über die österreichische Hauptstadt hereinbrach. Anlass des Films war der hundertste Geburtstag dieser einzigartigen Institution. 1920 gegründet, fungiert sie als gesetzliche Vertretung für alle Arbeitnehmer in Österreich. Hat man Probleme mit Arbeitsverträgen, Arbeitsbedingungen oder wird von Arbeitgebern um den Lohn geprellt, findet man Trost, Beratung und Rechtsbeistand bei den Mitarbeitern der AK. 700 Menschen arbeiten bei der AK Wien, täglich werden Dutzende von Beratungen durchführt.

"Für die Vielen - Die Arbeiterkammer Wien" (© Navigator Film)
"Für die Vielen - Die Arbeiterkammer Wien" (© Navigator Film)

Im Film, der im Stil des Direct Cinema gehalten ist, sieht man ratlose oder verzweifelte Arbeitnehmer freundlich aufgenommen werden und von mehrsprachigen Mitarbeitern Hilfe erhalten. Derweil klotzt man auch in den Führungsetagen und der PR-Abteilung: Anlässlich des hundertjährigen Bestehens der AK sichtet man einen Werbespot und bereitet die Diskussion mit dem französischen Starökonomen Thomas Picketty vor. Doch dann kommt Corona. Plötzlich werden Ratsuchende auf Abstand gehalten, einige tragen Latexhandschuhe.

Schließlich wird das Gebäude ganz geschlossen und von der Anlaufstelle zum Geisterhaus. Leere Gänge, Beratungszimmer und Empfangstresen bestimmen nun das Bild. Auch Wulffs Dreh muss Mitte März unterbrochen werden. Nach einigen Monaten geht das Filmen weiter. Die Mitarbeiter der AK werden mal mit, mal ohne Maske gefilmt, und auch die Filmcrew wird sich mit entsprechenden Sicherheitsvorkehrungen auf die neuen Zeiten eingestellt haben. Die Institution, die anderen hilft, muss sich nun selbst helfen. Außerdem hat sich für die Kunden der AK die teilweise ohnehin schon dramatische soziale Lage durch Corona zusätzlich verschärft, und so hinkt die AK Wien ihren eigenen Ansprüchen als Anlaufstelle für Hilfesuchende notgedrungen hinterher.

Es ist eher unwahrscheinlich, dass die Pandemie auch für Jerónimo Rodríguez’ Hybridfilm „El Veterano“ Pate gestanden hat. Doch bei coronageplagten Zuschauern drängt sich dieser Verdacht auf – durch Einstellungen von Gebäuden, Straßen, Werbetafeln und Graffiti, in denen man nie Menschen sieht. Von Kommunikation wird nur im Voiceover erzählt. Der Film handelt von zwei Filmemachern – sind sie real oder ausgedacht? –, die einen Film über einen US-Piloten drehen wollten, der nach dem Zweiten Weltkrieg als Missionar in Chile lebte. Obwohl die Pandemie mit keinem Wort erwähnt wird, hat sich unser Blick verändert, entsteht eine Art Paranoia oder nimmt man zumindest unbewusst Indizien wahr, die zur Überinterpretation einladen.

Geschmeidiges Reagieren auf aktuelle Entwicklungen

Dass im Forum mehr Pandemiefilme laufen als in anderen Berlinale-Sektionen, erklärt sich Cristina Nord folgendermaßen: „Wir zeigen meist Filme, die zu produzieren vergleichsweise wenig Geld kostet, die ohne Stars auskommen und die sich einer radikalen, persönlichen Perspektive verschreiben. Das bedeutet, dass die Filmemacher*innen, die uns interessieren, meist geschmeidiger und schneller auf aktuelle Entwicklungen reagieren können als eine aufwändige, millionenschwere Produktion. Außerdem liegt uns ganz grundsätzlich daran, Filme einzuladen, die sich mit Gegenwart auseinandersetzen und dabei künstlerisch interessante Strategien entwickeln.“

Das gilt auch für Gustavo Vinagres brasilianischen Spielfilm „Três tigres tristes“, der in einer eher fröhlichen dystopischen Gegenwart spielt. In der Millionenmetropole São Paulo bilden Isabella und Pedro eine queere WG. Sie studiert, er verdient sein Geld als – meist virtueller – Sexarbeiter. Als Pedros gleichaltriger Neffe Jonata die beiden besucht, streifen sie gemeinsam durch die Stadt. Es grassiert eine Pandemie, die bei Menschen Amnesie auslöst, auch wenn man keine Symptome (die nicht näher definiert werden) aufweist. In der Filmpandemie gibt es sogenannte Phasen, die an die Wellen der Coronapandemie erinnern. Nach der roten Phase warten die Figuren auf die angeblich bessere goldene. Sie tragen häufig Maske – auch auf der Straße. Man ist auf seine Sicherheit bedacht, hält Abstand, und als Jonata mit einem Unbekannten auf der Straße flirtet, kann er ihn nicht küssen.

Dennoch hat die Pandemie hier nichts Schreckliches. Man scheint sich mit ihr arrangiert zu haben. Symbolisch steht sie für den gesellschaftlichen Gedächtnisverlust von Geschichte oder von anderen Pandemien wie Aids, das bis heute in Brasilien viele betrifft, nicht nur die im Film dargestellte queere Community. Zuweilen hat die Amnesie auch ihr Gutes, weil man durch sie Verlust und andere schmerzliche Gefühle ausblenden kann. Komik entsteht, wenn die drei Helden sich Leuten, mit denen sie vor kurzem noch gesprochen haben, wieder neu vorstellen und erklären müssen. So verfremdet „Três tigres tristes“ die Coronapandemie, spielt dabei aber mit der Realität des Publikums, mahnt Missstände im eigenen Land an und besitzt trotzdem einen sehr universellen Touch.

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