© Berlinale 2022/Hucheng No.7 Films Ltd (aus „Return to Dust“)

Berlinale 2022 - Blick für das Neue

Donnerstag, 17.02.2022

Ein Resümee über den Wettbewerb und die Preise bei der 72. „Berlinale“

Diskussion

Mit der Verleihung des „Goldenen Bären“ an das spanische Drama „Alcarràs“ ehrte die internationale Jury um M. Night Shyamalan einen herausragenden Film in einem insgesamt starken Wettbewerb. Auch wenn die aktuelle „Berlinale“ weiter mit den Pandemie-Bedingungen zu kämpfen hatte, leistete das Duo Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian mit einer Vielzahl preiswürdiger Filme viel Überzeugungsarbeit für seinen Zugriff auf das Festival.


Wenn der alte Mann einen Halt braucht, wandert er gern zu dem Feigenbaum auf dem Grund und Boden der Solés hinaus. Die ganze katalanische Familie der Pfirsichbauern kennt die Geschichte, die der Großvater noch immer oft hervorkramt: Wie mit diesem Feigenbaum als Geschenk der Gutsbesitzerfamilie Pinyol die Solés an das Land kamen, das sie Jahrzehnte später noch immer bewirtschaften. Einen Vertrag hat der Großvater nie unterzeichnet, weil er sich auf das Abkommen mit den Pinyols verlassen hat.

Das aber erweist sich nun als fatales Versäumnis. Das aktuelle Familienoberhaupt der Pinyols hat eigene Pläne mit dem Land, wo statt der Pfirsichplantage im großen Stil Solarplatten aufgestellt werden sollen. Für die Solés bedeutet das ein Ende ihres gewohnten Lebens zum Ende des Sommers, was innerhalb der großen Familie für Unruhe, Verzweiflung und Streit sorgt. Der Großvater wird dabei zu einer rührend hilflosen Figur, wenn er sich weiter an seine Geschichte klammert, damit bei der jüngeren Generation aber nur zorniges Schulterzucken hervorruft und auch bei den Pinyols abblitzt: Mit seinem Korb voller Feigen als Vermittlungsangebot kommt er nicht weiter als bis zur Haustür.


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Die 1986 geborene spanische Filmemacherin Carla Simón zeichnet in ihrem zweiten, mit Laien besetzten Spielfilm „Alcarràs“ nach, wie die Notlage alle drei Generationen der Großfamilie erfasst. Faszinierend ist, mit welcher Leichtigkeit die Regisseurin zwischen den Perspektiven zu wechseln versteht: Der Vater Quimet reagiert mit trotziger Wut und treibt die Ernte voran, obwohl die Bauern für ihre Arbeit auf dem Markt nur ein bedrückend niedriger Lohn erwartet; als seine Schwester und ihr Mann die Solar-Idee ernsthaft ins Auge fassen, kommt es zum offenen Zerwürfnis.

"Alcarràs" (© Berlinale 2022/LluisTudela)
"Alcarràs" (© Berlinale 2022/Lluis Tudela)

Quimets Kinder wiederum trifft der Konflikt je nach Alter unterschiedlich. Der fast erwachsene Sohn Roger bewährt sich in der Plantage, sieht sich von seinem Vater aber nicht gewürdigt; seine jüngere Schwester Mariona verliert angesichts der permanenten Anspannung ihre jugendliche Frohgestimmtheit; die nochmal jüngere Iris erlebt, wie ihr gewohntes Spielterrain nach und nach verschwindet und ihr durch den Familienzwist der Kontakt mit ihren Cousins entzogen wird.

Nach ihrem Spielfilmdebüt „Fridas Sommer“ (2017) bewährt sich Simóns Genauigkeit des Blicks und ihre humorvolle Pointierung auch bei dem einfühlsamen und liebevoll inszenierten „Alcarràs“, womit sie auch die Herzen der Jury eroberte. Bei der Preisverleihung im "Berlinale"-Palast erhielt die Regisseurin den „Goldenen Bären“, womit die Juroren um M. Night Shyamalan auch einem der markanten Trends des diesjährigen Wettbewerbs ihre Achtung zollten: Neben „Alcarràs“ hatten sich auch zwei weitere herausragende Beiträge mit detailgenauen Studien des harten bäuerlichen Landlebens auseinandergesetzt und dessen Auswirkungen auf menschliche Beziehungen beleuchtet.

In dem chinesischen Film „Yin Ru Chen Yan“ (Return to Dust) von Li Ruijun entfaltete sich ein gefühlvolles Verhältnis zwischen zwei von ihren Familien abgeschobenen, der Willkür der Reicheren und Mächtigeren ausgelieferten Außenseitern in der ländlichen Provinz, während der Schweizer Michael Koch in „Drii Winter“ in formaler Strenge und Wortkargheit vom Scheitern des Glücks zwischen einer Alleinerziehenden und einem wortkargen Landarbeiter in einem Alpendorf erzählte. Beides wären ebenfalls würdige „Bären“-Kandidaten gewesen; "Drii Winter" war der Jury dann auch eine „Lobende Erwähnung“ wert.

"Drii Winter" (© Berlinale 2022/hugofilm, Armin Dierolf)
"Drii Winter" (© Berlinale 2022/hugofilm/Armin Dierolf)

Diese außerplanmäßige Würdigung von "Drii Winter" lässt sich nicht nur als Anerkennung der hohen Qualität der „Landfilme“ im Wettbewerb verstehen; unschwer ist sie auch als Versuch zu deuten, in einer starken Konkurrenz der wichtigsten „Berlinale“-Sektion möglichst viele Filmemacher zu ehren. So ging auch der Preis für eine „Herausragende künstlerische Leistung“ 2022 nicht an den Ausübenden eines Filmgewerkes, sondern mit dem Kambodschaner Rithy Panh an einen Regisseur. Dieser hatte in „Everything will be OK“ ein dystopisches Szenario entworfen, bei dem er das Erzählkonzept mit Tonfiguren aus „Das fehlende Bild“ (2013) mit der kritisch betrachteten Kriegs- und Propaganda-Bilderflut aus „Irradiated“ (2020) zusammenbrachte, um einen Aufstand der Tierwelt gegen die Menschheit durchzudenken – Zitate aus der Filmgeschichte und einschlägigen Parabeln à la „Die Farm der Tiere“, „Planet der Affen“ und „Die Nashörner“ inklusive.

Mit diesem bestechenden, wenn auch ideenüberladenen Beitrag stand Rithy Panh für die Garde der arrivierten Filmkünstler im Wettbewerb, die sich bei der Preisverleihung mit jüngeren Filmschaffenden die Preise teilten. In gewohnt subtiler und ausgefeilter Form präsentierte sich auch der Südkoreaner Hong Sang-soo, der zum dritten Mal in Folge bei der „Berlinale“ geehrt wurde: Nach dem Regiepreis 2020 und der Drehbuchauszeichnung 2021 gewann er mit seiner jüngsten Arbeit „So-seol-ga-uiyeong-hwa“ („The Novelist’s Film“) nun den Großen Preis der Jury. Neben der sorgfältigen Dialogführung und der sicheren Anleitung vieler seiner Stammdarsteller sticht auch die ungewöhnlich optimistische Stimmung hervor, die den Film im Oeuvre des südkoreanischen Melancholikers auszeichnet.

Vorderhand ist „The Novelist’s Film“ die Geschichte von Künstlern, die in ihrem ureigenen Metier gescheitert sind oder es nur unter großen Kompromissen noch ausüben können, angefangen bei der titelgebenden Schriftstellerin Junhee, die keinen Spaß mehr am Schreiben verspürt, über den Regisseur Park, der sich in einer Form der Bequemlichkeit eingerichtet hat, bis zur Schauspielerin Kilsoo, deren Karriere weitgehend brachliegt.

"The Novelist's Film" (© Berlinale 2022/Jeonwonsa Film Co. Production)
"The Novelist's Film" (© Berlinale 2022/Jeonwonsa Film)

In den für Hong kennzeichnenden ausführlichen Gesprächen bei Alkohol und Nudelsuppe kristallisiert sich allerdings nicht Weltschmerz heraus, sondern der Wille, sich weiterzuentwickeln und darin auch Chancen zu sehen, wie mit dem Experimentalfilm, über den die Autorin ein neues Kapitel in ihrem Leben in Angriff nimmt und der Darstellerin dabei eine für diese ungewohnt unverstellte Rolle anvertraut.

Innerhalb des Wettbewerbs, wo Hongs Film als letzter Premiere feierte, ließ sich so auch ein interessanter Bogen zur Eröffnung mit François Ozons Fassbinder-Hommage „Peter von Kant“ herstellen, beides komplexe Auseinandersetzungen mit dem Künstlerwesen, die filmisch verhandeln, was die „Berlinale“ unter dem Schatten der Corona-Pandemie generell auszustrahlen bemüht ist: die belebende Kraft künstlerischer Arbeit und der Kultur in Zeiten menschlicher Krisen.


Überwältigend herzlich

„The Novelist’s Film“ war dabei auch einer von nur zwei Wettbewerbsfilmen, in denen die Gegenwart der letzten zwei Jahre zumindest präsent war, wenn auch vor allem, um demonstrativ von Einschränkungen unbeeindruckte Erzählungen zu entwickeln. Auch die Französin Claire Denis wurde für ihr Beziehungsdrama „Avec amouret acharnement“ von der Jury ausgezeichnet, in dem die angespannte gesellschaftliche Situation nur umso heftigere emotionale Reaktionen bei den Hauptfiguren hervorruft.

Die entfalteten sich auch jenseits von Corona-Szenarien, insbesondere in der überwältigenden Herzlichkeit im Zentrum von Andreas Dresens „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“, der neben dem Preis für Drehbuchautorin Laila Stieler auch für die beste Leistung in einer Hauptrolle ausgezeichnet wurde. In der Geschichte um die Inhaftierung des Deutschtürken Murat Kurnaz als vermeintlicher islamistischer Terrorist im US-Gefangenenlager Guantanamo und den Kampf seiner Mutter um seine Freilassung erwies sich die Besetzung mit der Stand-up-Komikerin Meltem Kaptan als entwaffnender Casting-Coup, an dem auch die Jury nicht vorbeikam. Ähnlich dominiert hatte einen Wettbewerbsfilm lediglich Michael Thomas als abgehalfterter Schlagersänger in „Rimini“ von Ulrich Seidl, einem der preiswürdigen Werke, die bei der Preisverleihung nicht zum Zuge kamen.


"Rimini" (© Ulrich Seidl Filmproduktion)
"Rimini" (© Ulrich Seidl Filmproduktion)

Dabei hätte sich Seidls virtuoses Spiel mit abstoßenden und anziehenden Effekten eher für die drittwichtigste Wettbewerbsehrung, den „Preis der Jury“, angeboten als die übermäßig verrätselte Studie der mexikanischen Gewalt-, Drogen- und Entführungsallgegenwart in „Robe of Gems“ von Natalia López Gallardo. Schade ist auch, dass die feinsinnige Stimmungsmalerei des Franzosen Mikhaël Hers in „Les passagers de la nuit“ ohne Ehrung blieb, der mit seiner schwebenden Erzählweise und prägnanten Charakterzeichnung einen Höhepunkt beisteuerte. Eindrucksvoll präsentierte sich auch „Un año, una noche“ von Isaki Lacuesta, der von Überlebenden des Bataclan-Anschlags 2015 erzählt, die zwischen Verdrängung und Verarbeitungsversuchen des Traumas schwanken. Immerhin konnte das packende Drama den Preis der Ökumenischen Jury gewinnen. Der Filmkritiker-Verband FIPRESCI zeichnete Leonora addio von Paolo Taviani aus, mit dem der 90-jährige Italiener in formaler Abgeklärtheit eine zärtliche, seinem 2018 verstorbenen Bruder Vittorio gewidmete Coda zur lebenslangen Beschäftigung mit dem Werk des Schriftstellers Luigi Pirandello beisteuerte.

"L© Berlinale 2022/Nord-Ouest Films/Arte France Cinema)es passagères de la nuit" (
"Les passageres de la nuit" (© Berlinale 2022/Nord-Ouest Films/Arte France Cinema)

Überzeugungsarbeit für die Neuausrichtung des Festivals

Auch wenn die „Berlinale“-Jahrgänge 2021 und 2022 immer mit Blick auf die besondere Corona-Situation betrachtet werden müssen, leistete das Duo Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian mit der Vielzahl preiswürdiger Filme weitere Überzeugungsarbeit für seinen Zugriff auf das Festival. Auch die dritte Wettbewerbskonkurrenz erwies sich als qualitativ stabil, wobei neben den etablierten Filmemachern insbesondere die frischen filmischen Stimmen von Carla Simón, Michael Koch, Mikhaël Hers, Li Ruijun oder auch der Indonesierin Kamila Andini (deren stilvolles Melodram „Nana“ den Preis für die beste Nebenrolle durch Laura Basuki gewann) in Erinnerung bleiben werden.

Beeindruckend am Jahrgang 2022 – jenseits der Tatsache, dass die „Berlinale“ überhaupt stattfinden konnte – war insbesondere die Offenheit, mit der sich das Festival dem Publikum vorstellte, als Angebot hochwertiger Filmwerke, die einen wesentlichen Faktor bei jeder Diskussion über einen kulturellen Neustart nach der Corona-Pandemie mit sich trugen. So wie es in „The Novelist’s Film“ den suchenden Künstlerfiguren gelingt, sich neu zu erfinden, offenbarte sich auch die 72. „Berlinale“ als Veranstaltung mit dem festen Willen, sich stets den Blick für das Neue zu bewahren.

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