© imago images/snapshot (Carla Simón bei der Pressekonferenz in Berlin)

Chronik eines Verschwindens - Carla Simón

Freitag, 12.08.2022

Ein Gespräch mit der Gewinnerin des „Goldenen Bären“, der spanischen Regisseurin Carla Simón

Diskussion

Schon ihr Filmdebüt „Fridas Sommer“ heimste viele Preise ein, auch den Nachwuchspreis der „Berlinale“. 2022 hat die 35-jährige spanische Regisseurin Carla Simón mit „Alcarràs“ den „Goldenen Bären“ gewonnen; seit 11.8. läuft der Film nun in den deutschen Kinos. Den Preis widmete sie „all den Menschen und den Familien, die auf dem Land hart arbeiten, damit wir Lebensmittel bekommen. Mit diesem Film möchte ich meinen Respekt für ihre Arbeit ausdrücken, für das Land und diejenigen, die es bewirtschaften.“


Was war der Ursprung des Films „Alcarràs“?

Carla Simón: Die Familie meiner Mutter betreibt seit jeher Obstanbau, also Pfirsiche und Bergpfirsiche in Alcarrás, einer kleinen Stadt in Katalonien mit etwa 9000 Einwohnern. Der eigentliche Auslöser dieser Geschichte hier war der Tod meines Großvaters. Meine Onkel und Tanten erbten dann das Land, und mir wurde klar, dass eine ganze Kultur- und Lebensform zu Ende ging. Für mich waren die Kultivierung der Obstbäume, die Ernte und der Verkauf etwas, das bis in alle Ewigkeit so hätte weitergehen müssen, schließlich leben die Menschen seit Jahrhunderten davon. Aber plötzlich war alles unsicher. Die Preise, die sie für ihr Obst erhielten, waren sehr niedrig. Ich verstand, dass es mit der familiär betriebenen Landwirtschaft, vermutlich einer der ältesten Berufe der Menschheit, zu Ende ging. Das Land wurde zum Teil von großen Firmen übernommen, die nur noch Erntehelfer brauchten. Das ist aber etwas völlig anderes als eine Landwirtschaft im Familienbetrieb; im alten Kontext musste man viel sorgsamer mit der Erde umgehen, weil davon Großeltern, Eltern und Enkel leben mussten. Ich wollte diese Welt, die davon lebt, Obst anzubauen, zeigen, bevor sie ganz verschwindet.


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Neben der schwierigen Situation der familiären Obstbetriebe hat es die Familie Solé im Film aber ganz besonders schwer getroffen.

Simón: Ja, denn ihr Land gehört ihnen nicht. Sie haben es nie gekauft oder als Eigentum ins Grundbuch eintragen lassen. Vor mehr als 80 Jahren hatten sie den Großgrundbesitzer während des Spanischen Bürgerkrieges im Keller versteckt und zum Dank dafür das Land geschenkt bekommen; das wurde damals noch per Handschlag abgemacht. Aber jetzt, Jahrzehnte später, wollen die Nachkommen des Großgrundbesitzers Solaranlagen auf die Felder setzten. Da die Familie ihre Eigentumsansprüche nicht beweisen kann, ist es ihre letzte Ernte.

Es ein Konflikt, bei dem es schwerfällt, Partei zu ergreifen.

Simón: Es ging mir in erster Linie darum, auch die Widersprüche in diesem Strukturwandel zu zeigen. Hier kämpft nicht das Gute gegen das Böse, sondern es ist ein Widerstand, ein Widerstreben gegen die Veränderung und gegen den Wandel. Diese Solaranlagen, die dort gebaut werden sollen, sind nicht schlecht; wir brauchen die erneuerbaren Energien für unser Weiterleben. Der Unternehmer hat auch recht, wenn er sagt: was geht mich dieser alte Pakt aus Bürgerkriegstagen noch an? Auf der anderen Seite will die Familie einfach so weiterleben wie bisher. Es ist mehr ein Dilemma als ein Konflikt. Ich wollte ebenfalls keine Partei ergreifen; die Familie ist auch gespalten, was ihre Haltung gegenüber der Solarenergie betrifft.


Die Familie Solé im Pfirsichhain: "Alcarràs" (Lluis Tudela)
Die Familie Solé im Pfirsichhain: "Alcarràs" (Lluis Tudela)

Überall in Europa verschwinden die landwirtschaftlichen Familienbetriebe oder sind schon verschwunden. Wie ist die Situation in Spanien?

Simón: Als wir das Drehbuch schrieben, dachten wir, dass der Film eigentlich ein Happy End haben müsste, denn meine Familie baut noch immer Pfirsiche an. Aber bei der Stoffentwicklung wurde uns bald klar, dass das nicht die Wirklichkeit widerspiegelt. Die meisten Familien geben auf, weil sich der Anbau nicht mehr lohnt und die Preise zu niedrig sind. Die Einnahmen decken nicht einmal die Kosten. Der Film musste also trauriger und dunkler enden. In die Nachrichten schaffen es die Probleme der Bauern nur, wenn sie große Demonstrationen organisieren; dahinter steht jedoch eine große Verzweiflung über die Untätigkeit der Politik. Die Grundlagen der Landwirtschaft ändern sich, die kleinen Familienbetriebe bleiben auf der Strecke. Da gibt es wenig Hoffnung.

Auch wenn es kein Happy End gibt, strahlt der Film doch Optimismus aus.

Simón: Die beiden großen Themen von „Alcarrás“ sind eine bestimmte Lebens- und Wirtschaftsform auf dem Land sowie die Familie. Was ländliche Familienbetriebe betrifft, kann ich nur pessimistisch sein, das ist wie die „Chronik eines angekündigten Todes“, da gibt es keine Hoffnung mehr. Optimistisch bin ich aber, was die Familie betrifft und ihre Fähigkeit, Krisen zu überwinden und Schutz zu bieten. Man kann sich bitter streiten, aber auch wieder versöhnen; in einer großen Familie fühlt man sich aufgehoben und zugehörig. Das ist meine Lebenserfahrung.

Die Männerfiguren in „Alcarrás“ sind sehr interessant, starrköpfig, aber auch gebrochen.

Simón: Wir haben in den Medien heute so viele Bilder von starken Frauen. Frauen, die Macht haben und Entscheidungsträgerinnen sind. Das ist toll. Aber diese Bilder gelangen nicht unbedingt in die Dörfer. Ich wollte diese typischen Männer auf dem Dorf zeigen, die mit dem Patriarchat groß geworden, aber oft unfähig sind, ihre Gefühle auszudrücken. Bei mir dürfen die Männer weinen, der Vater und der Großvater, über den Zusammenbruch ihrer alten Lebensformen.

Wie lange haben Sie an dem Projekt gearbeitet?

Simón: Sehr lange. Die Entwicklung des Drehbuchs war aufregend. Mein Co-Autor stammt aus einem Nachbardorf von Alcarrás, auch aus einer Obstbauernfamilie. Die lange Zeit hat auch mit der Pandemie zu tun. Vor vier Jahren haben wir mit dem Drehbuch angefangen. Das Casting hat auch fast ein Jahr gedauert. Als der Lockdown kam, standen wir eigentlich kurz vor den Dreharbeiten. Wir waren außerdem auch von der Ernte abhängig; die ist nur einmal im Jahr.


Jede Generation hat ihre Perspektive: "Alcarràs" (Berlinale 2022/Lluis Tudela)
Jede Generation hat ihre Perspektive: "Alcarràs" (Berlinale 2022/Lluis Tudela)

Sie haben ausschließlich mit Laiendarstellern gearbeitet. Wie fanden Sie die Protagonisten?

Simón: Es war wichtig, dass die Darsteller diese kleine Welt, um die es geht, wirklich kennen. Wir haben sämtliche Dorffeste im Umkreis besucht und die Leute eingeladen. Wir konnten unser umfangreiches Casting noch vor der Pandemie machen; während des Lockdowns wäre das nicht möglich gewesen. In der Region werden normalerweise keine Filme gedreht, weshalb die Menschen sehr neugierig waren. Für das Casting sind dann insgesamt 9000 gekommen. Das war verrückt, alle wollten mitmachen! Wir wollten einen Vater mit seinem wirklichen Sohn oder einen Großvater mit seinem wirklichen Enkel, aber das hat nicht geklappt. Wir mussten die Familie also selbst erschaffen und suchten dann Darsteller, die den Figuren im Drehbuch entsprachen. Wir mieteten ein Haus und probten drei Monate lang die Familiendynamik in Paaren und kleinen Gruppen. An einem Tag etwa der Großvater mit der Enkelin und an einem anderen Tag nur die Geschwister. Wir versuchten so, eine wirkliche Familie zu kreieren, indem wir Szenen aus dem Familienleben improvisierten, die eigentlich noch vor der Filmhandlung lagen. Auf diese Weise entstand eine Bindung zwischen den Darstellern, die noch heute anhält; sie reden sich immer noch mit Mama, Papa oder Opa an. Jeder sollte auch bei seinem spezifischen Dialekt und seiner besonderen Art, sich auszudrücken, bleiben; die Rollen im Drehbuch haben wir entsprechend verändert. Während der Dreharbeiten ging es mir um eine Balance; ich versuchte, so viel wie möglich von den ursprünglichen Rollen zu retten, sie sollten aber auch so viel wie möglich von sich selbst einbringen.

„Alcarrás“ ist ein Ensemblefilm. Was bringt das für Schwierigkeiten mit sich?

Simón: Für mich musste es ein Ensemblefilm sein, denn nur so konnte ich das Lebensgefühl einer Großfamilie zeigen, das meiner eigenen Lebenserfahrung entspricht. Wir haben uns einige Ensemblefilme angeschaut, aber wir mussten unseren eigenen Weg finden. Wir wollten auf keinen Fall wie eine Familienserien im Fernsehen aussehen, wo sich das Gesamtbild aus den Einzelszenen der Protagonisten heraus entwickelt. Wir wollten die Familie von Anfang an zusammen zeigen, was für die Inszenierung schwieriger ist. Für mich entsteht das Bild der Familie über den Kamerastandpunkt und nicht beim Schnitt. Beim Drehen soll die Kamera wie ein zusätzliches Familienmitglied sein, immer sehr nah an den Protagonisten. Bei jeder Szene muss man die Wichtigkeit der Protagonisten und ihrer Gefühle einfangen. Wir haben dann im Schnitt aber einiges korrigiert, weil wir viel Material hatten.

Ihr Debüt „Fridas Sommer“ erzählt ihre eigene Geschichte, „Alcarrás“ handelt von ihrer Familie. Was reizt Sie an autobiografisch inspirierten Spielfilmen?

Simón: Es muss nicht autobiographisch sein, aber ich will nur von dem erzählen, wovon ich etwas verstehe. Das wird sich vielleicht eines Tages ändern; über so viele Dinge weiß ich auch nicht Bescheid! „Alcarrás“ ist aber ganz anders als „Fridas Sommer“. Dort geht es nur um meine eigenen Erfahrungen als Kind, da musste ich nichts recherchieren. In „Alcarrás“ dreht sich alles um die Erfahrungen meiner Familie, in die ich mich erst einmal einarbeiten musste. Die Recherche über den Obstanbau und die Traditionen, die Gespräche mit meiner Familie, den Nachbarn und anderen Bauern waren für mich sehr wichtig. Das hat viel Zeit gekostet, doch die brauchte es, um die Welt zu verstehen, die ich darstellen wollte. Ich will meine Protagonisten aber nicht nur verstehen, sondern auch wirklich mögen, deswegen muss ich mich in ihr Leben einfühlen können.


Die Dynamik der Kinder: "Alcarràs" (Lluis Tudela)
Die Dynamik der Kinder: "Alcarràs" (Lluis Tudela)

Auch in „Alcarrás“ ist die Perspektive der Kinder sehr wichtig. Was macht für sie den besonderen Reiz der Arbeit mit Kindern aus?

Simón: Es ist entscheidend, dass die Dreharbeiten lebendig sind. Kinder bringen dafür eine ganz besondere Dynamik mit. Sie überraschen einen als Regisseurin immer mit neuen Anregungen. Sie sind aber auch für die erwachsenen Darsteller toll, da sie ihnen helfen, lockerer und entspannter zu werden. Natürlich machen die Kinder, was ich ihnen sage, ich gebe ihnen aber auch viel Raum, damit sie sie selbst sein können. Die Wahrnehmung der Kinder ist in „Alcarrás“ anders als in „Fridas Sommer“. Es handelte sich ja um die Perspektive eines Mädchens, das seine Mutter verloren hat und in eine neue Familie hereinwächst. In „Alcarrás“ ist den Kindern die eigentliche Bedrohung ihrer Lebensform gar nicht einsichtig. Sie erleben die Welt der Erwachsenen aus ihrer Perspektive, aber darüber lässt sich auch viel ausdrücken. Deswegen kam es entscheidend auf das Zusammenspiel der Kinder mit den Erwachsenen an, was sich insbesondere im Umgang der Kinder mit dem Großvater zeigt.

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