© imago/Zuma Wire (Kenneth Branagh)

Dunkelheit, bleib weg! - Kenneth Branagh über „Belfast“

Dienstag, 22.02.2022

Ein Interview mit Kenneth Branagh über seinen Film „Belfast“, seine Herkunft und welche Kraft in den Erinnerungen an diese Zeit steckt

Diskussion

In seinem bislang wohl persönlichsten Film "Belfast" kehrt der britischen Schauspieler und Regisseur Kenneth Branagh in die Stadt seiner Kindheit nach Belfast zurück, in der im Jahr 1969 die „Troubles“ zwischen Protestanten und Katholiken aufflammen, was aus der Sicht eines neunjährigen Jungen geschildert wird. Über eine Rückkehr in vertraut-verlorene Zeiten, die auch an den fragilen Status des Friedens mahnt.


Ihr neuer Film „Belfast“ ist im Gegensatz zu „Der Tod auf dem Nil“ sehr persönlich. Geht es um die Bewältigung eines Traumas? Oder ist es ein Tribut an Ihre Familie und die starken Charaktere?

Kenneth Branagh: Ich wollte nicht, dass der Film eine persönliche Therapie wird. Zumindest nicht in dem Sinne, dass man mit den Geschehnissen von damals zu nachsichtig ist. Die Charaktere, die Pa und Ma genannt werden, obwohl sie eigene Vornamen haben, sind so etwas wie universelle Figuren. Ich wollte das offen halten, damit andere Menschen ihre eigenen Erfahrungen mit dem Film machen können, die nicht dieselben wie meine sind, und auch nicht notwendigerweise so gewalttätig wie damals. Es gibt im Film ja auch das Gefühl von Sicherheit, ein Bewusstsein, wer man ist; es kommen sogar Glück und Unschuld vor: Mädchen, Fußball, Filme. Die Familie wird als selbstverständlich hingenommen, jeder kennt jeden. Wenn einem dann der Boden buchstäblich unter den Füßen weggezogen wird, versuche ich – fünfzig Jahren später mit den Augen eines Neunjährigen – auch die damit verbundene Unsicherheit zu verstehen, etwas, das alle durchgemacht haben. Es geht in „Belfast“ darum, was die Figuren erleben, und zwar in einer Art und Weise, dass sich andere Menschen damit identifizieren können.


      Das könnte Sie auch interessieren


Der nette Vater, die nette Mutter, die Nähe der Brüder. Es gibt so etwas wie eine Naivität in der Charakterisierung der Figuren. Das kontrastiert mit den Gewaltausbrüchen, die den Film später bestimmen.

Branagh: Ich musste eine emotionale Wahrheit finden, und die besteht, wie unvollkommen auch immer, in einem tiefen Sinn für Heimat; einem Gefühl, dass man nicht verloren geht. Die Iren sind sehr gut darin. Es heißt ja, dass es ein Dorf braucht, um ein Kind großzuziehen. Diese kommunale Freude ist schon fast eine Selbstparodie: Wir kennen uns gut – ob es dir gefällt oder nicht. Manchmal gefällt es einem nicht, weil viel getratscht wird. Doch prinzipiell funktioniert es, besonders bei den einfachen Dingen wie der Kinderbetreuung. Für mich geht es auch darum, nach fünfzig Jahren diese Sicherheit wiederzufinden. Es war eine Reise mit vielen Verkleidungen. Ich werde ja oft mit Shakespeare assoziiert. Doch wenn ich jetzt auf „Belfast“ schaue, wundere ich mich selbst: Das ist ein sehr langer Weg, den ich gegangen bin, ein großer Bogen, den ich geschlagen habe. Es geht darum, sich selbst wiederzufinden, vor allem durch die Schritte, die man ergriffen hat, die in meinem Falle vor allem solche des Films sind: Imagination, Flucht, Verkleidungen, Farbe.


Warum haben Sie in Schwarz-weiß gedreht?

Branagh: Für mich ist das ein kurioses Paradoxon, dass ein Film in Schwarz-weiß rauer, authentischer und zeitgenössischer aussieht, obwohl wir die Welt in Farbe sehen. Schwarz-weiß hat einen sehr poetischen Effekt. Die Fotografien von Henri Cartier-Bresson waren mir eine große Inspiration. Und auch der wundervolle polnischen Film „Ida“ von Pawel Pawlikowski, ein sublimes Meisterwerk. Die Komposition jedes einzelnen Frames war, neben der packenden Geschichte, eine visuell erhebende Erfahrung. Schwarz-weiß erlaubte mir, die psychedelische Farbe explodieren zu lassen: Sättigung, Technicolor, Raquel Welch…

Schwarz-weiß macht die Welt realer: "Belfast" (UPI)
Schwarz-weiß macht die Welt realer: "Belfast" (© UPI)

Allerdings zeigen Sie Belfast am Anfang und am Ende in Farbe?

Branagh: Ich wollte darauf hinweisen, dass man hier eine große, lebendige, vielseitige Stadt mit alten Gebäuden und neuen Dingen in Farbe sieht, Tradition, Industrie, Menschen, politische Hintergründe. Die Hafenkräne sind noch immer da, auch die großen Schatten, die sie werfen. Ich wollte damit andeuten, dass wir in guten und schlechten Zeiten hier waren, in Zeiten, die wir vergessen, aber auch in Zeiten, an denen wir festhalten wollen. Die Idee des Lichts in diesen Szenen ist klar: „Dunkelheit, bleib weg!“ Die Riesenkräne sind noch da, die Schatten sind noch da, aber das Licht flackert. Es flackert natürlich auch, weil der Frieden fragil ist. Man muss ihn jeden Tag beschützen.


Der Flug über die Stadt hat mich an einen anderen Film erinnert: an „Ausgestoßen“ von Carol Reed, ebenfalls über die IRA.

Branagh: Ja, ich habe den Film bei meinen Recherchen geschaut. Das ist ein großer, prototypischer Film noir. Er beinhaltet fantastische Sachen. Es ist fast ein großartiger Film; der wirklich großartige Film, den Reed gemacht hat, ist meiner bescheidenen Meinung nach aber „Der dritte Mann“. Die visuellen Aspekte dieses Films sind absolut fantastisch. Da sind große Szenen drin.


Wie haben Sie den Soundtrack des Films konzipiert, diese Mischung aus Jazz, Country und Irish Folk? Dazu die Western-Scores, die man in den Kinofilmen hört, vor allem in „Zwölf Uhr mittags“?

Branagh: Western haben immer einen großen Eindruck auf mich gemacht. Sie liefen damals ganz normal im Fernsehen und im Kino. Country spielte in Nordirland auch eine große Rolle. Der Country-Sänger Tex Ritter singt ja das Lied in „Zwölf Uhr mittags“. Musik war sehr präsent in jenen Tagen, sie lief ständig im Radio. Es wurde jede Gelegenheit wahrgenommen, Musik zu machen, auf der Mundharmonika, mit dem Akkordeon, mit welchem Instrument auch immer. Wichtig ist aber auch die Musik von Van Morrison. 1967 kam sein phänomenales Album „Astral Weeks“ heraus, das zur weltweiten Sensation wurde. Es gab darauf Belfast-Songs, aber auch moderne psychedelische Charakter-Songs wie „Madame George“ – unbeschreiblich. Morrison charakterisierte sich selbst als „corner boy“, als eines jener Straßenkinder, die irgendwann Musik machten. Sein Vater hatte eine riesige Plattensammlung mit US-amerikanischer Musik, die Van Morrison sehr beeinflusste. So wurde er gewissermaßen zum Zentrum des Films. Ruby Murray und ihr Lied „Real Love“ ist auch noch wichtig, ebenso die Westernmusik, aber auch die Dialoge im Kino: „You’re looking for trouble?“ Oder James Stewart, der in „Der Mann, der Liberty Valance erschoss“ sagt: „Everybody in this country kill crazy!“ Das sind große Persönlichkeiten, die ein klein wenig unsere Situation ausdrücken, aber in dieser gehobenen Art, die die Dinge verdeutlicht. Good Guy versus Bad Guy – am Schluss bekommt der Gute das Mädchen. Sehr simple, und so passiert es in dieser Straße.


Ich würde gerne bei Van Morrison bleiben, den ich sehr schätze. Ich besitze alle seine Platten und haben ihn vier Mal live gesehen. Im Film ist er durchgehend zu hören. Welche Songs haben Sie benutzt und warum?

Branagh: Sein Verständnis der Stadt ist so empathisch. Darum schrieb er diese Saxophon-Stimmungsstücke. Er hatte auch das Drehbuch gelesen und drückt die Essenz des Buches musikalisch sehr gut aus. Er kannte das: Belfast zu verlassen, um die Welt zu bereisen. Das war damals noch ungewöhnlich. Als Künstler ist er ein Getriebener. Er ist oft auf Tour, gerade wieder in der USA. Das ist bewundernswert. Er lebt für die Musik. Er ist ein Künstler bis in die Fingerspitzen. Er wusste also, dass die Beziehung zu Belfast für den Film sehr wichtig war. Die Songs hörten sich dann so an, als ob er sie für den Film geschrieben hätte. „Bright Side of the Road“ passt genau in die Stimmung hinein. Während ich die Szenen schrieb, hörte ich die Musik dazu und war sehr zufrieden. Wir haben Van Morrison den Rohschnitt gezeigt. Er war glücklich mit der Auswahl und machte noch weitere Vorschläge. In der ersten Fassung sind 23 Morrison-Songs enthalten gewesen. Das war aber dann doch ein wenig zu viel.

Auf die Details kommt es an: "Belfast" (UPI)
Auf die Details kommt es an: "Belfast" (© UPI)

Ihr Film ist sehr detailfreudig ausgestattet – Autos, Plattenspieler, Schwarz-weiß-Fernseher. Wie wichtig ist es für Sie, dass alles „stimmt“?

Branagh: Wir sind in Belfast mit einem Fahrrad auf Drehortsuche gefahren. Belfast ist eine kleine Stadt. Große Gebäude, die Berge gleich dahinter. Man kann alles schnell erreichen. Wir waren darum an allen wichtigen Plätzen mit den Wohnhäusern, die es damals schon gab. Einmal baten wir den Production Designer, in eines dieser Häuser hineinzugehen, um die Größenverhältnisse richtig einzuschätzen. So standen wir Sonntag morgens um acht Uhr im Heim einer irischen Familie, die uns Tee und Toast anbot. „Kommen Sie ruhig rein und messen Sie mein Haus aus. Dies ist Belfast!“ Ich habe mich auch durch den Platz sehr beeinflussen lassen, an dem mein Großvater seine Pfeife rauchte und viele Dinge, die ihm wichtig waren, in Reichweite hatte, etwa 16 Tassen mit zerbrochenen Henkel, die er reparieren wollte, oder einen kaputten Sattel oder verrückt aussehende Pfeifen. Diese Dinge zu finden, ist ein Prozess, ein magischer Prozess. Von Anfang der Produktion bis zu ihrem Ende, also während des gesamten Corona-Lockdowns, ging es um die Zeit, die man braucht, um so ein Projekt zu vollenden, und das in einem historischen Augenblick, an dem man nicht weiß, ob alles wieder so werden wird wie zuvor. Nun trifft der Film aufs Publikum, was schon aufregend genug ist, er entfaltet sich. Die deutschen Reaktionen finde ich sehr interessant, weil die Zuschauer auf mich als neunjährigen Buben zurückzeigen.


Die gesprochene Sprache hat in „Belfast“ eine ganz besondere Bedeutung…

Branagh: Das Erbe meiner Belfast-Erfahrung war eine große Liebe zur Sprache, die Liebe zu Worten, auch wenn sie anders klingen. Es gab eine Poesie auf der Straße, eine Straßenpoesie. Menschen machten einfach Verse, die so klangen, wie gesprochen wurde. Die Iren haben keine Angst vor flüssiger Sprache. Sie haben keine Angst vor großen Ideen. Das ist so authentisch wie zwingend. Sprache ist der unmittelbare Ausdruck dessen, wer sie sind, genauso wie Musik oder andere Dinge, die über Worte hinausgehen. Irland ist natürlich auch die Sprache von W.B. Yeats.

Sie haben einmal gesagt: „You can never take Belfast out of a boy.“ Was meinen Sie damit genau?

Branagh: Dazu gehört ein Galgenhumor, was in schlimmen Zeiten eine sehr nützliche Waffe ist. Unglücklicherweise leben die Iren sehr beieinander und pflegen die Rituale der Trauer. Ich erinnere mich, wie mein Vater von einem Beerdigungsinstitut, wo man die Toten im Sarg sehen konnte, erzählte, dass er in einem dieser Särge fünf Tage und Nächte geschlafen habe und die Nachbarn vorbeigekommen seien. Diese tragikomische Begebenheit drückt eine Beziehung zum Tod aus, die einen Humor miteinschließt, der sehr irisch ist. Man hat immer ein Verständnis davon, wer man ist. Auch ich habe diese Erfahrung während des Drehs gemacht.


Ihr Film ist auch eine Liebeserklärung an die Arbeiterklasse. Verstehen Sie sich als Arbeiterkind?

Branagh: Wir hatten in den 1980er-Jahren eine Theaterkompanie, die Renaissance Theatre Company. Das war eine Gruppe von Künstlern, die ihre ersten Filme zusammen machte, „Henry V.“, „Viel Lärm um nichts“, später „Hamlet“. Insgesamt etwa acht oder zehn Jahre gemeinsamer Arbeit. Ich war unabhängig von staatlicher Unterstützung. Für eine Fernsehshow erhielt ich 25.000 Pfund – das ist das Lösegeld für einen König! Ich hatte noch nie so viel Geld gesehen – und investierte es sofort in ein neues Stück: „Last Order“. Wir haben so weitergemacht, auch wenn wir Sponsorengelder und Spenden bekamen. Wir galten als „Thatchers Kinder“. Ich war ein Beispiel für die „Thatcher Enterprise Culture“. Dennoch haben wir jedem das gleiche Gehalt bezahlt, Männern wie Frauen. Wir haben darüber nicht weiter nachgedacht, auch nicht, dass dies ein politischer Akt sein könnte. Als wir später Profit machten, wurde der Gewinn zwischen den Kompanie-Mitgliedern genau so weiter geteilt. Jeder konnte die Konten einsehen, nichts wurde versteckt. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, das anders zu machen. Mit den Jahren aber habe ich den Kontakt zu dieser Zeit und ihren Erfahrungen verloren. Das war einer der Gründe, warum ich zurückgehen wollte. Vielleicht klingt das nicht sehr klug. Ich bin kein Intellektueller. Die einfachste Sache ist, dass man sich gegenseitig respektiert. Dann ist alles in Ordnung. Für mich ist diese Haltung den Menschen und dem Geld gegenüber etwas sehr Grundsätzliches.


Worauf haben Sie geachtet, als Sie den kleinen Jude Hill gecastet haben?

Branagh: Ich habe jemanden gesucht, der sehr präsent ist. Das sieht man sofort, wenn man ihn mit seinen strahlenden Augen zum ersten Mal auf der Leinwand sieht. Man kann einen solchen Film nicht drehen, wenn man nicht den richtigen Schauspieler findet. Deshalb haben wir 300 Jungs gecastet. Jude Hill kann irische Tänze, er spielt Fußball und hat mehr in sich, als nur ein Schauspieler zu sein.

Jamie Dornan und Jude Hill (r.) in "Belfast" (UPI)
Jamie Dornan und Jude Hill (r.) in "Belfast" (© UPI)

Sie haben wiederholt mit Judi Dench gedreht, auch jetzt wieder. Was schätzen Sie so sehr an ihr?

Branagh: Zum einen ist sie eine kulturelle Institution. Sie ist aber auch verspielt, eine sehr lebendige Person. Und sie hat eine große Präsenz, wenn sie einen Raum betritt. Diese Qualitäten der Lebendigkeit und der Leidenschaft kann man nicht hoch genug schätzen.


Durch den Brexit und die Zollgrenze zwischen Irland und Nordirland droht der Konflikt in Nordirland wieder auszubrechen. Ist Ihr Film auch eine Ermahnung daran, dass man doch schon so viel erreicht hat und daran festhalten sollte?

Branagh: In Belfast hat jedermann seine Geschichte, Männer, Frauen, Kinder. Sie sind es wert, gehört zu werden. Die Geschichte des Konflikts von den bitteren Jahren bis zum fragilen Frieden 1993 war ein großes Wunder, das die Möglichkeit von Hoffnung und Fortschritt eröffnete. Daran sollten wir in der Tat festhalten.

Kommentar verfassen

Kommentieren