© eksystent distribution ("Der Mann der seine Haut verkaufte")

Neuer Kinotipp: "Der Mann, der seine Haut verkaufte"

Mittwoch, 23.02.2022

Die bittere Parabel um einen syrischen Flüchtling, der seinen Rücken als Leinwand zur Verfügung stellt, um als Kunstobjekt ein Visum für Europa zu erhalten, ist der neue Kinotipp der Katholischen Filmkritik

Diskussion

In der bitteren Parabel „Der Mann, der seine Haut verkaufte“ verknüpft die tunesische Regisseurin Kaouther Ben Hania eine Liebes- und Fluchtgeschichte mit einer sarkastischen Reflexion über den Kunstmarkt.


Der junge Syrer Sam Ali liebt seine Freundin Abeer und lässt sich während einer Zugfahrt zu einem lautstarken Liebesschwur hinreißen, bei dem auch die Worte „Revolution“ und „Freiheit“ fallen. Das reicht bereits, um ihm die Schergen des Assad-Regimes auf die Fersen zu hetzen. Er flieht in den Libanon und sucht lang verzweifelt nach Wegen, um seine Geliebte, die sich durch eine Heirat mit einem Diplomaten vor dem Bürgerkrieg nach Belgien rettet, wiederzusehen.

Als er den Künstler Jeffrey Godefroi kennenlernt, der dafür berühmt ist, „wertlose“ Objekte in hochpreisige Kunstwerke zu verwandeln, eröffnet sich ihm plötzlich ein Weg. Er lässt sich von Godefroi ein Schengen-Visum auf den Rücken tätowieren und genießt fortan als lebendes Kunstwerk weitgehende Reisefreiheit. Doch als teuer versichertes Ausstellungsstück wird ihm dadurch fortwährend eine entwürdigende Rolle zugemutet.

Ali liebt Abeer: "Der Mann, der seine Haut verkaufte" (eksystent distribution)
Sam liebt Abeer: "Der Mann, der seine Haut verkaufte" (eksystent distribution)

Seine Haut zu Markte tragen

Die extravagante Welt des Kunstmarktes und die existenzielle Welt von Verfolgung und Flucht prallen in dem Film aufeinander, der auch mit Metaphern wie die „eigene Haut zu retten“ oder „seine Haut zu Markte zu tragen“ spielt. Sowohl das Flüchtlingsschicksal als auch die Idee des lebendigen Kunstwerks (des tätowierten Rückens) können sich auf reale Vorbilder stützen, wenngleich die Geschichte insgesamt fiktional ist.

Im Kern handelt es sich um ein Liebesdrama über zwei Menschen, deren Liebe an den Hindernissen und Grenzen der Realität zu scheitern droht, an sozialen Unterschieden, politischer Unterdrückung, „erste“ und „zweiter“ Welt. Bewegender aber noch als die Liebesgeschichte wirken die Bilder der Skype-Anrufe von Sam mit seiner Familie in Syrien, in denen das Schicksal der Menschen oft nur beiläufig zu erfahren ist.

Nachhaltig verstört auch die sarkastische Thematisierung der westlichen Kunstwelt, in der Artefakte viel wertvoller und begehrenswerter sind als das Leben geschundener Menschen. Die bittere Parabel erlaubt überdies einen schmerzhaften außereuropäischen Blick, auch auf die filmisch verbreitete Perspektive auf flüchtende Menschen, die hier einmal nicht auf Mitleid und Mitgefühl zielt, sondern eine entwürdigende Empfindung thematisiert: nämlich nicht als Person, sondern allenfalls in bestimmten Funktionen im Westen akzeptiert zu werden, sei es als billige Arbeitskraft, als notdürftig geduldeter Migrant oder politischer Verfolgter, aber nicht um seiner selbst willen.

Die extragante Musik von Amine Bouhafa und die kunstvolle Bildsprache des Kameramanns Christopher Aoun ergänzen eine originelle Geschichte, die zwischen extremer Nähe und Distanz hin und her springt und für die Rolle von Sam als innerlich zerrissenem Außenseiter beredte Bilder findet: Er wird zwar von vielen Menschen bestaunt, aber nur so lange, wie sie ihm nicht ins Gesicht schauen müssen.

Ab 24. Februar im Kino: "Der Mann, der seine Haut verkaufte" (eksystent distribution)
Ab 24. Februar im Kino: "Der Mann, der seine Haut verkaufte" (eksystent distribution)

Der Kinotipp der Katholischen Filmkritik“ ist ein Qualitätssiegel, mit dem Filme hervorgehoben werden, die in besonderer Weise religiöse Themen aufgreifen, von menschlichen Nöten, Sorgen und Hoffnungen erzählen, Antworten auf existenzielle Fragen formulieren oder gegen den Status quo einer selbstzufriedenen Welt aufbegehren.

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