© Berlinale/Silk Road Productions ("Ta farda")

Von Müttern und Kindern: Bericht aus der Ökumenischen Jury bei der Berlinale 2022

Freitag, 25.02.2022

Ein Bericht aus dem Festivalleben eines Mitglieds der Ökumenischen Jury, das während der „Berlinale“ eine große Fülle höchst unterschiedlicher Filme entdeckte, in denen sich die Vielfalt, aber auch die Ambivalenz alles Lebendigen spiegelt

Diskussion

Bei der „Berlinale“ entdeckte die Ökumenischen Jury viele Filme, die um Mütter und ihre Kinder kreisten, um das damit verbundene Glück, aber auch all die Schwierigkeiten, die mit Familienbanden oft auch einhergehen. Die Filme konfrontieren mit fremden Kulturen und Denkweisen und spiegeln das Leben in seiner ganzen Vielfalt.



„Herzlich willkommen bei den 72. Filmfestspielen in Berlin. Schön, dass wir uns hier sehen können: im Kino, vor Ort!“ Um mich herum blicken lauter maskierte Gesichter freudig applaudierend zur Leinwand. Viele vereinzelt sitzende Personen mit großem Abstand zum Sitznachbarn. Diese Situation wiederholt sich vor Beginn jedes Films. Das tut der besonderen Atmosphäre dieses „Filmfestivals in Präsenz“ aber keinen Abbruch. Denn die Pandemie bestimmt „nur“ die Abläufe und die Organisation (es finden keinerlei Empfänge oder Partys statt), nicht aber das gemeinsame Filmerleben, das durch die besonderen Umstände sogar noch mehr als sonst im Vordergrund steht.


Im Kino, vor Ort

Sobald ich mich einem Kinoeingang nähere, halte ich meinen Impf- und Testnachweis bereit; erst bei der zweiten Kontrolle muss ich meine Eintrittskarte vorweisen. Natürlich tragen alle Menschen im Kino eine Maske. Freundliches Personal weist auf Laufwege und Eingänge hin oder bittet, die Plätze neben anderen freizulassen. Dann lockt der „Berlinale“-Trailer in eine andere Sphäre. Es regnet „Goldene Bären“ wie bei einem Feuerwerk vor rotem Hintergrund über die Leinwand herab, wo dann der Schriftzug der 72. Filmfestspiele aufleuchtet. Der Film beginnt.

Die Magie des Kinos nimmt mich ein ums andere Mal gefangen. Ich reise in viele, mir bislang wenig bekannte Länder, begegne Menschen und deren Geschichten. Neben Spanien, Frankreich, Deutschland, den USA oder Italien sehe ich Erzählungen aus Israel, der Ukraine, Tschechien, Serbien, Island, Iran, Indonesien oder aus Nigeria und der Zentralafrikanischen Republik. Für ein oder zwei Stunden werde ich Teil von Alltagseindrücken, von Liebeserzählungen und dem Kampf um Respekt, von Überlebenswillen und Aufbrüchen, Niederlagen und Neuanfängen.

Jedes Mal ein erhebendes Gefühl: der "Berlinale"-Trailer (Schüppel Films)
Jedes Mal ein erhebendes Gefühl: der "Berlinale"-Trailer (© Schüppel Films)

Als Mitglied der Ökumenischen Jury komme ich zwar leichter als andere an die begehrten Tickets. Von mir wird aber auch erwartet, dass ich ein recht umfangreiches Filmprogramm absolviere, um am Ende einen Preis zu vergeben. In den Statuten der Ökumenischen Jury heißt es dazu: „Die Jury ehrt mit den Preisen Filmschaffende, die in ihren Filmen ein menschliches Verhalten oder Zeugnis zum Ausdruck bringen, das mit dem Evangelium in Einklang steht, oder die es in ihren Filmen schaffen, das Publikum für spirituelle, menschliche und soziale Werte zu sensibilisieren.“


Auf der Suche nach Kandidaten

Insgesamt werden bei der „Berlinale“ drei ökumenische Preise vergeben: im Wettbewerb und in den Sektionen „Panorama“ und „Forum“. Die verkürzte Zeit der diesjährigen „Berlinale“ erfordert es, dass wir uns in der Ökumenischen Jury aufteilen: Ich sichte zusammen mit einem französischen Kollegen und einer Kollegin aus Frankfurt – beide sind evangelisch – die Filme im „Panorama“.

Die Diskussionen in unserer international zusammengesetzten Gruppe sind ein weiteres Highlight dieser Festivalzeit, wenngleich schnell deutlich wird, dass es nicht leicht sein wird, sich auf einen Preisträger zu einigen und andere hervorragende Filme dafür zurückstellen zu müssen.

In diesem Jahr erzählen zahlreiche Filme von Müttern und Kindern, vom Glück, aber auch von der Schwierigkeit, Teil einer Familie zu sein. Beziehungen und das Familienleben sind dabei nicht nur inneren, sondern häufig auch äußeren Spannungen ausgesetzt. In dem beeindruckenden iranischen Drama „Ta farda“ versucht eine junge Mutter in Teheran, ihr erst wenige Monate altes Kind vor den aus der Provinz anreisenden Eltern zu verheimlichen. Kinderkleidung und Babysachen werden bei Nachbarinnen untergebracht. Schwieriger ist es, eine vertrauenswürdige Person zu finden, die das Kind eine Nacht lang bei sich aufnehmen und versorgen kann.

Odyssee durch die Stadt: "Ta farda" (Berlinale 2022/Silk Road Prod.)
Odyssee durch die Stadt: "Ta farda" (© Berlinale 2022/Silk Road Prod.)

Eine alleinstehende, unverheiratete Mutter ist im Iran gesellschaftlich isoliert. Die Kamera heftet sich den beiden Protagonisten, der Mutter und einer engeren Freundin, eng an die Fersen, die den ganzen Tag durch die iranische Metropole laufen und nach einer Lösung suchen. Jede neue Begegnung wird für die beiden Frauen nach einem kurzen Anflug der Hoffnung zu einer umso größeren Enttäuschung. Bei ihrer Odyssee zeigt sich, wie begrenzt ihre Handlungsräume sind. In einer Gesellschaft, die nicht allen die gleichen Rechte gewährt, müssen die junge Frauen genau abwägen, wer ihre Verbündeten sind.


Die Spielräume sind beengt

Der russische Film „Produkty 24“ zeigt tadschikische Arbeiter in einem rund um die Uhr geöffneten Lebensmittelgeschäft in Moskau. Sie essen und schlafen im Hinterzimmer, haben keine Freizeit und werden wie Sklaven behandelt. Eine schwangere Frau namens Mukhabbat und ein junger Mann vollziehen in diesem Hinterzimmer eine muslimische Trauung. Sobald der Imam gegangen ist, kehren beide an die Arbeit zurück. Sie sind Beschimpfungen von Kunden ausgesetzt, aber auch dem Missbrauch durch Männer. Wer aus diesem Arbeitsgefängnis zu fliehen versucht, wird grausam bestraft. Irgendwann gelingt Mukhabbat dennoch die Flucht in die Weite ihrer tadschikischen Heimat, wo ihre Mutter lebt. Doch auch wenn der Raum vom engen Geschäft in Moskau sich dabei zu einem Road Movie weitet, bleiben die Perspektiven doch begrenzt.

Während in „Ta Farda“ Mutter und Kind in einer gesellschaftlich nicht tolerierten Situation leben, ist Mutterschaft in „Produkty 24“ fast nur noch eine Begleiterscheinung eines menschenunwürdigen Arbeitslebens. Für das neugeborene Kind ist kein Platz zwischen Arbeit im Geschäft und dem ‚Leben’ im Hinterzimmer auf engstem Raum.


Der Krieg zerstört alles

In dem Film „Klondike“ versucht die schwangere Irka zusammen mit ihrem Mann Tolik, ihrem noch ungeborenen Kind eine Heimat auf einem Hof an der russisch-ukrainischen Grenze aufzubauen. Doch gleich zu Beginn des Films zerstört eine Bombe die Außenwand des Wohnzimmers. Es ist der Sommer 2014; der Krieg um die Ost-Ukraine hat begonnen. Irka und Tolik befinden sich plötzlich mitten im Kriegsgebiet. Tolik will seine Frau und das ungeborene Kind schützen und fliehen. Irka aber beharrt auf ihrer Heimat; sie will der Gewalt nicht weichen.

Hinzu kommt, dass Irkas Bruder ihren Mann Tolik bezichtigt, selbst ein Separatist zu sein. Der Bruder wiederum ist durch seinen Nationalismus nicht weniger aggressiv als die feindlichen Soldaten, die Gelände und Haus besetzen. Im Blick durch die zerbrochene Hauswand verschmelzen der Raum des Privaten und die äußere Landschaft, in der nun der Krieg seinen Lauf nimmt, zu einer Einheit. Alles ereignet sich wie auf einer Bühne; die Menschen werden zu Figuren auf einem Schachbrett, mit immer eingeschränkteren Bewegungsmöglichkeiten.

Es herrscht Krieg in der Ukraine: "Klondike" (Berlinale 2022/Kedr Film)
Es herrscht Krieg in der Ukraine: "Klondike" (© Berlinale 2022/Kedr Film)

Die ukrainische Regisseurin Maryna Er Gorbach wurde selbst gerade Mutter, als 2014 der Kampf um den Donbass entflammte. Die widerstreitenden Gefühle aus Angst und Beharrung, Verzweiflung und Widerstand, Liebe und Hass sind wohl auch durch ihre eigenen Erfahrungen sehr intensiv in den Film eingeflossen und übertragen sich auf das Publikum. Ich befinde mich mitten im Krieg, heute in Europa. Das hochsymbolische Schlussbild bringt Leben und Tod in direkte Verbindung zueinander und zeigt die verwirrende Ambivalenz menschlichen Daseins.


Rückgriff auf eigene Erfahrungen

Viele weitere Filme hinterlassen nachhaltigen Eindruck: Das Erstlingswerk „We, Students!“ von Rafiki Fariala aus der zentralafrikanischen Republik folgt drei Studenten in der Universität von Bangui. Der Dokumentarfilm ist bewusst persönlich gehalten; sein Regisseur ist selbst einer der Studenten. Eine neue Verantwortung für die Zukunft wird eingefordert, auch dass die älteren Generationen die Jungen an der Gestaltung teilhaben lassen sollen.

Der nigerianische Filmemacher Ike Nnaebue zeigt in „No U-Turn“, was es bedeutet, dass die Migration in Afrika ein beständiges Thema ist. Viele Menschen befinden sich auf dem Weg nach Europa; sie suchen nach besseren Lebensbedingungen, oft aber auch nach einer neuen Heimat in einem anderen afrikanischen Land. Ike Nnaebue greift dabei auf eigene biografische Erfahrungen zurück.

Immer wieder dominiert der Blick auf Familie und Beziehung, häufig aus explizit weiblicher Perspektive, etwa in dem spanischen Drama „Cinco lobitos“, in dem ein junges Paar, das gerade ein Kind bekommen hat, seine Partnerschaft im Spiegel der Beziehung ihrer Eltern betrachtet; oder in „The Apartment with two Women“ (Korea 2021), wo es um eine zerstörerische Mutter-Tochter-Beziehung geht.

Die „Berlinale“ 2022 ist ein Festival des „social distancing“ und zugleich eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Viele Geschichten, die Bilder von Menschen und ihren Schicksalen, ob im Dokumentar- oder Spielfilm, wirken lange nach. Begegnungen während des Festivals finden nur geplant und im kleinen Rahmen statt, aber die Filme führen mich in die globale Weite ganz unterschiedlicher Weltregionen, konfrontieren mich mit anderen Kulturen und Denkweisen und lassen Leben in seiner ganzen Vielfalt deutlich werden – spirituell, menschlich, sozial.

Preisträger der Ökumenischen Jury: "Un año, una noche" (Berlinale 2022/Una Noche la Pelicula)
Preisträger der Ökumenischen Jury: "Un año, una noche" (© Berlinale 2022/Una Noche la Pelicula)

Die drei Preisträger der ökumenischen Jury (Wettbewerb: „Un año, una noche“, Panorama: „Klondike“ und Forum: „Geographies of Solitude“) zeigen die Ambivalenz des Lebens und regen an, sich mit dem Schicksal von Menschen und ihrem Handeln zu identifizieren und auseinanderzusetzen: Wie nach dem Verlust durch einen terroristischen Anschlag wieder Liebe und Neuanfang möglich werden, wie inmitten von Zerstörung durch Hass und Gewalt sich Leben behauptet und wie menschliche Maßlosigkeit und Umweltzerstörung auf die Bewahrung und Respektierung des natürlichen Gleichgewichts treffen.

Schön, dass wir hier sein konnten: im Kino, vor Ort!

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