© Woche der Kritik ("Nosferasta: First Bite")

"Woche der Kritik" - Seele, Geist und Körper

Mittwoch, 09.03.2022

Notizen und Reflexionen zur „Woche der Kritik“ 2022, bei der es auch um den durch Corona besonders augenfälligen Stillstand der (Film-)Kultur ging

Diskussion

Nach zwei Jahren des ausgebremsten Kinobetriebs besitzt die Suche nach Wegen aus dem Stillstand hohe Priorität. Dieses Thema stand auch im Zentrum der im Februar ausgerichteten „Woche der Kritik“, bei der die Rolle der Kulturkritik als wichtiges Element des Neuanfangs analysiert wurde. Die Veranstaltung präsentierte sich mit klugen Einwürfen und Zwischenpositionen.


Zwei Jahre dauert der Stop’n’Go-Kinobetrieb nun schon an. Das hat Spuren hinterlassen, bei Filmschaffenden, der Branche, dem Publikum und der Kritik gleichermaßen. Der Gedanken- und Spannungsraum, den die diesjährige Ausgabe der Berliner „Woche der Kritik“, veranstaltet vom Verband der deutschen Filmkritik, aufmachte, fühlt sich in diesem Kontext sehr passend an Die Frage „Stillstand verboten? – Welche Fortschritte das Kino braucht“ stand über der Eröffnungskonferenz in der Akademie der Künste. Das Filmprogramm lief anschließend vom 10. bis 17. Februar im Kino Hackesche Höfe.

Die Erfahrung des Stillstands habe mit der Pandemie eine neue Qualität erreicht, so Dennis Vetter vom Kuratorenkollektiv in seiner Begrüßung. Diese neue Form des Stillstands werfe deshalb auch die Frage auf, ob sich damit automatisch auch die Qualität des Fortschritts verändert habe. Diese allgemein gehaltenen und in sich mehr als streitbaren Begrifflichkeiten wurden sowohl auf der Tagung als auch in den Panelgesprächen zu den Filmprogrammen immer wieder neu aufgegriffen, thematisch gefüllt und diskutiert.

"Nosferasta: First Bite" von xx (Woche der Kritik 2022)
"Nosferasta: First Bite" von Adam Khalil, Bayley Sweitzer (© Woche der Kritik 2022)

Die beiden Eröffnungsvorträge und die anschließenden Panels gaben zwei zentrale Perspektiven vor. Die Politikwissenschaftlerin María do Mar Castro Varela erörterte in ihrem Vortrag die Dialektik von Fortschritt und Stillstand und machte auf das zentrale Dilemma aufmerksam, das die beiden Zustände miteinander verknüpft: weder pauschale Ablehnung noch pauschale Zustimmung seien zielführend, da diese immer ins Dogmatische drifteten.

Varela griff Fortschritt gleich zu Beginn als zwiespältiges Konzept auf, das zwar Entwicklung und Evolution bedeutet, andererseits aber immer auch ökonomische Implikationen enthalte. In einem weiten Bogen von Sigmund Freuds Essay über das Unheimliche, die Dialektik von Fortschritt und Stillstand sowie die Fähigkeit der Kunst, als Medium für ideenreichen Aktivismus aufzutreten, umriss sie ein recht plastisches Modell, das sowohl die aktuelle weltpolitische Lage als auch die Situation von Kunst und Kultur begreifbar machte.


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Die Aufklärung habe Hoffnung als Größenordnung verdrängt und Platz für sentimentale Nationalismen gemacht. Fortschritt ziehe sich als ein Schreckgespenst durch die Geschichte und sei schon immer zur Rechtfertigung für Gewalt herangezogen worden – die Unterwerfung der „Neuen Welt“, Kriege im Namen der Kirche, die um sich greifende „White Supremacy“. Indirekt schloss Varela an die Argumentation an, die Raoul Peck in seinem jüngst veröffentlichten Vierteiler Rottet die Bestien aus! detailliert aufgeschlüsselt hat. Kunst und Kultur kommt in diesem Zusammenhang eine wichtige Vermittler- und Vorbildrolle zu, weil sie die gängigen Rollenbilder prägen.

Der Film „Nosferasta: First Bite“ von Adam Khalil, Bayley Sweitzer und Oba C. griff dies im Kinoprogramm der „Woche der Kritik“ wieder auf. Darin ist Christoph Kolumbus ein Vampir, der sich in der Karibik wortwörtlich durchbeißen muss und den Indigenen Oba zu seinem untoten Erfüllungsgehilfen macht. „We are aliens here – we can do anything“, verkündet Kolumbus zu Beginn siegessicher. In einer zweiten, halbdokumentarischen Erzähllinie versucht Oba in der Jetztzeit seine Greencard zu verlängern, wobei er an der Willkür der US-amerikanischen Bürokratie immer wieder zu scheitern droht.

Im Zusammenspiel aus Dokumentarischem und Fiktion entsteht in „Nosferasta: First Bite“ ein Resonanzraum, der Geschichte und deren Nachhall übereinanderlegt und so Diskrepanzen aufdeckt. Für Oba klingt Kolumbus’ Ausspruch wie der pure Hohn; für ihn ist der Seefahrer kaum mehr als ein Pirat. Machtstrukturen sind imminenter Bestandteil von Fortschritt – diese Feststellung aus der Konferenz hallte auch im Filmprogramm wider.


Festivals als Machtgeste

In der ersten Diskussionsrunde schloss Cíntia Gil, die ehemalige Festivalleiterin bei Doclisboa und Sheffield DocFest, an Varelas Ausführungen an. Festivals seien immer auch eine Machtgeste. Daher sei es gerade jetzt wichtig, sich die Strukturen und Gefälle zwischen großen Festivals wie etwa der „Berlinale“ und kleinen, regionalen Festivals, Kommunalkinos und Filmclubs bewusst zu machen. Der Ruf nach einer Fortführung der digitalen Ergänzungen bei großen Festivals habe immer auch Auswirkungen auf kleinere Unternehmungen und müsse deshalb im Zusammenhang des Ökosystems Kinokultur betrachtet werden. Interessant an Gils Haltung war vor allem ihre undogmatische Herangehensweise: Sie selbst habe ihr eigenes Festival während des Lockdowns auch digital überbrückt, weil es ums schiere Überleben ging. Sie habe größten Respekt vor denjenigen Festivals, die eisern an Vor-Ort-Strategien festhielten und damit auch Absagen in Kauf nahmen.



Gils Ausführungen machten deutlich, welche gedankliche Flexibilität die letzten beiden Jahre von Festival- und Kinomachern verlangt haben, um abschätzen zu können, ob ein Festival digital, hybrid oder analog zu organisieren sei. Denn es hängen eben nicht nur persönliche Befindlichkeiten und vielleicht auch Bequemlichkeiten Einzelner davon ab, sondern ein ganzes System aus Kulturschaffenden, die durch unbedachte Entscheidungen schlichtweg ausgeschlossen werden – nicht nur von Verwertungsketten, sondern auch von der Möglichkeit, Kino- und Filmkultur jenseits großer Events zu praktizieren.


Neue mediale Formen der Kritik gefordert

Die Rolle der Filmkritik an diesem Ökosystem diskutierte der Filmkritiker Georg Seeßlen im zweiten Vortrag des Abends. Er rief darin zur Solidarität der Filmkritiker untereinander auf, um sich einerseits als ökonomische und politische Player positionieren und gemeinsam auf die mediale Entwicklung reagieren zu können, etwa in neuen Kritikformaten, welche die neuen Medien mitdenken und das Publikum auf Augenhöhe und in der jeweiligen Mediensozialisierung treffen. Seeßlen konnte zwar nicht persönlich an der Tagung teilnehmen, steuerte jedoch einen Videoessay zum Verhältnis von Filmbranche, Filmkritik und Filmkultur bei – und versuchte darin zugleich, seine eigene Forderung nach neuen medialen Formen der Kritik umzusetzen.

Er stellte eine der wichtigsten Fragen des Abends: „Wie können Kritiker von Kritik leben, ohne ihre Seelen zu verkaufen?“ Denn, so Seeßlen, Filmkritik rücke in den letzten Jahren immer weiter von der Filmkultur ab – in Richtung Filmmarketing. Das mag überspitzt klingen, ist aber nicht ganz von der Hand zu weisen, das servicejournalistische Texte, also schlichte „Daumen hoch“- oder „Daumen runter“-Statements, einfacher zu vermarkten sind als komplexe Diskurse, die Branche, Ästhetik und Publikum zusammendenken.

Seeßlen machte die Dialektik zwischen Meinungen und Möglichkeiten auf, die zwischen der Popularisierung und der Demokratisierung von Kritik unterscheiden: Meinung allein macht noch keine Kritik aus – ein wichtiger Punkt, einerseits in Hinblick auf viele selbsternannte Experten, die sich in den immer unübersichtlicheren Online-Medien tummeln, andererseits vor allem auch hinsichtlich des Selbstverständnisses von Kulturkritik. Deren Rolle solle immer die der Vermittlerin sein, die dem Publikum nicht einfach die Meinung aufdrückt, sondern dieses vielmehr befähigt, eine eigene Meinung zu entwickeln und an Diskursen teilzunehmen.


Die Filme verlangen Analyse und Diskussion

Das Filmprogramm der Woche der Kritik ist genau auf diese Stärke der Kulturkritik ausgelegt – die oft hermetisch wirkenden Filme verlangen regelrecht nach Analyse und Diskussion. Etwa wenn der brasilianische Experimentalfilmer Júlio Bressane in seinem Film „Capitu and the Chapter“ den brasilianischen Klassiker „Don Casmurro“ von Joaquim Maria Machado de Assis frei assoziierend adaptiert. Einem europäischen Publikum wird der Roman über Eifersucht und Verfolgungswahn kaum geläufig sein, doch in den tableauartigen Szenen stellt Bressane Romanfiguren und Elemente der lateinamerikanischen Telenovela einander gegenüber und schafft auch so Ansatzpunkte, um seine Diskussion zu entschlüsseln. Romanklassiker und populäre Seifenopern kommen damit in einen Dialog. Für Seeßlen wäre dies zudem Ausgangspunkt für eine politische Diskussion von Kultur und deren Bedeutung in der gesellschaftlichen Selbstreflexion: Auch Unterhaltung ist politisch und muss im gesellschaftlichen Zusammenhang betrachtet werden. Kulturkritik kann hier Verbindungslinien aufzeigen und Diskurse anstoßen.

"Capitu and the Chapter" von (Woche der Kritik 2022)
"Capitu and the Chapter" von Júlio Bressane (© Woche der Kritik 2022)

Seeßlen fasste dies in einem schönen Bild zusammen: „Wenn das Filmemachen die Seele der Filmkultur ist, dann ist die Filmkritik ihr Geist. Beide sind nichts ohne den Körper, also das Publikum.“ Diese Rückbesinnung auf die drei Hauptakteure im Austausch über Film sei nicht nur unter dem Gesichtspunkt einseitiger Sendungsrollen zu sehen oder als ökonomische Abhängigkeit, sondern als wechselseitige Bereicherung.

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