© El deseo/Studiocanal 2021

Neuer Kinotipp: "Parallele Mütter" von Pedro Almodóvar

Mittwoch, 16.03.2022

Ein vielschichtiges Melodram über die biologischen, sozialen und psychologischen Facetten von Mutterschaft, festgemacht an der Geschichte einer komplexen Frauenfreundschaft

Diskussion

Neuer Kinotipp der Katholischen Filmkritik: „Parallele Mütter“ von Pedro Almodóvar handelt von zwei Frauen, die sich in der Geburtsklinik anfreunden, später aber feststellen, dass ihre Kinder vertauscht wurden. Ein vielschichtiges Melodram über biologische, soziale und psychologische Facetten von Mutterschaft.


Eine schwangere Fotografin lernt auf der Geburtsstation eine junge Frau kennen, die fast noch ein Kind ist und nach einer Vergewaltigung durch eine Männerhorde ebenfalls ein Baby erwartet. Die beiden freunden sich an, verlieren sich nach der Entbindung aber wieder aus den Augen. Bis die Fotografin herausfindet, dass ihre Kinder in der Klinik vertauscht wurden.

Der spanische Regisseur Pedro Almodóvar ist ein Meister der bewegten Tragödie, bei der sich über melodramatische Schicksalsverflechtungen immer wieder neue Erzählebenen eröffnen. So handelt „Parallele Mütter“ von ganz unterschiedlichen Facetten des Mutterseins, aber auch von abwesenden Vätern, wobei das Private und politisch-historische Zusammenhänge eng miteinander verknüpft sind. Über die unterschiedlichen Mutterfiguren und die vielfältigen Mutter-Töchter-Beziehungen werden nicht nur Fragen nach biologischer, familiärer und gesellschaftlicher Identität überraschend neu und kontrovers gestellt, sondern auch kollektive Prozesse, die Feigheit und das Versagen ganzer Generationen angeschnitten.

Eine vaterlose Gesellschaft: "Parallele Mütter" (El deseo/Studiocanal 2021)
Eine "vaterlose" Gesellschaft: "Parallele Mütter" (El deseo/Studiocanal 2021)

Souverän thematisiert der Film grundlegende Zusammenhänge des persönlichen, gesellschaftlichen und politischen Miteinanders, wobei die Frage nach der Wahrheit von Beziehungen, von Lebensentwürfen und -läufen im Zentrum steht. In den auf die eine oder andere Weise allesamt beschädigten Beziehungen der Figuren geht es darum, die Wahrheit offenzulegen und sich den daraus erwachsenden, oft auch schmerzhaften Einsichten zu stellen. Dazu zählt dann auch die Wahrheit über den spanischen Bürgerkrieg und den Terror der Franco-Herrschaft.

Die Jury würdigt in ihrem Votum insbesondere die visuelle Schönheit von „Parallele Mütter“, die Farben der Räume und der Kleidung sowie das warme Licht, das die Gesichter der Menschen zum Leuchten bringt. Die Meisterschaft im Umgang mit den filmischen Mitteln steht erkennbar im Dienst der Inszenierung, die das Melodram zur Geschichtsstunde weitet und die Darsteller:innen befähigt, ihre Figuren mit einer tiefen Menschlichkeit auszugestalten.

„Parallele Mütter“ handelt von schmerzhaften Reifeprozessen, in denen es um die Anerkennung von Schuld, um Scham und Schmerz, Ehrlichkeit und Wahrheit, aber auch um Versöhnung und Vergebung geht. Das rätselhafte, magisch-realistische Schlussbild, in dem die Lebenden und die Toten vereint sind, bleibt nachdrücklich im Gedächtnis.

Parallele Mütter“ läuft seit 10. März 2022 in den Kinos.



Der Kinotipp der Katholischen Filmkritik“ ist ein Qualitätssiegel, mit dem Filme hervorgehoben werden, die in besonderer Weise religiöse Themen aufgreifen, von menschlichen Nöten, Sorgen und Hoffnungen erzählen, Antworten auf existenzielle Fragen formulieren oder gegen den Status quo einer selbstzufriedenen Welt aufbegehren.

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