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Anleitung fürs Leben - Mike Mills

Freitag, 25.03.2022

Der amerikanische Filmemacher Mike Mills spürt in seinen Filmen einer inneren Weltfremdheit nach

Diskussion

Der 1966 geborene US-Filmemacher Mike Mills erzählt von Figuren, die ihre Überforderung mit dem Alltag verbindet. In seinem neuesten Werk Come on, Come on(seit 24. März im Kino) ist es die Beziehung zwischen einem Radioreporter und seinem neunjährigen Neffen, die sich bei einer Interviewtour durch die USA behutsam entfaltet. Wie in allen seiner bislang vier Spielfilme beschreibt Mills spielerisch und mit viel Sensitivität die Suche nach Orientierungspunkten in einer überfordernden Welt.


Als der Mittdreißiger Oliver merkt, dass er sich in die Schauspielerin Anne verliebt, gerät er ins Schleudern. Gerade ist sein Vater gestorben, und er weiß nicht recht, wie er mit dem Gefühlskonflikt zwischen Trauer und Verliebtheit umgehen soll. „Es ist, als hätte ich die Bedienungsanleitung verloren. Oder als hätte ich nie eine gehabt“, sagt er mutlos zu seinem Hund Arthur. Der schaut betrübt. „Wir haben gewusst, dass es nicht klappt, noch ehe wir sie kennenlernten“, entgegnet er geknickt. Natürlich spricht der Jack Russell Terrier nicht wirklich, er ist kein Gesprächspartner im engen Sinne, jedoch ein Ansprechpartner für Oliver, wenn der nicht mehr weiterweiß. In den Untertiteln imaginiert der amerikanische Filmemacher Mike Mills in Beginners (2010) die Antworten des Hundes.

Diese fehlende Bedienungsanleitung für das Leben ist es, was die Figuren in seinen Filmen vermissen. Auf den ersten Blick sind sie allesamt unglücklich: der unsichere Teenager Justin in Thumbsucker (2005), der immer seine Überforderung mit dem Leben kompensiert, indem er an seinem Daumen nuckelt; eben jener Oliver, der versucht, seine Einsamkeit durch eine Beziehung zu betäuben; die alleinerziehende Mutter Dorothea in Jahrhundertfrauen (2016), die ihren Sohn Jamie zu einem anständigen Mann erziehen will und immer mehr das Gefühl hat, dass ihr alles entgleitet; der Radiojournalist Johnny, der in Come on, Come on (2021) auf seinen neunjährigen Neffen Jesse aufpassen soll, diesen kurzerhand mit auf eine Recherchereise nimmt und währenddessen die schwierige Familiengeschichte aufzuarbeiten versucht.

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Am Leben knabbern

Sie wissen meist nicht, dass sie auf der Suche nach einer Bedienungsanleitung sind. Ihre ausgeprägte Sensibilität lässt sie jedoch an Beziehungen, am viel zu schnellen Alltag, kurzum: am Leben knabbern. Der Versuch, sich in ein nicht näher definiertes normales Leben einzufügen, muss gerade deshalb scheitern: Niemand hat eine Anleitung, und alle tun dennoch ihr Bestes, willkürlichen Regeln zu entsprechen und ihr Umfeld bei derselben Aufgabe zu unterstützen.

Mike Mills mit Joaquin Phoenix beim Dreh von „Come on, Come on“ (© DCM/Kyle Bono Kaplan)
Mike Mills mit Joaquin Phoenix beim Dreh von „Come on, Come on“ (© DCM/Kyle Bono Kaplan)

Justins Zahnarzt etwa versucht in „Thumbsucker“, ihn mithilfe von Hypnose mit seinem „Spirit Animal“ in Kontakt zu bringen und so seine Unsicherheiten im Umgang mit Menschen im Allgemeinen und Mädchen im Besonderen zu mildern. Dass Dr. Lyman der Sportrivale seines Vaters ist, trägt nicht dazu bei, dass Justin sich entspannen kann, und ein Angriff auf den Arzt lässt seine Eltern nach einer medikamentösen Lösung suchen. Ritalin soll helfen und scheint auch einen direkten Effekt zu haben: War Justin zuvor noch zu schüchtern, um im Debattierclub seinen Standpunkt klarzumachen, wird er nun innerhalb kürzester Zeit die Nummer Eins des Schulteams und führt es in die nationalen Meisterschaften.

Seine Persönlichkeit und seine eigentlichen Interessen rücken nun in den Hintergrund, aber das fällt seinem Umfeld kaum auf, denn Justin funktioniert ja im Rahmen der gesellschaftlichen Normen wie ein Uhrwerk. Dass selbst seine Eltern weiterhin nach Kompensationsstrategien suchen, um diesem inneren Druck standzuhalten, rationalisieren sie zu fadenscheinigen Ausreden: Mutter Audrey etwa hat einen jahrelangen Celebrity-Crush auf den Schauspieler Matt Schramm und ist deshalb besessen von einem Gewinnspiel auf der Rückseite einer Müslipackung, das ein Date mit ihrem Idol verspricht. Dass sie sich für die Bewerbungsfotos extra neue Kleidung kauft, scheint nur Justin merkwürdig vorzukommen. Vater Mike hat schon kapituliert und sich in den Sportwettkampf mit Dr. Lyman verbissen.


Bewältigungsstrategien

Was in Thumbsucker in weiten Teilen noch satirisch überhöht ist, entwickelt Mike Mills in seinen späteren Filmen zu melancholisch-witzigen Familiendramen, die sich nicht mehr auf die Absurdität der äußeren Bedingungen konzentrieren, sondern die Bewältigungsstrategien der Figuren ins Zentrum rücken. Bereits in Beginners skizziert Mills daher die Außenwelt seiner Figuren immer wieder in schnellen Bildabfolgen, die eine gewisse Vergleichbarkeit erzeugen: der Sternenhimmel in einem bestimmten Jahr, der amtierende Präsident, die Schönheitsideale, die damals geltenden Rechte, oder vielmehr: Unrechte, für Homosexuelle.

Sinnbild der Unsicherheiten: Lou Taylor Pucci in „Thumbsucker“ (© Splendid)
Sinnbild der Unsicherheiten: Lou Taylor Pucci in „Thumbsucker“ (© Splendid)

Olivers Vater Hal nämlich hat sich erst wenige Jahre vor seinem Tod geoutet – nach 44 Jahren Ehe konnte er erst nach dem Tod seiner Frau zu seiner Sexualität stehen. In Rückblenden erinnert Oliver sich beinahe neidisch an den Vater und wie er seine neu gewonnene Freiheit wie ein Jugendlicher erkundet und auslebt. Er selbst ist 38 und kommt sich albern vor, weil er sich in diesem Alter wie ein Teenager neu verliebt, erzählt er einem Freund. Hal jedoch lebt vor, dass es nie zu spät dafür ist, die scheinbar fehlende Bedienungsanleitung für das Leben einfach selbst zu schreiben und immer wieder neu zu gestalten.

Mills greift hier Persönlichkeiten aus seinem eigenen Leben auf und versucht, wie er sagt, diese in seinen Filmen zu umkreisen und besser zu verstehen. Mit Hal erzählt er das zweite Leben seines Vaters. Er besteht jedoch in Interviews darauf, dass seine Filme zwar autobiographisch inspiriert seien, aber keine Memoiren. „Filme sind keine Therapie für mich. Ich teile gerne meine persönliche Perspektive, weil ich finde, dass diese den Film auflädt. Filme, die ich mag, neigen zu ähnlichen Vorgehensweisen.“


Punk und Bücher zur Selbstverortung

Die selbst gestaltete Bedienungsanleitung für das Leben erschließen sich seine Figuren dann auch oft aus scheinbar willkürlich zusammengewürfelten Medien: Dorotheas Sohn Jamie in Jahrhundertfrauen etwa versucht, sich Ende der 1970er-Jahre mit Punk selbst zu verorten. Die Gemeinschaft, die Dorothea in ihrem Haus versammelt hat, fungiert dabei als Wahlfamilie: Abbie, eine Fotografin, die sich die Haare rot gefärbt hat, um David Bowie in Der Mann, der vom Himmel fiel (1976) zu ähneln – einem humanoiden Alien, der versucht, sich auf der Erde zurechtzufinden. Dessen Außenperspektive ist sicherlich keine subtile Metapher auf das Teenager-Dasein. Mills tippt solche Referenzen nur in Nebensätzen oder im Bildhintergrund an, um seine Figuren zu verorten, spannt ihnen damit jedoch ein selbst gewobenes Sicherheitsnetz auf.

Wie in „Jahrhundertfrauen“ betrifft die Suche nach Selbstverortung alle Generationen (© Splendid)
Wie in „Jahrhundertfrauen“ betrifft die Suche nach Selbstverortung alle Generationen (© Splendid)

Hal ist in „Beginners“ nach seinem Coming-out regelrecht besessen davon, Bücher zu kaufen, auch Oliver und Anne gehen regelmäßig in Buchhandlungen und suchen nach alten und neuen Inspirationen für ihr Leben – Künstlerbiografien, Lebensratgeber und Bildbände stehen hier gleichwertig nebeneinander. In „Jahrhundertfrauen“ beginnt Mills, diese kulturelle Verortung auch auf formaler Ebene in seine Filme zu verweben: Abbie empfiehlt Jamie Klassiker der feministischen Literatur, um ihm zu helfen, Frauen besser zu verstehen und so ein Mann zu werden. Liest Jamie in einem der Bücher, blendet Mills den Titel jeweils ein, als Fußnote und Index seines Lebens.

All diese Spuren und formalen Fährten führt er in seinem jüngsten Film Come on, Come on zu einer dichten Bild-, Ton- und Referenzcollage zusammen: Jesses Mutter Viv könnte beinahe Abbys Alter Ego sein, führt Jesse an Punk und Literatur heran, zeigt ihm, wie sie zu lauter Musik wild zappelnd Alltagssorgen abschüttelt. Hatte Oliver in Beginners bereits für seinen zuletzt schwer kranken Vater Tonaufnahmen aller Unternehmungen seiner Freunde gemacht, wird diese Herangehensweise für Johnny und Jesse in „Come on, Come on“ zum vordersten Prinzip beim Versuch, die Welt zu entdecken und zu verstehen: Sie erschließen sich die Welt vor allem auf der Tonebene. Um eine Verbindung mit Jesse aufzubauen und ihn zu unterhalten, gibt Johnny ihm sein Aufnahmegerät. Der Junge läuft fortan mit Mikro und eingestöpseltem Kopfhörer durch die Welt und fängt oft den Sound der Stadt ein, bevor er sie sieht: Das Rollen von Skateboards, den Wind, der um Straßenecken pfeift, die Unterhaltungen vorbeigehender Menschen.


Spielerische Weltverständnisse

Johnny und Jesse machen auch jenseits ihrer Aufnahmesessions ständig Geräusche: Sie klopfen auf Tische, verformen mit den Händen ihre Lippen, während sie Wörter bilden, und verzerren diese bis zur Unkenntlichkeit. Sie klopfen spielerisch das von der Gesellschaft bereitgestellte Instrumentarium zur Erfassung der Welt ab, dehnen es aus, setzen es selbst neu zusammen. Jesses etwas skurrile Angewohnheit, sich vor dem Schlafengehen in einem Rollenspiel als Waise zu inszenieren, die um einen Platz für die Nacht bittet, wird in diesem spielerischen Weltverständnis nachvollziehbar: In kleinen Szenen probiert er sich für die reale Welt aus, um zu sehen, welche Verhaltensweisen für ihn funktionieren.

EIn Hund wird in „Beginners“ zum Ansprechpartner im Gefühlskonflikt (© Universal)
EIn Hund wird in „Beginners“ zum Ansprechpartner im Gefühlskonflikt (© Universal)

Die Konservierung des Erlebten auf Tonband macht zudem das fluide Verhältnis von Erinnerung und neuem Welterleben deutlich. In einem herzzerreißenden Moment fragt Jesse seinen Onkel: „Werde ich mich an all dies erinnern?“ Denn für ihn findet die Realität vornehmlich im Hier und Jetzt statt. Erinnerung ist noch ein abstraktes Konzept. Mike Mills lotet dieses Verhältnis immer wieder neu aus: Persönliche Erinnerungen an reale Personen treten so in einen Dialog mit fiktionalen Figuren. Die Zeit, in der diese realen Personen lebten, kommuniziert damit automatisch mit der Entstehungszeit des Films – und in einem weiteren Schritt mit der Zeit, in der das Publikum sich auf diesen einlässt.

Kino, wie Mike Mills es konstruiert, wird so zu einem gemeinsamen Erinnerungsraum, der bis in die Jetztzeit reicht: „Erinnerung ist eine der wertvollsten menschlichen Verhaltensweisen. Gemeinsames Erinnern, das ist Liebe, intimer und bedeutungsvoller kann es nicht werden.“

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