© imago/Photopress Müller (Lars Montag)

Nicht alles märchenhaft verpacken! - Lars Montag

Mittwoch, 30.03.2022

Ein Gespräch mit dem Regisseur Lars Montag über den Kinderfilm „Ich schwör’s, ich war’s nicht!“ von Philippe Falardeau, der ihn in seinem eigenen Filmschaffen nachdrücklich inspiriert hat

Diskussion

In Kinderfilmen ist oft alles ein bisschen bunter und sonniger, wie in luftiges Papier verpackt. Die „Süßstoff-Methode“ nennt das der Regisseur Lars Montag, die den Geschichten ihre Eigenheit raubt und weder die Figuren noch das junge Publikum ernst nimmt. Wie es anders gehen kann, hat Montag vor vielen Jahren bei der „Berlinale“ erlebt, wo ihn der kanadische Film „Ich schwör’s, ich war’s nicht“, der am Ende den „Gläsernen Bären“ gewann, so nachhaltig in Bann zog, dass er für sein eigenes Filmschaffen daraus viel abgeleitet hat.


Gibt es einen Kinderfilm, der Sie besonders beeindruckt hat?

Lars Montag: Oh ja, und das war auch noch ein echter Überraschungstreffer. Auf der „Berlinale“ 2009 konnte man nur schwer an Karten zu kommen. Es gab nur noch etwas für den Kinder- und Jugendfilmbereich im Haus der Kulturen der Welt. Da bin ich dann in einem Film gelandet, nur weil Patrick Watson, den ich ganz toll finde, die Musik gemacht hat. Ich wusste nichts über den Film und saß also im großen Saal in der „Schwangeren Auster“ mit vielen Kindern, und sah einen Film, von dem ich es nicht für möglich gehalten hätte, dass es das als Kinderfilm gibt, nämlich „Ich schwör’s, ich war’s nicht“ (Kanada 2008) von Philippe Falardeau. Das ist ein Film über einen Jungen, der eigentlich am liebsten sterben möchte, weil das Leben so gemein ist und er es nicht mehr aushält. Das Kinderpublikum ist total mitgegangen. Das war ein Kinderfilm auf einem ganz anderen Niveau, sowohl was die Farbkonzeption, was die Zeichnung der Kinderfiguren als auch der Erwachsenenfiguren betrifft. Auch in der Ernsthaftigkeit der Musik; Watson hat nämlich gar keine Kinderfilmmusik gemacht. Natürlich hatte auch dieser Film – wie jeder Kinderfilm – ein Happy End. Das ist nur angedeutet, aber doch recht eindeutig: Der Junge darf den Tod finden.

Ein „anderes“ Happy-End: „Ich schwör’s, ich war’s nicht!“ (Véro Boncompagni)
Ein „anderes“ Happy-End: „Ich schwör’s, ich war’s nicht!“ (© Véro Boncompagni)


Oh, das ist in der Tat mehr als ungewöhnlich für einen Kinderfilm. Die erste Frage, die Eltern da wohl stellen würden: Wird das so thematisiert, dass es nicht als Lösung für das Publikum stehen bleibt?

Montag: Es ist die Lösung seines individuellen Problems. Der Film verherrlicht nicht den Tod, der Film ist mit Sicherheit nicht suizidfördernd, sondern es ist ein Film über die Höhen und Tiefen des Lebens und dass da alles seine Berechtigung hat.


Verraten Sie ein paar Aspekte der Handlung?

Montag: Der Junge hieß Leon und lebte in einer schwierigen Familie, in der sich die Eltern immer stritten. Um Aufmerksamkeit zu erhalten, erfindet er irrwitzige Lügengeschichten, bewirft das Nachbarhaus mit Eiern, fackelt die Wohnung ab oder will sich das Leben nehmen. Was man in diesem Alter halt so macht. Es gibt aber auch ein Mädchen in der Nachbarschaft, Lea, die ihn interessiert. Doch dann haut die Mutter wirklich ab, nach Griechenland, und der Vater kommt mit der Situation nicht klar. So ungefähr.


Sie haben einige formale Dinge genannt, die Sie besonders berührt haben, die Farbgebung und auch die Figurenzeichnung. Könnten Sie das etwas genauer benennen? Was ist Ihnen davon im Gedächtnis geblieben?

Montag: Ich glaube, Kinder wie Erwachsene verbindet, dass wir die Dramen unserer Nachbarn, die über, unter und neben uns wohnen, nicht wirklich sehen wollen. Um für diese Dramen dennoch empfänglich zu bleiben, empfiehlt es sich, eine gewisse Entrücktheit, eine Art Hyperrealität oder einen bestimmten Abstand herzustellen. Wir Deutsche schauen im Kino oder auch im Fernsehen viel lieber einen Film über ein Drama in England oder in der USA als eines, das in Deutschland spielt. Wenn es schon hier bei uns sein muss, hilft es natürlich, das Ganze etwas historisch zu relativieren und in die Vergangenheit zu verlegen. So kann ich einen Film als Historie annehmen und mir Dinge herauspicken und sie ins Hier und Heute und auf mein eigenes Leben übertragen. Das macht auch „Ich schwör’s, ich war’s nicht!“. Der ist so angenehm aus der Zeit gefallen und spielt in den späten 1960er-Jahren. Durch die Ausstattung, das Setting und die Szenerie, die der Film entwirft, entsteht eine in sich total stimmige Welt, aus der ich mir als Zuschauer, auch als junger Zuschauer, durchaus eckige und kantige Erzählelemente herauslösen und auf mein Leben übertragen kann. Das hat hier einfach wahnsinnig gut funktioniert, bei mir und bei all den Kindern, die da um mich herumsaßen.

Catherine Faucher, Antoine L’Ecuyer in „Ich schwör's, ich war’s nicht!“ (Véro Boncompagni)
Catherine Faucher, Antoine L’Ecuyer in „Ich schwör's, ich war’s nicht!“ (© Véro Boncompagni)


Wie hat sich das geäußert, dass die Kinder so mitgegangen sind? Wie haben Sie das wahrgenommen? Das ist bei diesem Inhalt ja vielleicht durchaus kompliziert.

Montag: Der Film ist nicht als Drama erzählt. Sondern als eine Art Abenteuergeschichte, als eine Liebesgeschichte, vielleicht auch als Komödie und Freundschaftsgeschichte. Darin erinnert er fast an ein wenig „Stand By Me“ von Rob Reiner. In der Art und Weise, wie das Thema mit einer völlig fremden Erzählmechanik entfaltet wird. Ich habe verstanden, dass man mit dieser Dramaturgie eines Abenteuerfilms, einer Freundschaftsgeschichte oder den komischen Momenten auch so ein unfassbar drastisches Thema für ein junges Publikum erzählen kann.


Würden Sie sagen, dass diese Perspektive einen Effekt für Ihre eigenen Filme hatte?

Montag: Ja, unbedingt. „Ich schwör’s, ich war’s nicht“ ist wirklich einer der Filme, der für mich zu einem Leuchtturm wurde. Eigentlich ist das ein bisschen wie „Der Eissturm“ von Ang Lee für Kinder, da gibt es große Parallelen. Auch, was so die Aufgeräumtheit angeht, wie mit Farben und Kostümen gearbeitet wird. Und sicher auch durch die zeitliche Entrückung! Dieses Verschieben ich in meinen Filmen nicht unbedingt historisch; bei „Einsamkeit und Sex und Mitleid“ oder aktuell in „Träume sind wie wilde Tiger“ werden die Welten in leichten Hyperrealismus versetzt. Es gibt einen wahrhaftigen Kern, aber wie bei einem Verstärker wird die Lautstärke ein bisschen höher gedreht.

Es ist diese Art und Weise der Entrückung, die ich bei zeitgenössischen Stoffen recht konsequent einsetze; das Publikum soll die Chance haben, das ins eigene Leben hereinzuholen, weil einem der Film nicht als Drama von nebenan aufs Auge gedrückt wird. Im Kinderfilm gibt es diese Süßstoff-Methode, alles ein bisschen bunter und ein bisschen sonniger zu machen, mit einer Art Rama-Licht eine verträumte, märchenhafte Atmosphäre zu entwerfen. Das finde ich persönlich gefährlich, weil man die Figuren nicht wirklich ernst nimmt – und weil das die Kinder auch nicht ernst nimmt. Es unterfordert sie, wenn alles in so einer Leichtigkeit und Süßlichkeit verpackt ist.

Das habe ich bei „Ich schwör’s, ich war’s nicht“ wirklich gemerkt: Es braucht das alles gar nicht. Es muss nicht alles so märchenhaft verpackt sein. Es muss nicht alles wahnsinnig bunt sein. Es braucht keine lustige Musik; Erwachsene müssen auch nicht beschwingten Schrittes reinkommen und übertriebene Kostüme anhaben. Es kann alles mit Realismus erzählt werden, solange die Erzählhaltung kindgerecht ist. Jedes Abenteuer ist kindgerecht! Jede Freundschaftsgeschichte ist kindgerecht, und jedes Lachen natürlich auch. „Ich schwör’s, ich war’s nicht“ ist außerdem ein wirklich cineastischer Film. In der Art und Weise, wie mit Kamera, Musik und Schnitt erzählt wird, bietet der Film Kindern den gleichen cineastischen Anspruch wie Erwachsenenfilme. Und das ist eine Sache, die ich im Kinderfilm oft vermisse.


Hinweis:

„Ich schwör’s, ich war’s nicht!“ (im Original: „C’est pas moi, je le jure !“) von Philippe Falardeau lief 2009 auf der „Berlinale“ und gewann den „Gläsernen Bären“ für den besten Spielfilm in der Generation Kplus. Er ist derzeit nur aus den USA beziehungsweise Kanada auf DVD zu beziehen.

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