Die große Stille

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Wer Schwimmen lernt will, muss sich irgendwann ins tiefe Wasser wagen. Alles Wissen über Dichte und Auftrieb, Atmung und Technik ersetzt nicht den einen Moment, in dem man sich vom Ufer abstößt und dem unbekannten Element überlässt. Mit Philip Grönings „Die große Stille“ mag es geneigten Zuschauern nicht anders ergehen: Auch hier wartet ein unbekanntes Terrain, das sich mental nur fragmentarisch erschließen lässt und dessen Wegzeichen zudem leicht in die Irre führen. Denn der 160-minütige Film widmet sich den Karthäusern, einem kontemplativen Orden, der nach frühmittelalterlichen Regeln ein strenges Leben abseits der Welt führt. Die ungewöhnliche Länge wie auch der poetische Titel deuten an, dass es sich hier um keine Dokumentation im traditionellen Sinne handelt. Vielmehr stimmt bereits die Eingangssequenz auf das ungewöhnliche Sujet ein: Wenn sich die Augen allmählich an das nächtliche Restlicht gewöhnt haben, zeichnen sich die Umrisse eines knienden Mönches ab, der regungslos ins Gebet versunken scheint. Im Vordergrund knackt ab und an Holz in einem eisernen Ofen – sonst passiert nichts. Nach einer kleinen Ewigkeit hört man eine Turmuhr schlagen. Der Mann erhebt sich und schlägt mit weit ausholenden Bewegungen ein Kreuz, dann rafft er seine Kutte und verschwindet aus dem Blickfeld der starren Kamera.

Obwohl sich die folgenden Szenen fast zu einer kleinen Chronologie reihen, bleibt ihr nicht-narrativer Charakter doch offenkundig. Vom Kreuzgang aus blickt man durch einen Türspalt in die Klosterkirche, wo ein Mönch darauf wartet, die Glocke zu läuten. Auf ihren Klang hin strömen andere herbei und verschwinden im Innern des Gebäudes. All dies geschieht im Schweigen und in Echtzeit, gruß-, wort- und außerdem völlig kommentarlos, als sei jedermann mit den geschilderten Abläufen vertraut. In der Ferne flackert ein rotes Licht durchs finstere Kirchenschiff, das nun vom weichen Klang gregorianischer Choräle durchflutet wird. Die lateinischen Gesänge nehmen der Dunkelheit ihre Schwere, und bald lauscht man von einer Empore hinab ins Chorgestühl, wo vereinzelt schwache Leselampen an- und ausgeknipst werden, die riesige Gesangsbücher illuminieren.

Wenn man selbst ein Mitglied der „Grande Chartreuse“ im unwirtlichen Felsmassiv nahe Grenoble wäre oder zumindest die Gepflogenheiten solcher Orden kennen würde, ließe sich dies alles problemlos einordnen und in einem gewissen Sinne vielleicht sogar verstehen. Da dem aber nicht so ist, zwingt der Film zu einer fast sensualistischen Unmittelbarkeit, die Sinnfragen weitgehend ausklammert. Statt über das Leben der Karthäusermönche nachzudenken, folgt man beispielsweise einem alten Mann in seine Schneiderwerkstatt, wo er bedächtig den Stoff einer neuen Kutte glatt streicht und mit einer schweren Schere in Form schneidet.

Jede Bewegung strahlt dabei eine unangestrengte Gegenwärtigkeit aus, die von den Dinge im Raum reflektiert wird und noch im eigentümlichen Geräusch der Schere widerhallt. Ob in der Küche, im Garten oder bei der Verteilung des Essens: stets ist jeder Mönch für sich allein und widmet sich mit ungeteilter Aufmerksamkeit seiner Tätigkeit. Bis plötzlich wieder die Turmuhr schlägt und alle Arbeit zum Erliegen bringt. Egal, wo sich die einzelnen gerade aufhalten, sinken sie auf den Boden und verharren in Stille und im Gebet, sieben Mal am Tag jeder für sich und drei Mal gemeinsam in der Klosterkirche. Was kurios wirken könnte, wenn ein gestandener Mann neben seinem Handkarren das Knie beugt, fügt sich nahtlos in die Präsenz des Elementaren – von dem eine nachhaltige Faszination ausgeht. Alles scheint hier eine tiefe Ursprünglichkeit zu atmen und von einer natürlichen Schönheit durchdrungen zu sein. Hinzu kommt die stete Wiederholung, eine untergründige Rhythmisierung, die dem Klosterleben seine eherne Struktur verleiht und selbst noch den Wechsel der Jahreszeiten umfasst. Biblische Texttafeln memorieren wiederkehrende Sätze aus dem Stundengebet, in denen von der Anwesenheit Gottes im stillen Säuseln die Rede ist, oder davon, dass Gott die Mönche verführt habe – und diese sich von ihm verführen ließen.

Durch die mutige Dauer des Films vermittelt sich zumindest eine Ahnung von dieser Stetigkeit, wie Grönings Unterfangen generell nicht mehr als eine ästhetische Erkundung an der Grenze der monastischen Existenz sein will. Gerade darin liegt ihre Größe und Einzigartigkeit, die sich am ehestens mit Alexander Sokurows „Ein Leben in Demut“ (1997) oder Thomas Riedelsheimers „Sponsae Christi – Die Bräute Christi“ (fd 30 584) vergleichen lässt. Zwar nützt auch Gröning fünf mal drei pointierte Porträtaufnahmen der Mönche als Zwischenschnitte und bedient sich zweier neu aufgenommener Novizen, um feine Erzählfäden durch das filigrane Gespinst des Alltäglichen zu ziehen. Doch sind dies nicht mehr als Interpunktionen in einem fast strukturalistischen Film, der mit einer radikal unzeitgemäßen Lebensart konfrontiert. Dabei fällt weniger die zölibatäre Existenz noch der Verzicht auf zivilisatorische Annehmlichkeiten aus dem Rahmen, als vielmehr das der Gegenwart so konträre Schweigen der Mönche. Wo das moderne Bewusstsein gerade durch seine Entäußerung definiert ist, um sich selbst ansichtig zu werden, erscheinen die Karthäuser aus einer anderen Zeit zu kommen, in der sich das Ich noch nicht seiner Selbstsetzung und -bespiegelung im Medium der anderen verdankte. Selbst bei den sonntäglichen Zusammenkünften, wenn die Mönche einmal in der Woche gemeinsam essen und einen Ausflug in die menschenleere Umgebung ihres Klosters unternehmen, wirken ihre Konversationen fast beiläufig, als wäre alles Wesentliche längst gesagt.

Dass man diese exotische Welt nicht als partielle Zwangsneurose am Rande des Wahnsinns abtun kann, verdankt sich einer nachhaltigen Tuchfüllung: 19 Jahre lagen zwischen der ersten Kontaktaufnahme mit dem Prior der „Grande Chartreuse“ und den Dreharbeiten, für die Gröning mehrere Monate in einer der kargen Zellen Quartier bezog und das rituelle Leben der Mönche teilte. Kleinere Unebenheiten, etwa einige grobkörnige Super-8-Aufnahmen (der Rest des Films ist auf HD-Material gedreht), resultieren aus diesen ungewöhnlichen, aber inspirierenden Produktionsbedingungen. Die Auflagen der Mönche, kein Licht, keine Interviews, kein Kommentar und auch kein Film-Team, entsprachen dabei so sehr ihrer eigenen Wirklichkeit wie den Absichten des Filmemachers, der keinen Film über die Karthäuser machen, sondern die Essenz dieser extremen Lebensform filmisch vergegenwärtigen wollte.

Durch die eindringliche Narration des primär aus Klängen, Kontrasten und fließenden Bewegungen montierten Erzählflusses vermittelt sich die auratische Lebensweise der Mönche als existenzielles Experiment, dessen inneres Zentrum sich freilich der Abbildung entzieht: die (Glaubens-)Überzeugung und die Theologien der Karthäuser bleiben (fast) ebenso unbeleuchtet wie ihre Biografien. Hier gerät das „Die große Stille“ an jenen Punkt, an dem selbst die Beredsamkeit des medialen Schweigens verstummt und ein anderes Wagnis aufscheint: dem Sprung ins Offene der religiösen Erfahrung.

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