© World Vision (Tony Rinaudo beim Beschneiden der Bäume in Äthiopien in "der Waldmacher")

Es ist nie zu spät, Bäume zu pflanzen - Volker Schlöndorff

Freitag, 08.04.2022

Ein Interview mit Volker Schlöndorff zu „Der Waldmacher“

Diskussion

Der Waldmacher ist der erste abendfüllende Dokumentarfilm von Volker Schlöndorff. Er begleitet den Australier Tony Rinaudo, der 2018 mit dem „Alternativen Nobelpreis“ ausgezeichnet wurde, bei seinen Aktionen in Afrika gegen die Ausbreitung der Wüsten und gegen die Verelendung der Bevölkerung. Dabei hat er ein faszinierendes Porträt eines Kontinents im Umbruch geschaffen.


„Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“ Wie weit trifft dieser Martin Luther zugeschriebene Satz die Philosophie Ihres Films?

Die Philosophie ist ganz einfach: Wann ist der richtige Zeitpunkt, um einen Baum zu pflanzen? Vor zwanzig Jahren, heute oder übermorgen? (lacht) Die Menschheit blickt auf etwa hunderttausend Jahre Entwicklung zurück, und deshalb ist es nie zu spät, Bäume zu pflanzen. Bäume sind auch nach dem Bericht der Klimakonferenz immer noch das beste Mittel, um Kohlendioxid zu absorbieren, und im Schatten der Bäume lässt sich in heißen Ländern hervorragend Landwirtschaft betreiben. Bäume und Saat sind kein Widerspruch, und darum sagt Tony Rinaudo auch so hoffnungsvoll, dass Afrika sich selbst ernähren könne. Man hat ihnen allerdings Mais und Weizen als Nahrung eingeredet, was dort nicht wächst und auch nicht wachsen kann, ohne dass man ganz viel düngt und die Böden vergiftet. Sie selbst haben aber eigentlich Hirse und andere Getreide und Früchte, mit denen Afrika wunderbar sich selbst ernähren könnte. Das habe ich alles bei dieser Reise gelernt; drei Jahre sind beinahe eine normale Studienzeit. Zum Schluss des Films ist die Aussicht positiv: Es gibt Lösungen und Möglichkeiten, man muss geduldig und beharrlich sein!


      Das könnte Sie auch interessieren:




Volker Schlöndorff beim Dreh zu "Der Waldmacher" (© Weltkino)
Volker Schlöndorff beim Dreh zu "Der Waldmacher" (© Weltkino)

Diese Geduld und Beharrlichkeit verkörpert Ihr Protagonist Tony Rinaudo mit Humor, selbst wenn er scheitert.

Ja, das macht ihn aus, scheitern und wieder aufstehen. Aber lachend wieder aufstehen, nicht weinerlich. Was er wiederentdeckt, sind uralte Bauernweisheiten. Mit jedem Stück Erde, das sie dort wiedergewinnen, kriegen sie auch wieder ein Stück Würde zurück, ein Stück Unabhängigkeit von Entwicklungshilfe. Denn die Entwicklungshilfe, die entmündigt sie ja. So wird die Lebensfreude mit Fortschritt belohnt!

Welche Rolle spielt für Tony Rinaudo die Religion? Wieweit ist der Glaube auch ein Motor für sein Engagement?

Bei Toni Rinaudo ist der Glaube der Motor. Er hat das Gefühl, Gott hat ihn dahin gesandt und ihm schon mit 14 die Eingebung gegeben: das solltest du machen mit deinem Leben. Er fühlt sich buchstäblich berufen. In diesem glücklichen Zustand bin ich nicht, ich bin ein Agnostiker und Skeptiker. Aber ich habe nichts gegen Leute, die gläubig sind. Und in Afrika gibt es viele Formen davon, ob das nun der Islam, die verschiedenen europäischen Fassungen von Christentum oder an manchen Orten auch der Animismus ist. Die Gläubigkeit in Afrika hat mir gut gefallen, sie ist irgendwie natürlich: Jeder Baum ist für sie belebt, jeder Acker, jeder Felsen, jeder Fluss und jeder Berg. Sie leben in einer Welt, wo nicht der Mensch das einzig Lebendige ist und alles andere irgendwie tote Natur, sondern die Natur ist belebt. Und über allem schwebt irgendein Gott. Eine Einheit, ein Monotheismus, der in Afrika schon lange vor den Missionaren da war. Und das, muss ich sagen, hilft dem Menschen eben doch sehr beim Leben. Und es ist nicht „Religion ist das Opium des Volkes“. Das ist so ein Spruch, der schwer süffig ist, aber den man auch hinterfragen muss. Man kann auch sagen, dass Religion den Leuten die Kraft gibt, durchzuhalten, also eine Gläubigkeit, die auf Hoffnung beruht. Und da ist eigentlich nichts gegen einzuwenden.


olker Schlöndorff und Tony Rinaudo bei den Dreharbeiten in Ghana (© World Vision)
Volker Schlöndorff und Tony Rinaudo bei den Dreharbeiten in Ghana (© World Vision)

Zeigt Tony Rinaudos Kampf für eine bessere Welt auch eine Krise unserer bisherigen Politik auf?

Die Technikgläubigkeit, dass alles immer schneller, immer weiter, immer höher gehen muss, etwa die friedliche Nutzung der Atomkraft, der Bau des Assuan-Damms, also die Hybris der Ingenieure, wie im „Homo Faber“ von Max Frisch, die ist einfach im Laufe der letzten fünfzig Jahre zusammengebrochen. Man hat gesehen, dass die Atomkraftwerke nicht sicher sind und die friedliche Nutzung nicht unbedingt friedlich. Aber vor allem, dass das Zusammenleben der Völker nicht funktioniert, obwohl wir dachten, durch Instanzen wie die UNO oder die EU wird alles immer friedlicher. Aber wir haben die Jugoslawien-Kriege gehabt, und wir haben jetzt mitten in Europa den Ukraine-Krieg. Alle diese Utopien, dass der Mensch durch Aufklärung allein gut wird und friedlich mit anderen zusammenleben wird, die sind schwer erschüttert. Man kann auch sagen: Diese Utopien sind verbraucht.

Auch Afrika ist von ganz schrecklichen Kriegen erschüttert worden.

Alle Kriege sind doch irgendwie Verteilungskriege. Das wird stärker, je größer die Not in Afrika wird. Auf einmal gibt es wieder Stammeskriege, die es zur Kolonialzeit gar nicht gab. Einfach weil damals die Bevölkerung so viel geringer war. Die Bevölkerung hat sich in den letzten 40 Jahren verdoppelt und wird sich in den nächsten 30 Jahren noch einmal verdoppeln. Das ist die eigentliche Katastrophe von Afrika. Daraus entstehen dann die Kriege, etwa der Genozid in Ruanda, mit einer Million Menschen, die sich abgeschlachtet haben. Es gibt einfach nicht genug Land, nicht genug Ressourcen und nicht genug Platz für alle. Und das ist mindestens so gefährlich wie der Klimawandel. Wenn 100 oder 150 Millionen nach Europa auswandern, wäre das noch zu verkraften. Aber die verbleibenden zwei Milliarden in Afrika, das ist eine vorprogrammierte Katastrophe.


Plakat zu "Der Waldmacher" (© Weltkino)
Plakat zu "Der Waldmacher" (© Weltkino)

1981, also im gleichen Jahr, als der junge Agrarwissenschaftler Tony Rinaudo nach Niger ging, haben Sie „Die Fälschung“ gedreht. Da geht es um den Krieg und um das Bild des Krieges. Der Film wird jetzt noch einmal auf dem Festival des arabischen Films in einer Reihe zum Libanon-Krieg unter ihrer Schirmherrschaft gezeigt. Ist der Krieg von damals mit dem aktuellen Krieg in der Ukraine vergleichbar?

Nein, das kann man nicht vergleichen. Der Libanon-Krieg war wie der Krieg in Jugoslawien ein wirklicher Bürgerkrieg, wenn ein Staat plötzlich so schwach ist, dass irgendeine Räuberbande sich das Gewaltmonopol aneignen kann. Der Krieg in der Ukraine führt man auf imperialistische Träume Putins zurück, aber natürlich ist die Ukraine auch eine lohnende Beute. Man sagt, es sei die Kornkammer Europas, deshalb war schon Hitler scharf darauf. Außerdem verfügt sie auch über Bodenschätze, und deswegen geht es Putin nicht nur um Großrussland, sondern auch um das, was er sich damit aneignen kann. Das ist mit dem Libanon-Krieg nicht zu vergleichen. Für diese Reihe über den Libanon auf dem Festival engagiere ich mich einfach, weil ich mich seit dem Dreh damals für das Land und die Menschen dort interessiere. Ich interessiere mich immer für die Menschen, das war bei „Der Waldmacher“ nicht anders. Es sind ja nicht die Bäume, sondern die Kleinbauern, um die es geht. Ich war vor zwei Jahren in der Bekaa-Ebene im Libanon, wo auch die Wälder abgeholzt worden sind und wo man jetzt versucht, sie wieder aufzuforsten. Das treffendste Beispiel ist, wenn man über die Grenze geht, nach Israel. Das Land zeigt, wie man mit einer intensiven, kleinteiligen Landwirtschaft aus einem ganz armen Boden auch etwas herausholen kann. Eigentlich ist Israel das beste Beispiel für Afrika, das ganz kleine Land, für den Riesenkontinent!


Einmal im Monat werden die heranwachsenden Bäume beschnitten, jeder ist dabei (Ghana) (© World Vision)
Einmal im Monat werden die heranwachsenden Bäume beschnitten, jeder ist dabei (Ghana) (© World Vision)

Also kleine Schritte statt großer Projekte?

„Der Waldmacher“ zeigt auch das Scheitern der großen Schritte, etwa diese große grüne Mauer, 5000 Kilometer lang, 50 Kilometer tief, einfach mal schnell quer durch Afrika gepflanzt, in einer Gegend, wo es keinen Tropfen Regen gibt und kein einziges Pflänzchen Wurzeln treiben kann. Das ist buchstäblich alles in den Sand gesetzt, viele Milliarden. Aber das heißt jetzt nicht, dass wir in die Apokalypse driften, sondern wir müssen unsere Träume eine Nummer kleiner machen. Diese Politik der kleinen Schritte, das verkörpert Tony Rinaudo. Also auf den Boden zu gucken und sehen, was da wächst – dieses kleine Pflänzchen, das möchte ein Baum werden. Unter der Erde sind noch lebendige Wurzeln, die gerne an die Oberfläche kämen. Ein unterirdischer Wald. Man muss ihn nur schützen, Geduld haben – und dann geht es. Da könnte dann zum Beispiel Entwicklungshilfe einsetzen, indem man den Bauern die Mittel gibt, die Durststrecken zu überwinden, bis aus diesem Pflänzchen ein Baum geworden ist und bis dann im Schatten dieses Baumes die Landwirtschaft wieder möglich wird. Dann könnte Afrika sich selbst ernähren.

Wie war Ihre Erfahrung als Dokumentarfilmer im Vergleich zu Spielfilm?

Das sind natürlich zwei Welten. In diesem Fall fing es damit an, dass ich wegen der geringen Mittel selbst die Kamera führte; dann hatte ich noch einen lokalen Kameramann und einem Tonmann. Wir haben den Film zu dritt gemacht! Das ist schon einmal ein Riesenunterschied. Es erlaubt uns aber auch unauffällig zu sein, wenn wir in die Dörfer kommen, zu den Bauern oder in die Schule: Ein afrikanischer Kameramann, ein afrikanischer Tonmann und dann noch so ein kleiner, alter, weißer Herr. Das erlaubte es uns, von Tag zu Tag neue Sachen zu entdecken. Ich habe gar kein Konzept gehabt. Ich bin einfach losgefahren, um zu beobachten. Erst bin ich Tony Rinaudo gefolgt, dann habe ich allein weitergemacht; er saß ja fast zwei Jahre wegen Corona in Australien fest. Das ist natürlich eine Freiheit, die man beim Spielfilm sonst nicht hat. Auf der anderen Seite muss ich sagen – das klingt jetzt fast wie für die Filmschule – dass der Unterschied doch nicht so groß ist. Man muss die Augen offen haben, und man muss beobachten. Jeder Spielfilm ist irgendwo auch ein Dokumentarfilm über die Schauspieler, mit denen man arbeitet: Man beobachtet sie, man sieht, was ihre Stärke, was ihre Schwäche ist. Wie nehme ich sie am besten auf? Wie schaffe ich eine Atmosphäre, dass sie locker sind am Drehort? Wenn ich die Bäuerin sehe, ist es das Gleiche: Wie nehme ich sie am besten auf, wie sorge ich dafür, dass sie locker ist, dass sie vergisst, dass da eine Kamera ist, die sie filmt? Es gibt schon gewisse Erfahrungen aus dem Spielfilm, die einem beim Dokumentarfilm sehr helfen können.


Volker Schlöndorff beim Dreh (© Michael Kern)
Volker Schlöndorff beim Dreh (© Michael Kern)

Wie geht es mit dem Film weiter?

Nach der Premiere und dem Kinostart werde ich den Film begleiten und in 44 Kinos vorstellen und diskutieren. Danach können wir gerne noch einmal miteinander sprechen, dann erzähle ich Ihnen von meinen Erfahrungen.

Kommentar verfassen

Kommentieren