© IMAGO / Starface

Im Auge des Unsichtbaren - Interview mit Sophie Marceau

Mittwoch, 13.04.2022

Ein Interview mit Sophie Marceau über „Alles ist gutgegangen“

Diskussion

Die Schauspielerin Sophie Marceau ist eine Ikone des französischen Kinos, die vor allem durch die „La Boum“-Filme bekannt wurde, aber auch für Autorenfilmer wie Andrzej Zulawski, Bertrand Tavernier und Maurice Pialat vor die Kamera trat. In François Ozons Drama Alles ist gutgegangen (Kinostart: 14.4.) spielt sie die Schriftstellerin Emmanuèle Bernheim, die ihrem kranken Vater dabei hilft, einen assistierten Suizid zu organisieren. Ein Gespräch über die Herausforderungen ihrer Rolle und die Balance zwischen Ernst und Humor.


Wann hat Ihnen François Ozon die Rolle der Emmanuèle Bernheim angeboten?

Sophie Marceau: Es war nicht das erste Mal, dass ich François Ozon traf. Er hatte mir auch schon früher Ideen zu Filmen oder Drehbücher angeboten, aber es war einfach nie der richtige Moment für eine Zusammenarbeit. Diesmal war es anders. Ich hatte einige Jahre nicht mehr gedreht und François kam erneut auf mich zu mit dieser Idee, die mir sehr gefiel. Während der Dreharbeiten habe ich mich sehr wohlgefühlt. Vielleicht lag es auch mit daran, dass ich länger nicht gearbeitet hatte, aber vor allem an meinen Schauspielkollegen und natürlich an der Energie von François Ozon.

Sophie Marceau in „Alles ist gutgegangen“ (© Wild Bunch)
Sophie Marceau in „Alles ist gutgegangen“ (© Wild Bunch)

Was macht ihn als Regisseur aus?

Sophie Marceau: Er hat etwas sehr Beschützendes an sich und er hat uns ständig im Auge. So fühlte ich mich sehr entspannt trotz dieses doch emotionalen Themas des Films. Aber wir haben uns nie dieser Emotionalität gebeugt und waren ständig am Arbeiten, betonten auch die burlesken Aspekte dieser Geschichte. Wir wollten keinen traurigen Film drehen. Das Thema war ernst, aber am Set herrschten viel Freude und Lebendigkeit.


    Das könnte Sie auch interessieren:


Wie kommt es zu diesem durchaus überraschenden Humor im Film?

Sophie Marceau: Der Vater, die zentrale Figur des Films, ist ja völlig atypisch. Er verleiht der Geschichte diesen verrückten und außergewöhnlichen Aspekt. Er ist ein Rebell, ein Freidenker, ein Ästhet. Er trifft die Entscheidungen in seinem Leben und niemand anders. Dadurch wird dieser Film so lebendig, so überraschend, so komisch und manchmal auch verstörend. Dadurch wird dem Sujet diese Schwere genommen, der Zuschauer kann innehalten und einfach auch mal lachen. Damit hat der Film auch etwas Therapeutisches.

François Ozon und Sophie Marceau beim Dreh (© Wild Bunch)
François Ozon und Sophie Marceau beim Dreh (© Wild Bunch)

François Ozon führt beim Dreh auch die Kamera. André Dussollier wusste das nicht, war davon sehr überrascht, aber auch angetan. Wussten Sie darüber Bescheid, und wie ist es für Sie als Schauspielerin, wenn der Regisseur auch Kameramann ist?

Sophie Marceau: Ich wusste es und ich mag es. Es ist ja der Regisseur, der mich anschaut. Er beurteilt meine Leistung und ist der erste Zuschauer des Films. Der einzige Vorwurf, den ich ihm machen könnte, ist, dass man ihn nie sieht. Er steht immer hinter seiner Kamera. Außerdem drehten wir mitten im Sommer. François trug dazu immer noch seine Sonnenbrille und seine Corona-Maske hinter der Kamera. Ich nannte ihn nur noch den „unsichtbaren Mann“. Aber François ist so. Er will immer vor Ort sein, beobachten, zuschauen. Für einen Schauspieler ist das sehr angenehm. Man fühlt sich nicht nur beobachtet, sondern auch verstanden. Er hat dieses Auge des Kameramanns und schaut einen immer mit diesem sehr durchdringenden Auge an.

Hatten Sie bereits eine Meinung zum Thema Sterbehilfe vor dem Film und hat sie sich eventuell nach dem Dreh verändert?

Sophie Marceau: Ja, meine Meinung hat sich geändert, weil ich vorher nicht wusste, wie das abläuft. Ich wusste nicht, was mit einem Menschen an dem Tag geschieht, wenn er sich den Tod geben will. Das ist etwas anderes als Selbstmord, wenn man bei völliger geistiger Frische beschließt, zu sterben. Die Frage ist natürlich immer: Geht es um meine individuelle Einstellung oder um eine grundsätzliche, kollektive Entscheidung zu diesem Thema? Individuell gesehen möchte ich meine Freiheit, meine Rechte und meine Wahl wahrnehmen. Kollektiv gesehen, stellen sich andere Probleme. Dabei muss man gewisse Fragen beachten, damit das Sterben nicht zu einer Industrie wird. Das ist ähnlich wie beim Essen. Ja, ich muss etwas essen, aber deswegen 100.000 Schweine pro Sekunde zu töten, schockiert mich, und ich mag die Vorstellung nicht. Es gibt also den Einzelnen und die Gemeinschaft, und bei diesem Thema ist es angebracht, die Menschen einzubeziehen.

Führte das Thema Sterbehilfe auch unter den Kollegen am Set zu Diskussionen?

Sophie Marceau: Ja und nein. Wir sind ja schon 12 Stunden am Tag mit dem Film beschäftigt. Beim Kennenlernen des Themas und beim Drehen reagiert man unterschiedlich. Obwohl wir die Fragen und Antworten kennen, ist man beim Spiel manchmal doch viel gerührter oder auch zynischer als bei den Proben. Es löst schon etwas in einem aus, wenn man sich mit Themen auseinandersetzt, auf die man nicht vorbereitet ist und von denen nicht wirklich geredet wird. Immerhin besitzt der Film diese Qualität, ein unbequemes Thema anzusprechen, und das hat durchaus etwas Befreiendes.

Sophie Marceau als Tochter und André Dussollier als dominanter Vater (© Wild Bunch)
Sophie Marceau als Tochter und André Dussollier als dominanter Vater (© Wild Bunch)

Was hat Ihnen François Ozon über Ihre Figur Emmanuèle Bernheim erzählt, die Sie nie persönlich kennengelernt haben?

Sophie Marceau: Ich bekam schon beim Lesen ihrer Bücher einen Eindruck von ihr, von ihrer Genauigkeit und Sparsamkeit der Gefühle, sich nicht groß auszulassen und bei den Fakten zu bleiben. Sie war eine Frau, die sich sehr für andere interessierte, aber nicht sonderlich mit sich selbst befasste. Das führt ja auch dazu, dass ihr Vater sie bittet, ihm zu helfen und beizustehen, und nicht ihre Schwester. Emmanuèle war anderen Menschen sehr zugewandt, sie wollte helfen. Sie war ja auch ein „Script Doctor“, wie man auf Englisch sagt. Sogar in ihrer Arbeit half sie Menschen, Drehbücher zu schreiben. Emmanuèle Bernheim war sehr großzügig, dass merkte ich nicht nur beim Lesen ihrer Bücher, sondern auch wenn ihr Lebensgefährte Serge Toubiana (ein bekannter französischer Filmjournalist) über sie sprach. Nachdem er den Film gesehen hatte, sagte er zu mir: „Ich bin sehr stolz darauf, dass du meine Emmanuèle gespielt hast.“ Das hat mich sehr berührt.

Wie empfanden Sie die Zusammenarbeit mit Hanna Schygulla?

Sophie Marceau: Sie hatte mir früher immer ein wenig Angst gemacht, wenn ich sie in Filmen sah. Sie wirkte etwas seltsam, geheimnisvoll, exzentrisch, intensiv. Und ich traf dann auf genau dieselbe Frau. (lacht). Also war ich durchaus beeindruckt, nennen wir es einfach mal so. Sie wirkt einerseits sehr sanft, aber auch wie aus Marmor, sehr stark und imposant. Und dann war ja da noch unsere gemeinsame Szene. Ihre Figur ist der erste Mensch, mit dem ich über den Tod meines Vaters rede. Sie erklärt das ganze Prozedere. Und auch diese Filmszene passte irgendwie perfekt zu meinem Eindruck über sie und fühlte sich sehr real an. Ich war sehr zufrieden, mit Hanna Schygulla zu drehen, die mich früher immer so beeindruckt hat. Sie ist ideal in dieser Rolle. Es passt einfach.

Kommentar verfassen

Kommentieren