© Leonine ( aus "Sloborn")

Unter die Haut und ins Blut: Filme und Serien zur Pandemie

Donnerstag, 14.04.2022

Verwundbarkeit und Heilung in Filmen und Serien zur Pandemie. Eine Annäherung anhand ausgewählter Genre-Beispiele.

Diskussion

Im Zug der Covid-19-Pandemie hat das Seuchen-Thema auch in Filmen und Serien eine verstärkte Aufmerksamkeit erfahren. Stilbildende Werke des Pandemie-Kinos sind dabei nach wie vor „Outbreak“ von Wolfgang Petersen und vor allem „Contagion“ von Steven Soderbergh. Deren katastrophische Motive einer existenziellen wie sozialen Bedrohung inklusive ihrer Erlösungs- beziehungsweise Rettungspotenziale werden auch in neueren Beiträgen wie der Serie „Sloborn“ variiert. Eine Annäherung anhand ausgewählter Genre-Beispiele.


Das Begaffen des Leides von anderen mag im realen Leben verpönt sein – in der Kunst ist die (Schau-)Lust am Schrecklichen eine feste Größe. Schon immer waren Menschen ästhetisch fasziniert vom Katastrophischen, von den bösen Launen der Götter oder der Natur, die unvermittelt über die Menschen hereinbrechen und massenweise Todesopfer fordern. Man denke etwa an die Berichte von Plinius d. J. über den Ausbruch des Vesuvs im Jahre 79 n. Chr. oder an die „katastrophischen“ Landschaftsgemälde der europäischen Romantik (Erdbeben, Feuersbrünste, Schiffe im Eis…), die dem Naturschönen seine schrecklich-erhabene Kehrseite gegenüberstellten. Neben den Dioramen der Jahrmärkte mit ihren schaudererregenden Abbildungen von „Pikantem, Frappantem und Chokantem“ (Friedrich Schlegel) waren diese Gemälde in ihrer Dramatik im 19. Jahrhundert bereits visuelle Vorläufer der ersten Katastrophenfilme. Diese traten schon früh in der Filmgeschichte auf den Plan und formierten sich schließlich zum eigenen Genre, das bis heute die jeweils aktuellen technischen Möglichkeiten des Mediums lustvoll ausreizt, um so eindrucksvoll wie möglich schön-schreckliche Zerstörungsorgien zu zelebrieren und die Zuschauer damit ironischerweise daran zu erinnern, dass die Spezies Mensch trotz aller technischen Errungenschaften nur begrenzt Kontrolle über ihre Umwelt hat.


Das Blockbuster-Kino wird infiziert

In den späten 1960er- und 1970er-Jahren, in denen Genrefilme generell eine Blütezeit erlebten, schlug dann auch die Stunde des Seuchenfilms als einem Subgenre des Katastrophenfilms. Mit „Die Nacht der lebenden Toten“ (1968) entstand der erste Film um den Ausbruch einer Zombie-Seuche (der bis heute populärsten Spielart des Themas); und mit „Cassandra Crossing“ (1976) hielt die Seuche Einzug ins gerade entstehende Blockbuster-Kino.


"Cassandra Crossing" (© Imago/United Archives)
"Cassandra Crossing" (© Imago/United Archives)

Das prominent besetzte Spektakel um eine Pest-Variante versammelt in einem paneuropäischen Luxuszug Vertreter unterschiedlicher Milieus und zeigt angesichts dieses Mikrokosmos westlicher Gesellschaften deren Verwundbarkeit durch eine bioterroristische Attacke mit Erregern aus einem Labor der Genfer Weltgesundheitsorganisation. Auch hier erscheint der zivilisatorische Zusammenhalt bereits besonders angreifbar, als Panik und Populismus einen gefährlichen Keil zwischen Wissenschaft und Politik zu treiben drohen. Wenn dann noch das Militär den Entscheidern bereitwillige Dienste im Dilemma anbietet, ist das Schicksal der Menschheit (jedenfalls des im Film repräsentativen Teils) in einer finalen Lösung beinahe besiegelt. „Cassandra Crossing“ weist motivisch weit über seine Entstehungszeit hinaus und schreibt eine intelligente Entwicklung des Klaustrophobischen im Katastrophischen fort, die auf aktuelle dystopische Entwürfe vorausweist, etwa auf Film- und Serienadaption der Graphic-Novel-Reihe „Snowpiercer“.


Die Virologie hält Einzug ins Kino

Wolfgang Petersens „Outbreak“ (1995) führte dann in seiner plastischen Schilderung von wissenschaftlicher Labor- und Feldforschung die moderne Virologie in der Tradition von Robert Koch in die Dramaturgie des actionorientierten Katastrophenkinos ein. Mit der schon in der Exposition offengelegten Infektionskette des tödlichen Erregers, der in Afrika von Affen auf den Menschen übertragen wird, veranschaulicht „Outbreak“ auf fassliche Weise eine virulente Gefahr und eine besondere, im Zuge der Covid-19-Pandemie wieder vieldiskutierte Gefahr für unsere Spezies – die „Zoonosen“, neue epidemische Krankheiten tierischen Ursprungs.


"Outbreak" (© IMAGO/Entertainment Pictures)
"Outbreak" (© IMAGO/Entertainment Pictures)

Steven Soderbergh erweiterte und perfektionierte das glaubwürdig und wissenschaftlich verlässlich anmutende filmische Erzählen über eine virale Katastrophe in „Contagion“ (2011), dem Werk, das heute vielfach als moderner Referenzpunkt des Genres herangezogen wird – obwohl oder vielleicht auch gerade weil es gängige Genre-Erzählmuster unterläuft. Die Handlungsführung auf mehreren – lokalen wie emotionalen – Ebenen, Soderberghs sogenannter „Hyperlink Style“, der vieles mit vielem erst auf den zweiten Blick schlüssig verbindet, trägt ein Gutteil der dramatischen Fallhöhe ab und unterläuft mögliche Publikumserwartungen an einen Action-Katastrophen-Blockbuster und seine Spannungsdramaturgie. Die populäre Besetzung mit Matt Damon, Kate Winslet, Laurence Fishburne, Jude Law und Bryan Cranston stellt sich ganz in den Dienst der Sache und wirkt uneitel mit am semidokumentarisch anmutenden Spiel von Soderbergh.


Hellsichtiger Genre-Meilenstein: „Contagion“

Besonders eindrücklich erscheint die Eröffnungssequenz, die in einem furiosen Lauf um die Welt die rasante, exponentiell wachsende Verbreitung eines neuen Virusstammes äußerst anschaulich macht. In Bildern und Begrifflichkeit werden Alltagserfahrungen der Verunsicherung und Verletzlichkeit vorweggenommen, welche in größerem Maßstab erst wieder der „Generation Corona“ allzu vertraut sein werden: Infektionsträger, R-Wert, Impfquote.

Verständlich, dass Soderbergh und sein Werk aus Kreisen der medizinischen Wissenschaft reichlich Lob für die mutige und akkurate Falldarstellung einheimsten. Die Wissenschaft ist im Film selbst prominent vertreten, mit Macherinnen, Forschern und Figuren, die das jähe öffentliche Interesse an ihrem Expertenwissen geschickt für medial-politischen Bedeutungszuwachs zu nutzen verstehen.

Interessant ist auch, wie viel Aufmerksamkeit Soderbergh der Rolle der Medien widmet. Ihnen kommt in „Contagion“ eine entscheidende Bedeutung bei der Unterrichtung der Massen über die Pandemie zu; und da die letale Bedrohung global ist und nicht mehr nur auf einen symbolträchtigen Zug wie in „Cassandra Crossing“ oder einen fernen Kontinent beschränkt, ist allen, die in Zeiten äußerster Verletzlichkeit Schutz oder Heilung versprechen, maximale Aufmerksamkeit gewiss. In Gestalt eines Hexenmeisters des internationalen Bloggings (Jude Law) wird allerdings auch die Dialektik der medialen Aufklärung frappant vor Augen geführt: Die von allen konventionellen Verpflichtungen auf Wissenschaftlichkeit oder Wahrhaftigkeit entbundene Stimme eines „mündigen Bürgers“ hallt in ihren selbst erschaffenen Echoräumen im Internet ominös nach. Letzten Endes entlarvt sich die Figur des Bloggers nicht bloß als unzuverlässiger Erzähler von sogenannten Fake News, sondern auch als (finanziell) interessierte Partei – eine geradezu hellsichtig kulturpessimistische Demontage dieses damals jungen Mediums!


Jude Law in "Contagion" (© Imago/Everett Collection)
Jude Law in "Contagion" (© Imago/Everett Collection)

Zeichenrepertoire der christlichen Ikonografie

Das virale Geschehen nimmt in „Contagion“ schnell die Wendung zum Chaotischen. Nachdem durch die Politik Anordnungen ähnlich der „AHA-Regeln“ erlassen sowie eine allgemeine Quarantäne verhängt wurden, wird der zivilisatorische Zusammenhang der gesellschaftlichen Gruppen alsbald brüchig; die globale Pandemie killt wesentliche Eigenschaften der Globalisierung, das von uns täglich erlebte, oft verfluchte, hier anfällig und dysfunktional gewordene Hypersystem.

Erst im Angesicht der ultimativen ärztlichen und menschlichen Herausforderung zeigen sich dann, durchaus typisch für das Katastrophen-Genre, die wahren Farben des/der Einzelnen: Niemand ist frei von Schuld, und (nur) „wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch“ (Hölderlin). Die Elite, stets im Lichte öffentlicher Beobachtung, desavouiert sich durch eigennützige, allzu menschliche Schwäche; die kleinen Gesten kleiner Leute schaffen es dagegen, die menschliche Würde im Angesicht der Katastrophe zu wahren, etwa das mit letztem Willen geteilte Betttuch einer barmherzigen Samariterin (Kate Winslet als selbst erkrankte Ärztin) auf der Triage-Station.

Das Bild- und Zeichenrepertoire der christlichen Ikonographie erweist sich offenbar gerade auch beim Seuchen-Thema als immer noch außerordentlich ergiebig, was bei einer Weltreligion, deren innerste Essenz die Verwundbarkeit des Schwachen und seine ultimative Errettung in Passion und Erlösung ist, vielleicht nicht verwundert.

Das politische Finale von „Contagion“ rückt dann allerdings wieder viel weltlichere Begründungszusammenhänge in den Vordergrund. Es nimmt mit der hier erst ganz zum Schluss identifizierten Ansteckungskette – es waren doch Fledermäuse! – deutlich Bezug auf „Outbreak“ und schließt mit einem dringlich mahnenden Verweis auf die Verletzlichkeit des ausgebeuteten globalen Ökosystems.


"Contagion" (© Imago/Everett Collection)
"Contagion" (© Imago/Everett Collection)

Eine Nordseeinsel im Griff der Seuche: „Sloborn“

Wie ein eigentümlicher deutscher Mix der (seuchen-)katastrophischen Motive von Klaustrophobie, sozial-ökologischer Bedrohung und christlichen Erlösungs- beziehungsweise Rettungspotenzialen wirkt die Serie „Sloborn“ (Staffel 1 & 2 sind noch bis 7.7.2022 in der ZDF-Mediathek zu sehen und auf DVD/BD bei Leonine erschienen) aus dem Jahre eins vor Corona, die mit beachtlicher prognostischer Kraft vom Auftreten einer rätselhaften „Vogelgrippe“ auf einer fiktiven Nordseeinsel und ihren Auswirkungen auf die vornehmlich junge Bewohnerschaft erzählt. Die Insellage führt dabei wie unter einem Brennglas einen Mikrokosmos der zeitgenössischen deutschen Gesellschaft vor und setzt ihre aktuellen Diskurse (von der Prepperszene bis zu militanten sogenannten „freien Bürgern“) unter Pandemiebedingungen einem Stresstest aus. Die Jugendlichen verschiedener Herkunft erleben das Abenteuer der Pubertät unter den verschärften Bedingungen des Ausnahmezustands; das Drehbuch entfernt schnell die meisten Erwachsenen von Sloborn, sodass eine Generation, die nach eigener Aussage „am schlechtesten vorbereitet“ ist, auf sich gestellt existenzielle und moralische Bewährungsproben zu bestehen hat.

Als einer der wenigen verharrt der verkrachte Schriftsteller Wagner (Alexander Scheer) auf der Insel; nach anfänglicher Schreibblockade arbeitet er fieberhaft (im Wortsinn) an seinem neuen Werk, dessen Erfolg aus mehreren Gründen ungewiss bleiben muss – ein Bild für das drohende Versagen auch der kompensatorischen Potenziale der Kunst angesichts einer präzedenzlosen Katastrophe.

Zentrale Figur des Geschehens ist Evelyn (Emily Kusche), die Älteste mehrerer Geschwister und als eine von wenigen durch genetische (Prä-)Disposition resistent gegen das Virus. Ihr Blut birgt möglicherweise Hoffnung für die Vielen – eine heikle, hochspekulative filmische Vision von Erlösung, die das Motiv der (Un-)Verletzlichkeit des eigenen Leibes unmittelbar mit dem der Heilung und Errettung der Menschheit verschränkt.


Was nach der Pandemie bleibt: „Station Eleven“

Was bleibt, was wird erinnert und aufgehoben nach einer tödlichen Pandemie, die die Menschheit und ihre Kultur beinahe völlig ausgelöscht hat? „I remember damage“: das bekennen leitmotivisch viele aus dem skurrilen Ensemble, das die Serie „Station Eleven“ (2021) versammelt, die Verfilmung eines Romans aus dem Jahr 2014. Sie malt kein grau-schwarzes Bild postapokalyptischer Verzweiflung, sondern zeigt auf komplexe und überzeugende Weise kreative Auswege der menschlichen Fantasie aus der Misere auf. Zwanzig Jahre nach dem Wüten einer verheerenden Seuche sind Menschen als moderne Nomaden in der Great-Lakes-Region der USA in einer andauernd suchenden Bewegung. Manche sind Macherinnen, andere vornehmlich Betrachter, alle sind sie Überlebende und Versehrte an Leib und Seele. Klassische Familienstrukturen scheinen nicht mehr zu existieren oder wenig zu gelten. Stattdessen wählen sich die meisten freundschaftliche oder professionelle Allianzen; so etwa Kirsten (Mackenzie Davis), die sich der Theatertruppe „The Travelling Symphony“ und deren exzentrischer Musikmeisterin Sarah (Lori Petty) anschließt.


Mackenzie Davis in "Station Eleven" (© Starzplay)
Mackenzie Davis in "Station Eleven" (© Starzplay)

„Station Eleven“ integriert einen außergewöhnlichen Soundtrack, dem Stilmittel von großer Symphonik bis hin zum pianistischen Minimalismus à la Michael Nyman zur Verfügung stehen. Ebenso existenziell wichtig: das Theater, insbesondere das von Shakespeare. Während einer Wanderaufführung von „Hamlet“ wird in intensivem Spiel gleichsam eine neue Familienaufstellung vorgenommen; selbst schlichtere Charaktere wachsen über sich hinaus; die Kunst erweist sich hier auch postapokalyptisch als geeignet, defizitäres Dasein glorreich zu kompensieren.


Aussicht aufs unvermeidbare Ende: „Silent Night“

Der Film „Silent Night“ kreist dagegen um ein Szenario, in dem es keine Hoffnung mehr zu geben scheint. „Take your exit pill – avoid suffering!“ und „Die with dignity“ lautet eine im gelassenen Tone der BBC-Nachrichtensprecher verbreitete Botschaft, die an einem fatalen Weihnachtstag einer Gruppe von Freunde und Verwandten, die sich auf einem englischen Landsitz versammeln, über die Sozialen Medien zugespielt bekommen. Kann man der Politik und den wissenschaftlichen Autoritäten vertrauen? Gibt es wirklich kein Entrinnen vor dem sicheren Tode? Und wie geht man um mit seinem letzten Tag auf Erden, mit alten Verletzungen, ewiger Liebe und garstigen Kindern, die unbequeme Fragen stellen?

In der Vorgeschichte wurde eine große toxische Wolke entdeckt, die vom globalen Süden her Vergiftung und unausweichlichen Tod für Mensch und Tier mit sich bringt. Manche machen „die Russen“ dafür verantwortlich, andere wie etwa das intelligente Söhnchen der Gastgeber Nell und Simon (Keira Knightley, Matthew Goode), das Greta Thunberg zitiert und nur noch in Flüchen kommuniziert, nennen das ein großes „Fuck you!“ an die Menschheit, bereitet von einer geschundenen Erde, die nun eruptiv allen Müll und Dreck, der ihr jahrhundertelang zugemutet wurde, von sich gibt.


"Silent Night" (© Capelight)
"Silent Night" (© Capelight)

So weit gehen die Anteile des (Öko-)Horrors an dieser Horrorkomödie; die weiteren Entwicklungen folgen dann eher den Traditionen grimmig-komischer britischer „Friends and Family“-Filme im Geiste von „Peter’s Friends“ oder „Gosford Park“. Denn alle haben Leichen im Keller, (fast) alle finden sich gegenseitig herzlich unnötig, und doch wahrt man weitgehend die Form und prostet sich ausgiebig mit Champagner zu. Im weiteren Verlauf erlebt man eine in konfliktträchtige Pärchen gegliederte Gesellschaft, wie sie gemeinsam durch alle Phasen des Sterbens (getreu nach Elisabeth Kübler-Ross) geht. Einzelne streifen dabei durchaus auch die großen menschlichen und moralisch-theologischen Fragen, während im Ganzen die burlesk-tragikomischen Aspekte überwiegen.

Auch „Silent Night“ – ein Weihnachtsfilm trotz alledem – weist mit seinem vergiftet-nostalgischen Soundtrack voller englischer Christmas-Klassiker zum Ende hin auch eine untergründige religiöse, fast christologische Motivspur auf – von der Schwierigkeit, einer unseligen Welt den Segen zu spenden, sowie vom Blut des Einen, der den Tod überwindet. Alles Vergängliche ist vulnerabel, verletzlich wie das Kind in der Krippe, welches indes auch hier am nächsten (dritten?) Tage auf(er)steht – weiß von Antlitz, rot von Blut und mit den blauesten Augen der Welt –, um in den Farben dieses dem leidenden Leib abgetrotzten neuen „Union Jack“ erste Schritte ins englische Land nach Brexit und Seuche zu tun. Und um der unberührten Schneelandschaft einer postapokalyptischen Welt – wieder einmal – Spuren des Menschlichen einzuprägen.


"Station Eleven" (© Starzplay)
"Station Eleven" (© Starzplay)

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