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Cannes 2022: Zu den Sternen!

Dienstag, 17.05.2022

Das 75. Filmfestival in Cannes eröffnet mit der Zombiekomödie "Coupez!" von Michel Hazanavicius. Ein Überblick über die Filme und ihre Stars

Diskussion

Das 75. Filmfestival in Cannes eröffnet mit der Zombiekomödie „Coupez!“, die im Vorfeld schon für Aufregung sorgte, weil der ursprüngliche Titel „Z (comme Z)" nach Putins gleichnamigem Kriegspropaganda-„Z“ nicht mehr akzeptabel war. Die Jubiläumsausgabe (17.-28.5.) glänzt mit einem ungewöhnlich reichhaltigen Filmprogramm und einer enormen Star-Präsenz, mit denen sich das Festival nach zwei mühsamen Corona-Jahre in alter Pracht und Stärke zurückmeldet.


Der Umgang mit dem Krieg in der Ukraine hat das Festival vor generelle Herausforderungen gestellt. Vor allem die Frage, ob russische Filme und Künstler an der Croisette opportun seien, war ein höchst umstrittenes Thema. Man verständigte sich darauf, offzielle russische Delegationen oder Filmfunktionäre nicht einzuladen, wohl aber die meist regimekritischen Filmschaffenden. Für Festivalchef Thierry Frémaux stand außer Frage, dass der neue Film des Theater- und Filmregisseurs Kirill Serebrennikow, das Drama "Tchaïkovski’s Wife" um die unglückliche Beziehung des homosexuellen Komponisten zu seiner Ehefrau Antonina Miliukova, in Cannes laufen würde; schließlich ist der 1969 geborene Künstler alles andere als ein Unterstützer des Putin-Regimes und in seiner Heimat seit Jahren mit entsprechenden Restriktionen belegt. Nachdem Serebrennikow 2017 verhaftet, unter Hausarrest gesetzt und mit einem Ausreiseverbot belegt worden war, konnte er im März 2022 endlich Moskau verlassen; die Chancen stehen gut, dass er persönlich in Cannes anwesend sein wird.

Serebrennikow konkurriert in dem aus 21 Filmen bestehenden Wettbewerb um die „Goldene Palme“ mit einer illustren Riege internationaler Kolleginnen und Kollegen. Einen weiteren Künstlerfilm steuert dabei die US-Regisseurin Kelly Reichardt mit „Showing Up“ bei, in dem sich die Filmemacherin einmal mehr mit Schauspielerin Michelle Williams zusammengetan hat; sie verkörpert eine Künstlerin, die kurz vor einer wichtigen Ausstellung steht und dabei mit einigen Turbulenzen zu kämpfen hat.


Ohnmachtsanfälle und Panikattacken

An prominent besetztem Starkino ist unter anderem ein neuer Film von David Cronenberg in der Wettbewerbs-Auswahl. Viggo Mortensen, Léa Seydoux und Kristen Stewart geben sich in dem Horrorfilm „Crimes of the Future“ die Ehre. Der Titel klingt nach einem Remake eines Cronenberg-Films von 1970, soll aber eine eigenständige Story erzählen. Im Internet kursieren Gerüchte von ersten Vorab-Screenings, die auf harte Kost schließen lassen („Ich rechne mit Saalfluchten, Ohnmachten und Panikattacken“).

Auch der neue Film des iranisch-stämmigen, in Dänemark lebenden Regisseurs Ali Abbasi dürfte eher nichts für Zartbesaitete sein. Nachdem er sich mit seinem fulminanten Drama Border“ nordischer Mythen auf sehr eigenwillige Weise annahm, erzählt er in „Holy Spider“ eine Geschichte aus seiner Heimat Iran. Es geht um eine Art fundamentalistischem „Jack the Ripper“, einem Mann, der aus religiösem Reinheitswahn heraus Prostituierte ermordet.

Ein fundamentalistischer Jack-the-Ripper: "Holy Spider" (Cannes 2022/)
Ein fundamentalistischer Jack the Ripper: "Holy Spider" (Wild Bunch)

Um Mord, aber auch um Liebe geht es im neuen Film des Südkoreaners Park Chan-Wook: „Decision to Leave“ ist ein Mystery-Thriller um einen Ermittler, der sich in eine Witwe verliebt, die die Hauptverdächtige in seinem jüngsten Fall ist. An asiatischem Kino ist in der Palmen-Konkurrenz außerdem auch noch ein neuer Film des Japaners Hirokazu Kore-eda vertreten: „Broker“ kreist um einen Mann, der Kinder an Adoptiveltern vermittelt, die von ihren leiblichen Eltern anonym in einer Babyklappe abgegeben worden sind.

Unter zahlreichen weiteren arrivierten männlichen Regie-Stars wie Jerzy Skolimowski, Arnaud Desplechin, den Dardenne-Brüdern und Ruben Östlund sind mit Kelly Reichardt, Valeria Bruni-Tedeschi, Claire Denis, Léonor Serraille und Charlotte Vandermeersch im Wettbewerb immerhin fünf Damen vertreten; und es finden sich auch einige Namen, die noch nicht zum A-Festival-Stammpersonal gehören. Zum Beispiel Saeed Roustay, ein 1989 geborener iranischer Filmemacher, der 2015 mit dem Film „Life and a Day“ international auf sich aufmerksam machte und nun im Wettbewerb in Cannes seinen dritten Langfilm Leila’s Brothers“ vorstellt. Der Belgier Lukas Dhont, 2018 mit seinem sehenswerten Debütfilm „Girl“ in der Sektion „Un Certain Regard“ vertreten, hat es mit seinem zweiten Langfilm „Close“ ebenfalls in die Palmen-Konkurrenz geschafft.


Eröffnung mit einer Zombie-Komödie

Eröffnet wird das Filmfestival in Cannes am 17. Mai vom jüngsten Werk des Regisseurs Michel Hazanavicius, dessen ursprünglicher Titel „Z (comme Z)“ wegen Putins Propaganda-"Z", mit dem er den Angriffskrieg in der Ukraine als Anti-Nazi-Kampf schönfärbte, in den unverfänglicheren Titel "Coupez!" (Schnitt) umgetauft wurde. Dabei handelt es sich um ein französisches Remake des japanischen Films „One Cut of the Dead“, eine mit den Tücken des Filmgeschäfts spielende Zombie-Komödie, in der unter anderem Romain Duris und Bérénice Bejo mitwirken. Der Film läuft in Cannes außer Konkurrenz, wo auch spektakulöse Hollywood-Filme wie „Top Gun: Maverick“ (hier gibt es bereits eine Kritik des Films) und „Elvis“ von Baz Luhrmann zu sehen sein werden.

Auch in den Nebenreihen gibt es jede Menge zu entdecken. In der „Cannes Premiere“ läuft die jüngste Arbeit von Olivier Assayas, eine „Irma Vep“-Serien-Neuinterpretation. Als Special Screening wird „A History of Destruction“ des ukrainischen Regisseurs Sergej Loznitsa vorgestellt. Wie schon sein Film „Austerlitz“ ist auch diese Arbeit von einem Text des deutschen Autors W.G. Sebald inspiriert. Dabei handelt es sich um einen 1999 erschienenen Text, der sich mit den zerstörerischen Luftangriffen auf deutsche Städte im Zweiten Weltkrieg und der Absenz dieses Themas im kulturellen Diskus in der deutschen Nachkriegszeit beschäftigt.

In der Sektion „Un Certain Regard“ sind neue Arbeiten der Österreicherin Marie Kreutzer und der Deutsch-Französin Emily Atef progammiert. „Corsage“ von Marie Kreuzer (ab 7. Juli auch in den deutschen Kinos) wirft einen unkonventionellen Blick auf die Nationalikone Sissi. Die Schauspielerin Vicky Krieps will darin jenseits des gängigen Images von der Kaiserin Elisabeth von Österreich die nahbare Frau aufspüren, die zunehmend mit ihrem Bild in der Öffentlichkeit hadert.

Vicky Krieps als Sissi in "Corsage" (Cannes 2022/Komplizen Film)
Vicky Krieps als Sissi in "Corsage" (Komplizen Film)

Vicky Krieps spielt auch die Hauptrolle in Emily Atefs „Plus que jamais“: eine Frau, die an einer seltenen Lungenkrankheit erkrankt und nach einem Weg sucht, die Diagnose zu verarbeiten. Als Special Screening läuft außerdem das deutschsprachige Spielfilmdebüt der an der dffb ausgebildeten gebürtigen Bulgarin Doroteya Droumeva mit dem Titel „The Vagabonds“; ansonsten glänzt das deutschsprachige Kino an der Croisette wieder einmal mit Abwesenheit.



Das Filmprogramm des 75. Festival de Cannes


Wettbewerb

„Armageddon Time“ (R: James Gray)

„Boy From Heaven“ (R: Tarik Saleh)

Broker“ (R: Hirokazu Kore-eda)

Close“ (R: Lukas Dhont)

Crimes Of The Future“ (R: David Cronenberg)

Decision To Leave“ (R: Park Chan-Wook)

Eo“ (R: Jerzy Skolimowski)

Forever Young“ (R: Valeria Bruni Tedeschi)

Frère Et Sœur“ (R: Arnaud Desplechin)

Holy Spider“ (R: Ali Abbasi)

Leila’s Brothers“ (R: Saeed Roustaee)

„Nostalgia“ (R: Mario Martone)

„Le Otto Montagne“ (R: Charlotte Vandermeersch, Felix Van Groeningen)

„Un petit frère“ (R: Léonor Serraille)

„R.M.N“ (R: Cristian Mungiu)

Showing Up“ (R: Kelly Reichardt)

„Stars At Noon“ (R: Claire Denis)

Tchaïkovski’s Wife“ (R: Kirill Serebrennikow)

„Tori And Lokita“ (R: Jean-Pierre & Luc Dardenne)

„Tourment sur les îles“ (R: Albert Serra)

„Triangle Of Sadness“ (R: Ruben Östlund)


Außer Konkurrenz

„Coupez!“ (R: Michel Hazanavicius (Eröffnungsfilm))

„Elvis“ (R: Baz Luhrmann)

Top Gun: Maverick (R: Joseph Kosinski)

„Masquerade“ (R: Nicolas Bedos)

„Three Thousand Years Of Longing“ (R: George Miller)

„Novembre“ (R: Cédric Jimenez)

„L'Innocent“ (R: Louis Garrel)


Un Certain Regard

Corsage“ (R: Marie Kreutzer)

Plus que jamais“ (R: Emily Atef)

„The Silent Twins“ (R: Agnieszka Smocynska)

„The Stranger“ (R: Thomas M. Wright)

„Joyland“ (R: Saim Sadiq)

„Rodeo“ (R: Lola Quivoron)

„Godland“ (R: Hlynur Pálmason)

„Butterfly Vision“ (R. Maksim Nakonechnyi)

„Beast“ (R: Riley Keough, Gina Gammell)

„Plan 75“ (R: Hayakawa Chie)

„Domingo And The Midst“ (R: Ariel Escalante Meza)

„Sick Of Myself“ (R: Kristoffer Borgli)

„All The People I’ll Never Be“ (R: Davy Chou)

„Metronom“ (R: Alexandru Belc)

„Burning Days“ (R: Emin Alper)

„Les Pires“ (R: Lise Akoka and Romane Gueret)

„Mediterranean Fever“ (R: Maha Haj)

„Le Bleu du Caftan“ (R: Maryam Touzani)

„Harka“ (R: Lotfy Nathan)


Cannes Premiere

„Irma Vep“ (R: Olivier Assayas)

„Dodo“ (R: Panos H. Koutras)

„Nightfall“ (R: Marco Bellocchio)

„Nos Frangins“ (R: Rachid Bouchareb)

„Don Juan“ (R: Serge Bozon)

„La Nuit du 12“ (R: Dominik Moll)

„Chronique d'une Liaison Passagère“ (R: Emmanuel Mouret)

„As Bestas“ (R: Rodrigo Sorogoyen)


Midnight Screening

Hunt“ (R: Lee Jung-Jae)

„Moonage Daydream“ (R: Brett Morgen)

„Fumer Fait Tousser“ (R: Quentin Dupieux)

„Rebel“ (R: Adil El Arbi, Bilall Fallah)


Special Screening

Jerry Lee Lewis: Trouble In Mind“ (R: Ethan Coen)

The Natural History Of Destruction“ (R: Sergei Loznitsa)

All That Breathes“ (R: Shaunak Sen)

„Mi Pais Imaginario“ (R: Patricio Guzmán)

„The Vagabonds“ (R: Doroteya Droumeva)

„Riposte Féministe“ (R: Marie Perennès, Simon Depardon)

„Restos do vento“ (R: Tiago Guedes)

„Le Petit Nicolas: Qu'est-ce qu'on attend pour être heureux?“ (R: Amandine Fredon, Benjamin Massoubre)

„Marcel!“ (R: Jasmine Trinca)

„Salam“ (R: Mélanie "Diam's", Houda Benyamina, Anne Cissé)

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