© IMAGO / Allstar (aus „Vor Einbruch der Nacht“)

Der Kaltblütige: Zum Tod von Michel Bouquet (1925-2022)

Donnerstag, 14.04.2022

Ein Nachruf auf den französischen Schauspieler (6.11.1925-13.4.2022)

Diskussion

Der französische Schauspieler Michel Bouquet sah sich vor allem als Theaterinterpret, brillierte aber nichtsdestotrotz in einer über 70-jährigen Karriere auch in zahlreichen Filmrollen mit seiner Charakterisierungskunst. Vor allem unter der Regie von Claude Chabrol lieferte er subtile Studien wohlgesättigter Bürger, die kaltblütig Untaten begehen konnten. Er hinterließ aber auch großen Eindruck in den Rollen selbstgerechter Polizisten oder Politiker. Ab den 1990er-Jahren bot ihm das Kino zudem dankbare Altersauftritte als François Mitterand, Pierre-Auguste Renoir oder als störrischer Patient in „Das kleine Zimmer“. Ein Nachruf.


Zu den selten gewürdigten Vorzügen von Filmen gehört, dass sich dort wunderbar lernen lässt, wie man sich an andere heranschleicht. Die vorsichtige, nahezu lautlose Bewegung, die darauf aus ist, von anderen Leinwandfiguren nicht bemerkt zu werden, entspricht dem Medium nahezu vollendet, das über die Kameraeinstellung mühelos die Perspektiven verschieben kann und damit die Wahrnehmung der Zuschauer beeinflusst. Der französische Schauspieler Michel Bouquet war ein Meister der katzenhaften Bewegung vor der Kamera, darin, langsam aus dem Hintergrund nach vorne zu gleiten, um erst dort gewichtige und oft bedrohliche Präsenz zu entwickeln. In Jean Delannoys „Heimliche Freundschaften“ (1964) spielt Michel Bouquet Pater Trennes, einen der priesterlichen Lehrer an einem strengen katholischen Internat, der im Jungen-Schlafsaal die Aufsicht führt. Die beiden Hauptfiguren des Films, der 14-jährige Georges und der zwei Jahre jüngere Didier, pflegen seit Schuljahrbeginn eine enge Freundschaft mit eindeutigen homophilen Zügen und unterhalten sich auch nachts noch von Bett zu Bett angeregt miteinander. Ein süffisantes Lächeln gleitet über das Gesicht des Paters, als er die Unterhaltung wahrnimmt, sich langsam auf sie zubewegt und die beiden überrascht. Es ist der Beginn einer Phase, in der die Jungen durch diesen Mitwisser ihrer Bindung gestört werden, der Stillschweigen bewahrt, ihnen aber Schuldgefühle einflößen will; so lange, bis sie sich seiner entledigen können, da Pater Trennes selbst ein verbotenes Geheimnis hegt: Zu privaten „Beichtstunden“ befiehlt er nachts Schüler in sein Zimmer. Bei seiner Entdeckung bleibt ihm nur, sich hinzuknien und den Kopf zu senken – eine Geste des Schuldbewusstseins, die ihn auch daran hindert, nun seinerseits die Freundschaft der Jungen anzuzeigen.


Ich muss das Gefühl haben, das Spiel unter Kontrolle zu haben

Mit „Heimliche Freundschaften“ begann für den 1925 geborenen Michel Bouquet eine Zeit der regelmäßigen Leinwandauftritte, mehr als die Hälfte seiner rund 65 Filmrollen spielte er zwischen Mitte der 1960er-Jahre und Anfang der 1980er-Jahre. Dabei hatte der Darsteller bereits zu Beginn seiner Karriere ab 1947 erste Kino-Engagements übernommen und durchaus Eindruck hinterlassen: In „Monsieur Vincent“, Maurice Cloches Filmbiografie des Armenpriesters Vinzenz von Paul, spielte der damals äußerst dünne Michel Bouquet einen Tuberkulose-Kranken, in „Tödliche Leidenschaft“ (1948) den missgünstigen Bruder eines Schlossherrn. Beide Rollen standen allerdings eng in Zusammenhang mit der Mitwirkung des Dramatikers Jean Anouilh, in dessen Bühnenstücken der junge Michel Bouquet zur selben Zeit seine ersten Theatererfolge feierte. Hinzu kamen ähnlich passgenaue Aufgaben in Stücken von Albert Camus neben den Klassikern von Shakespeare, Molière und Büchner, die Michel Bouquet in seinen ersten zwei Jahrzehnten als Darsteller mehr als genügten, um seine berufliche Erfüllung zu finden. Die Filmarbeit konzentrierte sich lange auf kleine Auftritte, zumal er zu jenen Schauspielern gehörte, die im Theater immer die größere Herausforderung sehen sollten. „Ich muss das Gefühl haben, das Spiel unter Kontrolle zu haben, sonst habe ich keinen Mut, keine Lust“, beschrieb Bouquet seine bevorzugte Arbeitsweise, die sich immer eine Skepsis gegenüber der Auslieferung an Filmregisseure vorbehielt.

Michel Bouquet im Politthriller „Kein Rauch ohne Feuer“ (© IMAGO / Prod. DB)
Michel Bouquet im Politthriller „Kein Rauch ohne Feuer“ (© IMAGO / Prod. DB)

Diesen Freiraum boten ihm dann allerdings doch immer wieder auch Arbeiten fürs Kino. Nach dem seinerzeit unterschätzten sensiblen Drama „Heimliche Freundschaften“ fand Michel Bouquet in zwei Hauptvertretern der Nouvelle Vague optimale Unterstützer für seine feinfühligen Interpretationen. François Truffaut besetzte ihn in „Die Braut trug schwarz“ (1967) als vereinsamten Musikliebhaber, der mit seinen früheren Jagdfreunden den Tod eines Mannes am Tag seiner Hochzeit verschuldet hat, sich aber noch das meiste Mitleid des Zuschauers verdient, als er der eiskalten Rache der Braut (Jeanne Moreau) zum Opfer fällt, sowie als Detektiv in „Das Geheimnis der falschen Braut“ (1969). Noch glücklicher entwickelte sich jedoch die Zusammenarbeit mit Claude Chabrol. Diese begann unter an sich schlechten Voraussetzungen mit zwei eher missglückten, halb-parodistischen Annäherungen ans populäre Agentenkino mit „Der Tiger parfümiert sich mit Dynamit“ (1965) und „Die Straße von Korinth“ (1967), wobei Bouquet die Vorgaben auch hier schon immerhin zu kleinen Perlen zu nutzen verstand. Sein weiß gekleideter Geheimdienstchef in „Die Straße von Korinth“ ist in seiner anzüglich grinsenden Selbstgefälligkeit jedenfalls kaum zu übertreffen; wenn ihm Jean Seberg als junge Witwe eines getöteten Agenten den Hut herunterreißt und ins Meer wirft, ist sein vorsichtig tapsender Versuch, ihn herauszufischen, ein komödiantischer Ausreißer in einem insgesamt viel zu humorlosen Film.


Der archetypische Bourgeois

Nach diesen auch finanziellen Flops fand Claude Chabrol allerdings wieder zu stilistischer Meisterschaft zurück und Michel Bouquet ein Trio höchst facettenreicher Aufgaben (jeweils mit Stéphane Audran als kongenialer Partnerin). In dieser Zeit perfektioniert der Schauspieler, der auf der Bühne immer wieder auch sehr energiegeladene Auftritte darbot, die Kunst der höchsten mimischen Zurückhaltung im Film. Schon 1955 hatte er als Sprecher in Alain Resnais’ „Nacht und Nebel“ alles darangesetzt, Emotionen aus seiner Stimme zu verbannen, ohne dabei roboterhaft zu klingen, um so die Bilder der Konzentrationslager weder sentimental aufzuladen noch die Schwere der Nazi-Untaten herunterzuspielen. Angefangen mit „Die untreue Frau“ (1968) wird Michel Bouquet nun zu Chabrols archetypischem Bourgeois, die ergrauenden Haare streng zurückgekämmt, die äußerst hohe Stirn und die markanten Geheimratsecken drohend auf sein Gegenüber gerichtet, die flinken Augen ebenso arglistig wie die schmalen Lippen. Seine Figuren streben ihre Gefühlskälte vielleicht nicht bewusst an, üben sie aber jedenfalls in Vollendung aus. Die Affäre seiner Gattin in „Die untreue Frau“ ist für Bouquets Anwalt Desvallées ein Schock, allerdings erst nur unter gesellschaftlichen Erwägungen. Als er den Liebhaber im Affekt tötet, starrt er seine blutigen Hände an, wobei ihn deren Zittern mehr zu verwundern scheint als die eigentliche Tat. Diese vertuscht er dann derart sorgfältig und ohne großes Zögern, als gehöre derlei Vertuschung zum Grundwissen der Bourgeoisie dazu; dass er am Ende verhaftet wird, nimmt er als logische Entwicklung aber dennoch hin und bewahrt noch in dieser Situation seinen Gleichmut.

Die untreue Frau (© StudioCanal)
Todschlag im Affekt und Vertuschung: "Die untreue Frau" (© StudioCanal)

Ähnliche moralische Untiefen durchmisst er in „Der Riss“ (1970), wo er zur Abwechslung Stéphane Audrans Schwiegervater spielt. Dieser wertet es als Affront, dass die Frau seines psychisch instabilen, gewalttätigen Sohnes die Scheidung und das Sorgerecht für das gemeinsame Kind will. Um dies zu unterbinden, setzt er darauf, den Ruf seiner Schwiegertochter zu ruinieren, ohne sich in diesem Fall selbst die Hände schmutzig machen zu wollen; hierfür heuert er lieber einen gleichfalls skrupellosen Komplizen an. Noch einmal höchst ausgefeilt ist dann Bouquets Charakterisierung in „Vor Einbruch der Nacht“ (1971): Seine Figur Charles Masson ist wiederum für einen Tod verantwortlich, doch diesmal lassen Bouquet und Chabrol zu, dass Mitleid mit dem Mann entsteht, der scheinbar ohne Grund seine Geliebte getötet hat. Masson wird von der Polizei nicht verdächtigt und auch sonst ahnt lange niemand etwas von seiner Tat, bis der Publicity-Manager Regungen zeigt, die seinem beruflichen Verhalten und dem von Chabrols vorgeführten bürgerlichen Selbsterhaltungstrieb grundlegend widersprechen. Das Schuldbewusstsein treibt Masson dazu, sich erst seiner Frau (Stéphane Audran) und dann dem Mann der Toten, seinem besten Freund (François Périer), zu offenbaren, ohne die Absolution erlangen zu können. Schauspielerisch ist das eine der fesselndsten Studien (ohne jede aufgesetzte Moral!) über die Unausweichlichkeit von Reue, zu welcher die Kinogeschichte fähig gewesen ist.


Wenn ein Bulle rot sieht

Nach diesem Film gab es mit Chabrol noch einmal eine Wiedervereinigung bei „Hühnchen in Essig“ (1985), in dem Bouquet eine Nebenrolle übernahm. Die 1970er-Jahre boten ihm aber auch jenseits dieser Zusammenarbeit reizvolle Rollen. Neben die saturierten Patriarchen und zwielichtigen Anwälte traten sehr effektvoll harte, in ihren Mitteln völlig skrupellose Polizisten: Noch bevor das US-Kino durch „Brennpunkt Brooklyn“ und „Dirty Harry“ diese Form der Gesetzeshüter zu fragwürdigen, danach in zahllosen schlechteren Werken plagiierten Ikonen machte, spielte Michel Bouquet in Yves Boissets Ein Bulle sieht rot einen Kommissar auf Rachetour gegen die Mörder eines Kollegen – inklusive Liquidation von Verbrechern und Folter gegen Zeugen. Der vergebliche Versuch des damaligen Innenministers, den Film zu verbieten, befeuerte dessen Erfolg beim Publikum noch, ein Ausdruck auch der Anerkennung für das Spiel Bouquets, der seiner Figur eine hitzige Daueranspannung gibt, die es trotz seiner Taten schwer macht, die Blicke von ihm zu wenden.

Als Polizist in „Ein Bulle sieht rot“, der auch einen Zeugen (Rufus) misshandelt (© Empire films/Stephan Films)
Als Polizist in „Ein Bulle sieht rot“, der auch Zeugen misshandelt (© Empire films/Stephan Films)

Ein Sympathieträger ist er trotzdem nicht und in seinen folgenden Polizistenrollen baut Bouquet die abstoßenden Züge selbstgerechter Polizisten weiter aus: In „Endstation Schafott“ (1973) hintertreibt er die Reintegration eines jungen Strafentlassenen (Alain Delon) in die Gesellschaft derart perfide, dass selbst ein Jean Gabin als wohlmeinender Bewährungshelfer nichts ausrichten kann; das offensichtliche Vorbild für diese Figur, Inspektor Javert aus „Les Misérables“, spielte Michel Bouquet folgerichtig dann ebenfalls, 1982 in Robert Hosseins gelungener Adaption von Victor Hugos Roman. Die brutalen Gesetzesvertreter, in deren Nähe auch einige Staatsanwälte und Politiker gehören, war Bouquet irgendwann leid, geradezu eine Erholung in dieser Zeit dürfte seine parodistisch angelegte Rolle in „Das Spielzeug“ (1976) gewesen sein: ein Millionär, der die Überlegenheit des Geldes über alle Gefühle so verinnerlicht hat, dass er seinem Sohn ohne Zögern den Wunsch erfüllt, ihm einen gutmütigen Menschen (Pierre Richard) als Spielgefährten zu schenken.


„Beförderung“ zum Präsidenten

Ab den 1980er-Jahren reduzierte Michel Bouquet seine Filmarbeit einmal mehr drastisch und konzentrierte sich auf weitere Theaterherausforderungen wie die großen Charakterrollen von Molière, den alten Monarchen in Ionesco „Der König stirbt“ oder den Dirigenten Wilhelm Furtwängler in Ronald Harwoods „Taking Sides“. Unverhofft stellten sich aber doch immer wieder auch denkwürdige Rollen in den Kinofilmen ein: Als alter Mann, der damit hadert, seiner Ansicht nach von Kindheit an das falsche Leben geführt zu haben, verschaffte er Jaco van Dormaels verspieltem „Toto der Held“ (1991) eine tragische Qualität im Zentrum und gewann dafür den „Europäischen Filmpreis“. Intensiv ist auch seine Konfrontation mit zwei zurückgelassenen Söhnen in Anne Fontaines „Vater töten!“ (2001); zwar hat seine Figur als Arzt in Afrika die Abwesenheit genutzt, um vielen anderen Menschen Gutes zu tun, dennoch steht durchweg eine gefühlte, wenn auch Bouquet-gemäß unterdrückte Schuld gegenüber seinen Kindern im Raum. Die Frage nach den womöglich falschen Entscheidungen der Vergangenheit und nach dem Vermächtnis stehen auch im Zentrum von „Letzte Tage im Elysee“ (2005), in dem Michel Bouquet – mittlerweile fast kahl und hohlwangig – den Staatspräsidenten François Mitterand verkörpert. Die Haltung des Films zu dem gealterten Sozialisten mit dem aristokratischen Erscheinungsbild ist grundsätzlich wohlwollend, ohne Mitterands Schwächen und fragwürdige Momente seiner Vita zu verleugnen, was Bouquet noch einmal sämtliche Nuancen ambivalenter Charakterisierungskunst zeigen lässt.

Als François Mitterand in „Letzte Tage im Elysee“ (© IMAGO / Allstar)
Als François Mitterand in „Letzte Tage im Elysee“ (© IMAGO / Allstar)

Sentimentale Auswüchse lässt er aber auch in der zerbrechlicheren Erscheinung der Altersrollen nicht zu, auch als Impressionist in „Renoir“ (2012), der wegen seiner Arthritis nur noch malen kann, wenn ihm die Pinsel an die Hände gebunden werden, ist er still ergreifend, ohne um Mitgefühl zu buhlen – zumal er seine Umgebung immer noch vor den Kopf stoßen kann. Das gilt auch für „Das kleine Zimmer“ (2010), wo er einer Pflegerin das Leben schwermacht, bis er seine zunehmende Schwäche nicht mehr leugnen kann und sogar zeitweilig bei ihr einzieht, um dem Heim zu entgehen. Seine Eigensinnigkeit behält er dennoch und auch den Drang, sich Verboten nicht zu fügen und auch dort unverhofft aufzutauchen, wo er nicht erwartet und auch nicht erwünscht ist. Für Michel Bouquet sind diese letzten Hauptrollen seine großen Abschiedsvorstellungen im Kino, in Kleinauftritten tritt er allerdings noch bis 2021 vor die Kamera. Am 13. April 2022 starb der Schauspieler im Alter von 96 Jahren in Paris.

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