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Ins Kino hineingefallen - Mathieu Amalric

Dienstag, 19.04.2022

Ein Interview mit dem französischen Schauspieler und Regisseur Mathieu Amalric

Diskussion

In Frankreich gehört Mathieu Amalric (Jahrgang 1965) seit rund 30 Jahren zu den angesehensten Schauspielern, international ist er vor allem durch Filme wie „Schmetterling und Taucherglocke“ und seine Rolle als Bond-Bösewicht in „Ein Quantum Trost“ bekannt. Bei Werken wie „Tournée“ und zuletzt „Für immer und ewig“ führt er auch Regie. Das Berliner Kino Arsenal zeigte im April eine Werkschau mit Filmen von und mit Mathieu Amalric. Ein Gespräch über Einflüsse, Obsessionen und einen unorthodoxen Weg zum Kino.


Was sind Ihre Vorlieben als Regisseur? Sie gehören ja nicht zu den Filmemachern, die eigentlich immer denselben Film drehen?

Mathieu Amalric: Ich habe immer davor Angst gehabt, die Leute zu langweilen. Das erinnert mich jetzt an den amerikanischen Musiker John Zorn, den ich seit 12 Jahren filme. Er macht immer wieder etwas Neues und sagte einmal diesen Satz: „Musicianship has changed today.“ Es fiel mir sehr schwer, dieses Wort „musicianship“ auf Französisch für die Untertitel zu übersetzen. Ich weiß nicht, ob man es als „musikalische Gabe“ umschreiben kann oder einfach sagen sollte: „Musiktalent heute bedeutet etwas Anderes.“ Zorn fügte dann noch hinzu, Musiker zu sein, sei mehr, als nur zu lernen, ein Instrument zu spielen: man müsse Konzerte organisieren, improvisieren, live aufzutreten, Leute zusammenbringen. Am Ende sagte er noch: „Eigentlich ist es ein wenig so, wie Bach zu sein.“ Und das stimmt ja irgendwie. Bach zog von Stadt zu Stadt, um Orgeln zu reparieren, und sonntags musste er dann noch viel für die Kirche tun. Und er machte und schrieb Musik. Genau das interessiert mich an den Berufen des Kinos. Übrigens sind diese bisherigen drei Filme über John Zorn für mich mit das Wichtigste, dass ich gemacht habe. Und ich mache sie alleine, auch den Ton und die Bilder. Das erfüllt mich sehr.

Mathieu Amalric in „Tournée“ (© Farbfilm)
Mathieu Amalric in „Tournée“ (© Farbfilm)

Der erste Film als Regisseur, den ich von Ihnen sah, war „Tournée“ (2010), der mich sehr erstaunte, weil ich nichts über das darin gezeigte Universum der Tänzerinnen und des New Burlesque wusste. Dort spielen Sie den Produzenten der Frauen. Wenn man dann Ihren Film „Barbara“ (2017) über die gleichnamige französische Chansonsängerin anschaut, entdeckt man Parallelen. Sie scheinen diese Welt der Bühnenauftritte zu mögen und auch filmisch zu dekonstruieren, wenn Sie in „Barbara“ selbst einen Regisseur spielen, der einen Film mit einer Schauspielerin dreht, die eine Ikone verkörpert…

Amalric: Gut, dass Sie als Journalist das sehen. Ich muss wohl gewisse Obsessionen haben. Und dabei fällt mir ein, wie komisch es ist, wie ein kleiner Junge vor übergroßen Frauen zu agieren. In „Barbara“ amüsierte es mich sehr – auch weil ich diese Rolle spielte – ein Fetischist, ein kleiner Junge und dabei lächerlich zu sein. Viele Bewunderer von Barbara waren so. Und in „Tournée“ glaubt dieser Mann, er müsse ein Macho sein, und wird am Ende von den Frauen adoptiert. Sie nehmen ihn in seiner Welt an. Über solche Parallelen denke ich nun nicht jeden Tag nach, sondern nur, weil Sie danach fragen. Bei „Barbara“ wollte ein Produzent, dass sie von Jeanne Balibar gespielt wird und nicht, dass Pierre Léon Regie führt, der eigentlich vorgesehen war. Und so gab es für Jeanne und mich die Möglichkeit, 18 Jahre nachdem wir „Le Stade de Wimbledon“ gedreht hatten, wieder zusammen zu arbeiten.


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Wie wichtig war es dabei, kein klassisches Biopic zu drehen?

Amalric: Mein Wunsch war, Jeanne zu filmen. Und über Barbara ein Biopic zu drehen, die das garantiert überhaupt nicht gemocht hätte, wäre sehr schwierig. Mit meinem Drehbuchautor Philippe Di Folco sagte ich mir, was an einem Biopic spannend ist: dass man das Leben der Menschen einfach nicht kennt. Von diesem Punkt an wird es interessant. Es gibt bei diesem Genre die Krankheit, sich immer an „Rosebud“ zu versuchen, weil man Citizen Kane von Orson Welles falsch verstanden hat. Man glaubt dann, man müsse das Leben eines Menschen auf eine einzige Erklärung, eine Sache reduzieren, die auf ein Kindheitstrauma zurückzuführen sei. Dann wäre alles geklärt und man liefere den Leuten noch eine Botschaft hinzu. Aber das Leben eines Menschen dazu zu verwenden, eine Botschaft anzubieten, ist doch eher die Rolle der Religion und nicht des Kinos…

Als Jugendlicher haben Sie einige Zeit lang mit Ihren Eltern in Moskau gelebt. Haben Sie damals Russisch gelernt?

Amalric: Meine Eltern waren beide Journalisten bei „Le Monde“ und Korrespondenten. Erst in Washington und dann in Moskau. Dort lebten wir in der Breschnew-Ära, und die sowjetischen Behörden versuchten, Kontakte zwischen Ausländern und Russen, soweit es ging, zu unterbinden. Aber meine Mutter hatte diese geniale Idee, mich in einer Musikschule für Kinder einzuschreiben, die sich in unserem Kiez befand. Das war erlaubt. So war ich der einzige Ausländer in einer russischen Musikschule und habe sehr gut und fleißig lernen müssen. Ich habe nie so gut Klavier gespielt wie damals im Alter von 12 Jahren. Und meinen Eltern gelang es auch, immer wieder in Kontakt zu Dissidenten zu treten. Genau deshalb habe ich dann auch mit dem Kino angefangen.

Als Kommissar in Wes Andersons „The French Dispatch“ (© The Walt Disney Company (Germany))
Als Kommissar in Wes Andersons „The French Dispatch“ (© The Walt Disney Company (Germany))

Sie haben also in Moskau die Inspiration erhalten, später Regisseur zu werden?

Amalric: Ja, das ist der Freundschaft zwischen meinen Eltern und Otar Iosseliani zu verdanken. Er kannte mich schon als Kind. Otar dreht nur selten mit professionellen Darstellern in seinen Filmen. Er arbeitet eher mit Freunden, mit Menschen, die er trifft. So fiel ich zufällig in die Welt des Kinos hinein. In Die Günstlinge des Mondes (1984) spielte ich eine kleine Rolle, als ich 17 war. Und ich verliebte mich in die Welt des Kinos, wie man einen Film herstellt. Und ich bekam Lust, genau das zu tun, was Otar machte. Ich wollte einen Film herstellen, fabrizieren. Schauspieler bei Otar Iosseliani zu sein, war nicht sonderlich aufregend. Er führt Regie mit einer Trillerpfeife und macht den Filmton erst später. Einmal pfeifen bedeutet, man muss losgehen, und zweimal pfeifen, man muss stehen bleiben, dreimal pfeifen, man muss etwas trinken. Das alles erschien mir als Schauspieler nicht wirklich Spaß zu machen. Aber wie Otar als Regisseur wie mit einer elektrischen Eisenbahn zu spielen, das gefiel mir. Das wollte ich auch einmal tun.

Das erinnert mich an Ihre Rolle als französischer Geheimoffizier in der französischen Spionageserie „Büro der Legenden“. Haben Sie da nicht auch ein wenig Russisch gesprochen?

Amalric: Ja, in der 5. Staffel, als es um die Vergangenheit meiner Figur geht und man herausfindet, dass sie einmal in Russland gelebt hat. Der Serienschöpfer und Regisseur Éric Rochant wusste, dass ich dort auch gelebt habe. Und Russisch war mir noch in den Ohren, so wie ich es als Kind gesprochen habe. Das bleibt irgendwie in einem. Und es berührte mich sehr, so in das Russische zurückzufallen. Ich muss derzeit viel daran denken, weil wir ja alle Moskauer Szenen in Kiew gedreht haben. Éric Rochant wollte dort die 1990er-Jahre in Moskau wiederaufleben lassen. In der Ukraine fanden ja sehr viele ausländische Produktionen statt…

Noch eine andere persönliche Frage. Ihre Mutter ist geborene Jüdin. Hat das Judentum in Ihrem Leben irgendeine Rolle gespielt? War das eventuell auch ein Grund, bei Filmen wie „München“ von Steven Spielberg mitzumachen oder mit Roman Polanski und dem israelischen Regisseur Etgar Keret zu drehen?

Amalric: Nein, das hat keine Rolle gespielt. Ich denke sogar nicht einmal darüber nach. Meine Großmutter kam im Alter von zwei Jahren aus Polen 1904 in Frankreich an. Und sie war eine glühende Anhängerin der französischen Republik. In meiner Familie gab es keine Weitergabe jüdischer Traditionen, Bräuche oder Kultur. Als ich vor einigen Jahren einen Dokumentarfilm über Joann Sfar drehte, war ich so eifersüchtig, dass ich nicht mit all diesen wunderbaren Geschichten aufgewachsen bin wie er. Das fehlt mir manchmal. Ich lese zurzeit wieder das Buch von Leopold von Sacher-Masoch, „Contes juifs“ [eine deutsche Ausgabe erschien erstmals 1892 als „Jüdisches Leben in Wort und Bild“]. Er hat übrigens auch „Venus im Pelz“ geschrieben, war kein Jude und gehörte zu den wenigen Menschen, die Juden liebten. „Contes juifs“ schrieb er auf Französisch. Es ist eine Art Enzyklopädie, die jüdische Geschichten aus der ganzen Welt sammelt, aus Galizien, der Türkei, Polen, aber auch sehr oft der Ukraine. Es sind also diese Geschichten, die mir gefallen. Und wenn es gelegentlich passiert, dass ich mir sage: Oh, du bist ja eigentlich Jude, dann sind es diese Geschichten, der Humor, eine Neugier für ganz viele unterschiedliche Dinge, die wiederum gut ist, wenn man Kino macht.

Jeanne Balibar in Amalrics „Barbara“ (© Gaumont)
Jeanne Balibar in Amalrics „Barbara“ (© Gaumont)

Gibt es denn da Einflüsse aus dem Kino?

Amalric: Mir fällt gerade Arnaud Desplechin ein. Er ist kein Jude, aber hätte davon geträumt, einer zu sein, und er hat sich im Gegensatz zu mir stark mit dem Judentum auseinandergesetzt. Aber es stimmt und ist auch wunderbar, dass man von einem Juden nie eine Antwort erhält. Das heißt, wenn ich Ihnen eine Frage stelle, ist Ihre Antwort, dass Sie mir eine Frage stellen. Ich glaube, das zieht Arnaud Desplechin sehr an. Man bestätigt also nicht etwas, sondern öffnet mit einer Antwort den Weg für andere Möglichkeiten. Dabei muss ich plötzlich an Robert Musil und seinen „Mann ohne Eigenschaften“ denken (zeigt das Buch). Seit sechs Jahren arbeite ich an diesem Buch, an einer Form der Verfilmung. Auch Musil war kein Jude, aber mit einer Jüdin verheiratet. Ich sehe da eine Verbindung. Ich stelle eine Frage und bekomme keine direkte Antwort. Das findet man auch bei Musil. Wenn eine Sache existiert, ist es nur der Beweis, dass auch eine andere Sache möglich ist.

Kommen wir kurz auf Arnaud Desplechin zurück. Warum war er für Sie so wichtig?

Amalric: Ich habe nie gelernt zu schauspielern. Mein Leben war zunächst das eines Technikers, eines Praktikanten, eines Assistenten des Cutters. Ich habe alle Jobs im Kino übernommen, um eigene Filme zu drehen. Und es ist Arnaud Desplechin, der mich als Schauspieler erfunden hat. Und weil er ein großer Cineast ist, glaubten die Leute, ich sei ein guter Schauspieler. Und seitdem geht das weiter. Heute finde ich es faszinierend, als Regisseur zu wissen, wie man mit den Schauspielern spricht. Es ist schön, beides zu machen. Übrigens hat Desplechin auch einmal zu mir gesagt: „Du bist ein Regisseur des Ostens.“ Ich fühle mich sehr zum tschechoslowakischen, zum ungarischen Kino hingezogen.

Wie wichtig war Ihnen die Arbeit mit amerikanischen Regisseuren wie Steven Spielberg, Julian Schnabel, Wes Anderson, oder auch die Mitwirkung bei „James Bond“?

Amalric: Das sind überhaupt keine amerikanischen Filme, sondern ein Film von Spielberg, den er in Europa drehte, über eine europäische Geschichte, bei der er auch auf der Suche nach seinen Wurzeln war. Und Julian Schnabel wollte seinen Film auf Französisch drehen, in Frankreich, wo diese Geschichte auch passiert ist. James Bond ist Engländer, und solch ein Film ist schon mal komisch, ein Maskenspiel, ein Kinderspiel. Es geht aber auch immer um die Bewunderung zu Filmemachern. Wes Anderson bei der Arbeit zu beobachten, ist einfach nur: Wow...

Vicky Krieps in Amalrics jüngster Regiearbeit „Für immer und ewig“ (© Les Films du Poisson/Charles Paulicevich)
Vicky Krieps in Amalrics jüngster Arbeit „Für immer und ewig“ (© Les Films du Poisson/Charles Paulicevich)


Lassen Sie uns über Ihren neuen Film reden, „Für immer und ewig“ mit Vicky Krieps. Wie immer bei Ihren Filmen als Regisseur, war ich sehr überrascht. Was hat Sie an diesem Genremix interessiert?

Amalric: Natürlich stimmt es, was François Truffaut einmal gesagt hat, dass man immer einen Film gegen den Film davor dreht. Und wenn man sich seine Filmografie anschaut, merkt man, dass er immer ein Drama und danach eine Art Komödie gedreht hat. Diese beiden Genres wechseln einander immer ab. Und bei mir war „Für immer und ewig“ eine Reaktion auf „Barbara“. Ein Freund gab mir das Theaterstück „Je reviens de loin“ von Claudine Galéa, das vor 17 Jahren erschienen ist, aber nie im Theater gespielt wurde. Nach der Lektüre musste ich weinen. Und es schien mir, dass ich jetzt so ein Melodrama brauchte. Wenn man ein Melodrama macht, kann man nicht lügen. Die von Vicky Krieps gespielte Hauptfigur Clarisse verlässt eines Tages ihren Mann und ihre Kinder. Aber sie projiziert Dinge. Es gibt also Wahres und Falsches. Sie heißt Clarisse wie bei Musil, wo diese Frau mit dem Wahnsinn flirtet, zum Schluss einen Zug nimmt und Walter verlässt, in dem Teil des Romans, der nie veröffentlicht worden ist. Und Vicky Krieps hatte immer den „Mann ohne Eigenschaften“ in ihrer Tasche. Ich sagte mir, dass auch ihre Figur Übersetzerin ist und sie gewiss Lust hat, Musil zu übersetzen. Und als ich den Text von Claudine genau las, fiel mir auf, dass sich dort auch textlich Sätze überlagern, plötzlich kursiv geschrieben sind. Und so ertönen plötzlich Stimmen. Außerdem dreht Clarisse ganz einfach die Handlung um. Sie sagt: Ich bin nicht fortgegangen, sondern ihr seid geblieben. Und dann ist man plötzlich wieder in einem anderen Genre: in einem Geisterfilm. Und damit wurde mir klar: Aus diesem Stoff kann man Kino machen.

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