© UPI (aus "The Northman")

Die Macht des Nordens - Nordische Mythen

Freitag, 22.04.2022

Zum Kinostart von "The Northman": Überlegungen zur Popularität nordischer Mythologie in populären Filmen und Serien.

Diskussion

Die mediale Sehnsucht nach Walhalla erlebt seit Jahren eine vielschichtige Renaissance. Das wurde nachdrücklich deutlich, als Neil Gaiman nach seinem eher ironischen Roman „American Gods“ (2001) über die Wiederkehr der alten Götter in den modernen USA mit „Nordic Mythology“ (2017) ein weiterer Bestseller gelang. Darin erzählte er auf pointierte Weise die Mythen der nordischen „Edda“ nach und beschwor Odin, Thor, Loki und Freya in einem frappierend zeitgemäßen Gewand. Das Buch kann als Symptom einer weltweiten Rückkehr der nordischen Götter- und Mythenwelt gelten, die in der „Herr der Ringe“-Verfilmung durch Peter Jackson einen erfolgreichen Vorläufer besaß. Und es belegt den Bedarf nach einem begleitenden Handbuch nordischer Sagen, die Gaiman in seinem Werk selbst immer wieder variiert hatte.


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J.R.R. Tolkien bediente sich bei seinem Weltentwurf in den Romanen „Der Hobbit“ und der „Herr der Ringe“-Trilogie einer eklektizistischen Mischung kultureller, historischer und mythischer Versatzstücke, unter denen die nordische Mythologie Skandinaviens und der germanischen Völker einen bedeutenden Stellenwert einnimmt. Als Philologe und Sprachwissenschaftler kannte Tolkien sich bestens mit den isländischen und altnordischen Sprachen aus und bezog sich direkt auf die überlieferten Quellen. Oft variierte er bei Namen und Orten die Schreibweise nur minimal; in Namen wie Thror oder Thorin schwingen ebenso Thor wie Odin mit. Tolkiens Orks und Ents erinnern an die Trolle der nordischen Welt, die Elben an die Elfen und so weiter.


Nicht nur in der serienverfilmung von "American Gods", zu sehen bei Amazon Prime, sind die alten Götter wie der nordische Odin (Ian McShane) noch quicklebendig (© StudioCanal)
Nicht nur in der Serienverfilmung von "American Gods", zu sehen bei Amazon Prime, sind die alten Götter wie der nordische Odin (Ian McShane) noch quicklebendig (© StudioCanal)

Ähnliches lässt sich über den texanischen Pulp-Autor Robert E. Howard sagen, der in den 1930er-Jahren popmythologische Heroen wie Salomon Kane, Kull, Bran Mak Morn und Conan den Cimmerier entwickelte. Vor allem die Welt von Conan, der später auch zum Marvel-Comichelden wurde, ist auf Basis nordischer Mythen konstruiert. So ist das „hyborische Zeitalter“ eine mythische Zeit nach dem Untergang von Atlantis; allerdings finden sich auch in Howards Fantasywelten Versatzstücke unterschiedlichster Kulturen, denen der Hüne Conan auf seinen Reisen von Norden nach Süden begegnet. Einen Popularitätsschub erfuhr die Figur durch den Erfolg des Films „Conan der Barbar“ (1982) von John Milius, der sich nachdrücklich für nordische Kultur interessierte und diese in den Film integrierte. Milius plante neben der Fortsetzung „King Conan“ auch ein Wikinger-Epos namens „Northmen“, doch beide Projekte kamen nie zustande.

Man muss nicht erst bei Marvels „Thor“ und Loki“-Adaptionen ansetzen, um sich zu fragen: Was macht die nordischen Mythen so attraktiv und langlebig? Und was versteht man unter nordischen Mythen? Auf der Suche nach Antworten wird man sich am ehesten auf die vitale Erzählwelt Islands konzentrieren, denn dort haben sich die alten Mythen bis heute halten können und sind Teil des Alltags geworden, deutlich mehr als etwa in Griechenland oder Italien, wo das Christentum diese Traditionen erfolgreich verdrängt hat.

In Island lassen sich drei Kategorien unterscheiden. Erstens: Das nordische Götterpantheon ist das Figurenensemble der Mythensammlung „Edda“, welche die heidnische Welt allerdings erst während der Christianisierung dokumentierte. In der „Edda“ lernt man nicht nur die intriganten, sehr menschlich agierenden Götter und ihre neun Welten kennen, sondern erlebt auch ihren Untergang im epochalen Kampf mit dem Fenriswolf in der Götterdämmerung, dem Ragnaroek. Wie die Mythen aller Kulturen enthalten auch diese Erzählungen elementare Aussagen zur Kultur der nordischen Völker; verschlüsselt beschreiben sie deren Jahreslauf und Alltag. Die Serie „Ragnarök“ (2021) spielt dieses Modell als Coming-of-Age-Öko-Drama durch, das nicht zufällig in der norwegischen Kleinstadt Edda spielt. Zweitens: Die im Mittelalter verschriftlichten isländischen Sagas erzählen von epischen Familienzwisten und den Reisen und Abenteuern altisländischer Helden. Diese sind eine unerschöpfliche Inspiration für historisch anknüpfende Wikinger-Serien und -Filme, darunter „Vikings“ (2013-2020), „Vikings: Walhalla“ (2022) und „The Northman“ (2022). Drittens findet man vermehrt Elemente der nordischen Folklore in Filmen und Serien wieder, darunter Zwerge, Trolle und Elfenwesen, etwa in Filmen wie „Trollhunter“ (2010) von André Øvredal, „Border“ (2018) von Ali Abbasi und „Lamb“ (2021) von Valdimar Jóhannsson. Einen vergleichbaren Reichtum an lebendiger und gepflegter Mythologie und Folklore findet man im westlichen Kulturkontext sonst selten, was einen Teil der Attraktivität bereits erklären könnte.


Seit März bei Netflix: "Vikings: Walhalla", ein Spin-off der populären "Vikings"-Serie (© BERNARD WALSH/NETFLIX)
Seit März bei Netflix: "Vikings: Walhalla", ein Spin-off der populären "Vikings"-Serie (© BERNARD WALSH/NETFLIX)

Mythen und Metaphern

Doch sehen wir uns einige aktuelle Mythenadaptionen genauer an. Der dänische Regisseur Nicolas Winding Refn kündigte nach seinem frühen Erfolg mit der „Pusher“-Trilogie überraschend einen Wikingerfilm mit seinem Star Mads Mikkelsen an. In „Walhalla Rising“ (2009) dringt Refn ins Herz des nordischen Mythos vor und verbindet dabei die Sagen mit der „Edda“. In den schottischen Highlands wird ein mysteriöser, stummer Sklave mit einem Auge (Mads Mikkelsen) von einem norwegischen Häuptling gefangen gehalten und gezwungen, in Preiskämpfen mit bloßer Faust bis zum Tod gegen andere Sklaven zu kämpfen. Nur ein kleiner Junge kann sich ihm gefahrlos nähern und wird zu seiner Stimme. In der Welt von Walhalla Rising“ vertritt Einauge die Welt der alten Götter, die zusehends von den Predigern des „weißen Christen“ verändert wird. In der zweiten Hälfte des Films, nachdem er sich seiner heidnischen „Besitzer“ gewaltsam entledigt hat, schließt sich der Einäugige einer Gruppe Kreuzfahrer an, die auf einem Schiff nach Jerusalem aufbrechen und schließlich in der „Neuen Welt“, in Nordamerika, landen.

So modellhaft wie dieses Handlungsgerüst klingt, ist es auch angelegt: Einauge wird zum Heros in einem Monomythos über den Wechsel der Zeiten, zwischen der Welt der germanischen Mythen und dem Aufziehen des christlichen Zeitalters. „Wir haben viele Götter, sie haben nur den einen“, behauptet einer der Heiden, doch das wird ihm beim Überleben nicht helfen. In den apokalyptischen Visionen von Einauge, in denen er sein eigenes Spiegelbild sieht, in blutrotem Wasser gebadet, deutet der Film an, dass der Protagonist selbst ein Gott sein könnte: der einäugige Odin, der mit der Dämmerung der Götter (Ragnaroek) auf die Erde tritt und mit brachialer Gewalt ein letztes Zeichen setzt, indem er allen Kreuzfahrern in der „Neuen Welt“ den Tod bringt.

„Walhalla Rising“ ist ganz bewusst ein „einäugiger Film“, getrieben von archaischen Ritualen, blutrünstigen Exzessen und bedeutsam geraunten Verkündigungen. Er wird in sechs Kapiteln erzählt: „Wrath“, „Silent Warrior“, „Men of God“, „The Holy Land“, „Hell“ und „The Sacrifice“. In diesen essenzialistischen Inserts verbirgt sich die zyklische Logik des klassischen Mythen-Narrativs. Man begleitet mit Einauge stellvertretend den Weg der alten Götter und Mythen in die Ewigkeit – mit dem Titel gedacht nach Walhalla, wo die gefallenen Krieger einziehen. Einauge beschwört die buchstäbliche Hölle (im nordischen „Hel“) auf Erden, führt die Kreuzritter ins Herz der Finsternis, um am Ende selbst zum freiwilligen Opfer zu werden. Die Natives der „neuen Welt“ töten ihn und lassen den Jungen am Leben. In diesem Akt wird Einauge wieder Teil jener sakralen Welt, der er entstammt. Im Opferakt wird das Opfer selbst heilig. Die alten Götter mögen sich von den Menschen zurückgezogen haben, aber ihr Glaube an den „weißen Christen“ und das „heilige Land“ wird ihnen hier nicht helfen. Als letzter Vertreter einer Utopie bleibt der blonde Junge unter den mit rotem Lehm maskierten Kriegern zurück.


"Walhalla Rising" (© IMAGO / Everett Collection)
"Walhalla Rising" (© IMAGO / Everett Collection)

Der mythische Impuls betrifft dabei nicht nur die Figuren, sondern auch das Land, ein karges Land, das „Waste Land“ der späteren keltischen Arthur-Sage. Immer wieder bedeckt Nebel diese apokalyptische Gegend, und vor allem auf dem Meer zieht ein lastender Schleier auf, der jede Orientierung nimmt und zahlreiche Opfer fordert. Von der „Alten“ kommt man in die „Neue Welt“, die sich jedoch als ebenso feindlich entpuppt. Der Mensch scheint seinen Abgrund mit sich zu bringen.

Refn war nie wieder so radikal wie in diesem so unzeitgemäß anmutenden Film, der noch heute mit irritiertem Misstrauen betrachtet wird: „Walhalla Rising“ stellt sich mit den modernsten Mitteln digitaler Filmtechnik auf die Seite des Mythos. Er entwirft mythische Räume (das vernebelte Meer, die öden Landschaften, die nackten Felsen), in denen sich ein mythisch-heroisches Endspiel entfaltet.


Serielle Mythologie

„Walhalla Rising“ war kein internationaler Erfolg beschieden, obwohl er in viele Länder verkauft wurde. Das änderte sich, als sich Serien der nordischen Themen annahmen. Eine dem zyklischen Charakter mythischer Narrative entsprechende mediale Form ist die Serie, denn sie entwickelt nicht nur die heroische Reise kontinuierlich weiter, sondern schafft in ihrem Verlauf auch eigene Traditionen und Mythologien, die problemlos mit bekannten mythischen Traditionen kurzgeschlossen werden. Die vom kanadischen History Channel und Michael Hirst entwickelte Serie „Vikings“ (2013-2020; zu sehen bei Netflix) ist dafür ein höchst erfolgreiches Beispiel. Es handelt sich um eine an den Wikingersagas orientierte Historienserie über das frühe Mittelalter und erzählt von den Fahrten, Schlachten und Intrigen der Wikinger zur Zeit von Ragnar Lothbrok, Lagertha, Rollo und Ivar, dem Knochenlosen – allesamt historische Figuren, die um 800 herum am Überfall auf das Kloster Lindisfarne oder das alte Paris beteiligt waren.

Obwohl die Serie einen historischen Impuls repräsentieren soll, entzündete sich die Kritik früh an der offenbar intendiert unhistorischen Ausstattung. Die archaischen Krieger tragen zwar keine Helme, aber ausrasierte Schläfen, Gesichtstattoos und Lederkleidung. Der Schamane erscheint im Leichen-Make-up. Im Frühmittelalter sah die Kultur der Skandinavier jedoch eher bunt aus, mit prachtvoll bestickten Gewändern, nicht steinzeitig verdreckt und mit Geweihkronen geschmückt. Diese Ästhetisierung rückt die Serie vom Historiendrama deutlich in den Bereich einer mythischen Adaption. In herausgehobenen Momenten wie dem Tod der Kriegerin Lagertha oder des Heros Ragnar baut die Inszenierung ganz aufs erhabene Pathos des Blutopferrituals. Dann tauchen Walküren auf und begleiten die Kriegerin auf ihrem Weg nach Walhalla; bei Ragnars Tod in der Schlangengrube erklingt die Stimme von Einar Selvik von der Ritualmusikband „Wardruna“. Solche pathetischen Inszenierungen befriedigen eine archaische Sehnsucht nach schicksalhafter Größe, die sich im rituellen Tod auszudrücken scheint.

Wie in „Walhalla Rising“ wird auch in „Vikings“ der Konflikt zwischen heidnischen und christlichen Glaubensformen thematisiert, hier jedoch serientypisch in extensiven Dialogszenen zwischen Ragnar und Athelstan, Lagertha und ihren Getreuen sowie dem visionären Bootsbauer Floki. Die Serie schafft es zugleich, sich auf den aktuellen kulturellen Konflikt zwischen Säkularität, Christentum und Islam zu beziehen – Fundamentalismus und Offenheit, Eklektizismus und Isolation werden modellhaft durchgespielt. Der Mönch Athelstan tritt zeitweise zum Odinismus über, und Ragnar hadert mit seiner Weltsicht, was den heidnischen Floki zum Mord an Athelstan motiviert, denn er fürchtet um die „Reinheit“ des nordischen Glaubens. In einer ironischen Volte wird der nach dem Gott Loki benannte Protagonist verbannt, woraufhin er die Inselwelt von Island entdeckt, was ihm zunächst wie das Paradies der nordischen Götter erscheint.

Auch der aktuelle Film „The Northman“ (ab 21. April im Kino) von Robert Eggers wählt einen mythischen Zugang zur Wikingerkultur. Orientiert an der Heldenreise von Conan, erleben hier heidnische Medien (Anya Taylor-Joy als Olga und Björk als Hexe) einen Helden mit übermenschlicher Stärke (Alexander Skarsgård als Amleth) sowie eine mythische Rachemission (der Tod des Königs muss gerächt werden). Immerhin tragen die Krieger hier die historischen Helme im Kampf, doch das erdige Farbschema und die latente Präsenz der mythischen Strukturen setzen auf bewährte Tendenzen.


Mythischer Zugang: Björk als Seherin in "The Northman" (© Universal Pictures International Germany GmbH)
Mythischer Zugang: Björk als Seherin in "The Northman" (© Universal Pictures International Germany)

Woher kommt die Popularität nordischer Mythen?

Warum sind die nordischen Mythen so gut transformierbar und kompatibel zur populären Kultur? Im Gegensatz zu monotheistischen Glaubensmodellen bieten polytheistische Mythensysteme ein ganzes Pantheon durchaus fehlbarer Göttinnen und Götter. Das gilt für die nordischen, aber auch für die sumerischen, ägyptischen, griechischen oder römischen Götter. Es gibt kein Postulat einer „einzigen Wahrheit“, keine verbindlichen Gebote und keine Allmacht. Die nordischen Götter sind in ihrem Begehren, ihren Stärken und Schwächen nichts anderes als ein Spiegelbild der menschlichen Gesellschaft und können daher leicht als Analogie menschlicher Protagonisten gesehen werden. Ihre Konflikte spiegeln profane Auseinandersetzungen ebenso wider, wie ihre Zyklen den Lauf der Natur darstellen. Mit jeder Götterdämmerung wird sich eine „neue grüne Welt“ erheben, wird der Frühling wiederkehren.

Auch die Prozesse der Natur drücken sich in den mythischen Geschichten aus, was C. G. Jung zu seiner Archetypenlehre inspirierte und bei Claude Lévi-Strauss die strukturale Anthropologie begründete. Aus den mythischen Geschichten soll man fürs alltägliche Leben lernen. Und da sich dieses Leben über die Jahrhunderte hinweg veränderte, sind auch die Mythen offen für Transformationen. Im Kern konstant, verändern sich die Details. Was bleibt, ist die zyklische Wiederkehr, die sich auch in den populären Filmfranchises wiederfindet, in der serialisierten Erzählweise, die nach einem Relaunch die mythischen Heroen einfach neu erfindet. In den Mechanismen der mythischen Erzählweise findet man die Narratologie der populären Medieninszenierungen wieder.

Man könnte nun einwenden, dass sich diese Eigenschaften auch in der antiken Mythologie finden, und tatsächlich entstammt etwa „Wonder Woman“ dem griechischen Mythos der Amazonen, doch gerade Odin, Thor und Loki haben sich in den vergangenen 15 Jahren auffällig bewährt. Es schwingt auch eine kulturelle Identität in diesen Konzepten mit, eine nordische Kälte und ein Machtwille, der sich in starken Symbolen – Thors Hammer, Odins Raben – ausdrückt. Nordische Mythologie wird medial als archaisches Bollwerk gegen den Humanismus des Christentums oder den missionarischen Charakter des Islams inszeniert. Hier liegt auch (erneut) die Gefahr einer politisch rechten Vereinnahmung nordischer Mythen. Sie dienten seit der völkischen Bewegung des späten 19. Jahrhunderts als identitäres Symbolsystem.

Doch ihre Ausstrahlung darauf zu reduzieren, verfehlt den Kern ihrer populären Wiederkehr. Für ein großes Publikum funktioniert das hier entfaltete Pathos offenbar als fast tröstliche Fluchtfantasie in eine Welt der klaren Lösungen inmitten einer unsicheren Zeit. Der „Northman“ bleibt eine Chiffre des Widerstands gegen Ungerechtigkeit, auch wenn er die ursprüngliche Welt seiner archaischen Mythologie längst hinter sich gelassen hat und sich als immer neu adaptierbar erweist.

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