© Pandora/Andreas Hoefer

Neuer Kinotipp: „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“

Mittwoch, 27.04.2022

In einer gelungenen Gratwanderung zwischen Unterhaltung und tragisch-ernstem Inhalt erzählt Andreas Dresen vom unermüdlichen Kampf einer deutschtürkischen Mutter, die bis vor den US-Supreme-Court zieht, um ihren Sohn Murat aus dem US-Gefangenenlager Guantánamo freizubekommen

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Der Film „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“ ist neuer Kinotipp der Katholischen Filmkritik. Regisseur Andreas Dresen erzählt darin vom Kampf der titelgebenden deutsch-türkischen Hausfrau Rabiye Kurnaz, die jahrelang gegen die illegale Inhaftierung ihres Sohnes Murat kämpft, der kurz nach den Anschlägen vom 11. September 2001 als angeblicher Terrorist ins US-Gefangenenlager Guantánamo verschleppt wurde.


Für die deutsch-türkische Hausfrau Rabiye Kurnaz bricht die Welt zusammen, als sie von der Verhaftung ihres 19-jährigen Sohnes Murat erfährt. Nach den Anschlägen auf das World Trade Center in New York war er als angeblicher Terrorist in Pakistan verhaftet und von der US-Army ins Gefangenenlager Guantánamo verschleppt worden, wo er viereinhalb Jahre festgehalten wurde, ohne dass je Anklage gegen ihn erhoben wurde. Die resolute Mutter aus Bremen-Hemelingen setzt Himmel und Erde in Bewegung, engagiert einen Anwalt und zieht mit diesem bis vor den US-Supreme-Court in Washington, DC, weil sie innerlich zutiefst überzeugt ist, dass ihr Sohn nichts Böses getan hat.

Mit viel Esprit und einem großen Herz zeichnet das bewegende Drama das Ringen der couragierten Frau nach, die in dem trockenen Juristen Bernhard Docke einen geduldigen Rechtsbeistand findet, der auf seine Weise ähnlich hartnäckig ist.

In der Begründung hob die Jury besonders die Gratwanderung zwischen der unterhaltsamen Umsetzung und dem tragisch-ernsten Inhalt hervor, aber auch die Leistung der beiden Hauptdarsteller Meltem Kaptan und Alexander Scheer, die es schaffen, dass man ständig zwischen Weinen und Lachen, urkomischen Momenten und der bitteren Tragik der Realität hin und her pendle. Auch dass der Film konsequent aus der Perspektive einer Mutter erzählt ist, macht ihn besonders.

Unterwegs nach Washington: Meltem Kaptan, Alexander Scheer (r.; Pandora/Luna Zscharnt)
Unterwegs nach Washington: Meltem Kaptan, Alexander Scheer (r.; Pandora/Luna Zscharnt)

Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“ ist allerdings keine schlichte „David gegen Goliath“-Parabel, sondern zeigt an einem individuellen Beispiel, wie tief internationale Ereignisse in das alltägliche Leben von Menschen eingreifen und diese unfreiwillig über sich hinauswachsen lassen. Der Schwerpunkt liegt dabei mit der Figur der Mutter auf der emotionalen Seite und beleuchtet die politischen Hintergründe nur so weit, wie dies zum Verständnis der Handlung nötig ist. Dennoch rutscht das Drama nie ganz ins Melodramatische ab, sondern bewahrt sich dank der einprägsam und differenziert dargestellten Charaktere eine realistische Bodenhaftung.

Regisseur Andreas Dresen geht es aber nicht nur ums Mitempfinden, sondern auch um die Wut auf staatliche Willkür beziehungsweise die Auseinandersetzung mit politischen Verhältnissen. Insoweit zielt der Film auch auf eine aufklärerische Sicht der Dinge. Der in den Filmen von Andreas Dresen immer vorhandene soziale Ansatz, aus Sicht sogenannter kleiner Leute große Entwicklungen zu erzählen, ist hier gefühliger als in früheren Filmen umgesetzt. Trotz der formal eher konventionellen Inszenierung gelingt es Dresen, eine empörende, zutiefst deprimierende juristische Fallgeschichte so humorvoll und zutiefst menschlich zu erzählen, dass darin auch Platz für die politischen Implikationen ist, nämlich die Klage über das bittere Unrecht, das Murat Kurnaz auch durch die Behörden der Bundesrepublik Deutschland zuteilwurde.

Im Filmdienst-Interview blickt Andreas Dresen auf den Entstehungsprozess des Films zurück, der zunächst ganz auf die Perspektive des inhaftierten Murat Kurnaz fokussiert war, sich dann aber ganz auf die Mutter Rabiye Kurnaz konzentrierte, die sich fünf Jahre lang nicht unterkriegen ließ, weil sie in ihrem Inneren wusste, dass ihr Sohn nichts Böses getan hat. In einem Podcast auf der RISE-Plattform betont Dresen, dass er mit dem Film vor allem gegen die verbreitete Vorstellung aufbegehren wollte, der zufolge der Einzelne machtlos gegenüber Unrecht oder gesellschaftliche Benachteiligungen sei. „Das Beispiel von Rabiye Kurnaz zeigt eindrücklich, dass man etwas erreichen kann, wenn sich Menschen zusammentun und hörbar gegen Unrecht ankämpfen.“

Andreas Dresen und die "echten" Rabiye Kurnaz und Bernhard Locke (r.; imago/Future Image)
Andreas Dresen und die "wirklichen" Rabiye Kurnaz und Bernhard Docke (r.; imago/Future Image)

Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“ kommt am Donnerstag, 28. April 2022, in die deutschen Kinos.

Der Kinotipp der Katholischen Filmkritik“ ist ein Qualitätssiegel, mit dem Filme hervorgehoben werden, die in besonderer Weise religiöse Themen aufgreifen, von menschlichen Nöten, Sorgen und Hoffnungen erzählen, Antworten auf existenzielle Fragen formulieren oder gegen den Status quo einer selbstzufriedenen Welt aufbegehren.

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