© IMAGO / Future Image (Anne Spiegel bei der Aushändigung der Entlassungsurkunde am 25.4.2022)

Leders Journal (IV): Mea Culpa!

Montag, 02.05.2022

Das öffentliche Eingeständnis von Fehlern ist in den letzten Jahren zu einer besonderen Form der medialen Selbstdarstellung geworden

Diskussion

Das öffentliche Fehler-Eingeständnis ist in den letzten Jahren längst zu einer besonderen Form der medialen Selbstdarstellung geworden. Eine Analyse des in dieser Hinsicht denkwürdigen Auftritt von Ex- Bundesfamilienministerin Anne Spiegel im April 2022.


Das Live-Bild, das der öffentlich-rechtliche Nachrichtensender „Tagesschau24“ am 10. April um 21.08 Uhr ausstrahlt, zeigt in einer Großaufnahme das Gesicht einer Frau, die vor einer blau-grauen Rückwand steht und zu Menschen spricht, die vermutlich hinter der Kamera stehen. Sie schaut zunächst (aus Sicht der Kamera) nach links, als sie mit ihrer Erklärung beginnt. Sie sagt, sie mache nun einen ungewöhnlichen Schritt, indem sie einige private Details nennen werde. Für einen Moment blickt sie in die Kamera, ehe sie den Blick abwendet und wieder nach links schaut. Ihre Stimme flattert kurz, sie muss sich mehrfach räuspern. Beides sind Zeichen für eine gewisse Angespanntheit und Nervosität. Die Schrift unter dem Live-Bild kündigt an: „Statement von Bundesfamilienministerin Spiegel“.


Das könnte Sie auch interessieren:


Anne Spiegel, Politikerin der Grünen, war in ihrer vorherigen Funktion als Umweltministerin von Rheinland-Pfalz im Juli 2021 in Kritik geraten, als sie während der Flut-Katastrophe unangemessen reagierte und kurz danach, als die Lage an der Ahr noch katastrophal war, zu einem längeren Familienurlaub nach Frankreich aufgebrochen war. Die Kritik an Anne Spiegel, die von Bundeskanzler Olaf Scholz im Dezember 2021 zur Bundesfamilienministerin berufen worden war, begann in einem Untersuchungsausschuss des Landtags von Rheinland-Pfalz, der die Umstände der Flut untersucht. Er hatte unter anderem SMS-Nachrichten der Katastrophennacht zutage gefördert, in denen sich Anne Spiegel eher um ihr Renommee sorgte als um die Menschen in der Not. Hinzukam, dass sie behauptete, während des Urlaubs per Videoschaltungen an Sitzungen des rheinland-pfälzischen Kabinetts teilgenommen zu haben, was sich als Falschaussage herausstellte.


Überforderung

Die privaten Details, die Anne Spiegel anführt, betreffen ihre familiäre Situation. Ihr Mann hätte im letzten Jahr einen Schlaganfall erlitten. Ihre vier Kinder – eines im Kindergarten-, die anderen im Grundschulalter – hätten unter den Corona-Bedingungen gelitten. All das hätte dringend den Urlaub erforderlich gemacht, zu dem sie zehn Tage nach der Flut aufgebrochen wäre. Sie deutet aber auch an, dass sie zugleich beruflich überfordert war, da sie zusätzlich zu ihrem Amt als Landesministerin für Familie, Frauen, Jugend, Integration und Verbraucherschutz zum 1. Januar 2021 das Amt der Umweltministerin übernommen und sich später dann auch noch dazu bereit erklärt hatte, für die Grünen als Spitzenkandidatin bei der Landtagswahl im Mai 2021 anzutreten. Nach dieser Wahl wurde Anne Spiegel Chefin eines neuen Ministeriums für Klimaschutz, Umwelt, Energie und Mobilität und amtierte zugleich als Vertreterin der Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD).

Anne Spiegel spricht an diesem Abend frei in die Kamera. Vielleicht lässt sie die Anspannung der freien Rede immer wieder zu bürokratischen Floskeln greifen, mit denen sie das Private darzustellen versucht. So habe die Pandemie ihre Kinder „mit Spuren versehen“. Sie selbst habe „einen Schritt gemacht, der im Nachhinein ein Fehler war“. Das alles habe sie „über die Grenze gebracht“. In der Sache wirkt die Darlegung der Gründe für den Familienurlaub plausibel. Dennoch erklärt sie, dass das ein Fehler gewesen wäre. Sie bitte, sagte sie und muss erneut schlucken, für diesen Fehler um Entschuldigung. Ihre Stimme fängt sich, als sie anschließend auflistet, was sie als Ministerin nach der Flut und vor dem Urlaub alles organisiert habe. Dann erläutert sie äußerst umständlich, wie es zu der Falschaussage ihrer Teilnahme an den Kabinettssitzungen während des Urlaubs kam.

Danach stockt sie. Sie weiß im Moment nicht mehr weiter. Sie schaut nach links und flüstert etwas. Es klingt wie „Habe ich was vergessen?“ Dann schaut sie wieder nach vorn, ehe sie sich erneut nach links wendet und hilflos sagt: „Ich muss doch irgendwie abbinden!“ Mit „Abbinden“ verwendet sie einen Fachbegriff von PR-Mitteilungen. Mit ihm werden in Presseerklärungen Informationen bezeichnet, die über den aktuellen Anlass allgemeine Informationen über Person oder Sache vermitteln. Mit dem „Abbinder“ kehrt man gleichsam in die Welt der Normalität zurück. Anne Spiegel wiederholt sich: Sie wolle sich für die Fehler „ausdrücklich entschuldigen“. Ihre Stimme versagt erneut. Dann schaut sie verlegen nach vorn, fügt ein leises „Danke“ bei, ehe sie nach links abgeht. Zu ihrer Zukunft als Bundesministerin erklärt sie sich nicht. Am nächsten Tag heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme, dass sie sich „heute aufgrund des politischen Drucks entschieden“ habe, ihr Amt zu Verfügung zu stellen.


Ein in mehrfacher Hinsicht bemerkenswerter Auftritt

Unter den öffentlichen Selbstbekundungen von Fehlern, wie sie Politikerinnen und Politiker in der letzten Zeit häufiger vorgenommen haben, ist der Auftritt von Anne Spiegel in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Da ist zum einen die Offenlegung ihrer beruflichen Situation, in der sie in kürzester Zeit mehrere Amtsministerien übernehmen musste. Da ist zum anderen die Offenlegung einer familiären Situation, in der sie als „Mutter von vier kleinen Kindern“ und als Ehefrau eines gesundheitlich geschwächten Ehemannes zusätzlich besonders gefordert war. Beides zusammengenommen hätte wohl auch jeden anderen Menschen in eine existentielle Krise geführt, die sich durch die Flutkatastrophe noch einmal zuspitzte. Das alles so offen und klar einzugestehen, ehrt die Politikerin. Und mancher wird bei diesem bewegenden Auftritt an viele ihrer männlichen Kollegen wie etwa den ehemaligen Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer gedacht haben, die viel größere Fehler, als sie Anne Spiegel nachgesagt werden können, mühelos aussaßen oder die sich nie für familiäre Krisen verantwortlich zeigten.

Zugleich provozierte vermutlich erst dieser besondere Auftritt Rücktrittsforderungen aus den eigenen Reihen. Die Grünen-Vorsitzende Ricarda Lang sagte dem „Spiegel“ in der Ausgabe vom 23. April, dass der Rücktritt der Ministerin eine Entscheidung gewesen sei, welche diese und die Parteispitze „gemeinsam getroffen“ habe. Lang benennt als Dinge, die Anne Spiegel falsch gemacht habe, neben „Unklarheiten“ auch „Kommunikationsfehler“. Als solche muss man die SMS bezeichnen, in denen die Ministerin in einer gesellschaftlichen Krisensituation vor allem an ihr mediales Abbild dachte. Und als solcher Kommunikationsfehler ist in den Augen von Ricarda Lang auch dieser Live-Auftritt zu bezeichnen, in dem Anne Spiegel vor allem in den Momenten unprofessionell wirkte, in denen sie professionelle Begriffe wie „Abbinder“ verwandte.

Zugespitzt formuliert: Das öffentliche Fehler-Eingeständnis ist in den letzten Jahren längst zu einer besonderen Form der medialen Selbstdarstellung geworden, in der das eigene Empfinden nicht die Sachaussage überlagern darf, in der also die Emotionen konsequent unterdrückt werden und in der das Schuldbekenntnis stets folgenlos bleibt. Indem Anne Spiegel in dieser Öffentlichkeits-Form eklatant versagte, stellte sie die falsche Routine all der anderen bloß, die Fehler nur eingestehen, um weiter im Amt zu bleiben. Ihr Live-Auftritt gehört zu den besonderen Augenblicken des Fernsehjahres 2022.

Kommentar verfassen

Kommentieren