© IMAGO / Pacific Press Agency (Juan Diego, 2018 beim Gijon International Filmfestival)

Zum Tod von Juan Diego (1942-2022)

Montag, 02.05.2022

Ein Nachruf auf den spanischen Schauspieler, der auch durch sein politisches Engagement in Erinnerung bleibt

Diskussion

Juan Diego reüssierte in den 1960er-Jahren zunächst als Theaterstar, bevor er in den 1980er-Jahren dann auch zur Institution des spanischen Kinos wurde. Der am 28. April in Madrid verstorbene Schauspieler bleibt nicht nur dank seines breiten Spektrums an Charakterrollen in Erinnerung, sondern auch durch sein politisches Engagement.


Das Eindrucksvollste an ihm war seine Stimme: rau, fast gebrochen, aber immer kräftig. Aber auch die lebendigen Augen und die Mischung aus Konzentration und Agilität in seinem Gesichtsausdruck und seinen ganzen Bewegungen bleiben in Erinnerung. Der spanische Schauspieler Juan Diego konnte sowohl extrem tragisch als auch extrem komisch sein und blieb dabei immer er selbst. Ein Schauspieler müsse fähig sein, ganz verschiedene Rollen zu spielen, sagte er: „Du musst dich selbst erst davon überzeugen, dass du das kannst, und dann den Zuschauer davon, dass du das bist!“ So verkörperte er völlig unterschiedliche Figuren wie den spanischen Diktator Franco oder den katholischen Mystiker San Juan de la Cruz. Er spielte den Patriarchen und den Rebellen, spielte andalusische Bauern, Priester, Militärs, Kämpfer für die gerechte Sache, Mörder und Polizisten.

Oft waren es Rollen, die seiner grundsätzlichen Weltanschauung völlig entgegengesetzt waren, denn Juan Diego wurde auch durch sein politisches Engagement bekannt: Früh schloss er sich der Gewerkschaftsbewegung gegen die Diktatur an, trat der illegalen kommunistischen Partei bei und führte 1975 einen Streik der Theaterschauspieler an. 2003 war er auch bei der Kampagne der spanischen Filmschaffenden gegen den Irakkrieg dabei. Engagiert war er auch im Kampf für die Erinnerungskultur und für die gesellschaftspolitische und juristische Aufarbeitung der Verbrechen der Franco-Diktatur.

Juan Diegos Wurzeln lagen im ländlichen Andalusien. Hier wurde er am 14. Dezember 1942 in Bormujos, einem Dorf in der Nähe von Sevilla, als Juan Diego Ruiz Moreno geboren und war wahrscheinlich der einzige spanische Schauspieler, der nur über seine Vornamen bekannt wurde. Seine Vielseitigkeit verdankte Juan Diego auch einer langen Erfahrung im Theater. Bereits 1961 stand er zum ersten Mal auf der Bühne und wurde 1966 durch seine Interpretation des damals in Spanien selten gespielten Samuel-Beckett-Stücks „Warten auf Godot“ bekannt. Vielbeachtet war auch seine Zusammenarbeit mit dem spanischen Schriftsteller Antonio Gala. In seinen letzten Theaterauftritten gab er den verarmten Offizier in der Adaption der Novelle „Der Oberst hat niemanden, der ihm schreibt“ von Gabriel García Marquez unter der Regie von Carlos Saura. Die Tournee mit dem Stück durch Spanien musste er allerdings schon 2019 aus gesundheitlichen Gründen abbrechen, in seinen letzten Jahren litt Juan Diego an einer chronisch obstruktiven Lungenerkrankung.


Kino-Ruhm im spanischen Autorenfilm der 1980er-Jahre

Im Kino wurde Juan Diego besonders durch seine charismatischen Rollen im spanischen Autorenfilm der 1980er-Jahre bekannt: Als Iván, der junge reaktionäre Großgrundbesitzer in Mario Camus’ Verfilmung des Roman von Manuel Delibes „Los santos inocentes“ (1984, „Die heiligen Narren“), den vom Ehrgeiz zerfressenen General Franco kurz vor Beginn des Spanischen Bürgerkrieges in „Dragon Rapide“ (1986) von Jaime Camino, oder den sarkastischen Nihilisten Sergio Maldonado in Fernando Fernán Gómez’ großartigem Theaterfilm „El viaje a ninguna parte“ (1986). Seine beeindruckendste Rolle war der Heilige Johannes vom Kreuz, San Juan de la Cruz, in Carlos Sauras „La noche oscura“, (1988) wo er die Leiden und Ekstasen des Mystikers facettenreich verkörperte.


In "Die heiligen Narren" (© imago/United Archives)
In "Die heiligen Narren" (© imago/United Archives)

Juan Diego konnte in die kopflastigsten Literaturverfilmungen noch einen Schub menschliche Derbheit setzen, aber auch in banalste Fernsehserien noch einen Hauch intellektuelle Melancholie, wie etwa in seiner Rolle als Vorgesetzter in der höchst erfolgreichen, platt komischen Polizeiserie „Los hombres de Paco“ (ab 2005). Seine erfolgreichste Fernsehrolle war dagegen tragisch: In der Fernsehserie „Padre Coraje“ (2002) von Benito Zambrano, die auf einem wahren Fall beruhte, spielt er Antonio Delgado, einen Vater, der nach der Ermordung seines Sohnes alles dafür tut, die Mörder vor Gericht zu bringen.


„Ich bin nicht so ein Ekel wie in meinen Filmen“

Für das Kino arbeitete Juan Diego immer wieder mit ganz jungen Regisseuren und suchte hier auch das Experiment, etwa in „Smoking Room“ (2002) von Roger Gual, wo er gemeinsam mit anderen griesgrämigen spanischen Managern für den Erhalt eines Raucherraums in ihrer Firma kämpft. Genial war er in gebrochenen Figuren, etwa als Santiago in Víctor Leóns brillanter Komödie „Vete de mi“ (2006), als alternder Theaterschauspieler, der sich plötzlich mit seinem 30-jährigen Sohn, kongenial dargestellt durch den argentinischen Schauspieler Juan Diego Botto, auseinandersetzen muss.

„Ich bin nicht so ein Ekel wie in meinen Filmen“, hat er einmal gesagt. Juan Diego hat das spanische Theater und den spanischen Film über Jahrzehnte mitgeprägt und ist dabei ein bescheidener und angenehmer Mensch geblieben. Gerade weil er immer im Mittelpunkt stand, konnte er seinem Gegenüber zuhören. Legendär war seine Hilfsbereitschaft, sein Engagement für junge unbekannte Schauspielkollegen, auch für Nachwuchsfilmer, deren Kurz- und Debütfilmen seine Mitarbeit oft erst die nötige Anerkennung brachte.

Juan Diego ist am Donnerstag, den 28. April 2022, in Madrid gestorben.

Kommentar verfassen

Kommentieren