© Michael Kotschi/Flare Film

In der Arena

Dienstag, 17.05.2022

Ein Gespräch mit dem Regisseur Bastian Günther übner seinen Film „One of These Days“

Diskussion

In einer texanischen Kleinstadt nehmen 20 Menschen an einem „Hands on“-Wettbewerb teil, bei dem derjenige unter den Teilnehmenden, der den blauen Pick-up-Truck am längsten mit seiner Hand berührt, das Auto mit nach Hause nehmen kann. Regisseur Bastian Günther verarbeitet die kuriose Show in seinem Drama One of These Days (Kinostart: 19. Mai) zu einer eindringlichen Milieustudie. Ein Interview über Voyeurismus, soziale Schieflagen und ein Kino, das im Kopf der Zuschauer weitergeht.


Heute sind im Internet sogenannte „Fail Videos“ unglaublich populär, Filme von Menschen, die scheitern, irgendwo stürzen, sich verletzen. Ihr Film weckt den Geist der Arena – Circus Maximus –; Menschen warten auf die Aufregung, die sich einstellt, wenn etwas passiert. Warum ist derart Brutales unterhaltsam?

Bastian Günther: Ich glaube, Schadenfreude und die Gier nach Sensation sind zutiefst menschliche Eigenschaften. Wir fühlen uns gut, in sicherem Abstand, anderen Leuten dabei zuzusehen, wie sie scheitern, sich blamieren. Das ist auch der Grund, warum Reality-Formate so populär sind. So können wir – zum Beispiel von der Couch aus – anderen zuschauen und sagen: „Guck dir das an. So kaputt ist mein Leben aber nicht.“ Das ist traurig, aber die allgegenwärtige Verfügbarkeit solcher Szenen macht diesen Voyeurismus noch normaler und hemmungsloser. Und es ist nicht nur ein gegenwärtiges Phänomen. Es ist zeitlos, es ist in uns. Ich erinnere mich an eine Szene meiner Kindheit. Es war ein heißer Sommer, und in der Ferienzeit war es in der Kleinstadt, in der ich aufgewachsen bin, sehr ruhig. Wir Kinder fuhren mit den Rädern durch die Straßen, lungerten irgendwo rum, vertrieben uns die Zeit. Nichts passierte. Einmal dann krachte es plötzlich – ein Auto war in einer verkehrsberuhigten Zone in ein anderes reingefahren. Es war nicht schlimm, nur ein kleiner Blechschaden, aber ein Junge rief: „Endlich passiert mal was!“ Ich würde mich wahrscheinlich nicht mehr an diesen Moment erinnern, hätte ich nicht diesen Satz noch im Kopf.

Warum machen die Leute das überhaupt, sich freiwillig in einem solchen Wettbewerb zur Schau zu stellen? Beim „Dschungelcamp“ kann ich noch nachvollziehen, dass es um die persönliche PR der Kandidat:innen geht, sich medienwirksam zurück ins Rampenlicht zu setzen.

Günther: Aus verschiedenen Gründen. Manche wollen sich einfach messen, mögen den Wettbewerb. Andere wollen die Aufmerksamkeit, die 15 Minuten Ruhm. Und wieder andere, und das sind wohl die meisten, machen mit, weil sie es müssen, weil sie tatsächlich ein Auto brauchen und es sich nicht kaufen können. Sie sind also durch ihre Lebensumstände mehr oder weniger gezwungen, bei solch einem Wettbewerb mitzumachen. In den USA, gerade in den ländlichen Gegenden, ist ein Auto alles. Es ist Fortbewegungsmittel, Identifikation. Es ist überlebenswichtig. Ohne Auto kein Job. Wie soll man sonst von A nach B kommen? Insofern würde ich nicht von „freiwillig“ sprechen.


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Bastian Günther (© Emily Lundin)
Bastian Günther (© Emily Lundin)


Es gibt die, die an solchen Spielen teilnehmen, und die, für die es bloße Unterhaltung ist. Wie haben Sie es geschafft, den Fokus auf Menschlichkeit und Würde bis zum bitteren Ende zu halten?

Günther: Erstmal freue ich mich, dass Sie das so sehen. Ein Film, der auf 12 Quadratmetern ein Stück weit unsere Gesellschaft spiegelt und sich kritisch mit ihr auseinandersetzt, funktioniert für mich, wenn er die Figuren ernst nimmt und sich nicht über sie erhebt. Das war zumindest mein Bestreben, den Figuren, auch denen, die weniger Screen-Time haben, eine Geschichte zu geben, Brüche oder kleine Bögen, oder sich einfach die Zeit zu nehmen, ihre Gesichter zu betrachten und sie nicht im luftleeren Raum hängen zu lassen. Auf der anderen Seite darf so ein Film nicht didaktisch werden und muss sich unbedingt eine Offenheit bewahren. Es braucht Leerstellen, die wir als Zuschauer füllen können. Ich weiß es nicht genau, aber vielleicht führt gerade diese Offenheit dazu, dass man als Zuschauer von sich aus mehr in die Figuren investiert und sich ihnen annähert. Hinzu kommt, dass das Ensemble in „One of These Days“ genau verstanden hat, was dieser Film versucht, und diese Film-Figuren aus eigener Erfahrung gut kennt. Alle Schauspieler, bis auf Joe Cole, leben im Süden oder sind im Süden der USA aufgewachsen. Es ist also auch die enge Zusammenarbeit mit den Darstellern, die diese Figuren geformt hat.

Eine Stadt, ein Auto, ein Traum. Der Wagen, das begehrte Objekt, ist sehr präsent. Er schaut einen an und spricht sogar mit der Stimme von Bill Callahan. Ist der Wagen der Löwe in der Arena?

Günther: Dadurch, dass die Kamera während des Wettbewerbs hin und wieder die Perspektive des Autos einnimmt, entsteht der Eindruck, dass es wie ein Raubtier auf seine Beute lauert, sich sein nächstes Opfer aussucht. Aber der Truck kann alles sein, was wir in ihm sehen wollen. Er ist eine Projektionsfläche – nicht nur für Kyle und die anderen. Auch für uns Zuschauer. Das vermittelt sich besonders gegen Ende des Films in der Szene, als der Wagen, wie von Ihnen erwähnt, zu sprechen beginnt.

Der Film hält sich weder an narrative Konventionen noch an Chronologie. Welche Intention steckt dahinter?

Günther: Wettbewerbe, wie dieser im Film, spielen mit Hoffnungen, die sich nicht erfüllen. Selbst wenn man solch einen Wettbewerb gewinnt, bleibt man trotzdem derjenige, der daran teilnehmen musste, weil man es im Leben nicht geschafft hat. Es gibt also eigentlich nur Verlierer. Dieses Gefühl der falschen Hoffnung wollte ich nachempfinden und den Film mit einem Moment vor dem Wettbewerb enden lassen, der, für sich genommen, wie ein Happy End aussieht. Da wir aber den Rest der Geschichte kennen, ist dieser Moment traurig und „bittersweet“. Und dadurch, dass wir gegen Ende des Films mehr über Kyle und sein Leben erfahren, wird er zu einer Art Repräsentant der anderen Teilnehmer. Jede und jeder am Truck hat eine Geschichte, einen Grund, da zu sein. Mich interessieren Filme, die etwas wagen, die anders sind. Ich versuche für jede Geschichte eine Form zu finden und sie nicht in eine bestehende reinzupressen. Das kann manchmal irritieren, im besten Fall zum Nachdenken anregen. Auch finde ich, dass der Schluss eines Films nie das Ende sein darf. Das meine ich jetzt nicht in Bezug auf die zeitliche Chronologie. Vielmehr sollte ein Film atmen, offen sein und nicht hermetisch. Der Film muss im Kopf weitergehen, wenn das Licht im Kino wieder angegangen ist.

Beim Dreh von „One of These Days“ (© Flare Film/Beau Coulon)
Beim Dreh von „One of These Days“ (© Flare Film/Beau Coulon)

Ihre letzten drei Kinofilme entstanden in den USA. Ist die Neugierde des außenstehenden, deutschen Regisseurs, das Brennglas auf die amerikanische Gesellschaft zu halten, von Vorteil? Und wie reagierte das amerikanische Publikum?

Günther: Als Außenstehendem fallen einem Dinge auf (und man nimmt sie anders wahr), die für die Leute vor Ort normal oder schon fast unsichtbar sind. Man geht also mit einem anderen Blick an so einen Film heran. Das geht bei der Recherche los und zieht sich dann über die Zeit der gesamten Produktion. Bis hin zu der Entscheidung, wo man die Kamera aufstellt und welche Brennweite man benutzt. Wir machen also einen Film in Amerika mit dem Blick des europäischen Kinos. Das finden Amerikaner dann auch interessant an den Filmen. Die Andersartigkeit solcher Filme und wie sie etwas zeigen, worauf sie den Fokus legen. Gleichzeitig habe ich aber mittlerweile so viel Zeit im Süden der USA verbracht, dass ich den Landstrich und die Leute gut kenne und verstehe. So gibt es auf der einen Seite den europäischen Blick auf die USA und gleichzeitig aber auch den Blick aus dem Inneren des Landes.

Die Berlinale, Sundance, Vision du Réel in Nyon; Ihre Filme werden weltweit gekürt. „One of These Days“ wurde durch Corona scharf ausgebremst. Jetzt startet der Film nach zwei Jahren im Kino und wird immer aktueller. Die Inflation schreitet voran und die Schere zwischen arm und reich geht weltweit auseinander. Steht unser Miteinander auf dem Spiel und müssen wir bald alle in die Arena?

Günther: Das System des globalen Kapitalismus, das wir uns erschaffen haben, funktioniert nur für einige wenige. Für die meisten aber funktioniert es nicht. Und selbst wenn man es schafft, in diesem Strom den Kopf über Wasser zu halten, finanziell über die Runden zu kommen, bleibt trotzdem ein allgegenwärtiger, subkutaner Stress. Wir sind in der Arena. Jeden Tag.

Ist die soziale Spaltung Amerikas in Ihrem Film ein Orakel an die westliche Welt?

Günther: Nein. Der Film spiegelt unser gesellschaftliches System im Hier und Jetzt – und ist universal. Ich finde, er zeigt den Stand der Dinge und ist daher eher eine Art Parabel als eine Zukunftsprognose. Wir sind schon längst im Wahnsinn angekommen.

Der „Hands on“-Wettbewerb besitzt für die Teilnehmer existenzielle Dringlichkeit (© Michael Kotschi/Flare Film)
Beim „Hands on“-Wettbewerb stehen die Teilnehmer unter hohem Druck (© Michael Kotschi/Flare Film)

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