© documenta/Nakasujja Harriet (Isaac Nabwana bei Dreharbeiten)

Kinomuseum-Blog (3) – Liebe und Blut

Donnerstag, 19.05.2022

Ein Gespräch mit dem ugandischen Filmemacher Isaac Nabwana, der in Kampala Genrefilme im Familienbetrieb produziert

Diskussion

In seiner Heimat wird Isaac Nabwana als ugandischer Tarantino bezeichnet, weil er mit seiner Produktionsfirma Wakaliga gerne Actionfilme dreht und durchaus auch eine Vorliebe für Blut nicht leugnen kann. Die documenta fifteen richtet dem Autodidakten ab 15. Juni erstmals außerhalb Afrikas eine Werkschau aus. Ein Gespräch mit dem Filmemacher, der seine Werke als kommentiertes Leben versteht.


Während am einen Ende der Welt über ein neues Filmförderungsgesetz gestritten wird, das hoffentlich über der Industrie die Kunst nicht vergisst, entsteht woanders innovatives Kino für 200 Dollar. Am Stadtrand der ugandischen Hauptstadt Kampala liegt Wakaliwood. Den stolzen Namen seines Filmstudios, das Isaac Godfrey Geoffrey Nabwana im Jahr 2005 gründete, hat er sich auf sein Hemd sticken lassen. Offiziell heißt seine Firma Wakaliga Uganda, nach dem Slum, in dem es steht, und mit Hollywood hat man hier nicht viel im Sinn. Eher schon mit Kannywood, der mächtigen nigerianischen Filmindustrie, deren Monopol man mit Fantasie zu Leibe rückt.

Mehr als vierzig Filme hat der Autodidakt mit seiner Familie und einem sich ständig erweiternden Kreis an Mitwirkenden gedreht, die alle am Gewinn beteiligt werden. Prallvoll mit Actionszenen, getragen von meist weiblichen Heldinnen, sorgen sie immer wieder auch außerhalb Afrikas für Aufsehen. Tatsächlich aber bestehen Werke wie „Who Killed Captain Alex“ (2011), „Bad Black“ (2016) oder „Crazy World“ (2019) nicht nur aus sehr viel Blut, sondern aus noch mehr Liebe. Sie arbeiten sich nicht an Formeln ab, sondern erfinden ihre eigenen Regeln.

Auf der documenta fifteen wird Nabwana und seinem Team erstmals außerhalb Afrikas eine umfassende Werkschau ausgerichtet. Zugleich wird Wakaliga Uganda seine einzigartige Arbeitsweise an jugendliche Nachahmer vermitteln.

Die documenta fifteen richtet Isaac Nabwana eine Werkschau aus (documenta)
Die documenta fifteen richtet Isaac Nabwana eine Werkschau aus (© documenta)

Nabwana: „Was ich mache, ist das, was ich kann, ein Geschenk von Gott“, sagt Isaac Nabwana im Skype-Interview. Und gibt in programmatischen Worten dem Gespräch über die Freiheit des Filmemachens selbst die Richtung vor. „Ich versuche die Welt zusammen zu bringen durch Unterhaltung. Es ist kommentiertes Leben. Nichts ist gesponsert, niemand sagt mir, was ich zu tun habe. Die Leute sagen, ich sollte keine Actionfilme drehen. Ich frage warum? Ja, das sei doch kommerziell, und dann tut man sich doch besser mit Hollywood zusammen. Ach wirklich? Was kostet denn eigentlich ein Kinnhaken, ein Tritt, der das Genre so teuer machen sollte, dass wir es hier nicht können?“


Und wenn doch der Teufel käme, und Ihnen einen Hollywoodvertrag anböte, würden Sie annehmen?
Nabwana: Ich glaube, einmal würde ich ja sagen. Ich könnte das Geld gebrauchen, um hier eine Filmschule aufzubauen. Deshalb würde ich es gerne machen. Aber ich würde mich nie korrumpieren lassen, wie ich meine Drehbücher schreibe. Hier kommen ja auch immer wieder Leute an und sagen, ich sollte doch dies und das machen. Aber natürlich könnte ich mit jedem arbeiten, mit dem ich die Freude daran teilen kann, denn es geht um die Freude am Filmemachen.


Was zeigen Sie denn bei der documenta?

Nabwana: Wir zeigen neben alten Filmen auch einen ganz neuen, der heißt „Football Commando“. Wir werden auch Workshops haben für Jugendliche. Und wir werden natürlich eine Menge Leute dort killen.


Ist es auch in Uganda so, dass Genrekino schnell auf Gewaltdarstellungen reduziert wird?
Nabwana: Es heißt oft, Gewalt in Filmen sei ein schlechtes Vorbild für Kinder. Da kann ich nur sagen, dass es sie schon lange vor dem Kino gab. Was haben sie mit Jesus angestellt, und da war keine Kamera dabei! Außerdem lösen wir das Problem der Gewaltverherrlichung, in dem bei uns auch die Helden sterben. Ich habe Schwarzenegger nie sterben sehen. Meine Actionstars sterben immer, wenn nicht in diesem Film, dann in dem nächsten. Man kann auch im selben Film ein paarmal sterben. Das wissen Sie, wenn Sie meinen Film „Who killed Captain Alex“ gesehen haben


Früher haben Sie Ihre Filme in Uganda auf DVD herausgebracht. Wie geht das denn heute?

Nabwana: Wir sind früher mit DVDs von Haus zu Haus gezogen, von Region zu Region. Wegen Covid ging das nicht mehr, da haben wir uns was anderes ausgedacht. Wir laden sie jetzt auf eine Plattform. Auf Youtube gibt es „Who Killed Captain Alex“ und „Bad Black“ in speziellen Fassungen, aber die meisten sind nur in Uganda zu sehen. Auf der documenta zeigen wir alles ungeschnitten, so wie zu Hause.


Worum geht es in „Football Commando“?

Nabwana: Es ist mein erster englischsprachiger Film, gedreht mit einer Förderung durch die documenta. Er sollte natürlich etwas mit Deutschland zu tun haben. Aber wenn mich jemand nach Ihrem Land fragt, fällt mir leider nur Fußball ein. In dem Film wecke ich meine Schwarz-weiß-Fernseh-Erinnerungen zum Leben, wie wir deutschen Fußball gesehen haben, Karl-Heinz Rummennige! Die Hauptfigur unseres Films ist eine Frau, aber sie ist Rummenigge.


Es gibt aber auch sehr viel Ernstes in Ihren rasanten Filmen. Die entführten Kinder in „Bad Black“ zum Beispiel wirken ja inmitten der rasanten Action sehr realistisch.

Nabwana: Für mich ist das wahr. Ich sehe mich als einen Kämpfer für Kinderrechte in meinen Filmen. Wir sehen sehr viel Missbrauch in Familien. In „Football Commando“ erklärt die ugandische Frau ihrem deutschen Mann, dass es hier Kinderopfer gibt. Die kommen auch in meinem Film „Crazy World“ vor. Der Unterschied zur Kindesentführung in Europa ist: Bei Ihnen wartet man darauf, dass das Telefon klingelt und jemand Lösegeld verlangt. Bei uns wartet man auf eine Leiche, der die Geschlechtsteile oder der Kopf fehlen. Wer unsere Kinder stiehlt, opfert sie in den Häusern für Wohlstand oder so etwas. Reiche Leute kommen damit vor Gericht oft davon. Ich habe als Kind selbst so eine verstümmelte Kinderleiche einer Klassenkameradin in der Nähe der Schule gefunden.


Ihre Genrefilme basieren auf eigenen Erfahrungen?

Nabwana: Ich verfilme meine eigene Erfahrung. Manchmal lasse ich bewusst Kulissen oder Hintergründe weg, um zu zeigen, wie wir hier leben. Manche Filmemacher, besonders in Uganda, kritisieren mich und sagen, man brauche doch echte Locations. Nein, sage ich, wir haben die besten Locations hier. Ich versuche die Welt zusammen zu bringen durch Unterhaltung. Es ist kommentiertes Leben. Niemand sagt mir, was ich zu tun habe.


Kommen Sie durch Ihr geringes Budget nie an Grenzen?

Nabwana: Was kostet denn ein Kinnhaken, ein Tritt, dass es Genre so teuer machen sollte, dass man es nur in Hollywood könnte?


Sie werden häufig als der ugandische Tarantino bezeichnet, aber solche Vergleiche sind selten gerecht und oft herablassend. Hat er sich denn mal bei Ihnen gemeldet?

Nabwana: Nein, wir haben uns nie getroffen. Ich sage dann immer, vergleicht ihn doch einfach mit mir. Er ist der Isaac von der anderen Seite. Ich bin unabhängig, ich kannte seine Filme gar nicht. Einen habe ich gesehen, der hieß „Django“, der sah ein bisschen so aus wie meine. Er mag Blut, das ja schon mal ganz gut.




Die documenta fifteen findet vom 15. Juni bis 15. November an verschiedenen Orten in Kassel statt.

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