© Hype Film (aus "Tchaikovski's Wife")

Cannes 2022 - Dekonstruierte Helden

Samstag, 21.05.2022

Der Auftakt beim Filmfestival in Cannes 2022: Ein etwas enttäuschender Eröffnungsfilm & regimekritisches Kino aus Russland

Diskussion

Mit dem Eröffnungsfilm „Coupez“ präsentierte Cannes eine Hommage ans Filmemachen, die nicht recht zünden wollte. Mehr Reibungsfläche bot ausgerechnet das russische Kino, das derzeit weitgehend von westlichen Festivals boykottiert wird, in Cannes aber in Form dezidiert regimekritischer Stimmen einen Platz fand: Kirill Serebrennikow stellte im Wettbewerb „Tchaikovski’s Wife“ vor, und in einer Nebenreihe erschütterte Marusja Sirojetschkowskaja mit dem Dokumentarfilm „How to Save a Dead Friend“.


Nach der Berlinale mit der Hommage an Fassbinder und an das Kino der 1970er-Jahre von François Ozons „Peter von Kant, eröffnete auch Cannes 2022 mit einem etwas anderem Remake, das das Kino feiern sollte. „Coupez“ heißt die wüste Zombie -Persilflage von Michel Hazanavicius, die auf einem japanischen Original beruht. Witzig ist das zunächst jedoch überhaupt nicht. Man reibt sich irritiert die Augen, wie schlecht gestandene Schauspieler:innen wie Romain Duris, Bérénice Bejo oder Grégory Gadebois agieren. Sie gestikulieren oder brüllen, bis ihnen die Stimme wegbleibt. Äxte werden geschwungen, Blut spritzt und gekotzt wird auch reichlich. Eigentlich würde man schon nach 30 Minuten am liebsten den Kinosaal verlassen. Dann aber: Überraschung, der Film ist nur ein Film-im Film und das Endprodukt für einen japanischen Sender, der Billig-Horror -live- in nur einer Einstellung streamt.


"Coupez" (© Getaway Films)
"Coupez" (© Getaway Films)

Und so sieht man dann im zweiten Teil, wie es überhaupt zu diesem Projekt kam. Auch das ist allerdings nicht wirklich originell und witzig, und unterhaltsamer wird es dann nur im abschließenden dritten Teil, wenn man sieht, wie bei den Dreharbeiten voller Pleiten, Pech und Pannen liebevoll improvisiert wird, warum der von Romain Duris gespielte Regisseur auch noch die Hauptrolle übernahm und seine Frau, die eigentlich für die Maske zuständig war, ebenfalls mitspielt. Das Problem bleibt nur, diese Auflösung kommt irgendwie zu spät. Man war bereits unangenehm überrascht, und trotz einiger Lacher bleibt „Coupez“ am Ende ein Film, der zu viel will und zu wenig einlöst. Michel Hazanavicius hat seine besten Filme mit Jean Dujardin gedreht, die „OSS 117“-Spionagepersilflagen und sein „Oscar“-Meisterstück „The Artist“; „Coupez“ kann da nicht mithalten.

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Kirill Serebrennikow & „Tchaikovski’s Wife“

Nach diesem Eröffnungsfilm, der außer Konkurrenz lief, kam dann der erste Wettbewerbsfilm aus Russland, dem Land, das Cannes in diesem Jahr eigentlich wegen des Ukraine-Kriegs aus der Auswahl verbannt hat. Nur wer ein ausgewiesener Dissident wie Kirill Serebrennikow ist, das Land verlassen hat und keine staatliche Unterstützung bekam, ist bei den Filmfestivals der freien Welt noch willkommen. Und Serebrennikows neues Werk, das auf Englisch „Tchaikovski’s Wife“ heißt, besitzt dann auch alles, um das aktuelle russische Regime zu erzürnen. Der große Musiker Tschaikowski wird als selbstgefälliger, unsympathischer Künstler dargestellt, der eindeutig keine Frauen mag, wie im Verlaufe des Films der naiven Antonina immer deutlicher mitgeteilt wird. Sie ist die kurzzeitige Ehefrau Tschaikowskis, die den Gerüchten um die Homosexualität des Musikers ein Ende setzen sollte; der Film zeigt sie als eine Besessene, die der Wahrheit nie ins Gesicht sehen will. Stur besteht sie auch noch nach der Scheidung darauf, die Frau Tschaikowskis zu sein.

Serebrennikow inszeniert das zunächst lange fast naturalistisch im Stil eines Kostümfilms, der wohl größtenteils im Studio gedreht wurde, in blassen Farben gehalten bleibt und hauptsächlich in Innenräumen spielt. Aber dann bricht es aus dem experimentierfreudigen Theater- und Opernregisseur heraus, es wird surrealistischer, absurder, auch anstrengender. Mit seinen zwei Stunden und 20 Minuten ist „Tchaikovski’s Wife“ zu lang und vermag die Aufmerksamkeit des Betrachters nicht durchgängig zu halten. Gelungen ist Serebrennikow nichtsdestotrotz ein Film über Männer, die Frauen geringschätzen, und eine Frau im Zentrum des Films, die von Männern zunehmend erniedrigt wird. Wie er dann die Idee des „Genies“ dekonstruiert, ist selten im Kino, das traditionell Helden und männliche Genies feiert.


"Tchaikovski's Wife" (© Hype Film)
"Tchaikovski's Wife" (© Hype Film)

Die Ukraine und der Überfall Russlands beschäftigen die Filmkünstler

Vereinnahmen lassen wollte sich der seit einigen Wochen wohl in Berlin lebende Serebrennikow dann aber politisch nicht und wehrte sich bei der Pressekonferenz gegen einen kulturellen Boykott russischer Filme und Kunst. Er verteidigte sogar Oligarch Roman Abramovich, ohne dessen finanzielle Unterstützung es diesen Film nicht geben würde. Noch vor Jahren hatte „Tchaikovski’s Wife“ vom ehemaligen russischen Kulturminister Wladimir Medinski keine staatlichen Subventionen erhalten, weil dessen Meinung nach Tschaikowski nicht homosexuell war. Insofern mag es in Zeiten von übertriebener Cancel Culture auch erhellend sein, wenn Serebrennikow zu Recht darauf hinweist, dass auch ein Putin nahestehender Oligarch wie Roman Abramovich komplexer agiert, als oft angenommen.

Die Ukraine und der Überfall Russlands beschäftigen in Cannes anwesende Künstler:innen. So stellte die russische Filmemacherin Marusja Sirojetschkowskaja in der Nebenreihe ACID am Donnerstagabend ihren sehr persönlichen Dokumentarfilm „How to Save a Dead Friend“ vor, der kürzlich beim Festival Vision du Réel in Nyon seine Weltpremiere feierte, in Cannes aber dennoch gezeigt wurde. Schon vor Beginn der Vorführung dankte die Filmemacherin den Zuschauern dafür, dass sie sich in diesen Zeiten einen Film über eine Generation russischer Jugendlichen anschauen, die sich vor der Realität in einem totalitären Staat in Drogen oder Selbstmord flüchten.


"How to Save a Dead Friend" (© Folk Films)
"How to Save a Dead Friend" (© Folk Films)

Jugend-Psychogramm aus dem totalitären Russland

Marusja Sirojetschkowskajas Langzeit-Doku beginnt 2016 mit der Beerdigung ihres Ex-Freunds und einstigen Ehemannes Kimi, der ihr als stark suizidgefährdeter Jugendlicher 2005 durch seine Anwesenheit, seine Liebe zu Grunge, Kunst, Poesie und Joy Division das Leben gerettet hatte. Der Film feiert bei aller Trauer auch ein Lebensgefühl einer rebellischen Jugend, die keine Freiräume für einen offenen nach außen getragenen Protest gegen das Putin-Regime findet, sich aber nicht in eine innere Emigration flüchten mag. Der Film, der aus vielen Homemovie-Aufnahmen über Marusja und Kimi, ihre Freunde und Familie besteht, zeigt Demos, Massenverhaftungen, brutale Übergriffe der Sondereinheit Omon und immer wieder Auszüge aus Neujahrsreden von Jelzin, Putin und Medwedjew in den 2000er-Jahren. Natürlich ist für diesen Film im heutigen Russland kein Platz mehr. Die Regisseurin und ihre russische Produzentin leben seit März im Westen. Produziert wurde das engagierte Werk u.a. vom rbb und arte. So besteht die Chance, dass man „How to Save a Dead Friend“ auch bald in Deutschland sehen kann.

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