© arte/Claire Nicol

Unschuld und Verlangen

Montag, 20.06.2022

Komplexes Drama um ein sexuelles Erwachen in der französischen Provinz - bis 7.9. in der arte-Mediathek

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2011 veröffentlichte die französische Schriftstellerin Marie Darrieussecq ihren Roman „Clèves“, der 2013 in Deutschland unter dem Titel „Prinzessinnen“ erschien – beides Anspielungen auf Anna von Kleve, die 1540 die vierte Ehefrau des englischen Königs Heinrich VIII. wurde und sich dessen sexuellen Wünschen entzog, was sie als eine Art Vorbild für heutige Bestrebungen um einvernehmlichen Geschlechtsverkehr deutbar macht.

Die Hauptfigur des Romans wie auch der Verfilmung „Unschuld und Verlangen“ durch Rodolphe Tissot ist dagegen bei der Suche nach ersten sexuellen Erfahrungen beeinflussbar und auch zur Erniedrigung bereit: Die 15-jährige Solange (Louisiane Gouverneur) aus der kleinen Stadt Clèves lebt nach der Trennung ihrer Eltern bei ihrer depressiven Mutter. Während des Sommers, in dem ihre Freundinnen und die Jungs des Orts sexuell sehr aktiv sind oder aber zumindest viel davon reden, ist auch Solange bemüht, nicht als prüde Außenseiterin zu gelten. Mit dem etwas älteren Arnaud (Aymeric Fougeron) kommt sie auf einer Party zusammen, doch nach einigen Treffen zieht er in eine andere Stadt um.

Das enttäuschte Mädchen bleibt zurück und verfällt auf einen anderen Kanal seiner überschüssigen Energie: Solange beginnt, den gutmütigen, etwa 30-jährigen Nachbarn Guillaume (Vincent Deniard) zu bezirzen, was dieser mehrmals zurückweist, bevor er doch mit ihr im Bett landet. Entgegen ihren Absichten entwickelt der über seine Schwäche betroffene Guillaume jedoch ernsthafte Gefühle für sie.

Tissot verzichtet auf die provokanten Schilderungen, die dem Roman einen gewissen Skandalfaktor einbrachten, zugunsten eines komplexen Dramas um ein sexuelles Erwachen, das neue Formen der Unsicherheit gebiert. Denn die jungen Figuren verfügen zwar über einschlägige Vorstellungen von Sex und Freizügigkeit, kommen mit ihren tieferen Gefühlen aber umso schlechter zurecht. Die Hauptfigur entfaltet sich dabei fesselnd zwischen äußerster Verwundbarkeit und frappierendem Geltungsdrang, wofür die noch weithin unbekannte Louisiane Gouverneur beim Festival de la Fiction in La Rochelle 2021 den Preis als Nachwuchsdarstellerin gewann. – Ab 16.

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