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Serie: Stranger Things - Staffel 4

Dienstag, 24.05.2022

In der neuen Staffel der Fantasy-Serie taucht ein Unhold in Hawkins auf, der Teens à la "A Nightmare on Elm Street" mittels ihrer seelischen Schwachstellen mordet. Zudem gilt es, Sheriff Hopper aus russischer Gefangenschaft zu retten, und Eleven wird von ihrer Vergangenheit in den Hawkins-Laboren eingeholt.

Diskussion

Am Anfang steht ein Rückblick ins Jahr 1979: Wir werden zurückkatapultiert in die Hawkins-Laboratorien, wo einst die Leidensgeschichte von „Stranger Things“-Heldin Eleven (Millie Bobby Brown) ihren Anfang nahm, bevor es dem mit übernatürlichen Kräften begabten Mädchen in Staffel 1 gelang, dem Zugriff der Wissenschaftler um Dr. Martin Brenner (Matthew Modine) zu entkommen. Der Prolog der neuen Staffel enthüllt nun eine bisher unbekannte, blutige Facette dieser Leidensgeschichte. Und er führt direkt zu dem zentralen Thema, das die Duffer-Brüder und ihre Co-Autoren zum fesselnden roten Faden der neuen Staffel der Erfolgsserie machen: Es geht um Schuld und um vergangene Traumata, ums Leben mit inneren Wunden.

Nach der Schlacht von Starcourt sind offene Wunden geblieben

Nach dem dramatischen Finale von Staffel 3, der Schlacht von Starcourt, ist es in der Erzählgegenwart des Jahres 1986 nicht nur Eleven, die seelische Blessuren mit sich herumschleppt. Auch ihre Freunde haben gelitten: unter dem Verlust ihres Schützers Sheriff Jim Hopper (David Harbour), unter dem Tod des Teenagers Billy (Dacre Montgomery), der vom diabolischen Mindslayer erst korrumpiert worden war, sich schlussendlich aber gegen ihn stellte und so den Tag rettete, und unter der Trennung der Gruppe durch den Umzug der Byers-Familie weg aus dem Städtchen Hawkins, Indiana, um mit Eleven im Schlepptau anderswo neu anzufangen.

Nicht zuletzt die eigentlich so toughe Max (Sadie Sink) ist angeschlagen: Billy war ihr Stiefbruder, zu dem sie zu Lebzeiten ein sehr gespanntes Verhältnis hatte und nun umso schlechter mit seinem tragischen Tod umgehen kann. Worauf das Mädchen reagiert, indem es sich von seiner Umwelt inklusive Lover Lucas (Caleb McLaughlin) zurückzieht, mittels Walkman-Kopfhörern die Außenwelt ausblendet und seinen Kummer in sich hineinfrisst.

Max (Mitte) gerät in Gefahr (© Netflix)
Max (Mitte) gerät in Gefahr (© Netflix)


Ein dämonischer Unhold, der seelische Verletzungen perfide ausnutzt

Das hat, wie sich im Lauf der ersten Folgen abzeichnet, gefährliche Konsequenzen. Denn in Hawkins beginnt ein neuer Unhold, sein Unwesen zu treiben. Die wie eine verwitterte Moorleiche anmutende Kreatur ermordet Teenager und nutzt dazu die seelischen Schwachstellen ihrer Opfer aus, schleicht sich sozusagen durch die ungesicherte Hintertür verdrängter Schuld-, Scham- und Schmerzempfindungen in ihr Innenleben, um sie schließlich psychisch, aber auch physisch regelrecht zu zerbrechen – sie enden mit unnatürlich verrenkten Gliedmaßen und verstümmelten Augen.

Dass es dabei nicht mit rechten Dingen zugeht, schwant ausnahmsweise nicht nur der in Hawkins verbliebenen Clique aus den vorherigen Staffeln, die mit den Schrecken des Upside Down schon reichlich Erfahrung hat, sondern auch dem ignoranten Rest der Stadt. Der tendiert jedoch dazu, unter Rädelsführung eines evangelikal angehauchten High-School-Basketball-Captains prompt die falschen Schlüsse zu ziehen, und macht Jagd auf den langhaarigen Leiter des „Hellfire“-Clubs, weil man hinter dem, was eigentlich nur eine harmlose „Dungeons & Dragons“-Rollenspielgruppe ist, satanistische Umtriebe vermutet. Und so stehen die Kids – Max, Steve, Robin, Nancy und Dustin – erstmal ziemlich allein da, als sie beginnen, die Fährte der dämonischen Kreatur aufzunehmen, die sie im Rückgriff aufs D&D-Vokabular Vecna taufen. Lucas, der sowohl Mitglied der „Hellfire“-Gruppe als auch Teil des Basketballteams ist, sitzt zunächst noch zwischen den Stühlen; Mike (Finn Wolfhard) ist anlässlich des Spring Breaks just zu Besuch bei den Byers und seiner Liebsten Eleven in Kalifornien. Und die Uhr tickt: Max könnte Vecnas nächstes Opfer sein.

Die Freunde wissen, dass "Hell Fire"-Anführer Eddie (2 v.l.) unschuldig ist (© Netflix)
Die Freunde wissen, dass "Hell Fire"-Anführer Eddie (2 v.l.) unschuldig ist (© Netflix)

Zwischen Kalifornien und Kamtschatka

Womit der zentrale Handlungsstrang der Serie etabliert ist. Dem bewährten Erzählmuster der vorherigen Staffel folgend, werden damit weitere Stränge verwebt, wobei es den Autoren einmal mehr mit respekteinflößend sicherer Hand gelingt, die Spannungskurven aufeinander abzustimmen und die zahlreichen Figuren so im Griff zu behalten, dass das erzählerische Ganze angesichts des fühlbaren Spaßes, den die Macher an ihren einzelnen Geschöpfen haben, nicht ausfranst. Klar, dass auch Eleven in Kalifornien, die am Ende von Staffel 3 ihrer übermenschlichen Fähigkeiten verlustig ging, eigene Dämonen zu bekämpfen hat und dass die Byers-Brüder Will und Jonathan sowie ihr Liebster Mike in diese Kämpfe verwickelt werden. Wobei das Mobbing, das Eleven in ihrer neuen High School über sich ergehen lassen muss, bald in den Hintergrund tritt, als sie von ihrer Vergangenheit in den Hawkins-Laboratorien eingeholt wird und sich den Erlebnissen von damals neu stellen muss, um ihre Kräfte zurückzuerlangen und damit eine Chance zu bekommen, den fernen Freunden in Hawkins zu Hilfe zu kommen.

Eleven (Mitte) muss sich traumatischen Erlebnissen aus ihrer Kindheit stellen (© Netflix)
Eleven (Mitte) muss sich traumatischen Erlebnissen aus ihrer Kindheit stellen (© Netflix)

Die Byers-Mutter Joyce (Winona Ryder) wiederum bekommt in einer der ersten Folgen ein mit Hammer-und-Sichel-Briefmarken geziertes Paket von jenseits des Eisernen Vorhangs, das ihr bestätigt, was die Serienzuschauer schon seit der Post-Credit-Szene von Staffel 3 ahnten: Jim Hopper hat die Schlacht von Starcourt überlebt und ist in russische Gefangenschaft geraten, er darbt in einem Brutalo-Arbeitslager in Kamtschatka und muss nun mit Hilfe eines korrupten Wächters befreit werden – was für Joyce, mit dem exzentrischen Verschwörungstheoretiker Murray im Schlepptau, einen Lösegeld-Überbringungs-Trip nach Alaska notwendig macht, der natürlich alles andere als glattläuft.


Chaoten-Befreiungskommando: Joyce & Murray (© Netflix)
Chaoten-Befreiungskommando: Joyce & Murray (© Netflix)

Der Blick ins Innere sorgt neben abenteuerlichem für emotionalen Drive

Schon ein Blick auf die Besetzung, zu deren prominenten Zuwächsen Horror-Ikone Robert Englund (in einer Cameo-Rolle) gehört, ließ vorab vermuten, dass der 1984 erschienene Klassiker „A Nightmare on Elm Street“ einen wichtigen Referenzpunkt der neuen Staffel abgeben würde. Wobei es den Autoren aber nicht nur gelingt, in Form von Vecna dem Motiv des durchs Unterbewusste wirkenden Albtraum-Killers eine schön-schauerliche neue Gestalt zu verpassen, vor allem nutzten sie die Thematik geschickt als Steilvorlage, um sich mit den Innenwelten einzelner Figuren eingehender zu befassen, der neuen Staffel damit neben abenteuerlichem auch emotionalen Drive zu geben und den roten Faden des Umgangs mit Schuld und Traumata in verschiedenen Varianten zu beleuchten.

Was bis in den Handlungsstrang um Hopper in Sowjet-Gefangenschaft hineinreicht, der angesichts seiner aktuellen Not wieder in jene Depression zu verfallen droht, aus der ihn in vorherigen Staffeln seine väterliche Beziehung zu Eleven rettete. War die Einführung der „roten Gefahr“ in Staffel 3 noch primär eine karikierende Referenz an Actionfilme der 1980er-Jahre, wird der Tonfall nun grimmiger – was der neuen Staffel ganz guttut angesichts der realen politischen Entwicklungen, die den Zuschauern das unbeschwerte Lachen über vergangen geglaubte Ängste und Feindbilder der Ära des Kalten Kriegs gründlich verdorben haben dürften.


Hopper kämpft in der sowjetunion ums Überleben (© Netflix)
Hopper kämpft in der Sowjetunion ums Überleben (© Netflix)

Der „Comic Relief“ wird nicht vergessen

Neben den düster-melodramatischen Tonlagen wird aber nichtsdestotrotz auch der „Comic Relief“ einmal mehr nicht vergessen: Neben dem bewährten „odd couple Dustin (Gaten Matarazzo) & Steve (Joe Keery) fällt zwar der dauerzugedröhnte Neuzugang Argyle (Eduardo Franco), der den Handlungsstrang um Eleven etwas auflockern soll, eher blass aus; dafür sorgen die Figuren Robin (Maya Hawke), Murray (Brett Gelman) und Lucas’ kleine Schwester Erica (Priah Ferguson), die in Staffel 3 komödiantische Glanzpunkte setzten, wieder umso gekonnter für befreiendes Lachen; und ein kurzer, aber schöner Exkurs nach Salt Lake City gibt Dustins Angebeteter Suzie (Gabriella Pizzolo) nicht nur Gelegenheit, den Freunden mit frühreifen Hacker-Kenntnissen einmal mehr hilfreich beizuspringen, sondern sich obendrein mitsamt ihrer schrägen Mormonen-Sippschaft für ein eigenes Spin-off in Form einer Familiensitcom zu empfehlen. Und bei aller „Teenage Angst“, mit der sich die jugendlichen Protagonisten einmal mehr herumschlagen, ist klar: Gegen die geballte Macht der Freundschaft, des Nerdtums und der 1980er-Popkultur, etwa in Form eines Kate-Bush-Songs, sollte sich auch ein fieses Psycho-Monster wie Vecna besser warm anziehen.

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