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Neuer Kinotipp: „Maixabel“

Dienstag, 24.05.2022

Die spanische Regisseurin Icíar Bollaín erzählt anhand der schrittweisen Annäherung einer Baskin und des ETA-Terroristen, der ihren Mann ermordet hat, eine Geschichte über Schuld und Vergebung.

Diskussion

Das auf realen Ereignissen basierende spanische Drama „Maixabel“ ist neuer Kinotipp der Katholischen Filmkritik. Die Regisseurin Icíar Bollaín erzählt von der Baskin Maixabel Lasa, die sich elf Jahre nach der Ermordung ihres Mannes durch ETA-Terroristen auf eine Begegnung mit einem der Täter einlässt. Ihre Treffen führen den Film zur Aussage, dass gemeinsame Zukunft nur durch Annäherung und Versöhnung gelingen kann.


Der sozialistische Politiker Juan Marí Jáuregui stand schon lange auf den Todeslisten der baskischen Terrororganisation ETA, als er am 29. Juli 2000 in einem Café durch zwei Schüsse in den Hinterkopf ermordet wurde. Neben seiner Frau Maixabel Lasa und seiner Tochter María erschütterte das Attentat das gesamte Baskenland, wo die ETA in ihrem bewaffneten Kampf für eine Unabhängigkeit von Spanien über Jahrzehnte für über 800 Morde verantwortlich war, bis sie 2011 ihren Gewaltverzicht erklärte. Ihre Taten stürzten nicht nur viele Familien in Trauer und Verzweiflung, sie entzweiten auch die baskische Gesellschaft, weil das, was für die einen revolutionärer Befreiungskampf war, für die anderen brutalen Terrorismus bedeutete.

Von dieser Atmosphäre aus Hass und Gewalt erzählt auch die spanische Regisseurin Icíar Bollaín in ihrem Film Maixabel - Eine Geschichte von Liebe, Zorn und Hoffnung. Sie beginnt mit dem Anschlag auf Jáuregui und erzählt dann chronologisch von den schmerzlichen Auswirkungen innerhalb seiner Familie, aber auch von den Attentätern und ihrer Zeit im Gefängnis. 2011 erhält Maixabel Lasa dann einen unerwarteten Anruf: Der verurteilte Attentäter Ibon Etxezarreta möchte mit ihr sprechen. Er habe seine Taten bereut und mit der Terrororganisation gebrochen. Die Frau, die für eine Organisation arbeitet, die Opfer von ETA-Anschlägen unterstützt, lässt sich darauf ein, doch erweist sich die Kontaktaufnahme mit dem Täter als schmerzlicher Prozess. Außerdem verurteilen ihre jeweiligen Umfelder diesen ersten Schritt zur Versöhnung, für den die spanische Gesellschaft als Ganzes wohl noch lange brauchen wird.

Trauerprozesse spielen eine wichtige Rolle in „Maixabel“ (© Piffl Medien)
Trauerprozesse spielen eine wichtige Rolle in „Maixabel“ (© Piffl Medien)

Die Kinotipp-Jury empfand den Film wie ein Brennglas auf die Auswirkungen, die terroristische Gewalt im Leben der unterschiedlichen Beteiligten hervorruft. Die Entscheidung, Opfer und Täter in parallelen Handlungssträngen zu zeigen und dann in den intensiv inszenierten Begegnungen ihren Höhepunkt zu finden, lobte sie als konsequent. Wie der Film durch Worte und Gesten bewegt, ohne zu überhöhen oder in übersteigerte Emotionalität abzurutschen, bezeichnete die Jury als „Kunststück“. Die Figuren bleiben glaubwürdig und behalten einen Grad an Ambivalenz, sind nicht völlig zu durchschauen in ihren Motivationen und Handlungen.

Gerade hier liegt für die Jury aber der Kern des Themas Versöhnung, welches immer wieder den nächsten Schritt erfordert und niemals ganz abgeschlossen scheint, da der Schmerz und die Wut über Verlust und Verfehlung zu tief sitzen: Versöhnung als dauerhafter, schmerzhafter Prozess, der in kleinen Schritten erfolgt und immer mit Widerstand konfrontiert ist. Die Aussagen des Films beschränken sich auch nicht auf die Situation in Spanien, sondern Gewalt, Leid und Versöhnung werden durch die lebensnahen Charaktere und deren Ringen mit Vergangenheit und Gegenwart übertragbar auf andere Kontexte.

Gerade die Offenheit der einzelnen „Lebensbeichten“ versucht nicht zu erklären, warum ein Mensch zum Mörder wird und wie ein anderer Mensch sein Leben nach einer Gewalttat fortsetzen soll, sondern wagt die Aussage, dass Gestaltung gemeinsamer Zukunft nur durch Annäherung und Versöhnung gelingen kann. So wird der sozialistische Hintergrund offen für christliche und allgemein humanistische Deutungen.

Die Gewissensentscheidung des ETA-Mitglieds Ibon Etxezarreta stößt auf Widerstand seiner Genossen (© Piffl Medien)
Die Gewissensentscheidung des ETA-Mitglieds Ibon Etxezarreta stößt auf Widerstand seiner Genossen (© Piffl Medien)

Die Katholische Filmkommission hebt auch die hervorragende Gestaltung des Films hervor, die für dessen Wirkung mitverantwortlich ist. Neben Inszenierung, Schauspielern, Dramaturgie und Drehbuch ist insbesondere die Kameraarbeit des leisen Dramas zu loben, die lange auf nahezu farbentzogene und dunkle Bilder setzt, um dann mit farbigen und gut ausgeleuchteten Einstellungen die Entwicklung zu unterstreichen.


Maixabel“ läuft am Donnerstag, 26. Mai 2022, in den deutschen Kinos an.


Der Kinotipp der Katholischen Filmkritik“ ist ein Qualitätssiegel, mit dem Filme hervorgehoben werden, die in besonderer Weise religiöse Themen aufgreifen, von menschlichen Nöten, Sorgen und Hoffnungen erzählen, Antworten auf existenzielle Fragen formulieren oder gegen den Status quo einer selbstzufriedenen Welt aufbegehren.

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