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Neuer Kinotipp: „Der schlimmste Mensch der Welt“

Mittwoch, 01.06.2022

Der norwegische Filmemacher Joachim Trier entfaltet anhand der Geschichte einer unsicheren jungen Frau ein sensibles, lebensbejahendes Porträt des Lebens und Liebens in der Gegenwart.

Diskussion

Das sanft ironische Drama „Der schlimmste Mensch der Welt“ ist neuer Kinotipp der Katholischen Filmkritik. Der norwegische Regisseur Joachim Trier erzählt darin über die Selbstfindung einer jungen Frau in einer undurchsichtigen Welt. Die leichte Haltung der Inszenierung mündet durch intelligente und tiefgründige Beobachtungen in eine sensible, psychologisch genaue und lebensbejahende Zeitdiagnose.


Die Norwegerin Julie hat kurz vor ihrem 30. Geburtstag ihren Platz im Leben noch nicht gefunden. Ein Medizinstudium hat sie in erster Linie aufgenommen, um ihrem Schulabschluss mit Bestnote irgendeinen Sinn zu verleihen. Da sie aber keine Verbindung zum Fach findet und sich leicht ablenken lässt, wechselt sie zur Psychologie, wo sie es aber auch nicht lang aushält. In ihrem nächsten Identitätsentwurf will sie Fotografin werden, wozu ihre unpersönlich-wohlmeinende Mutter ebenso ihre Zustimmung gibt wie zu Julies früheren Plänen. Reibungspunkte sucht die junge Frau bei ihren Eltern vergebens. Hinter der liberalen Erziehung offenbart sich eine irritierende Gleichgültigkeit, die Julie noch am ehesten an der Abwesenheit ihres Vaters festmachen kann.

Auch bei Beziehungen ist sie sprunghaft. Die Begegnung mit dem Comiczeichner Aksel bringt eine neue Dynamik in ihren Alltag, da er klar konturierte Interessen und Ansichten hat und mit Julie eine feste Bindung mit Kindern im Blick hat. Ein Altersunterschied von vierzehn Jahren zwischen ihm und Julie lässt ihn zögern. Er ahnt zurecht, dass dieser Generationenkonflikt größer sein könnte, als die Zahl der Jahre es nahelegt. Was sich bewahrheitet, als Julie mit Eivind einen Mann ihres Alters trifft, mit dem sie mehr Berührungspunkte hat. Ihre ähnliche Energie sorgt aber auch für neue Unsicherheit.

Skepsis gegenüber ihrer Lebenssituation prägt das Dasein von Hauptfigur Julie (Renate Reinsve) (© Koch Films)
Skepsis gegenüber ihrer Lebenssituation prägt das Dasein von Hauptfigur Julie (Renate Reinsve) (© Koch Films)


Der dritte Teil einer „Oslo“-Trilogie

Der norwegische Filmemacher Joachim Trier legt mit Der schlimmste Mensch der Welt den finalen Teil seiner „Oslo-Trilogie“ vor. Wie bei den inhaltlich unabhängigen Vorgängerfilmen Reprise– Auf Anfang (2008) und Oslo, 31. August (2011) entwirft er die Geschichte in einem literarischen Gestus in zwölf Kapiteln, gerahmt von Prolog und Epilog. Mit sanfter Ironie kommentiert eine weibliche Erzählerstimme Julies Entwicklung und Werdegang. Entscheidend für ihr zielloses Treiben sind nicht Charakterschwächen, sondern in erster Linie eine Vielzahl gesellschaftlicher Veränderungen in ihrer Generation, die Joachim Trier zum Konflikthorizont des Films verdichtet.

Die Kinotipp-Jury erlebt „Der schlimmste Mensch der Welt“ als seltene Mischung aus Coming-of-Age-Film, Liebesdrama, Zeitdiagnostik und existenzieller Studie von Menschen auf der Suche nach Identität, Liebe und dem eigenen Platz im Leben. Die hervorragende Verbindung von Geschichte, Darstellern, Motiven, Dramaturgie und Kamera macht den Reiz und auch den Sog des Films aus. Das Drehbuch lobt die Jury als rasant und kreativ, mit sehr verrückten einzelnen Szenen und Ideen und gelungenen Tempowechseln. Der im Kern vertraute Plot ist selten so schön, kurzweilig und intelligent erzählt worden.

Julie und Aksel führen eine erfüllte Beziehung, mit deren Tendenz zur Verbindlichkeit die jüngere Frau aber schwer zurechtkommt (© Koch Films)
Julie und Aksel führen eine erfüllte Beziehung, mit deren Tendenz zur Verbindlichkeit die jüngere Frau aber schwer zurechtkommt (© Koch Films)


Was ist Glück? Worauf hoffe ich?

Hohen Anteil daran hat für die Jury die Zeichnung der Figuren, über die der Film präzise die Gegenwart beschreibt. Wenn Julie einmal sagt, dass ihre große Schwäche sei, dass sie nichts zu Ende bringe, beschreibt das auch unsere Zeit als fragmentarisch, beständig im Fluss und unabgeschlossen. Die beiden Partner von Julie sind einfühlsam und zugewandt, aber eben auch eine jeweils kleine Welt für sich, in der Julie (nur) zeitweise ihren Platz findet.

Die Katholische Filmkritik zeigt sich auch davon angetan, wie Joachim Trier die Geschichte sehr leichtfüßig und mit stillem Humor erzählt, sodass man die Figuren am Ende nur ungern wieder verlässt. Bei aller Flüchtigkeit werden sehr gewichtige, existenzielle Themen angesprochen: Was ist Glück? Worauf hoffe ich? Bedeutet Liebe beständige Veränderung zu durchleben oder ist es mehr die Suche nach Beständigkeit? Was macht eine gelungene Beziehung aus? „Der schlimmste Mensch der Welt“ stimmt nachdenklich, macht zugleich Mut und erzählt lebensbejahend von ganz normalen Menschen.


Der schlimmste Mensch der Welt“ läuft am Donnerstag, 2. Juni 2022, in den deutschen Kinos an.


Der Kinotipp der Katholischen Filmkritik“ ist ein Qualitätssiegel, mit dem Filme hervorgehoben werden, die in besonderer Weise religiöse Themen aufgreifen, von menschlichen Nöten, Sorgen und Hoffnungen erzählen, Antworten auf existenzielle Fragen formulieren oder gegen den Status quo einer selbstzufriedenen Welt aufbegehren.

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