© Grandfilm (Birte Schnöink, Elsie de Brauw in "Zum Tod meiner Mutter")

Noch da, schon im Gehen - Jessica Krummacher

Freitag, 10.06.2022

Ein Gespräch mit der Filmemacherin Jessica Krummacher über ihren Film „Zum Tod meiner Mutter“

Diskussion

Tod und Endlichkeit spielen in den Filmen von Jessica Krummacher eine zentrale Rolle. Nach ihrem Debüt mit „Totem“ wendet sie sich in Zum Tod meiner Mutterdem Sterben direkt zu und erzählt aus der Sicht einer Tochter vom Loslassen eines geliebten Menschen. Das ist schrecklich und schwer zu fassen, aber auch in höchstem Maße existenziell und auf eine seltsame Weise sogar tröstlich. Ein Gespräch mit der Filmemacherin.



Sie haben sich in Ihrem Filmschaffen auffällig intensiv mit dem Thema Tod auseinandergesetzt. Woher rührt Ihr Interesse an diesem oftmals tabuisierten Komplex?

Jessica Krummacher: Fragen zu Leben und Tod haben mich immer stark interessiert. Das war schon in meiner Kindheit so. Natürlich ist diese Auseinandersetzung mit dem Tod und der eigenen Endlichkeit manchmal auch gruselig. Es geht mir als Filmemacherin dabei nicht um eine Art psychotherapeutische Aufarbeitung oder ähnliches. Ich finde die Beschäftigung mit einem derart gewaltigen Thema aber ungeheuer spannend und vielschichtig. Auch mein nächster Film wird wieder um dieses Thema kreisen. Es besteht wohl ein starker innerer Zusammenhang.


Der Diskurs um das selbstbestimmte Sterben, das in Deutschland rechtlich wie ethisch umstritten ist, markiert eine wesentliche Ebene in „Zum Tod meiner Mutter“. Wie stehen Sie dazu? Soll der Film auch als gesellschaftspolitischer Debattenbeitrag fungieren?

Krummacher: Natürlich spielt das selbstbestimmte Sterben in meinen Film hinein, auch wenn ich das nicht an vorderster Front sehe. Trotzdem war mir schon beim Schreiben bewusst, dass es dazu verschiedene Meinungen gibt und weiterhin geben wird. In Interviews werde ich immer sofort danach gefragt, weil es in Deutschland doch eine sehr komplexe Angelegenheit ist.

Birte Schnöink, Elise de Brauw in "Zum Tod meiner Mutter" (Grandfilm)
Birte Schnöink, Elsie de Brauw in "Zum Tod meiner Mutter" (Grandfilm)

Sie haben „Zum Tod meiner Mutter“ während der Corona-Pandemie inszeniert. Jetzt aber hat sich die politische Großwetterlage durch den russischen Angriffskrieg radikal geändert. Welche Relevanz kommt der Filmkunst angesichts des kollektiven Sterbens in der Ukraine zu? Was kann ein Film über das Sterben den Lebenden in diesem Augenblick erzählen?

Krummacher: Wir leben in einer sehr merkwürdigen und extrem angespannten Zeit. Seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine ist alles noch viel schlimmer geworden. Wer hätte vor wenigen Monaten gedacht, dass wir mit unseren Kindern über einen Krieg reden müssen, der so nahe ist? Unwillkürlich stellt man sich da schon die Frage, wozu das alles? Und ob das von Belang ist, was man macht. Schließlich ist es ja ziemlich banal, dass in meinem Film individuell gestorben wird. Im Gegensatz zu den tausenden Toten wenige hunderte Kilometer entfernt. Andererseits ist mir dieser Film extrem wichtig. Auch wenn dieser Film nicht mein Leben finanziert, weiß ich doch, dass er mich ein Leben lang begleiten wird.


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Wie entstehen Ihre Stoffe? Wie würden Sie Ihren Schreibprozess charakterisieren?

Krummacher: Den Stoff habe ich eine ganze Weile mit mir herumgetragen. 2017 entstand das Drehbuch und 2019/2020 habe ich den Film dann fertig ausgearbeitet, wobei das bei mir recht schnell geht. Ich schreibe ein Drehbuch in Prosa quasi en bloc herunter. Ich komme sehr schnell in einem Fluss; das geht bei mir wirklich in einem Rutsch. Zuerst habe ich überlegt, aus welcher Perspektive ich diese Geschichte eigentlich erzählen will. Aus der der Mutter? Aus der der Tochter? Oder vielleicht aus der Sicht von beiden? Da ich beim Schreiben selbst im Bett lag, weil ich während der Schwangerschaft meiner zweiten Tochter viele Monate im Krankenhaus liegen musste, starrte ich selbst oft genug an die Decke oder zum Fenster hinaus. Deshalb stand für mich bald fest, dass es nicht die Perspektive der Mutter sein würde. Es war mir auch wichtig, dass die Tochter eine Außenwelt um sich herum hat und nicht alles nur am Totenbett spielt.


In der Verschachtelung von Innen- und Außenwelten arbeiten Sie mit Verfremdungseffekten, narrativen Lücken und dokumentarisch anmutenden Settings, die kurzzeitig ins Surreale hinüberdriften. Etwa in überraschenden Gesangs- und Tanzeinlagen oder skurrilen Wirtshausszenen. Stand das schon im Drehbuch? Wie haben Sie am Set mit Ihrem Bildgestalter Gerald Kerkletz visuell zusammengearbeitet?

Krummacher: Diese kleinen besonderen Szenen baue ich schon beim Schreiben ein; die möchte ich später dann auch unbedingt umsetzen. Da bin ich kompromisslos. Generell habe ich den Film schon ziemlich fertig im Kopf, wenn es ans Drehen geht. Ich sehe mich als Regisseurin in der Rolle der Bestimmerin. Trotzdem habe ich mir bei diesem Projekt einen relativ freien Raum gewünscht. Das wussten alle am Set, weil mir dieser Film sehr naheging. So konnte ich auch am Drehtag selbst noch etwas spontan versuchen oder verändern. Ich lasse auch Improvisationen zu. In der Rückschau haben wir aber relativ chronologisch gedreht. Am letzten Drehtag war klar, dass wir die finale Szene aufnehmen. Da waren alle noch einmal sehr angespannt, weil alles so emotional war. Trotzdem herrschte in der Drehzeit insgesamt eine gute, auch lockere Stimmung.


Wenn man sich so intensiv mit dem Sterben beschäftigt, muss die Frage erlaubt sein: Wie wollen Sie selbst sterben?

Krummacher: Sterben an sich möchte ich nicht! (lacht) Fragen rund um den Tod, das Sterben und das Abschiednehmen beschäftigen mich jedoch immens. Gerade in dieser anstrengenden Zeit wurde der Themenkomplex um Tod, Trauer, und Abschied für Millionen von Menschen plötzlich wieder sehr virulent.

Schön und schrecklich zugleich: "Zum Tod meiner Mutter" (Grandfilm)
Schön und schrecklich zugleich: "Zum Tod meiner Mutter" (Grandfilm)


Hatten Sie im Prozess des Drehbuchschreibens schon konkrete Schauspielerinnen vor Augen? Sie haben ja eine Vorliebe für Theaterschauspieler:innen. Trauen Sie Film- und Fernsehschauspieler:innen generell weniger zu als erfahrenen Bühnenleuten?

Krummacher: Es gibt sicherlich auch unter der Kino- und Fernsehdarsteller:innen viele, die sich für so intensive Rollen eignen. Aber als Theatergängerin verlasse ich mich tatsächlich auf mein Bauchgefühl, etwa bei Elsie de Brauw. Ich kenne sie vom Schauspielhaus Bochum her. Es war klar, dass ich ihr die Rolle der Mutter unbedingt anbieten muss. Ich achte bei der Besetzung der Rollen auch darauf, dass nicht immer die gleichen Schauspieler:innen zu sehen sind. Das finde ich als Zuschauerin einfach langweilig. Mit meinen beiden Hauptdarstellerinnen hatte ich ein gutes Gefühl. Theaterschauspieler:innen verfügen in der Regel über ein extrem breites Repertoire an Spielstilen, was ich als Filmmacherin sehr schätze.


Das Sterben selbst ist mühsam, in Ihrem Film genauso wie im echten Leben. In diesem Sinn hätte der Film auch „20 Tage“ heißen können. Denn es dauert. Der Körper ist stark, und der Geist oft noch sehr willig. Wie erging es Ihnen dabei und was haben Sie für sich gelernt?

Krummacher: Dass das Sterben am Ende wirklich so lange dauert, wusste ich vorher noch nicht. Es ist wirklich ein kräftezehrender Prozess, und zwar für alle. Gleichzeitig hat mich dabei die Frage interessiert, was das Gegenüber wirklich noch mitbekommt. Wie lange ist sein Geist noch da, wenn er im selben Moment geht? Es war kurz gesagt schön und schrecklich zugleich. Genau von diesem Spagat will ich in meinen Film erzählen. Er sollte deshalb nicht nur niederschmetternd und traurig sein, sondern auch Trost spenden und dazu aufrufen, sich selbst einmal die letzten Fragen zu stellen. Meine Mutter wusste zum Beispiel, dass für sie eine Fahrt in die Schweiz keine Option war. Das hatte sie uns auch frühzeitig mitgeteilt.


Der deutsche Autorenfilm hatte es auch schon vor Corona schwer im Kino. Welches Publikum wünschen Sie Ihrem Film?

Krummacher: Ja, Filmkunst hat es in Deutschland wirklich schwer. Es gibt gute deutsche Filme, die von viel zu wenigen Zuschauern gesehen werden. Daher würde ich mir wünschen, dass „Zum Tod meiner Mutter“ natürlich ein Überraschungserfolg wird, über den man vielerorts spricht. Aber der Film startet während des Ukraine-Krieges und auch noch im Sommer. Außerdem ist die Corona-Pandemie keineswegs vorbei. Das ist nicht unbedingt förderlich, um sich mit dem Thema Tod auseinanderzusetzen.

Der nächste Film soll "Bünde" heißen: Jessica Krummacher (Clara Marnette)
Der nächste Film soll "Bünde" heißen: Jessica Krummacher (Clara Marnette)


Worum wird es in Ihrem nächsten Film gehen?

Krummacher: Ich möchte inhaltlich noch nicht allzu viel dazu sagen. Es handelt sich um ein Drehbuch meines Mannes Timo Müller, das ich adaptiere. Die Geschichte spielt am Ende des Zweiten Weltkriegs. Das ist eine (Erzähl-)Zeit, die mir eigentlich fremd ist. Der Arbeitstitel lautet „Bünde“. Allerdings hat sich mein Blickwinkel durch den russischen Angriffskrieg noch einmal verändert. Es ist merkwürdig und gleichzeitig spannend, dass es da schon wieder Dinge gibt, die mich in meinen Filmen offensichtlich begleiten.

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