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Serie: For All Mankind - Staffel 3

Montag, 13.06.2022

Die neue Staffel der Alternate-History-Dramaserie über eine Geschichte der Raumfahrt und das "Space Race" zwischen den Blockmächten ist in den 1990ern angekommen und erzählt vom Ringen um eine erste bemannte Mars-Mission.

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Dev Ayesa (Edi Gathegi) leitet die erste Mars-Expedition der Menschheit. Nicht für die NASA, nicht für den sowjetischen Gegenpart Roscosmos. Seine Vision hat keine explizit politischen oder wissenschaftlichen Ansprüche, keinen staatlichen Auftrag oder Rückhalt. Sie folgt nur dem wichtigsten aller Superlative: erster zu sein; die Leistung vollbracht zu haben, hinter der sich alle anderen einreihen müssen, den eindeutigen unbestreitbaren Triumph. Mit seinem Geld kann der charismatische Milliardär das Raumschiff, das Kontrollzentrum, das Personal und die Crew kaufen; eben alles, was er braucht, um seinen Namen als Leiter der ersten bemannten Mars-Mission in die Geschichtsbücher zu bringen.

Dev ist, allen Definitionen nach, die dieses alternative Geschichtsszenario hervorbringt, ein großer Mann. Nur im Mission Control Center in Houston, Texas, dem legendären Ort, von dem aus die NASA ihre Raumfahrt-Unternehmungen koordiniert, ist Dev Ayesa wieder ein kleines, ehrfürchtiges Kind. Allein sitzt er auf der Besuchertribüne, eine Silhouette, getaucht in den Schimmer der unzähligen Bildschirme. Ein emblematischer Moment für die „Alternate History“-Serie, der die ständigen Zankereien zwischen den Supermächten (und nun auch dem Großunternehmen Ayesas) in den Hintergrund drängt und die Bühne der zukunftszugewandten und zugleich nostalgischen Idee der Weltraumforschung überlässt.

Das Ende der Geschichte ist vertagt

Die dritte Staffel von „For All Mankind“ führt das „Space Race“ in die 1990er-Jahre. Der Kalte Krieg ist nicht beendet. Er ruht. Der Mond ist befriedet und zwischen den Supermächten aufgeteilt, die Stellvertreterkriege auf der Erde liegen in der Vergangenheit, China ist noch eine schlafende Supermacht und Nordkorea bleibt mit seinen scheiternden interstellaren Ambitionen eine eher lächerliche Fußnote zur unter Gorbatschow neu erstarkten Sowjetunion. Die ehemalige Astronautin Ellen Waverly (Jodi Balfour) ist als Präsidentschaftskandidatin und potenziell größte Widersacherin der Sowjetunion keine xenophobe, von Aufmerksamkeit und Macht besessene Potentatin, sondern eine aufrichtig an besseren Rechten für alle interessierte Republikanerin. Das Ende der Geschichte ist vertagt.

So setzt die Serie ihren Kurs erneut abseits exotischer Science-Fiction-Topoi in Richtung nostalgischer Alternativhistorie fort. Das dazugehörige Sittenbild bleibt an zeitgenössischen Diskursen ausgerichtet. Draufgängertypen wie Ed Baldwin (Joel Kinnaman) und Molly Cobb (Sonya Walger) werden in der Hierarchie zunehmend von spießigen Nerds wie NASA-Direktorin Margo Madison (Wrenn Schmidt) und der ihr folgenden Generation von Wissenschaftlerinnen, wie Baldwins Tochter Kelly (Cynthy Wu) und Madisons Fast-Adoptiv-Tochter Aleida (Coral Peña) verdrängt. Offen homosexuelle Astronauten kämpfen um ihren Platz in besagter Hierarchie, und eine Gruppe von Verschwörungstheoretikern versucht, die gesamte Ordnung der NASA zu unterminieren.

Die Bedrohungsszenarien der Gegenwart fließen ein

Der Zuschnitt auf Repräsentations- und Rechtefragen innerhalb der alternativen Geschichtsschreibung wirkt mitunter allzu forciert, besonders im Abgleich mit den ersten Staffeln, die selbige deutlich eleganter in die Geschichtsbücher hineinschrieben. Effizienter ist die Serie darin, die großen Bedrohungen der Gegenwart zu bewältigen. Die Vernichtung der Zivilisation durch die Klimakatastrophe und die nukleare Bedrohung werden mit dem kleinen bisschen Science-Fiction, das die Serie einstreut (die Fusionsenergie ist Realität, das Wettrüsten auf das Weltall ausgelagert) vom Tisch gewischt. Was bleibt, ist ein schmeichelndes Spiegelbild unserer Gegenwart, das genug Raum für Optimismus und die daraus folgende Hybris lässt.

Im Kern ist „For All Mankind“ noch immer um die Momente gebaut, in denen besagte Hybris ihren Preis fordert, sprich: um die Mars-Mission, die Ed Baldwin, Danielle Poole und ihre sowjetischen Gegenparts und die dazugehörigen Crews erneut als Kontrahenten und Verbündete ins All schickt. Das lebensfeindliche Vakuum bringt den Anspruch auf Superlative ins Wanken, lässt politische Konflikte hochkochen, stellt Identitätsfragen neu und unterwirft politische und private Konflikte einer eigenen gnadenlosen Dynamik. Ein versäumter Knopfdruck, eine harmlose Bemerkung oder ein kurzes Zögern: jedes winzige Rädchen im Gesamtapparat der auf drei Raumschiffe verteilten Mars-Mission hat ein kaum zu antizipierendes Eskalationspotenzial. Wild changieren einzelne Situationen zwischen Tragik und Komik. Brüche innerhalb von Familienkonstellationen und Traumata vergangener Katastrophen geraten in der Schwerelosigkeit so weit außer Kontrolle, dass sie sich selbst, durch die Lebensgefahr, die sie herbeiführen, wieder beiseiteschieben.

Die fiktiven 1990er sind (und damit kommen sie dem Geist der 1990er-Jahre schon wieder recht nah) eine Ära, die der Menschheit Zeit lässt für die großen Entdeckungen und das große Drama, das nicht mehr auf einem Schlachtfeld oder an der Front der Meinungshoheit stattfindet, sondern im Kontrollzentrum der NASA. In eben dem nostalgischen Raum, der selbst den narzisstischen Milliardär für einen Moment zum Innehalten bringt, um sich an seine Kindheit und mit ihr an die (fiktive) goldene Ära der Raumfahrt zu erinnern, und in dem man gemeinsam um das Leben der Astronauten und Kosmonauten dieser Welt bangen konnte.

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