© 3sat/Klaus Lemke

Hamburg sieht "Rocker"

Mittwoch, 15.06.2022

In der Reihe „Eine Stadt sieht einen Film“ erinnert sich Hamburg am 19. Juni an „Rocker“ von Klaus Lemke

Diskussion

In der Reihe „Eine Stadt sieht einen Film“ erinnert sich Hamburg am Sonntag, 19. Juni, der ungeschönten Kiez-Ballade „Rocker“ von Klaus Lemke, der schon 1971, lange vor dem Run auf St. Pauli, das Viertel für eine authentische Nahaufnahme entdeckte. Ein „zeitloses Meisterwerk, an dem der Dreck der Straße klebt“, hieß es auch Jahrzehnte später, als der Film kurz vor der Jahrtausendwende endlich auch ins Kino kam.


Und weiter geht es in der schönen Reihe „Eine Stadt sieht einen Film“, die am Sonntag, 19. Juni, schon zum achten Mal stattfindet. Die Stadt ist Hamburg; hier spielen die kultverdächtigen Filme, hier werden sie gezeigt, und zwar einen ganzen Sonntag lang in insgesamt 16 Programm- und Arthouse-Kinos. Für die Hanseaten ist das immer etwas Besonderes, da man die Drehorte doch mit den eigenen Erfahrungen der Stadt abgleichen kann. Umso älter die Filme sind, desto weiter reicht auch der Blick in die lokale Geschichte zurück. Wie hat sich die Stadt verändert, was ist gleichgeblieben?

„Was macht eigentlich einen guten Hamburg-Film aus?“, fragt Frederik König in einem Essay und antwortet: „Ein solcher Film muss über seine Geschichte, Figuren und Spielorte ein Gefühl von Heimat entwickeln, in dem sich Hamburger wiederfinden und Außenstehende dieses Gefühl nachvollziehen lassen.“

Hamburg – das ist der Hafen, St. Pauli, die Reeperbahn, Große Freiheit, der Fischmarkt, die Elbe. Orte, an denen ein ganz besonderer Menschenschlag mit ganz besonderen Geschichten lebt. Und da Hamburg der größte Hafen Deutschlands ist, hängt man auch stets den Mythen von Aufbruch und Freiheit, Romantik und Fernweh nach, Rückkehr natürlich miteingeschlossen. In Hamburg kreuzen sich die Geschichten, besonders im Kino.


Abenteuer, Alkohol, erster Sex

Jetzt also ist es der Film „Rocker“ von Klaus Lemke, der 1971 vom ZDF produziert und im Jahr darauf ausgestrahlt wurde. Ende der 1990er-Jahre kam er auf Initiative der Hamburger Underground-Filmemacher Torsten Stegmann und Henrik Peschel dann auch ins Kino. Zahlreiche ausverkaufte Open-Air-Kinoveranstaltungen, unter anderem im Millerntor-Stadion, und der Fanclub „Mach dich grade“ beweisen die Zeitlosigkeit des Films.

Lemke erzählt die Geschichte des 15-jährigen Mark (Hans-Jürgen Modschiedler), der im Supermarkt eine Lehre absolviert. Gemeinsam mit seinem großen Bruder Ulli (Paul Lys) zieht er durch St. Pauli, auf der Suche nach Abenteuer, Alkohol und erstem Sex. Doch plötzlich ist Ulli tot, erschlagen von Zuhältern. Zufällig lernt Mark den alternden Biker-Boss Gerd (Gerd Kruskopf) kennen, der ihn unter seine Fittiche nimmt. Gerd wurde zu Beginn des Films aus dem Gefängnis entlassen und von seinen Kumpels im Spalier mit ihren ratternden Maschinen abgeholt. Nun beschließen sie gemeinsam, Rache zu nehmen.

Freiheit und Gewalt, schwarzes Leder und brummende Motoren, Bürgerschreck und Anmache: Klaus Lemke verpflanzt die Mythen des US-amerikanischen Bikerfilms aus der weiten, einsamen Landschaft in die enge, belebte Großstadt. Die Mitglieder des Rocker-Clubs „Bloody Devils“ sorgen für Authentizität, der rüde Jargon und der ruppige Umgang zeigen einen ungeschönten, rauen Kiez, lange bevor er zum Mekka für Rockfans, Tanzwütige und Nachtschwärmer wurde. Einige der Dialoge gingen in den Sprachgebrauch über: „Dicker“, „Geil wie Schifferscheiße“ und „Du sitzt da wie Graf Koks von der Gasanstalt!“ „An dem zeitlosen Meisterwerk klebt der Dreck der Straße. Eine entfesselte Kamera stürzt sich ins Rotlicht-Milieu, Alkohol und echtes Blut fließen in Strömen. Momente des Wahnsinns für die Ewigkeit, die nur entstehen können, weil sich die harten Typen selbst spielen,“ so Henrik Peschel.


Das T-Shirt zum Film

Die Kino-Vorführungen von „Rocker“ finden am 19. Juni von 11 bis 22 Uhr statt. Ausführliche Informationen, etwa zu den Gästen in den jeweiligen Kinos, finden sich auf der Website der Initiative „Eine Stadt sieht einen Film“. Zum Rahmenprogramm zählen eine digitale Drehorttour mit Kameramann Bernd Fiedler und dem Regieassistenten Martin Müller oder eine Präsentation von Filmobjekten in der Ausstellung „Close-up. Hamburger Film- und Kinogeschichten“ (noch bis zum 18. Juli 2022 im Altonaer Museum). Dazu gibt es eine begleitende Reihe mit Filmen von Klaus Lemke in den Kinos Abaton, Metropolis und Zeise. Wer mag, kann sich am Veranstaltungswochenende in den Kinos auch ein T-Shirt zum Film kaufen.

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