© imago/ZUMA Press (Jean-Louis Trintignant)

Der Nonkonformist - Jean-Louis Trintignant

Samstag, 18.06.2022

Zum Tode des französischen Schauspielers Jean-Louis Trintignant (11.12.1930-17.6.2022)

Diskussion

Der französische Schauspieler Jean-Louis Trintignant war ein ungewöhnlicher Kinostar, der eher für Zurückhaltung und Vielschichtigkeit stand als für Draufgängertum und Eindeutigkeit. Gerade das machte ihn über Jahrzehnte hinweg für Filmregisseure interessant und ließ ihn zum Mittelpunkt zahlreicher Klassiker werden wie dem Melodram „Ein Mann und eine Frau“, vielen Politthrillern und Polizeifilmen, aber auch Krimis, Romanzen und Gewissensdramen. Der facettenreiche Darsteller schien sich beständig neu zu erfinden und überraschte auch noch in vielbeachteten Altersrollen bei Michael Haneke und Claude Lelouch.


Augen, denen nichts entgeht. Die Allens sind gerade erst auf die britische Kanalinsel Jersey gezogen und geben Partys, um in der Gesellschaft Fuß zu fassen. Die junge Melanie tanzt, trinkt und flirtet. Ihr um einiges älterer Ehemann Vic sitzt unterdessen ruhig auf dem Sofa und beobachtet scheinbar unbeteiligt das Treiben. Einer der jungen Männer, mit denen Mélanie kokettiert, macht Vic sogar ein Kompliment, dass er so cool bleibe, doch dieser widerspricht gelassen: „Wenn mich ein Mann wirklich stört, töte ich ihn!“ Wobei er für einen Moment die Zähne fletscht, als wolle er ausdrücken, dass sich ein ziemlich gefährliches Raubtier in seinem zurückhaltenden Körper verberge.

In Michel Devilles Psychodrama „Stille Wasser“ ist bald danach tatsächlich zu erleben, wie Vic Liebhaber seiner Frau tötet, präzise und ohne sonderliche Emotionen. Die weitere Entwicklung ist in ihrer Konsequenz ebenso unerwartet wie in sich logisch: Vic verbirgt vor seiner Frau nicht, dass er hinter den Taten steckt, und gewinnt so eine neue Dominanz über sie. Denn von der Justiz wird er als Täter nicht ernsthaft in Betracht gezogen; und das nicht nur, weil Beweise fehlen, sondern vor allem wegen seiner betont unauffälligen Persönlichkeit. Außer seiner Frau traut ihm schlicht niemand die Morde zu.

Isabelle Huppert und Jean-Louis Trintignant in "Stille Wasser" (imago/Prod.DB)
Isabelle Huppert und Jean-Louis Trintignant in "Stille Wasser" (© imago/Prod.DB)


Stille Wasser“ (1981) ist einer der Filme, bei denen kaum ein anderer französischer Schauspieler in der Hauptrolle vorstellbar ist als Jean-Louis Trintignant. Keinem anderen wäre es so gelungen, die Mischung aus Kalkulation und unberechenbarer Gewaltanwendung so aufscheinen zu lassen wie Trintignant, der Unaufdringlichkeit und Zurückhaltung auf der Leinwand zu Tugenden kultivierte. Sein mittelgroßer, schlanker, oft nicht sonderlich markant gekleideter Körper hatte alles, um in größeren Menschenmengen und aus einiger Entfernung übersehen zu werden. Doch dieses Manko machte Jean-Louis Trintignant mit Leichtigkeit vergessen. „Stille Wasser“ ist ein Musterbeispiel dafür, wie er sich mit gemessenen Bewegungen und seiner statuenhaften Beobachtungshaltung geradezu in die Kameraeinstellungen hineinschneidet, sodass es unmöglich ist, den Blick von ihm zu wenden.

Rückt ihm die Kamera noch näher, steigert sich der Effekt noch, da er um das scharfgeschnittene Profil des Darstellers ergänzt wird: Die hart wirkenden Kanten von Kinn und Wangen, die ebene, hohe Stirn, die vollen Lippen, die sowohl unangenehm als auch sanft lächeln konnten, und die durchdringend starrenden Augen waren Garant für die Ausstrahlung von Jean-Louis Trintignant. Keine glatte Schönheit, aber eine enigmatische Attraktivität, hinter der sich Intelligenz, Reflexion und verschiedene Schichten von Verletzlichkeit und Härte offenbaren konnten.


Der Erfolg war keine Selbstverständlichkeit

Trotzdem war sein dauerhafter Erfolg im französischen Kino keine Selbstverständlichkeit. Die Schüchternheit, die Trintignant in vielen seiner Rollen ausstrahlte, war nicht vollständig gespielt, sondern gehörte zu den Persönlichkeitsmerkmalen, mit denen der in Südfrankreich geborene Schauspieler Ende der 1940er-Jahre seine Theaterausbildung in Paris begann. Auch die ersten Auftritte vor der Kamera übernahm er nur zögerlich und wurde von der ersten Welle der Berühmtheit überrascht, als er 1956 für einen Film zusagte, in dem der Regiedebütant Roger Vadim in erster Linie seine Frau Brigitte Bardot möglichst sinnlich ins Licht setzen wollte. „… und immer lockt das Weib“ mochte dabei so unsubtil und simpel sein, wie er wollte, der Kult um „BB“ als Verführerin mit kindlich-arglosem Gehabe war geboren und riss auch Jean-Louis Trintignant mit, der in dem Film den zurückhaltendsten, aber am Ende aber erfolgreichen Werber um die Gunst von BBs Figur spielte.

Dass die beiden sich beim Dreh auch privat nähergekommen waren, blieb der Sensationspresse nicht verborgen. Während für Bardot ein jahrelanger medialer Spießrutenlauf begann, nutzte Trintignant die Gelegenheit, als er zum Militärdienst eingezogen wurde, um dem Medienrummel für zwei Jahre zu entgehen. Eine Zeit mit Erfahrungen, die ihm den Wert von Zurückhaltung weiter eintrichterten. Auf dem Höhepunkt des Algerienkriegs hatte er als sozialistisch geprägter Gegner der Kolonialbestrebungen keinen leichten Stand in der Armee; die Militärzeit verfestigte sein politisches Bewusstsein jedoch umso mehr.

Dementsprechend gehören seine späteren Rollen in Filmen, die Stellung gegen autoritäre und faschistische Systeme bezogen, zu seinen eindrücklichsten, weil tief empfundenen. Der junge Rechtsextremist in „Der Kampf auf der Insel“ (1962) zählt dazu, den Trintignant betont abstoßend in seiner Gewalttätigkeit zeichnet, der unbequeme Untersuchungsrichter in „Z“ (1968), der alle Drohungen ignoriert, den Mord an einem linken Politiker nicht weiterzuverfolgen, und natürlich seine stilprägende Leistung in Bernardo Bertoluccis „Der große Irrtum“ (1970) als komplexbeladener Mitläufer des italienischen Faschismus. Der Originaltitel des Films, „Il Conformista“, verweist darauf, welche Extreme die Anpassungssucht von Trintignants Figuren annehmen konnte: Konformisten, die es mit allen Mitteln darauf anlegen, als Männer ohne Eigenschaften zu erscheinen, um zu verdecken, welche dunklen oder wilden Leidenschaften sie insgeheim hegen.

Stilprägende Leistung: Jean-Louis Trintignant in "Der große Irrtum" (imago/United Archives)
Stilprägende Leistung: Jean-Louis Trintignant in "Der große Irrtum" (© imago/United Archives)


In seinem Selbstverständnis als Schauspieler blieb Jean-Louis Trintignant allerdings stets das Gegenteil eines Konformisten, der nur den Erwartungen zu entsprechen versuchte. Von allen Aspekten, die in seinen bewusst mehrdeutigen Interpretationen mitschwangen, machte er gerade das Rätselhafte, nicht sofort Durchschaubare zu seinem wichtigsten Attribut. Dadurch war er zwar kein Konkurrent für den Starstatus von Altersgenossen wie Jean-Paul Belmondo oder Alain Delon, bewies sich aber mit jedem Film von neuem als Darsteller, der zuverlässig für Überraschungen gut war.

Jean-Louis Trintignant stand für einen außerordentlichen Nuancenreichtum, den sich ab den 1960er-Jahren zahlreiche Regisseure zunutze machten und den Schauspieler mit dankbaren Aufgaben beschenkten. Mit dem Melodram „Ein Mann und eine Frau“ von Claude Lelouch und seiner Leinwandpartnerin Anouk Aimée reihte sich Trintignant 1966 in die Ruhmeshalle der Kino-Liebespaare ein, indem er seine Figur nachdenklicher und zögerlicher anlegte als es bei der leidenschaftlichen Wucht des Szenarios zu erwarten gewesen wäre; da er einen Rennfahrer spielt (was tatsächlich ein langjähriges Hobby Trintignants war), ist ihm eine impulsive Seite quasi naturgegeben. Man nimmt ihm ohne Weiteres ab, dass er auch spürt, wann er in der Liebesgeschichte Gas geben muss.


Frei von Effekthascherei

Ähnlich intensiv ist er auch in Pierre Granier-Deferres „Le Train – Nur ein Hauch von Glück“ (1973) an der Seite von Romy Schneider. Trintignant spielt einen verheirateten Mann, der im Zweiten Weltkrieg aus seinem Dorf vor den anrückenden Deutschen flieht, von der Familie getrennt wird und einer deutschen Jüdin begegnet. Zwischen dem unpolitischen Franzosen und der verfolgten Frau entwickelt sich bei der gemeinsamen Flucht eine Affäre, in der bei dem Mann neben der Leidenschaft auch das Bewusstsein für die politische Lage immer stärker erblüht. Das langsame Auftauen gehört zu den feinsinnigsten Leistungen von Trintignant, ebenso wie die Schlussszene: Bei einer Gegenüberstellung mit der verhafteten Frau ist Trintignants Charakter schon auf dem Rückzug, als ihn die Gefühle übermannen; der abweisende Gesichtsausdruck fällt, und die Mundwinkel ziehen sich zu einem zärtlichen Lächeln nach oben, während er das Gesicht der Geliebten zwischen die Hände nimmt. Es ist ein rarer, unbesonnener Moment für eine der vielen kontrollierten Figuren in Trintignants Oeuvre, frei von Effekthascherei und gerade dadurch so charakteristisch effektiv für seine Kunst.

Vier Jahre zuvor spielte Jean-Louis Trintignant überdies einen noch mal gänzlich anderen Typ des Liebenden in Eric Rohmers „Meine Nacht bei Maud“ (1969) als intellektuell-katholischer Ingenieur. Im langen Gespräch mit Françoise Fabians rational-säkularer Figur versucht Trintignant, ihrem Verständnis eines „anständigen Lebens“ Worte zu geben und über die eindeutige Versuchung durch die schöne junge Frau hinwegzusehen. Trintignant betont dabei vor allem den Zwiespalt eines Mannes, der die Verführung eben nicht zurückweist, sondern nur ausblendet. Nachdem die Nacht auf einer reichlich verlegenen Note endete, stürzt er sich alsbald in die Beziehung mit einer anderen Frau, die ihm weltanschaulich nähersteht.

"Meine Nacht mit Maud": Francoise Fabian, Jean-Louis Trintignant (imago stock&people)
"Meine Nacht mit Maud": Françoise Fabian, Jean-Louis Trintignant (© imago stock&people)


Besonders der reflektierende, abwägende Intellektuelle, den Jean-Louis Trintignant hier spielt, prägt dauerhaft sein Image, auch wenn er in dieser Zeit auch immer wieder ausgesprochene Tatmenschen spielte, etwa den stummen Italo-Western-Rächer in „Leichen pflastern seinen Weg“ (1968) oder den sympathischen Erpresser in Claude Lelouchs „Voyou – Der Gauner“ (1970). Viele Filme reiben sich auch an der vermeintlichen Harmlosigkeit von Trintignant-Figuren, etwa schon „Verliebt in scharfe Kurven“ (1962), der Trintignant als braven Studenten mit Vittorio Gassman als überdrehtem Tunichtgut zusammenspannt. Michel Deville nutzt den Schauspieler schon vor „Stille Wasser“ in „Das wilde Schaf“ (1973) grandios für die Geschichte eines Bankangestellten, der mit einem Mal Karriere macht und die begehrtesten Frauen verführen kann, nachdem er alle moralischen Skrupel über Bord geworfen hat. Mehrfach wird Trintignant auch in kafkaeske Situationen eingefügt, in denen er die Ereignisse nicht oder kaum noch beherrschen kann. Schon „Der große Irrtum“ spielt mit diesem Moment, die bittere Filmgeschäft-Farce „Die Terrasse“ (1980) schickt ihn in einen schockhaften Nervenzusammenbruch, die dunkle Bankenkomödie „Das Geld der anderen“ (1978) konfrontiert ihn mit der menschenfeindlichen Architektur und Ausrichtung der Großbanken. In François Truffauts „Auf Liebe und Tod“ (1983) kommt ihm immerhin Fanny Ardant zu Hilfe, um ihn von einem Mordverdacht zu befreien. Den größten Kontrastpunkt zu seinem betont ernsten Ruf setzt er wohl mit seinen zwei eigenen Regiearbeiten, „Une journée bien remplie“ (1973) und „Der Schwimmeister“ (1978), doch deren schwarzer und surrealer Humor wurde vom Publikum abgelehnt.


Eine wachsende Berufsmüdigkeit

Obwohl sich Jean-Louis Trintignant bis in die 1980er-Jahre souverän im französischen Kino behauptete, deutete er bereits mit Mitte 50 an, dem Filmgeschäft den Rücken kehren zu wollen. Das erste Mal machte er dies bald nach dem Kassenflop von „Ein Mann und eine Frau – 20 Jahre später“, Claude Lelouchs wenig überzeugender Fortsetzung seines großen Erfolgs, ist in den 1990er-Jahren war er dann aber doch wieder auf der Leinwand zu sehen. Die Projekte waren dann allerdings skrupulöser ausgesucht und damit spärlicher, zudem hatten die Figuren im Vergleich zu früher eine klarere Härte als Charaktereigenschaft, die bis zum Zynismus reicht. Noch einmal zeigte Trintignant andere Facetten, verbitterte, teils fast grobe Züge wie bei Jacques Audiard als heruntergekommener Berufsspieler in „Wenn Männer fallen“ (1993) oder als pensionierter Richter, der seine Nachbarn abhört, in Krzysztof Kieslowskis „Drei Farben: Rot“ (1994). Es sind noch immer eindrückliche Auftritte, zumal vor allem Augen und Stimme nicht an Kraft eingebüßt haben, doch die wachsende Berufsmüdigkeit des Schauspielers ist durchaus spürbar.

Nach dem Schock über den Verlust seiner Tochter Marie, die ihm als Schauspielerin vielfach bei Film- und Theaterauftritten zur Seite stand und 2003 unter den Schlägen ihres eifersüchtigen Freundes zu Tode kam, vollzog Trintignant noch einmal einen Bruch mit dem Kino. Nur noch dreimal ließ er sich danach von Filmprojekten überzeugen. Michael Hanekes „Liebe“ (2012) brachte ihm und seiner Filmpartnerin Emmanuelle Riva als altem Ehepaar, das nach jahrzehntelanger Beziehung mit dem absehbaren Tod der Frau konfrontiert wird, zahlreiche Schauspielpreise ein; erneut für Haneke spielte er in „Happy End“ (2017) den Patriarchen einer verlogenen bourgeoisen Familie, der mit zusehends makabren Methoden den eigenen Tod herbeiführen will.

Jean-Louis Trintignant und Anouk Aimée in "Die schönsten Jahre eines Lebens" (Wild Bunch)
Jean-Louis Trintignant und Anouk Aimée in "Die schönsten Jahre eines Lebens" (© Wild Bunch)


Sein letzter Film ist 2019 „Die schönsten Jahre eines Lebens“, mit dem es Claude Lelouch im zweiten Anlauf gelang, der Liebe aus „Ein Mann und eine Frau“ eine angemessene Coda zu verleihen. Das Liebespaar trifft nach den 53 Jahren, die auch zwischen den Filmen vergangen sind, noch einmal zusammen, nun aber nicht mehr mit der Hoffnung auf eine gemeinsame erfüllte Zukunft, sondern unter dem Stern der geteilten nostalgischen Erinnerungen. Es ist ein Film, der kaum Handlung aufbietet und sich ganz auf die Dialoge konzentriert, wobei die Gesichter von Jean-Louis Trintignant und Anouk Aimée, die weicher und faltiger geworden sind, ihre ganz eigene Geschichte erzählen – bei dem Schauspieler ist die Härte der 1990er-Jahre wieder gewichen und hat sanfteren Zügen Platz gemacht. Ein schöner entspannter Abschied vom Kino, bei dem Jean-Louis Trintignant zu all seinen introvertierten und angespannten Figuren noch einen Gegenentwurf präsentierte, der endlich einmal ganz mit sich im Reinen wirkte. Am 17. Juni 2022 starb er im Alter von 91 Jahren friedlich in seinem Haus im südlichen Département Gard.

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