© youtube

Leders Journal (V): Vom Actionfilm zum Kammerspiel

Donnerstag, 23.06.2022

Eine Analyse des Videos von Wolodymyr Selenskyj am 8. Mai als dem Gedenktag des Sieges über den Faschismus, den er kunstvoll als Versprechen gegen die russischen Besatzer umdeutet

Diskussion

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat sich im Krieg gegen Russland als medialer Superstar entpuppt, der in Parlamenten, aber auch auf Youtube das Ohr der Welt erhält. Sein schwarz-weißes Video zum 8. Mai zeigt, wie clever es Selenskyi gelingt, das einen Tag später, am 9. Mai stattfindende Militärspektakel Putins auf dem Roten Platz zu konterkarieren. Scheinbar mühelos gelingt es Selenskyj, die Verbrechen der Wehrmacht mit denen der russischen Invasoren in eins zu setzen.


Beim Filmfestival in Cannes sprach er mittels einer Videoschaltung also auch. Der ukrainische Staatspräsident Wolodymyr Selenskyj lässt seit Beginn des Kriegs, mit dem sein Land von Russland überzogen wird, wirklich keine Gelegenheit aus, bei der er sich öffentlichkeitswirksam zu Wort melden kann. Auf 150 Ansprachen soll er es mittlerweile gebracht haben, die nicht nur von Gästen wie bei der Eröffnungsgala von Cannes, sondern via Instagram, Twitter und Facebook von einer großen und zudem internationalen Öffentlichkeit wahrgenommen werden.

Ausschnitte der jeweils aktuellen Ansprachen gelangen zudem in die Hauptnachrichtensendungen und bestimmen so das Setting der Kriegsberichterstattung entscheidend mit. Die meisten dieser kurzen Ansprache sind mit einfachen Mitteln produziert, bei denen Selenskyj meist in einem olivfarbenen T-Shirt an einem leeren Schreibtisch sitzt und die Adressaten direkt anspricht.


„I’m Ukrainian“

Ein Video wurde deutlich aufwändiger produziert. Es datiert auf den 8. Mai, also den Tag, an dem die Länder der ehemaligen Sowjetunion des Sieges über Nazi-Deutschland gedenken. In Deutschland wurde dieser Beitrag beispielsweise von Phoenix ausgestrahlt. Das Video ist weitgehend in Schwarz-Weiß gehalten. Die erste Einstellung erfasst in Aufsicht einen Spalt zwischen zwei mehrstöckigen Häusern, die beide sichtbar bombardiert oder beschossen worden sind. Die Kamera schwenkt langsam nach unten und erfasst so Selenskyj, der einige Schritte nach vorne geht. Er trägt diesmal ein schwarzes T-Shirt, auf dem „I’m Ukrainian“ steht. Als Selenskyj zu sprechen beginnt, zoomt die Kamera an ihn heran. Am Ende des Zooms erfasst sie ihn aus einer Untersicht in einer sogenannten amerikanischen Einstellung.

Selenskyj spricht von den Erfahrungen, die die „zivilisierte Welt“ im Krieg gegen den „Nazismus“ gesammelt habe. Sie seien die Gründe gewesen, „dem Bösen zu sagen: Nie wieder!“ Doch diese Worte, die von Generation zu Generation weitergegeben wurden, seien nun entweiht worden. Hier erfolgt nach 63 Sekunden ein Schnitt. In der folgenden Einstellung ist die Kamera noch einmal näher an ihn herangerückt. Er spricht nun von oben herab in einer Naheinstellung. Er sagt, dass das Wort „Nie“ am 24. Februar ausgelöscht worden sei, als die Ukraine beschossen und bombardiert wurde. Nun werden Archivbilder eingeschnitten, die zunächst Geschützfeuer über einer nächtlichen Stadt zeigen, dann eine Rakete, die bei Tageslicht in ein Wohnhaus einschlägt, schließlich wieder Nachtbilder des Bombardements.

Als Selenskyj wieder im Bild erscheint, spricht er eines der beiden Gebäude an, die im Hintergrund zu sehen sind. an. Es sei ein neunstöckiges Haus in der Stadt Borodjanka. „Kann es eine Sicherheitsbedrohung für die Russische Föderation darstellen?“, fragt er rhetorisch. Die Kamera schwenkt unterdessen nach rechts, so dass man die Zerstörung am rechten Gebäude besser erkennen kann. Es folgen Flugaufnahmen vermutlich dieses Hauses. Während man die Details der Zerstörungen sieht, sagt Selenskyj: „Hier gab es einmal Wände. An ihnen hingen einst Fotos. Und auf den Fotos waren diejenigen zu sehen, die einst durch die Hölle des Zweiten Weltkrieges gegangen sind. Fünfzig Männer, die zur Zwangsarbeit nach Deutschland geschickt wurden. Diejenigen, die bei lebendigem Leib verbrannt wurden, als die Nazis hier mehr als 100 Häuser niederbrannten.“


Ein schreckliches Déjà-vu in der Gegenwart

Selenskyj fährt fort: Die Nachfahren der Opfer von einst seien nun Opfer des gegenwärtigen Kriegs. Es wiederhole sich vieles. Der Besatzung von damals folge die Besatzung von heute. Zu diesen Worten werden Archivbilder der Nazi-Armee, die mit Panzern und Infanterie vorrückt, gezeigt und Aufnahmen von russischen Soldaten in der Ukraine angefügt, wie sie einen Supermarkt plündern. Die Montage soll unterstreichen, was Selenskyj ausdrückt: Das Böse sei zurückgekehrt, in einer anderen Uniform, unter einem anderen Slogan. In der Ukraine würde eine „blutige Rekonstruktion des Nazismus“ organisiert. Das sei allen Ländern klar, die die Schrecken des Nazismus mit eigenen Augen gesehen haben. Heute erlebten sie ein schreckliches Déjà-vu. Die Kamera ist nun nach links geschwenkt, so dass hinter Selenskyj die verbrannten Mauern des linken Hauses zu erkennen sind.

Eine Botschaft für die ganze Welt (youtube)
Eine Botschaft für die ganze Welt (© youtube)


Das konkrete Sehen der Kriegsschäden durch die Zuschauer:innen dieses Videos soll in der Rede, die in ihm präsentiert wird, in ein Sehen jenes Zusammenhangs überführt werden, den Selenskyj stiften will: Das Böse, sagt er, sei wiedergeboren. Er spricht die Länder an, die von den Deutschen überfallen wurden: Polen, Großbritannien, Niederlande, Frankreich, Tschechien. Und er parallelisiert die Bombenangriffe, die Massaker, den Raketenbeschuss der deutschen Armee während des Zweiten Weltkriegs mit denen Russlands im gegenwärtigen Krieg gegen die Ukraine.

Nach sieben Minuten wird kurz ab- und dann wieder aufgeblendet. Eine Zäsur, denn Selenskyj spricht nun seine Landsleute an, während er zuvor in Richtung jener Länder sprach, von denen er sich militärische Hilfe verspricht. Er sagt, dass man an diesem Tag des Gedenkens die Heldentaten des ukrainischen Volkes im Kampf gegen den Nationalsozialismus würdige. Er erwähnt die NS-Verbrechen, indem er von den Konzentrationslagern, den Gaskammern, dem Massaker in Babyn Jar spricht. Jeder wisse in der Ukraine, was diese Worte bedeuteten. Für die Gegenwart hieße das aber auch: Die Wahrheit werde siegen. „Wir werden alles überwinden.“ Von Hitlers ehemaligem Hauptquartier seien nur Steine übriggeblieben. Ruinen eines Menschen, gemeint ist Hitler, der sich für unbesiegbar hielt. Dies sei der Leitfaden für die Gegenwart. Militär und Volk der gegenwärtigen Ukraine seien Nachkommen derer, die den Nationalsozialismus besiegt haben.

Die Rede endet mit einem Friedensversprechen, das Selenskyj metaphorisch einkleidet: „Wir werden den Winter überwinden, der am 24. Februar begann, am 8. Mai andauert, aber definitiv enden wird, und die ukrainische Sonne wird ihn schmelzen!“ Und noch einmal kommt er auf die Form des Videos selbst zu sprechen: „Keine schwarz-weißen Träume mehr, nur noch ein blau-gelber Traum“, sagt er. Ins Schwarz-Weiß-Bild eines zerstörten Hauses kommt links die blau-gelbe Nationalflagge der Ukraine ins Bild.


Cleveres Statement zu Putins Show am 9. Mai

Diese pathetische, mit Metaphern aufgeladene Rede, die mühelos, so scheint es, die Verbrechen der Nazis und der Wehrmacht mit denen der russischen Invasoren in eins setzte, war als Antwort auf die farbigen Bilder der spektakulären Militärparade gedacht, die der russische Staatspräsident Wladimir Putin am 9. Mai in Moskau abnahm. Die ästhetische Reduktion – vom Spektakel der Massen zum Solo eines einzelnen, von der Ansprache auf einem großen Platz zum direkten Sprechen in die Kamera, von der Panoramaaufnahmen des Roten Platzes zur Amerikanischen Einstellung vor zerstörten Häusern, von Farbe zu Schwarz-Weiß – sollte auch formal aufzeigen, dass sich hier ein kleines Land gegen die Gewalt eines großen zur Wehr setzt: kleine Mittel gegen große.

Ausschnitt aus dem Video mit Wolodymyr Selensyj (youtube)
Ausschnitt aus dem Video mit Wolodymyr Selensyj (© youtube)

Um keinen Zweifel aufkommen zu lassen: Dieses Video war ebenso professionell produziert wie die Live-Bilder der Militärparade in Moskau. Es markierte so vor allem einen Genre-Wechsel: Vom Actionfilm zum Kammerspiel.

Kommentar verfassen

Kommentieren