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Keanu Reeves & „BRZRKR“

Montag, 04.07.2022

Der US-Schauspieler Keanu Reeves debütiert als Comic-Autor mit einer Graphic Novel über einen unsterblichen Söldner auf den Spuren von John Wick & „Highlander“

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Es beginnt mit der „Großaufnahme“ einer finster gerunzelten Stirn, verhangen von regennassen Haarsträhnen. Dann werden die Bildausschnitte größer, als würde eine Kamera aufziehen, und man sieht einen massigen Mann nachts auf einer Bank am Straßenrand sitzen. Das ist ein Moment der Ruhe, bevor er von Soldaten in einem Van eingesammelt und zum Einsatz verfrachtet wird. Die nächsten Sequenzen explodieren dann geradezu in einem äußerst blutigen Action-Feuerwerk, bei dem sich der Mann durch die Reihen der Feinde schlägt, sticht und schießt. Auf der Textebene wird das kontrastierend und distanzierend von Inserts begleitet, sozusagen einem Off-Dialog, der um die Identität und Erinnerung des Kämpfers kreist.

Mit „BRZRKR“, das 2021 erschienen und jetzt auch in deutscher Fassung vorliegt, präsentiert der US-Schauspieler Keanu Reeves sein Debüt als Comicautor, unterstützt von Matt Kindt (Co-Autor) und dem Marvel-Comickünstler Ron Garney (Bilder). Das ist ein Wechsel des künstlerischen Fachs für den Hollywood-Star, der dennoch auch „in character“ bleibt, denn die Hauptfigur von „BRZRKR“ ist ein Larger-than-Life-Actionheld à la „John Wick“, der eigentlich nicht mehr kämpfen will, der Gewalt aber nicht entkommen kann. Auch visuell trägt er deutlich Reeves’ John-Wick-Züge. Deshalb verwundert es nicht, dass Reeves die Rolle auch in einer Verfilmung des Comics spielen soll. Netflix hat eine Real-Spielfilm-Adaption mit Reeves in Arbeit sowie eine Animationsserie, in der er die Titelrolle sprechen soll.

Action-Story mit Unsterblichkeitsmotiv

Inhaltlich erzählt „BRZRKR“ eine düstere, melancholisch gebrochene Action-Story, die à la „Highlander“ oder „The Old Guard“ mit dem Unsterblichkeits-Motiv jongliert. Im Laufe der brachialen Exposition bekommen man mit, dass man es offensichtlich mit einem nahezu unkaputtbaren Helden zu tun hat, den auch die schlimmste Verwundung nicht umbringt. Was es mit der Figur auf sich hat, erfährt man in einer Art Rückblenden -Montage, festgemacht an einem Gespräch des „Berserkers“ in der Erzählgegenwart mit der Wissenschaftlerin einer US-Einheit, der er seine Kampfkraft offensichtlich freiwillig zur Verfügung stellt.

Er existiere schon seit rund 80 000 Jahren. In der Frühzeit der Menschheit war er ein von seinen Eltern erflehtes „Geschenk“ einer Gottheit an seinen Stamm, der immer wieder von anderen Gruppen überfallen, drangsaliert und beraubt wurde. Seitdem fristet er ein Dasein als Kämpfer, getrieben von einer Art Hunger, die ihn einem Vampir ähnlich zum Töten zwingt, aber auch geplagt von tiefer Lebensmüdigkeit angesichts seiner Entmenschlichung als Waffe auf zwei Beinen.

Von der Zusammenarbeit mit der US-Army scheint er sich weniger eine halbwegs sinnvolle Kanalisierung seines Furors zu erhoffen – zu welchen Einsätzen er mit welcher Absicht geschickt wird, hinterfragt er nicht – , als vielmehr eine Exit-Lösung: Von den Forschungen der Wissenschaftlerin über seine Unsterblichkeit erhofft er sich Erkenntnisse, die ihm helfen sollen, seine Natur zu überwinden und endlich ein Sterblicher zu werden.

Kantig-kräftiger Strich

Mit der auf wenige Farben reduzierten, den martialischen Inhalt im kantig-kräftigen Strich spiegelnden Graphic Novel haben Reeves und seine Co-Autoren einen zwar nicht übermäßig originellen, aber soliden Grundstein für ein Action-Franchise gelegt. Spannend ist die Frage, mit welcher erzählerischer Substanz der Stoff ausgebaut werden soll. An möglichen Spielarten, den Protagonisten seinem blutigen Handwerk nachgehen zu lassen, versammelt bereits der erste Band so viele, dass sich bald Ermüdungserscheinungen einstellen könnten, wenn zur Ab-18-Action nicht etwas mehr Charakterentwicklung und „World Building“ hinzukommen.


Hinweis

BRZRKR“. Von Keanu Reeves (Autor), Matt Kindt (Autor), Ron Gamey (Zeichnungen). 144 Seiten. Die deutsche Ausgabe ist im Verlag Cross Cult, Ludwigsburg, erschienen. Volume 2 kommt am 15. August in den Handel. Bezug: In jeder Buchhandlung oder hier.

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