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Filmklassiker: "Die ist nicht von gestern"

Montag, 08.05.2023 10:27

Keine andere Hollywood-Schauspielerin konnte ihre Stimme so geschickt und effektiv gebrauchen wie Judy Holliday. Glänzend bewies sie das in George Cukors Komödie "Die ist nicht von gestern". Eine Würdigung zu ihrem 100. Geburtstag am 21. Juni 2022.

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Der US-Schauspielerin Judy Holliday waren nur ein kurzes Leben und eine kurze Karriere, aber unvergessliche Filmauftritte vergönnt. Umwerfend ist sie in ihrer „Oscar“-gekrönten Rolle in der Komödie „Die ist nicht von gestern“ (1950) von George Cukor, wo sie die einfach gestrickte Geliebte eines reichen Industriellen spielt. Der Versuch, ihr durch einen Tutor Manieren und Bildung beibringen zu lassen, mündet in eine mitreißende Emanzipation der nur vermeintlich dummen Blondine.


Es dauert lange, bis man in „Die ist nicht von gestern“ (1950) ihre Stimme überhaupt zu hören ist. In dem von George Cukor inszenierten Film ist Billie Dawn die Geliebte des windigen Tycoons Harry Brock (Broderick Crawford), der in Washington einige Senatoren für halbseidene Geschäfte auf seine Seite ziehen will. Natürlich beziehen sie, im sittenstrengen Hollywoodfilm der 1950er-Jahre, im Hotel verschiedene Suiten. Brock kann von seiner übers Eck in ihre schauen, und dann ruft er laut: „Billie!!!“ Sie dreht sich um, geht langsam zum Fenster, noch eine kleine Pause, und dann schreit sie mit einer lauten, kratzigen und schrillen Stimme: „What?!“


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Man glaubt, nicht recht zu hören, so vulgär und unwillig klingt dieses „What?!“. Es gibt wohl kaum eine andere Hollywood-Schauspielerin, die ihre Stimme so geschickt gebraucht hat wie Judy Holliday: die Höhe, der Ton, die Variationen von beidem, das Timing, die richtige Aussprache, die falsche Aussprache, das Anschwellen der letzten Note eines Satzes – all das ist außergewöhnlich und virtuos zelebriert. Die Stimme formt den Charakter.


Ein Pygmalion-Prozess mit Tutor

Brock, selbst keine Ausgeburt von Kultiviertheit, schämt sich für die vermeintliche Dummheit seiner Geliebten und engagiert William Holden alias Paul Verrall als Tutor, der Billie Dawn Manieren und Bildung beibringen soll. Dieser Pygmalion-Prozess, der die „dumb broad“ in eine kultivierte Lady verwandelt, sorgt in der Folge für die meisten Lacher und einige sexuelle Anspielungen. Natürlich wird es kompliziert – Holliday und Holden verlieben sich, und Crawford, ebenso beängstigend wie lustig in seiner Rolle, sieht seine Felle davonschwimmen.


Turbulentes Trio: Judy Holliday, Broderick Crawford und William Holden in "Die ist nicht von gestern" (© IMAGO/ Jerry Tavin/Everett Collection)
Turbulentes Trio: Judy Holliday, Broderick Crawford und William Holden in "Die ist nicht von gestern" (© IMAGO/ Jerry Tavin/Everett Collection)

Auch der sonst so extrovertierte, körperbetonte William Holden glänzt als stiller Intellektueller, dem schon eine Brille zum Imagewandel reicht und der allein durch seinen Blick auf Billie das Publikum verführt. Natürlich weiß er, dass Billie Dawn nicht dumm ist, sondern nur ungebildet. Sie sieht das ein wenig anders: „I am stupid. I’m happy with it. I get everything. Two mink coats!“ Er gibt ihr dicke Bücher zu lesen, was man als bildungsbürgerlichen Anspruch auch sehr spießig finden kann, und zeigt ihr Washington, zum Beispiel das Denkmal von Thomas Jefferson. Diese Szene ist sehr bewegend, weil sie George Cukor so viel bedeutet. Er feiert alte US-amerikanische Werte und gibt sie weiter, nicht nur an Billie, sondern auch an die Zuschauer.


Der Schatz des Films ist Judy Holliday

Der eigentliche Schatz des Films aber ist Judy Holliday: durch ihren verbalen Humor, ihre Augenbewegungen, ihre Gestik. Der Witz entsteht dabei häufig durch den Widerspruch, dass Billie Dinge nicht zu verstehen scheint, dann aber logisch argumentiert. Höhepunkt ist sicher jene Szene, in der sie mit Brock Gin Rommé spielt und am laufenden Band gewinnt. Ihr lautes, oftmals wiederholtes „Da na na … Buh-Boom“ geht ihm so lange auf die Nerven, bis ihm der Kragen platzt.

Judy Holliday wurde für ihre unbezahlbare, präzise und uneitle Darstellung mit dem „Oscar“ als beste Hauptdarstellerin belohnt. Sie stach dabei unter anderem Gloria Swanson (in „Sunset Boulevard“) und Bette Davis (in „Alles über Eva“) aus. Das muss man erst einmal hinbekommen. Als Jüdin aus New York besitzt sie, ähnlich wie Woody Allen, einen besonderen Humor: intellektuell, selbstironisch, pessimistisch. Sie überrascht immer wieder, auch sich selbst, mit ihren Eigenarten und sorgt so für ständiges Erstaunen.


Beim Sightseeing in Washington: William Holden & Judy Holliday als ungleiches Liebespaar (© IMAGO / Everett Collection)
Beim Sightseeing in Washington: William Holden & Judy Holliday als ungleiches Liebespaar (© IMAGO / Everett Collection)

Judy Holliday, als Judith Tuvim am 21. Juni 1922 in New York City geboren (andere Quellen geben als Geburtsjahr 1921 an), kam vom Kabarett. Mit Betty Comden und Adolph Green gründete sie eine Gruppe namens „The Revuers“ und stieg so zum Star von Greenwich Village auf. Sie soll mit Nicholas Ray zusammen gewesen sein, doch sehr viel verbürgter ist, dass sie mit dem Jazz-Saxophonisten Gerry Mulligan verheiratet war. 1944 unterzeichnete sie bei 20th Century Fox einen Vertrag und war im selben Jahr noch in kleineren Rollen in drei Filmen zu sehen: Walter Langs „Greenwich Village“, Lewis Seilers „Something for the Boys“ und George Cukors „Winged Victory“. Sie kehrte nach New York zurück und konzentrierte sich auf die Bühne, am Broadway war sie in der Komödie „Born Yesterday“ von Garson Kanin zu sehen, nachdem Jean Arthur die Rolle abgelehnt hat. 1200 Mal spielte sie die Hauptrolle der Billie Dawn.


Hauptrolle dank einer kleinen Verschwörung

Von Garson Kanin stammt die schöne Anekdote, nachzulesen in seinem Buch „Tracy and Hepburn“ (1971), dass Harry Cohn, der unangenehme Boss von Columbia, sich rundheraus weigerte, Judy Holliday für die Filmversion von „Die ist nicht von gestern“ zu besetzen. Er beschimpfte sie taktlos und antisemitisch als „that fat Jewish broad“. So taten sich Regisseur George Cukor, Katharine Hepburn und Garson Kanin zu einer kleinen Verschwörung zusammen und zeigten Cohn Ehekrieg, in dem Holliday als Doris Attinger auf ihren Mann und dessen Geliebte geschossen hat und sich nun vor Gericht, mit Spencer Tracy als Staatsanwalt und Katharine Hepburn als Rechtsanwältin, verantworten muss. Sie war so umwerfend, dass Cohn im Handumdrehen seine Meinung änderte.

Judy Holliday spielte in „Die ist nicht von gestern“ ihre erste Kinohauptrolle – ein neuer Hollywoodstar war geboren. Mit Cukor drehe sie im Jahr darauf noch Happy-End… und was kommt dann?und 1954 Die unglaubliche Geschichte der GladysGlover. In Anruf genügt, komme ins Haus (1960) von Vincente Minnelli war sie ein letztes Mal zu sehen; Judy Holliday verstarb 1965 viel zu früh im Alter von 43 Jahren an Krebs. Als Cineast überkommt einen großes Bedauern, nicht nur wegen dieses gemeinen Schicksals, sondern auch wegen der unvermeidlichen Frage: Was hätte sie noch für Filme gedreht? Am 21. Juni 2022 wäre sie 100 Jahre alt geworden.


„Die ist nicht von gestern“ (1950) ist in Deutschland bereits 2002 auf DVD erschienen; die Auflage ist weitgehend vergriffen. Aktuell kann der Film digital bei Amazon Prime und AppleTV gesehen werden.

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