© 2022 SPF (Crimes) Productions Inc. & Argonauts Crimes Productions S.A./Nikos Nikolopoulos (Bildmontage aus "Crimes of the Future" von David Cronenberg)

Deformationen, Transformationen

Freitag, 15.07.2022

Body Horror als Inszenierung, Tabu und Transgression im Film

Diskussion

Mit „Crimes of the Future“ sorgte 2022 in Cannes ein neuer Film von David Cronenberg rund um eine dystopische (Körper-)Welt für Aufsehen, in der biotechnologische Schnittflächen zwischen Mensch und Maschine sowie ein „accelerated evolution syndrome“, das Menschen neue Organe wachsen lässt, Realität sind. Das jüngste Werk eines Regisseurs, der in den 1970ern eine Filmrichtung mitgeprägt hat, die als „Body Horror“ bezeichnet wird und seitdem im Kino vielfältige Blüten treibt. Anlass für eine Analyse des Phänomens, das die düsteren Genre-Ecken verlassen hat und salonfähig geworden ist.


Der Arzt untersucht den weggetretenen Patienten äußerlich: Er fühlt die Stirn, hebt die Augenlider mit den Fingern an, versucht den Mann anzusprechen. Keine Reaktion. Doch unter der Bettdecke scheint sich etwas zu rühren. Der Arzt schlägt das Laken zurück und starrt erschrocken auf einen aufklaffenden Bauch: Eingeweide hängen heraus, ein wurmartiges Lebewesen schlängelt sich mit Glitschgeräuschen aus den Gedärmen und springt dem Arzt unvermittelt ins Gesicht. Der Parasit ist auf ihn übergesprungen und versucht, sich in seinem Körper einzunisten. Blutüberströmt windet sich der Arzt auf dem Boden und schreit um Hilfe.


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Die Angriffsszene ist einer der Höhepunkte in David Cronenbergs erstem Langspielfilm „Shivers“ (1974, deutsch: „Parasiten-Mörder“, 1975). Der Befall des Patienten und die fortschreitende Erkrankung ist eines der Leitmotive des Films, mittlerweile ein Klassiker eines Genres, das Philip Brophy wenige Jahre später in einem Essay für die Zeitschrift „Screen“ als „Body Horror“ bezeichnen wird. Damit verortete er einen Trend im damaligen Horrorfilm, der sich seitdem als eigenständiges Phänomen manifestiert und weiterentwickelt hat.

Kontrollverlust

Cronenberg gilt im englischsprachigen Raum als einer der wichtigsten Vertreter dieses Horror-Subgenres, das sich weniger durch eigene Motivik auszeichnet, als durch eine besondere Perspektivierung gängiger Horrorelemente. Neben Porno und Melodram, die beide ebenfalls auf körperliche Reaktionen ausgelegt sind, ist Horror als eines der klassischen Körpergenres oft damit beschäftigt, Körper aufzuschlitzen (Slasher), Blut und Eingeweide zu verspritzen (Splatter), von Tieren oder Monstern zerfleischen zu lassen (Tierhorror und „creature features“). Drastische Eingriffe, Transformationen und Deformationen von menschlichen (bisweilen auch tierischen) Körpern sind sicher Bestandteile im Body Horror, doch Inszenierung wie Schauwert kreisen um das subjektive Erleben dieser Metamorphosen und Deformationen sowie das Eintauchen in den damit einhergehenden Kontrollverlust. Wie in „Shivers“ sind daher einige Filme des Genres mithilfe von Voice-over aus der subjektiven Perspektive einer Figur erzählt.


"Shivers" (© IMAGO / Everett Collection)
"Shivers" (© IMAGO / Everett Collection)

Natürlich sind in „Shivers“ auch klassische Horrormotive vertreten: Der verrückte Professor, dessen Experiment schiefgeht. Er heißt Emil Hobbs und bringt gleich zu Beginn seine Lebensgefährtin um, gießt Säure in ihre Bauchhöhle und nimmt sich im Anschluss selbst das Leben. Er hatte versucht, Parasiten gezielt als Ersatz für defekte Organe zu implantieren, doch die Tiere entwickeln ein Eigenleben und nisten sich in ihren Wirten ein, um sie vollständig auszusaugen. Der Fokus des Films liegt weniger auf einer ermittelnden Perspektive, die den Auslöser des Horrors ausfindig macht und eliminiert, sondern auf dem Prozess der körperlichen Veränderung, die dadurch initiiert wird. Die Parasiten befallen immer mehr Menschen, und es wird nach und nach deutlich, dass sie tiefsitzende Triebe verstärken und gesellschaftliche Tabus unterdrücken: Die Wirte entwickeln einen geradezu gewalttätigen Sexualtrieb und die Parasiten breiten sich auf einen gesamten Apartmentkomplex aus. Die wurmähnlichen Tiere fressen sich durch das Innere ihrer Wirte und zerstören am Höhepunkt eben nicht nur gesellschaftliche Werte, sondern explizit auch deren einengende Gefäße.

Ein Modus der Inszenierung und Perspektivierung

Körperflüssigkeiten wie Speichel, Blut, Eiter, Sperma oder Fäkalien – selbst auch tabuisiert und durch Hygienestandards und Reinigungsrituale in Schach gehalten – werden damit nicht nur zu plumpen Schauwerten, sondern zu regelrechten Verkörperungen gesellschaftlicher Tabus. Der Ekel beim Zuschauen ist somit auch ein Ekel vor und ein Ausleben der eigenen Körperlichkeit. Zunächst skandalisiert, war „Shivers“ der damals erfolgreichste Film Kanadas und setzte letztlich als Klassiker des Genres Standards.

Bereits vier Jahre später diente die blutige Szene in „Shivers“ als Vorlage für eine der Schlüsselszenen in Ridley Scotts Science-Fiction-Horror „Alien“ (1979). Nach einem mysteriösen Alien-Angriff scheint der Astronaut Gilbert Ward wieder gesund zu sein, als er beim gemeinschaftlichen Abendessen der Besatzung plötzlich über dem Esstisch der Nostromo zusammenbricht und ein junges Alien sich durch seine Bauchdecke nach draußen frisst. Gilbert war seit dem Angriff Wirt für die unbekannte Spezies. Die Überreste seines Körpers bleiben zerfetzt zurück. Body Horror ist genau genommen also ein Modus der Inszenierung und Perspektivierung, der sich mit einer Vielzahl von Genres kombinieren lässt und somit selbst zum Gestaltwandler wird.

Allein in Cronenbergs Werk ist gut zu erkennen, dass Body Horror auf diverse Ausgangsszenarien anwendbar ist und somit auch gut auf sich weiterentwickelnde Diskurse reagieren kann: Neben klassischen Gestaltwandlern („Die Fliege“, 1986), Telekinese („Scanners“, 1981) und Horrorkindern („Die Brut“, 1979) hat er auch die psychologischen wie physischen Auswirkungen von Massenmedien („Videodrome“, 1982) und Computerspielen („eXistenZ“, 1999) thematisiert, ebenso Genmanipulation („Rabid“, 1976) sowie die Verquickung von sexueller Lust und körperlichen Entstellungen bei Autounfällen („Crash“, 1996).


"Rabid" (©Indeed Film)
"Rabid" (©Indeed Film)

Cronenberg selbst war 2022 mit seinem aktuellen Film „Crimes of the Future“ in Cannes vertreten (deutscher Kinostart ist am 3.11.2022) und schließt hier sogar an sein ursprüngliches Thema der Weiterentwicklung menschlicher Organe an: In der dystopischen Welt des Films sind biotechnologische Schnittflächen zwischen Mensch und Maschine sowie das „accelerated evolution syndrome“, das Menschen neue Organe wachsen lässt, Ausdruck des medial beschleunigten Wandels von Körperkult und Schönheitsidealen.

Der Körperhorror wird salonfähig

Die transgressive Inszenierung und Erkundung von Körpern ist sicherlich nicht erst seit David Cronenberg in Film und Kunst vertreten. Gerade in der Literatur des Gothic Horror finden sich schon früh Motive, die auch heute noch verwendet werden – Mary Shelleys „Frankenstein“ etwa, oder Franz Kafkas „Die Verwandlung“ sowie die Erzählungen von H.P. Lovecraft. Genreklassiker wie Stuart Gordons „Re-Animator“ (1981) bedienen sich der Wiederbelebung bereits toter Körper ebenso, wie Joe Dante („Das Tier“, 1981) die körperliche Transformation von Mensch zu Werwolf als subjektives Drama inszeniert.

Daher überrascht es nicht, dass Body Horror mittlerweile nicht nur eine etablierte Nische, sondern eine ernstzunehmende Strömung geworden ist – neben Kanada und den USA haben vor allem Frankreich und Japan hier wegweisende Entwicklungen vorgegeben, die den Body Horror in den letzten Jahren regelrecht gesellschaftsfähig gemacht haben: Sowohl die interdisziplinäre Filmforschung als auch internationale Filmfestivals widmen sich angesichts der breitgefächerten Einsatz- und Kombinationsmöglichkeiten des Genres dem Phänomen.


Julia Ducournaus "Titane" (© Carole Bethuel)
Julia Ducournaus "Titane" (© Carole Bethuel)

Eine schöne Schnittstelle beleuchtet dabei aktuell die Ausstellung „Future Bodies from a Recent Past – Skulptur, Technologie, Körper seit den 1950er-Jahren“ im Münchner Museum Brandhorst (bis 15. Januar 2023) und arbeitet darin die Verbindung von Körperbildern, Inszenierung und dem Einfluss auf, den Technologie, Medizin und Wissenschaft zurückspiegeln. Die technische Entwicklung hat in den letzten Jahrzehnten rapide an Fahrt aufgenommen, weshalb sich Körperbilder und deren Inszenierung oft gegenseitig überholen und beeinflussen. Auch hier spielen Ekel und Angst vor dem eigenen Körper eine wichtige Rolle. Die Ausstellung konzentriert sich zwar vor allem auf Skulpturen, hat jedoch auch die filmische Bearbeitung in der Videokunst im Blick. Eine Kooperation mit dem Filmfest München, das vom 24. Juni bis 2. Juli stattfand, wagte einen eklektischen Brückenschlag zum Body Horror – Videoformate und Kurzfilme von Matthew Barney und Julia Ducournau etwa fächern die Perspektiven zwischen medizinischer Präzision und jugendlichem Coming of Age auf.

Klassiker des Body Horror

Der vom Museum ausgewählte britische Künstler und Autor Charlie Fox kuratierte zudem unter dem Titel „Licking My Wounds – Body Horror Inside Out“ eine eklektische wie schlaglichtartige Auswahl von Klassikern des Body Horror: „Die Unzertrennlichen“ (1989) von David Cronenberg, der die psychologische wie physiologische Verstrickung eines Ärzte-Zwillingspaars seziert, „The Cell“ (2000), in dem Tarsem Singh die Barriere zwischen Körper und Geist mithilfe von Technologie verschwimmen lässt, sowie „Trouble Every Day“. Ergänzt durch Filmempfehlungen aus dem regulären Festivalprogramm, die sich bisweilen stark von den Kernthemen des Body Horror entfernten, jedoch mit „A Banquet“ an aktuelles Körperkino anknüpften. Darin macht die schottische Regisseurin Ruth Paxton die Körperlichkeit von Nahrungsaufnahme und -verweigerung in einigen visuell wie auditiv stark fokussierten Sequenzen spürbar und inszeniert Essen aus der Perspektive ihrer Protagonistin als biologischen Horror, der sie bedroht. Die dünne Linie zwischen Körperkontrolle und Kontrollverlust verschiebt sich für sie immer weiter und damit auch die Verortung ihrer Identität.


"Trouble Every Day" (© Rapid Eye Movies)
"Trouble Every Day" (© Rapid Eye Movies)

Impulse aus Frankreich

Eine starke Strömung kommt aktuell aus dem französischen Kino, das Körperlichkeit und die Auflösung von Genderstereotypen miteinander verbindet. Strahlendste Vertreterin ist dabei die Regisseurin Julia Ducournau, die bereits 2016 mit ihrem Debüt „Raw“ in Cannes für Aufregung sorgte. Darin inszeniert sie eine Coming-of-Age-Story als Körperhorror, der in kannibalistischen Sequenzen kulminiert. Die massiven körperlichen Veränderungen der Pubertät vergrößert sie zu externalisierten Exzessen und verdeutlicht so auch die psychologischen Implikationen dieser Lebensphase. Mit ihrem zweiten Film „Titane“ gewann sie dann 2021 die „Goldene Palme“ in Cannes. Schnell berühmt für die plakativen Szenen, in denen die Protagonistin Alexia Sex mit einem Cadillac hat, ist vor allem die Darstellung ihrer Persönlichkeitsveränderung durch eine nach einem Unfall in ihren Kopf eingesetzte Titanplatte besonders eindrücklich. Body Horror ist angesichts der subjektiven Erzählperspektiven meist kaum vom psychologischen Horror zu trennen, den die durch drastische Inszenierung verstärkten Ausgangssituationen implizieren.

Ducournau schließt hier einen Kreis zu Filmen, die um die Jahrtausendwende erschienen sind und nachträglich als „New French Extremity“ zusammengefasst wurden. Catherine Breillat („Romance XXX“, 1999), Bertrand Bonello („Der Pornograph“, 2003), Gaspar Noé („Menschenfeind“, 1998, „Irreversibel“, 2002) und allen voran Claire Denis setzten sich hier gezielt mit Tabubrüchen auseinander. Ihre beiden Figuren Coré und Shane erkunden in „Trouble Every Day“ (2001) das Feld zwischen Liebe und Trieben, Treue und Selbstbestimmung und hinterfragen so normierte Vorstellungen von Intimität. Ihre vampirhaften Exzesse gießt Kamerafrau Agnès Godard in extreme Nahaufnahmen, die die Körper in ihre Einzelteile zerlegen, um aus Bildern, Geräuschen und Affekten eine blutige Collage zu weben. Der Rausch, das machen die beiden deutlich, denkt immer auch schon die ihm folgende Leere mit: Claire Denis verbindet Body Horror und Melodram zu einem verstörend traurigen Trip. Die sinnlich-kannibalistische Horrorfantasie antizipiert regelrecht das transgressive weibliche Körperkino, das Ducournau als prominenteste Filmemacherin vertritt.

Viele Erstlinge fächern zudem in den letzten Jahren mithilfe der Inszenierung weiblicher Körpertransformationen als Horrorelemente eine Themenvielfalt auf: Mitchell Lichtensteins Komödie „Teeth“ (2007) über die „Vagina dentata“, Alice Lowes „Prevenge“ (2016) über den körperlichen Kontrollverlust während einer Schwangerschaft, Carlo Mirabella-Davis’ verstörendes Drama „Swallow“ (2020) oder „Saint Maud“ (2019) von Rose Glass über die körperlichen wie psychischen Auswirkungen religiöser Visionen.


"Tetsuo - The Iron Man" (© Rapid Eye Movies)
"Tetsuo - The Iron Man" (© Rapid Eye Movies)

Die bei Ducournau wiederbelebte Verquickung von Mensch und Maschine ist auch in einigen Klassikern des japanischen Body Horror verwurzelt, allen voran in „Tetsue: The Iron Man“ (1989) von Shinya Tsukamoto, in dem Menschen zunächst kleine Metallteile an ihrem Körper entdecken und sich langsam in aggressive Maschinen verwandeln. Neben solchen Cyberpunk-Spielfilmen sind in Japan auch prominente Anime-Filme mit starkem Body-Horror-Einfluss entstanden, etwa Katsushiro Otomos Mangaverfilmung „Akira“ (1991), in dem eine Atomexplosion wenigen Menschen übernatürliche Kräfte verleiht oder „Ghost in the Shell“ (1995), in dem Menschen zu Cyborgs mutieren. Zudem sind einige der Filme von Hayao Miyazaki mit drastischen Body-Horror-Elementen durchsetzt, obwohl sie auch auf ein junges Publikum ausgelegt sind: etwa die Verwandlung von Menschen in Schweine in „Chihiros Reise ins Zauberland“ (2001) oder die von Waldgeistern ausgelöste Infektion in „Prinzessin Mononoke“ (1997), die ihren Wirt mit lilafarbenen Würmern übersät und das Fleisch Blasen werfen lässt – als Strafe für den nachlässigen Umgang mit der Natur.

Wandlungsfähig & unberechenbar

Feministischer Psychothriller, Science-Fiction mit Autosex, ökoaktivistischer Tierhorror – die Liste der Genres und Themen, die sich der Inszenierungsmethoden des Body Horror bedienen, ist nahezu unendlich, selbst Horrorkomödien greifen lustvoll auf die Ekel-Elemente zurück: James Gunn etwa zollte in „Slither – Voll auf den Schleim gegangen“ neben vielen weiteren Horrorklassikern auch „Shivers“ Tribut, indem er ein ganzes Dorf von ähnlichen Glitsch-Organismen parasitär befallen lässt. Die Selbstreflexivität, die der Horrorfilm an sich schon mitbringt, wird für den Körperhorror damit endgültig zum grundlegenden Merkmal: Mutation als Zentrum, um das inhaltliche wie formale Entscheidungen kreisen. Der Fokus auf die Inszenierung von subjektiven Veränderungsprozessen macht ihn so wandlungsfähig und unberechenbar: Body Horror kann auf aktuelle Diskurse reagieren, diese auf einer grundlegenden, weil noch vor die Rationalität geschalteten Ebene kommentieren und durchspielen – und bleibt deshalb unwillkürlich eines der psychosomatischsten Filmerlebnisse. Sich darauf vorbereiten? Kann man zum Glück kaum.

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