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Regisseur der Zwischentöne - Claude Sautet

Freitag, 15.07.2022

Über einen im Alexander Verlag erschienenen Band, der Gespräche des Filmemacher Claude Sautet mit Romanautor, Kritiker und Fernsehproduzent Michel Boujut versammelt.

Diskussion

Die Filme von Claude Sautet stießen einst bei den Anhängern der Nouvelle Vague auf Ablehnung; mittlerweile hat der 1924 geborene, 2000 verstorbene Filmemacher nichtsdestotrotz seinen Platz im Olymp des französischen Kinos. Ein im Alexander Verlag erschienener Band versammelt Gespräche Sautets mit dem Romanautor, Kritiker und Fernsehproduzenten Michel Boujut und gibt Einblicke in seine Schaffensweise und sein Verständnis vom Kino.


Manchmal widerfährt es einem unkontrolliert: Filmemacher oder deren Arbeiten werden mit geschmacklichen Vorlieben oder Abneigungen belegt, die meinungsstark daherkommen, denen es bei unvoreingenommener Prüfung aber erheblich an Substanz gebricht! Oft, wenn ein cinephiler Charakter sich gerade erst formt und wo es nur zur Hälfte so ist, dass eine Person die Filme, denen sie begegnet auch wirklich sieht - zur anderen Hälfte blicken sie zurück! –, lassen vor allem Zufälle die Orientierungen in diese oder jene Richtung ausschlagen: wo, wann und mit wem erlebt man diesen oder jenen Film? Welche emotionalen Befindlichkeiten spielen dabei eine Rolle? Und was sind die intellektuellen Fliehkräfte, die an einem als Zuschauer zerren und denen man sich aussetzt, ja aussetzen muss? Am Ende ist es vermutlich so, wie Adorno einmal schrieb, dass, wer unter solchen Gegebenheiten ICH sagt, schon mal lügt! Denn dieses ICH – Zitat aus dem Gedächtnis – ist doch nur der mehr oder weniger zufällige Schnittpunkt, eines eher mehr als weniger willkürlich wehenden Zeitgeistes im gerade aktuellen Juste Milieu.


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Für meinen Teil bin ich mir sicher, dass ich dem Blick der Filme von Claude Sautet ausgewichen bin, seit ich (vermutlich viel zu jung) das erste Mal „Les choses de la vie“ („Die Dinge des Lebens“, 1970) gesehen habe und danach über eine Kritik von Siegfried Schober stolperte. In ihrer höhnisch-süffisanten Geringschätzung trug sie dazu bei, die nur schwer greifbare Verwirrung über den Film zu bändigen zugunsten einer vorgeblich robusten Einschätzung: „Geglättet und poliert, in modisch getönten Farben und modisch geschnittenen (achronologischen) Rückblenden. Die Erinnerungsbilder von Menschen und Orten, Gefühlen, Konflikten, Gesten und Handlungen sind die gängigen der Reklame und Prominentenstories vom erfüllten, individuellen Leben. Da gibt es: die Dreiecksprobleme mit Gattin und Geliebter; die Zigarette zwischen den Lippen im Alfa Romeo; das Unergründliche plötzlicher Leere; einmal wieder mit dem Sohn zusammen sein; das Landhaus auf der Île de Ré; den unverbrüchlichen Freund; ein Gespräch über Wein – das beschließt dann der Tod, mit dem in Zeitlupe schwebenden Unfallwagen, auch nur wie ein schönes, etwas ausgedehntes Schläfchen.“


Zwischen den Fronten von Tradition und Nouvelle Vague

Claude Sautet, so die verbreitete Einschätzung, der ich mich damals mehr oder weniger unüberlegt anschloss: „Ein Regisseur auf halbem Weg. Nicht ganz so schlecht wie Lelouch, weniger gut wie Truffaut und ganz furchtbar, wenn man den Maßstab von Godard anlegt.“

Im Vorwort zur endgültigen französischen Ausgabe (2014) des im Frühjahr 2022 auf Deutsch im Alexander Verlag erschienen Gesprächsbandes „Claude Sautet – Regisseur der Zwischentöne. Gespräche mit Michel Boujut“, schrieb Thierry Frémaux, der das ursprüngliche Buch Anfang der 1990er-Jahre in seiner Eigenschaft als Direktor des Institut Lumière in Lyon initiiert hatte: „Bei der Neuauflage des Buches erinnere ich mich an die skeptischen Gesichter, die unser Vorhaben in der kleinen cinephilen Gemeinde hervorgerufen hatte. Was? Eine Hommage an Sautet? Diesen ‚Erfolgs‘-Regisseur? Diesen bürgerlichen Autor, der für die Bourgeoisie Filme gemacht hatte und es mitten in den 1970ern vorzog, mehr über die Qualen des mittleren Alters zu sprechen als über die Revolution? Nein, im Ernst, nicht Sautet! Mit wissendem Blick sagte man das, oft auf wenig angenehme, sogar ausgesprochen unangenehme Art.“

Und ergänzend zum zuvor erwähnten „kurzen Prozess“ ist in Boujuts Buch - welches auch kluge, wertschätzende und sentimentale Textminiaturen von (u.a.) Bertrand Tavernier, François Truffaut, Philippe Sarde und Jean-Pierre Melville enthält – noch zu lesen: „Es ist heute unstrittig, dass Sautet (…) sich im Sinne der von Truffaut mitentwickelten Autorentheorie als Auteur bewiesen hat, auch wenn er als etwas Älterer (Jahrgang 1924, die meisten der ‚jungen Wilden‘ wurden um 1930 geboren) wiederholt Regieassistent bei den Regisseuren und in den Filmen war, die von der späteren Nouvelle Vague besonders angeprangert wurden. Unterschiedliche Biografien, sich kreuzende Wege – Truffaut und Sautet waren in Wahrheit gute Freunde, woran dieses Buch auch erinnert. Aber die cineastischen Schlachten waren so heftig, dass man sie getrennt betrachten und sich entscheiden und in ihren Unterschieden etwas finden musste, um den einen zu preisen und den anderen zu hassen.“




Die Gespräche, die der Romanautor, Kritiker und Fernsehproduzent Michel Boujut mit Claude Sautet geführt hat, sind nach den Schlachten angesiedelt. Es sind entspannt geführte Unterhaltungen, die in ihrer Souveränität, auch der moderaten Lautstärke sogar ein bisschen an die Filme des Regisseurs erinnern. Sautet hatte sich gewünscht, dass die Gespräche leise geführt würden, dass sie fast wie ein Flüstern sein sollten, das späteren Lesern das Gefühl geben würde, ihnen in privilegierter Nähe beigewohnt zu haben.


„Ich mag nicht, wenn etwas eindeutig ist“

Unweigerlich muss man, wenn es um Gesprächsbücher geht, an die großen Blaupausen für dieses Genres denken: François Truffauts Hitchcock-Buch „Le cinéma selon Hitchcock“ („Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?“), Orson Welles’ und Peter Bogdanovichs „This is Orson Welles“ („Hier spricht Orson Welles“) oder das beschämenderweise nie auf Deutsch erschienene „Getting away with it“ von Steven Soderbergh und Richard Lester. Aber Sautet und Boujut bewegen sich souverän jenseits der Schatten, die diese großen Vorgänger geworfen haben, und sind doch konsequent deren Spirit verpflichtet.

Ein Beispiel: Gleich zu Beginn des Buchs geht es um die Frage, ob Sautet nach zwölf Filmen als Regisseur - die Gespräche wurden nach der Veröffentlichung von Sautets vorletztem Film „Un coeur en hiver“ („Ein Herz im Winter“) begonnen - zufrieden oder unzufrieden mit sich und seinem Werk sei. „Nein, nicht unzufrieden. Aber am ehesten erinnere ich mich an ihre Mängel. Fehler durch Faulheit oder Ablenkung. In der Euphorie eines Drehs oder aus Selbstüberschätzung. (…) Für die Wiederaufführung des einen oder anderen meiner Filme oder vor ihrer Ausstrahlung im Fernsehen habe ich manchmal nachträglich Schnitte vorgenommen, die ich, als sie herauskamen, nicht gewagt hatte. Ich finde nicht, dass in meinen Filmen etwas fehlt, eher ist zu viel da. Ich mag nicht, wenn etwas eindeutig ist. Aber mir ist sehr wohl bewusst, dass ich von ‚Classe tous risques‘ (‚Der Panther wird gehetzt‘, 1960) bis zu ‚Un coeur en hiver‘ (‚Ein Herz im Winter‘, 1992) von einem sehr körperlichen Action-Kino zu einem eher intimistischen Kino gelangt bin, das sparsam mit Höhepunkten umgeht und stattdessen der Unsicherheit sozialer und emotionaler Beziehungen den Vorzug gibt. Vielleicht liegt es am Alter. Mit dem Alter sucht man nach einer Art Sparsamkeit.“


"Ein Herz im Winter" (© STUDIOCANAL)
"Ein Herz im Winter" (© STUDIOCANAL)

Der Sautet-Touch

Worin besteht der Sautet-Touch? Kaum ein anderer Regisseur hat so treffsicher Aussehen, Gedränge und Gehetze, auch das soziale Spektrum sowie die Geräuschkulisse und den Geruch von Brasserien, Cafés oder Restaurants einzufangen bzw. nachzubilden vermocht wie er. Einblicke in die Herstellung solcher Sequenzen gibt das Buch zahlreich und zwar multiperspektivisch, sowohl auf die Darsteller bezogen wie auf die produktiven Besonderheiten einer Ausstattung oder auf produktionstechnische Hindernisse. Die Gespräche zeichnen sich durch sichere Richtungswechsel aus: ein kontinuierliches Hin-und-zurück vom How-To-Do der Werkstatt ins Why-To-Do des philosophischen Boudoir. Denn der 2000 verstorbene Sautet, der sich selbst als „Bourgeois passioné“ sah, wusste dennoch genau zu analysieren, was seine Klasse kennzeichnete: ein fast pathologisches Ineinander von Überschwang und Trauer und eine melancholisch zögerliche Lust am Dasein, die sich permanent an den Widersprüchen des Alltags brach. Nicht umsonst wurden deshalb Romy Schneider und Michel Piccoli über lange Jahre hinweg zu Sautets Lieblingsdarstellern, weil sie ein ausgeprägtes Talent hatten, verunsicherten, zweifelnden, aber mit einem nervösen Lebenswillen ausgestatteten Charakteren filmisches Leben einzuhauchen.


Romy Schneider in Sautets "César und Rosalie" (© Studiocanal)
Romy Schneider in Sautets "César und Rosalie" (© Studiocanal)

François Truffaut schrieb einmal, er verlange von Filmen, dass sie ihm entweder die Freude am Filmemachen vermitteln oder die Angst davor. „Alles dazwischen interessiert mich nicht mehr.“ Claude Sautet gehört zweifellos zur ersten Kategorie. Eine Selbstverständlichkeit ist in seinen Filmen gegenwärtig, die aber nicht achtlos hingenommen, sondern als Glück empfunden wird. Was es mit diesem Glück auf sich hat, formulierte er selbst einmal in seinen Antworten auf den berühmten Fragebogen der Zeitung Libération von 1987: Warum filmen Sie? „Weil es mir Spaß macht. Weil ich als Kind lange Zeit ängstlich und stumm geblieben bin. Weil ich nie das Medium der Sprache gemeistert habe – ich liebte nur die Musik. Und schließlich, weil es sich aus den Zufällen des Lebens – und des Glücks – so ergeben hat, dass Filmemachen für mich das einzige Mittel wurde, mit anderen Menschen zu kommunizieren – mehr oder minder deutlich.“


Claude Sautet. Regisseur der Zwischentöne. Gespräche mit Michel Boujut. Aus dem Französischen von Marcus Seibert. Alexander Verlag. Berlin 2022. 325 S., 30,00 EUR. Bezug: in jeder Buchhandlung.

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