© Koch Films (aus "Men")

Kaleidoskopische Horrortrips

Freitag, 22.07.2022

Ein Werkporträt des britischen Regisseurs und Drehbuchautors Alex Garland anlässlich des Kinostarts seines Horrorfilms "Men"

Diskussion

Der Brite Alex Garland hat sich mit seinen Drehbüchern und vor allem mit seinen Regiearbeiten wie „Ex Machina“, „Auslöschung“ und „Men – Was dich sucht, wird dich finden“ (ab 21.7. im Kino) zu einem spannenden Grenzgänger zwischen Genre- und Kunstkino entwickelt. Im Spiel mit Science-Fiction- und Horrorelementen geht es dabei immer wieder um die Fragilität des Menschlichen und das, was es bedroht.


Aus einer Zelle werden zwei, aus zwei werden vier. Der Beginn allen Lebens, das mit jeder Teilung weiter voranschreitet. Doch der Vorgang, den Biologin Lena (Natalie Portman) erklärt, ist nicht nur der Beginn des Lebens, sondern auch des Sterbens. Es sind Krebszellen, die wir hier bei der Replikation sehen. Zellen, deren Leben die Zerstörung von Leben bedeutet, weil sie sich nicht rechtzeitig selbst zerstören, sondern sich endlos weiter teilen, bis sie den Organismus, dem sie entstammen, korrumpiert und konsumiert haben – zumindest aus menschlicher Perspektive. Das fremde Leben, das der hier betrachtete Krebs repräsentiert, hat weder menschliche Züge noch einen erkennbaren Willen. Der wuchernde Krebs befällt das Individuum, vermehrt sich in ihm, bis dessen Körper sich gegen sich selbst wendet. Etwas Fremdes, das Leben erschafft und zugleich auslöscht, ist im weiteren Verlauf von Alex Garlands Film „Auslöschung“ auch das, was die Erde selbst befällt. Ein Meteorit schlägt nahe bei einem Sumpfgebiet ein, wächst zu einem „Schimmer“, der Geologie und Leben fragmentiert, umschreibt, neu arrangiert.


"Auslöschung" (© Universal/Netflix)
"Auslöschung" (© Universal/Netflix)

Die fünf Frauen, die diesem außerweltlichen Krebsgeschwür entgegengeschickt werden, sind selbst, noch bevor sie mit dem Schimmer in Berührung kommen, auf ganz weltliche Art und Weise zerstört. Die Missionsleiterin leidet an einem unheilbaren Krebs, die Psychologin hat ihre Tochter an selbigen verloren, die junge Physikerin trägt auf dem Arm die Narben ihrer psychischen Traumata, und Protagonistin Lena verarbeitet den Verlust ihres Mannes, der Teil der ersten Militärexpedition in den Schimmer war und, obschon er lebendig zurückgekehrt ist, eben nicht mehr ihr Mann, sondern ein Fremder zu sein scheint.


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Die Winzigkeit des Menschen im Angesicht des Universums

„Auslöschung“ ummantelt das existentielle Trauma mit extraterrestrischer Biologie und beobachtet, wie beides mit, gegen und ohne den eigenen Willen einen Wandel vollzieht. Die Begegnung mit der genuin fremden Entität (so fremd, dass menschliche Vorstellungen von Leben, Willen, Bewusstsein etc. nicht mehr greifen) ist zugleich eine Begegnung mit dem allzu prosaischen, mit Trauer, Verlust und Entfremdung und damit emblematisch für Alex Garlands Œuvre. Die Geschichten und Filme des britischen Autors und Filmemachers erzählen vom Menschen als unbedeutendes Wesen, dessen Fähigkeit, im Angesicht des Nichts Bedeutung zu schaffen, alles bedeutet.


Alex Garland (© IMAGO/MediaPunch/Birdie Thompson)
Alex Garland (© IMAGO/MediaPunch/Birdie Thompson)

Der von Garland geschriebene und Danny Boyle inszenierte „Sunshine“ findet ein fantastisches Bild für die bedeutsame Winzigkeit des Menschlichen im Angesicht des unerbittlichen und indifferenten Universums, mit dem Garland ihm auf die Pelle rückt. Die Crew der Ikarus II, die, bepackt mit Wasserstoffbomben, auf interstellarer Selbstmordmission zur Rettung der sterbenden Sonne unterwegs ist, sitzt dicht gedrängt, um den Merkur bei der Sonnenumrundung zu beobachten. Der Planet, 4880 Kilometer Durchmesser, kurvt wie ein winziger Stein um den gewaltigen Feuerball. Für einen Moment wird die Sonne von der tödlichen Bedrohung, die sie für das Raumschiff bedeutet, wieder zum lebensspendenden ästhetischen Wunder.

Fulminantes Regie-Debüt: „Ex Machina“

Garlands Regie-Debüt „Ex Machina“ kreist um eine ähnlich erschütternde, wenngleich deutlich profanere Begegnung. Der Programmierer Caleb (Domhnall Gleeson) trifft in der abgelegenen, von unberührter Natur eingeschlossenen Residenz des Tech-Genies Nathan (Oscar Isaac) auf Ava (Alicia Vikander). Kein Alien, sondern eine aus der schier unendlichen Datenfülle einer Suchmaschine geschaffene künstliche Intelligenz. Avas Maschinenbewusstsein beinhaltet entsprechend nicht nur das, was Menschen wissen, sondern auch, was sie suchen, wünschen und begehren. Ob die in einen weiblichen Androiden-Körper gekleidete KI tatsächlich ein fühlendes Wesen ist, soll Caleb selbst herausfinden. Die implizierte Frage, wo genau denn Avas Geschlecht seinen Ursprung hat, gibt dem Tech-Thriller seinen abgründigen, aus Männerperspektive gedachten, feministischen Subtext. Der Turing-Test im Milliardärs-Refugium ist entsprechend weniger eine Untersuchung von Avas Sein und Bewusstsein als von Calebs Menschlichkeit. „Are you a good person?“, ist die Frage, die Ava ihrem Gegenüber stellt.


"Ex Machina"
"Ex Machina" (© Universal)

Langsam auf Avas Perspektive umschwenkend, nimmt der Film seine Männerfiguren ins Visier: den Kotzbrocken von Tech-Milliardär Nathan – durchtrainiert, angetrunken und skrupellos. Und den von ihm auserwählten Jedermann Caleb. Beide sind nicht fähig, die Androidinnen Ava und Kyoko als fühlende Wesen wahrzunehmen (letztere wird als Haushälterin vorgestellt, entpuppt sich aber als robotische Sexsklavin). Für den einen sind sie weibliche Körper mit Lustrezeptoren, über die nach Belieben verfügt werden kann, für den anderen Schutzbedürftige, die zu befreien, beschützen und zu erobern gilt.

Männliche Gewalt in unterschiedlichen Gestalten

Bereits das Romandebüt „The Beach“ des Briten (2000, von Danny Boyle verfilmt) bringt eine erste Ausgeburt gewaltbereiter Männlichkeit hervor, die später nicht nur „ExMachina“, sondern auch das von einer Zombie-Epidemie weitgehend dahingeraffte England in „28 Days Later“, für das Alex Garland einmal mehr das Drehbuch lieferte, heimsucht. Die vor den Infizierten Fliehenden suchen Schutz in einer Militärbasis, finden dort aber nur die uniformierte Ausgabe des männlichen Gewaltmissbrauchs. „Men“, Garlands neuester Film ist schließlich gänzlich um die Ideen von Erbsünde und männlicher Gewalt konstruiert. Protagonistin Harper (Jessie Buckley) probiert gleich nach der Ankunft auf einem englischen Landgut einen Apfel aus dem Garten. Das von ihr gemietete Refugium bietet jedoch nicht die gedachte Ruhe, die Harper braucht, um das vom Selbstmord ihres Ex-Manns ausgelöste Trauma zu verarbeiten. Denn Harper trifft gleich beim ersten Ausflug ins Waldidyll, dessen Grün in ähnlicher, fremdartiger Intensität glüht wie die Flora des außerweltlichen Schimmers in „Auslöschung“, auf den nächsten Mann. Der ist zunächst nur als Silhouette sichtbar, erscheint dann wieder und wieder – nackt, stumm und furchterregend.

Wo Garlands Science-Fiction weibliche Traumata mit außerirdischer Biologie auseinandernimmt und neu sortiert oder männliche Macht- und Geschlechtsentwürfe im Turing-Test durchfallen lässt, gibt sich Garlands vom Folk-Horror inspirierter Genreexkurs einen deutlich engeren Rahmen. Die feministische Perspektive, die beim Filmtitel schon immer das Augenrollen mitdenkt, bleibt ganz auf die ausschließlich von Rory Kinnear gespielten Herren der Schöpfung zentriert, die sich vom Naturgott Pan bis zum modernen Entwurf in immer neuen Variationen selbst zur Welt bringen. Ein Vorgang, der zur grotesken Klimax des Films buchstäblich vollzogen wird. Was den Kern des Menschlichen (oder eben: Weiblichen) erschüttert, ist diesmal nicht die Technik oder das Extraterrestrische, sondern der in christliche Oberflächen eingewobene Mythos. Die dazugehörige Erfahrung ist psychedelisch. Wo deformierte Männerkörper neue Inkarnationen ihrer eigenen Abscheulichkeit gebären, wo die Maschine ein Bewusstsein entwickelt und wo das Außerweltliche Sandstrände zu fasrigen, prismatischen Glastürmen aufrichtet, kaleidoskopische Farbwelten und sich ineinanderstülpende Farbkorridore erschafft, verzerren Garlands Filme die Realität zum kaleidoskopischen Horrortrip.


"Men" (© Koch Films)
"Men" (© Koch Films)

Selbst der ansonsten kompromisslos geradlinige Actionfilm „Dredd“, für den Garland Gerüchten zufolge nicht nur das Drehbuch, sondern auch die offiziell Pete Travis zugeschriebene Regiearbeit übernahm, gibt den Höhepunkten des ultrabrutalen Räuber-und-Gendarm-Gefechts eine durch die Droge „Slo-Mo“ ausgelöste, psychedelische Schlagseite. Das Stimulans zwingt bei Konsum die Zeit in den vorübergehenden Stillstand. Die zahllosen Gangmitglieder, die sich den letzten Schuss geben, müssen in Superzeitlupe dabei zusehen, wie die Geschosse von Judge Dredd in ihre Körper eindringen und als Blutfontänen, die sich wie das Wachs einer Lavalampe ausdehnen, wieder aus selbigen austreten. Der Actionfilm zerdehnt die von Hauptfigur Dredd ausgesprochenen und durchgeführten Todesurteile zur unerträglichen Schönheit.

Was bleibt, wenn die subjektive Realität angegriffen wird?

Der brutalste Einschnitt ins Menschliche ist bei Garland nichts Körperliches. Er ist das Ergebnis eines Rechenprozesses. Null und Eins reißen gleich zu Beginn der Serie „Devs“ die moralischen Grundpfeiler der Zivilisation ein. Der im goldenen Bunker eines Silicon-Valley-Unternehmens verborgene Quantencomputer saugt die Geschichte des Universums und mit ihr alles Leben, das wir uns als frei vorstellen, in sich auf und projiziert es auf Wunsch auf einen Bildschirm. Als sich Sergei, dem jüngsten Mitglied der Abteilung „Devs“, dieses Geheimnis offenbart, als die Maschine ihm den Code zeigt, der alle Zeit, jedes Ereignis aus Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart zu errechnen vermag, fällt sein Leben in sich zusammen. Ein lebenslang gelerntes und erfahrenes moralisches Empfinden ist mit wenigen Zeilen Code widerlegt. Sergei weint, übergibt sich, versucht das zu fassen, was unwiderlegbar Realität ist: ethische Grundannahmen sind bedeutungslos, das Universum ist deterministisch, eine Maschine hat es entschlüsselt, entkernt, entzaubert.


"Devs" (© FX Networks)
"Devs" (© FX Networks)

Bei Philip K. Dick heißt es: „Realität ist das, was nicht verschwindet, wenn man aufhört, daran zu glauben.“ Garland versucht in „Devs“ den Umkehrschluss als Fragestellung: Was bleibt, wenn die subjektive Realität angegriffen, zersetzt und widerlegt wird? Seine Filme arbeiten nicht auf den Schock hin, sondern haben immer den Wunsch, Sinnhaftigkeit und Sinnlichkeit auch dort zu finden, wo ein Computer das Gegenteil errechnen und jeden Schlüsselmoment der Menschheitsgeschichte – sei es Jesus am Kreuz, Jeanne d’Arc auf dem Scheiterhaufen oder Marilyn Monroe beim Sex mit Arthur Miller – verfügbar, reproduzierbar und damit bedeutungslos machen kann. Protagonistin Lily (Sonoya Mizuno) ist diejenige, die nach dem Selbstmord Sergeis das Gegengewicht zum Tech-Milliardär (diesmal von Nick Offerman als aus dem Geist der Hippie-Ära geborenen Ultrakapitalisten gespielt) und der von seiner Maschine kalkulierten Entzauberung der Welt bildet. Sie hält dagegen, mit allem, was die menschliche Empathie und die vom Computer widerlegte Ethik und vielleicht auch die Liebe hergeben. An der Oberfläche ist „Devs“ damit ein Kampf der erkenntnistheoretischen Modelle. Unter dieser Oberfläche aber tastet die Serie nicht nach den steilen und zeitgeistigen Thesen aus dem Silicon-Valley, sondern nach den Seelen derer, die schwer angeschlagen vor dem Scherbenhaufen stehen, den Technik und Trauma hinterlassen haben. Gesucht wird die Menschlichkeit innerhalb der Zahlen, Berechnungen, Kalkulationen, zur Geburtsstunde des Maschinenbewusstseins, im Angesicht der Codezeilen, die das Universum von Alpha bis Omega durchrechnen, und im Angesicht der Auslöschung, sei es durch eine Pandemie, eine außerweltliche Biologie oder eine sterbende Sonne. „What’s inside?“, lässt Garland seine Protagonistin im Angesicht des Quantencomputers die Kernfrage der Science-Fiction stellen. Die Antwort, die Garlands Werk gibt, ist vernichtend und lebensbejahend: „Everything.“


Alex Garland (rechts) mit Jessie Buckley beim Dreh von "Men" (© Men Film Rights LLC.)
Alex Garland (rechts) mit Jessie Buckley beim Dreh von "Men" (© Men Film Rights LLC.)

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