© ZDF/Dieter Reifarth (Porträt Peter Nestler)

Erinnerungen teilen: Zwei Dokumentarfilme von Peter Nestler

Montag, 25.07.2022

„Unrecht und Widerstand“ und „Der offene Blick“, zwei Fernsehfilme des Dokumentaristen Peter Nestler, der sich immer wieder mit dem Schicksal von Sinti und Roma beasst hat, sind in der 3sat-Mediathek zu sehen

Diskussion

In seinen zwei TV-Filmen „Unrecht und Widerstand“ und „Der offene Blick“ widmet sich der Filmemacher Peter Nestler einmal mehr dem Schicksal der Sinti und Roma in Europa. Sein besonderer Fokus gilt dabei den Bürgerrechtsbewegungen um Romani Rose und Kunstschaffenden aus dieser Kultur, die auch lange nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurde und wird. Beide Filme stehen bis Oktober in der 3sat-Mediathek zur Verfügung.


In seinen beiden neuen Filmen, Unrecht und Widerstand - Romani Rose und die Bürgerrechtsbewegung und Der offene Blick - Künstlerinnen und Künstler der Sinti und Roma, setzt der in Schweden lebende deutsche Dokumentarist Peter Nestler seine jahrzehntelange Auseinandersetzung mit dem Schicksal der Sinti und Roma in Europa fort. Er macht das, weil noch immer einiges im Argen liegt und aufgearbeitet gehört. Die Kamera führt Rainer Komers, der sich ebenfalls während seiner gesamten Karriere wiederholt mit dem für Europa so schamvollen Umgang mit dieser an die Ränder gedrängten Bevölkerungsgruppe auseinandergesetzt hat. Nestler und Komers sind beide Kinder der Nachkriegsgeneration. Sie gehören zu den letzten, die die Kämpfe dieser Zeit ins Heute tragen.


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In Unrecht und Widerstand berichten Romani Rose, dessen Weggefährten und einige Forscher von den NS-Verbrechen gegen die Sinti und Roma sowie deren Widerstand, der sich aufgrund fehlender Aufarbeitung und eines anhaltenden Rassismus in Deutschland und Europa bis heute fortsetzen muss. In Der offene Blick zeigt Nestler Kunstschaffende der Sinti und Roma. Sie berichten von ihrer Arbeit, singen, malen, lesen. In seinem Essay „Der Mythos des Sisyphos“ schreibt Albert Camus von der Schöpfung als Form der Auflehnung. Anhand seiner Beispiele wie Ceija Stojika oder Lita Cabellut zeigt Nestler diese anhaltende Revolte.


Nestlers Bilder sind, was sie sind

Beide Filme sind TV-Arbeiten und halten sich dementsprechend formal zurück. Was zählt, ist das, was gezeigt und erzählt wird. Das ist zugleich Fluch und Segen. Fluch, weil eine solch nüchterne, sachliche Produktion in der heutigen Dauerbeschallung unterzugehen droht (die Positionierung im Spätprogramm eines Spartensenders spricht da Bände). Man vergleiche etwa den Umgang mit Archivaufnahmen in „Unrecht und Widerstand“ mit jenem in Ruth Beckermanns weitaus knalligerem Waldheims Walzer. Wo im österreichischen Kinofilm eine treibende, klug-poppige Narration des Irrwitzes in der mahnenden Geschichtsstunde einsetzt, verharrt Nestler bei einem ähnlichen Anliegen auf der bloßen, bisweilen spröden Wiedergabe dessen, was er geborgen hat. Die Bilder sind, was sie sind. Das ist wie trockenes Brot – aber wie sonst könnte man die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau zeigen? Nestler verfälscht und verformt nichts. Dass man zeigt, ist ihm Haltung genug.


Unprätenziös zeigen, was ist: "Unrecht und Widerstand" (© ZDF/Rainer Komers)
Unprätenziös zeigen, was ist: "Unrecht und Widerstand" (© ZDF/Rainer Komers)

Segen, weil die daraus resultierende Gründlichkeit, mit der gearbeitet wird, ein seltener Glücksfall im deutschen Fernsehen ist. Die Filme lassen die Menschen, die zu Wort kommen, aussprechen. Der Filmemacher hört wirklich zu. Er will verstehen und will jenen, die ihr ganzes Leben ignoriert wurden, Raum und Zeit geben, um zu berichten. Von den Grauen des Krieges, den Naziverbrechen an ihrem Volk und vor allem von dem, was nach dem Krieg passierte, als die Bundesrepublik den Rassismus gegen die Sinti und Roma fortführte, während man nur gegenüber dem jüdischen Volk Reue zeigte.

Nestler will von jenen lernen, die mehr wissen als er. Wird eine neue Spur aufgemacht oder ein Name erwähnt, geht er dem nach. Er legt Schicht für Schicht frei. Die Geschichte stapelt Erinnerungen auf, die nur dann außerhalb von sich selbst existieren, wenn sie geteilt werden. Dieses Teilen oder Mit-Teilen ist der Antrieb Nestlers. Das ist auf der einen Seite äußerst bescheiden, weil der Filmemacher ganz und gar hinter seine Protagonisten und deren Erzählungen zurücktritt, zum anderen fordert es viel ein, weil es hier nicht um eine emotionalisierende Lust am Erinnern geht, sondern um Gerechtigkeit und dafür notwendige gesellschaftliche Veränderung. Eigentlich ist eine Filmkritik über solche im besten Sinne kunstlosen Arbeiten zwecklos. Jemand müsste stattdessen weiter über die Sinti und Roma schreiben.


Der Kampf des Romani Rose

Im Zentrum von Unrecht und Widerstand steht der aus einer Kinobetreiberfamilie stammende Romani Rose. Der charismatische und eloquente Mann berichtet in langen Passagen von Kampf und Leid seiner Familie. Besonders hängen bleiben die Archivaufnahmen seines Kampfes, seines Eintretens für Rechte, die eigentlich selbstverständlich sein müssten bei einem Volk, von dem Hunderttausende in Konzentrationslagern ums Leben kamen.


Romani Rose in "Unrecht und Widerstand" (© ZDF/Rainer Komers)
Romani Rose in "Unrecht und Widerstand" (© ZDF/Rainer Komers)

In einer Archivaufnahme wird der ehemalige Bundesminister und CSU-Politiker Ignaz Kiechle in einer Talkshow gezeigt, bei der er mit Bierglas als Gast im Publikum sitzt und ausfällig gegen Rose wird. Ein schwer verdaulicher Zwischenfall, der nur von einer Sequenz über- beziehungsweise unterboten wird, in der einige Bürger der BRD ihre Vorurteile gegen Sinti und Roma mit süffisanter Selbstverständlichkeit auf der Straße zum Besten geben. Und man darf sich nichts vormachen – auch wenn sich die rechtliche Situation deutlich verbessert hat, die Ressentiments haben sich gehalten. Und dabei ist noch gar nicht die Rede von den rechten Bewegungen, die seit Jahren durch das Land schwappen.

Dass Rose einer Kinobetreiberfamilie entstammt, ist gleich in mehrfacher Hinsicht spannend. Zum einen, weil derart deutlich wird, wie sehr bis heute anhaltende Vorurteile gegenüber den Sinti und Roma von einem solchen Beruf hinterfragt werden. Zum anderen, weil, wie in Der offene Blick deutlich wird, gerade das Kino in seinem Umgang mit den Sinti und Roma viele rassistische Stereotypen abgebildet hat. Beispielhaft werden etwa Ausschnitte aus D.W. Griffiths erstem Film, „The Adventures of Dollie“ oder „Großstadt-Zigeuner“ von László Moholy-Nagy gezeigt.


"Der offene Blick" (© ZDF/Rainer Komers)
"Der offene Blick" (© ZDF/Rainer Komers)

Dringende Suche nach Identität

Auch mit der österreichischen Filmemacherin Karin Berger, die mit ihren Arbeiten über Ceija Stojika einen der bedeutendsten, nicht nur filmischen Beiträge zu einer Aufarbeitung der Verbrechen gegen die Sinti und Roma geleistet hat, spricht Nestler in seinem Film. Es wird klar, dass aus den versammelten Künstlerinnen und Künstlern eine dringende Suche nach Identität spricht, aber auch eine Befreiung von selbiger. Am Ende geht es ihnen darum, frei das ausdrücken zu dürfen, was ihnen auf dem Herzen liegt. Was in einer Demokratie selbstverständlich scheint, war für diese Menschen lange unmöglich.

Da wir in einer Zeit der erdrückenden und bedrohlichen Gegenwart leben, werden Aufrufe zur Erinnerung nur allzu leicht unterdrückt. Dabei ist es stets die Geschichte, die uns einholt. Das mag eine Floskel sein, aber Nestler zeigt einmal mehr, dass diese Floskel eine dringliche Sache ist.


Hinweis:

Unrecht und Widerstand – Romani Rose und die Bürgerrechtsbewegung und Der offene Blick – Künstlerinnen und Künstler der Sinti und Roma sind bis 21. Oktober in der 3sat-Mediathek verfügbar. Hier finden sich auch die ebenfalls von Peter Nestler inszenierte 29-minütige Dokumentation Fremde Kinder: Mit der Musik groß werden aus dem Jahr 2003 sowie ein rund einstündiges Konzert der Roma und Sinti Philharmoniker vom Morgenland Festival Osnabrück im November 2021.

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