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Leders Journal (VII): Eine absurde Überfülle

Freitag, 29.07.2022

Leders Journal (VII): In der Fernsehdokumentation „Die Flut – Chronik eines Versagens“ untergräbt der inflationäre Einsatz fiktiver Erzählelemente die politische Substanz. Eine exemplarische Analyse

Diskussion

Der Fernsehjournalismus greift immer mehr auf Elemente des Spielfilms zurück, um seine vermeintlich kargen dokumentarischen Bilder aufzuwerten. Das führt zu einer ornamentalen Plüschigkeit, die die politische Substanz erschlägt. Eine exemplarische Analyse anhand der Dokumentation „Die Flut – Chronik eines Versagens“.


In der Fernsehdokumentation „Die Flut – Chronik eines Versagens “ (13. Juli in: Das Erste) sieht man nach etwa zehn Minute einen Karabinerhaken, der – von Musik unterlegt – scharf im rechten Vordergrund (aus der Perspektive der Betrachtenden) platziert ist, während in der Mitte unscharf mehrere Feuerwehrwagen mehr zu erahnen als zu erkennen sind, die sich in die Tiefe staffeln. In der Unschärfe ist zu erkennen, dass ein Mann an den Feuerwehrwagen vorbei auf die Kamera zukommt. Die Kamera bewegt sich nun nach links, so dass der Haken aus dem Bild verschwindet. Gleichzeitig wird die Schärfe so verlagert, dass der Mann genauer zu erkennen ist, der auf einen neben dem ersten Wagen platzierten Stuhl zugeht.


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Als er sich daraufsetzt, zieht die Tiefenschärfe mit. Gleichzeitig wird eine starke Zeitlupe verwendet, so dass sich sein Hinsetzen enorm verlangsamt. Während seines Gangs auf die Kamera zu wird die Musik etwas abgeblendet, und der Off-Kommentator sagt: „An diesem Mittwochmorgen beginnt die Schicht von Brandamtmann Michael Junker.“ Während dieses Satzes erfolgt ein Umschnitt. Die Kamera befindet sich nun im Rücken des Mannes, der allerdings unscharf erscheint. Nur der Schriftzug auf dem Rücken seiner Jacke ist zu erkennen: „Feuerwehr“. Wo der Fokus der Kamera liegt, ist im Bild nicht zu erkennen, nur dass der Mann sich setzt.

Feuerwehrmann Michael Juncker (Das Erste/SWR)
Feuerwehrmann Michael Junker (© Das Erste/SWR)

Aus dem Off hört man nun die Stimme des Mannes. Er berichtet, wie der Tag, um den es im Film geht, für ihn begann. Nach einem weiteren Schnitt ist der Mann von der rechten Seite aus zu sehen. Die Schärfe liegt auf seinem Gesicht. Sein Rücken lehnt sich nach hinten zur Lehne des Stuhls. In Zeitlupe. Im nächsten Bild ist er von vorn in einer Großaufnahme zu sehen. In normaler Geschwindigkeit. Der Ton wechselt vom Off ins On. Der nächste Schnitt zeigt den Mann in einer Halbtotale. Mit dem Bildschnitt erfolgt hörbar ein Tonschnitt. Die Aussage wurde also geschnitten.

Über dieses neue Bild wird unten links ein Text eingeblendet: „Michael Junker. Berufsfeuerwehr Stolberg“. Während der Mann weiterspricht, springt die Inszenierung in die Großaufnahme zurück. In dieser Einstellung verharrt der Film fast zehn Sekunden lang, während für die ersten zwanzig Sekunden der hier beschriebenen Szene sechs Einstellungen verwendet wurden. Wenig später hört man Michael Junker in die Kamera sagen, dass er angesichts schnell steigender Wasserpegel des Vichtbaches gesagt habe: „Wir werden absaufen!“ Bei dieser Erinnerung ist er sichtlich bewegt.


Eine gute Doku mit fragwürdigen Elementen

Um es klar zu sagen. Die einstündige Dokumentation „Die Flut – Chronik eines Versagens“ von Judith Brosel, Kai Diezemann, Torsten Reschke und Marko Rösseler ist guter Fernsehjournalismus. Minutiös werden darin die katastrophalen Ereignisse der Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 aufgearbeitet, als in den Flüssen und Bächen in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz mindestens 189 Menschen starben. Es werden Fehler und Versäumnisse von Behörden, von Politikerinnen und Politikern, aber auch der Medien bilanziert. Einzelschicksale, die für alle die stehen, die in dieser Nacht starben, werden angemessen thematisiert. Auch das Bemühen von Helferinnen und Helfer wird rekonstruiert, die viele Menschen retteten, während ihres Einsatzes aber auch verzweifelten, weil es an dem notwendigen Gerät wie etwa Hubschraubern mangelte.

„Die Flut – Chronik eines Versagens“ ist also eine bedeutende Dokumentation, die sich aber vieler Mittel bediente, die im Fernsehjournalismus Mode geworden sind. Stilelemente, wie sie in der geschilderten Szene mit dem Feuerwehrmann benützt wurden. Zu ihnen zählen der Einsatz von mindestens zwei Kameras bei Interviews, von Steadycam und (bei Außenaufnahmen) Kameradrohnen, Zeitlupen, gewollten Unschärfen, einer hohen Schnittfrequenz und Musik. Nicht zu vergessen die Inszenierung von Betroffenen und Zeitzeugen. Denn ganz ähnlich wie der Feuerwehrmann werden auch die einzelnen Politikerinnen und Politiker, Lebensretter, Fachleute für Wettervorhersage und Gewässerkunde, Journalisten, Angehörige von Menschen, die starben, Überlebende und Augenzeugen vorgestellt. Manche dieser Szenen dauern fast so lange wie das, was die betreffende Person anschließend in die Kamera sagt.

Als die Ahr über die Ufer trat: "Die Flut - Chronik eines Versagens" (Das Erste/SWR)
Als die Ahr über die Ufer trat: "Die Flut - Chronik eines Versagens" ( © Das Erste/SWR)

Ihren Bewegungen auf die Kamera zu sieht man an, dass sie auf Geheiß der Journalistin oder eines Kollegen zustande kamen. Man hörte in den Bildern förmlich die Aufforderung, loszugehen oder ein „Bitte nicht!“, wenn sie in Gefahr standen, in die Kamera zu schauen. Noch schlimmer als die Inszenierungen dieser sachlich banalen Auftritte, die sich in billigerer Form in jedem Nachrichtenfilm finden lassen, sind Szenen, in bei denen die Zeitzeugen an Orte des Geschehens zurückkehren oder gar Aktionen der Nacht nachstellen. Auch hier ist die Inszenierung in jeder Einstellung zu spüren. Die Menschen sollen im Sinne des Films „richtig“ im Bild erscheinen. Ihre Bewegungen und Blicke werden für die Kamera choreografiert, für die sie eine besondere Nachdenklichkeit oder eine starke Emotion zeigen wollen.


Der Zwang zum Ornament

Solche Inszenierungen sind schon allein deshalb problematisch, weil sie die dokumentarischen Momente, von denen es in „Die Flut – Chronik des Versagens“ mitunter einige äußerst eindrückliche gab, etwa von Emotionen, zu überwuchern drohen.

Die vielen unnötigen Beigaben von Steadycam, Zeitlupe, Musik und hoher Schnittfrequenz deuten eine Art Minderwertigkeitskomplex des Fernsehjournalismus an, der unter der Kargheit seiner meist dokumentarischen Bilder zu leiden scheint. Er leiht sich deshalb filmische Mittel beim Spielfilm aus, um seine Berichte und Dokumentationen anzureichern. Das fällt in „Die Flut – Chronik eines Versagens“ als besonders absurd auf, weil der Film ja viele dokumentarische Bilder der Katastrophe wiederholt (und in den Kontext der Ereignisse stellt), die man schon 2021 in der aktuellen Berichterstattung 2021 gesehen und seither kaum vergessen hat. Nicht nur hier droht eine neue visuelle Ornamentik gleichsam die Substanz des Politischen und Gesellschaftlichen zu verdecken. Wer das nicht glaubt, schaue sich die „Sommerinterviews“ von ARD und ZDF an!


In „Leders Journal“ analysiert der Medienwissenschaftler Dietrich Leder einmal im Monat symptomatische Details der öffentlichen Kommunikation, an denen sich grundsätzliche Tendenzen und Intentionen ablesen lassen.

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