© Salzgeber (aus "120 BPM")

Lieben, was noch nicht ist: Queer Cinema Now

Montag, 08.08.2022

Eine umfangreiche Publikation fasst mehr als 200 „sissy“-Kritiken zu nicht-heteronormativen Filmen zusammen

Diskussion

Das Kulturmagazin „sissy“ nähert sich seit 2009 dem queeren Kino mit Filmrezensionen, die Analyse mit dem Drang nach Repräsentation verbinden. Eine Buch-Publikation fasst nun mehr als 200 „sissy“-Kritiken zu nicht-heteronormativen Filmen zusammen und lässt neben bekannten Namen auch viele Geheimtipps hochleben. In der Zusammenstellung öffnet sich ein Blick aufs queere Kino als permanente Herausforderung.


Der schottische Autor und Kritiker Gilbert Adair schrieb im Jahr 1995, das Kino wäre eine „intrinsisch bisexuelle und sogar polysexuelle Form“. Die wichtigste Eigenschaft eines jeden Filmschaffenden und das einzige verlässliche Maß für seinen Beitrag zur Filmgeschichte sei die Liebe zu den Menschen vor der Kamera, unabhängig von Geschlecht, Klasse und anderen sozialen Kategorien. Für ein offizielles Motto des Kinos bedient er sich bei dem französischen Romancier Pierre Loti, über den es hieß „er liebte beide Geschlechter gleichermaßen; und hätte es ein drittes gegeben, hätte er auch das geliebt“. Durchaus vorrausschauend für einen Mann des 19. Jahrhunderts, und ein schöner Traum für das Kino und eigentlich jede Kunstform: das lieben, was noch nicht ist. Bilder suchen für jede Liebe, die noch keinen Namen kennt. Erwartungsvoll die Sehnsucht in die Zukunft projizieren und so Wege ebnen, die ansonsten versperrt geblieben wären.

Eine hoffnungsvolle Perspektive, die an die von „Out Magazine“-Kritiker Armond White erinnert. Der beschrieb, als Jugendlicher habe er das Kino als glamourösen, verführerischen Sog in die Welt der Erwachsenen erlebt. Auch er sah Filme als Form des Kommenden, als Versprechen für das eigene Leben. Sind das nur schöne, aber vielleicht übermäßig optimistische Pauschalurteile? Wen liebt das Kino, wen erheben oder verdammen, zeigen oder ignorieren die Filmemacher? Gibt es nicht genug biederes, repressives, konformistisches Kino, um solche Thesen in Frage zu stellen? Woher auch sonst die lange Geschichte von Anti-, Gegen-, und Avantgarde-Filmen, die sich bewusst gegen einen heteronormativen Mainstream richten? Oder Strömungen in der Kritik, die in ihrer Faszination und Leidenschaft für das Kino nicht blind für seine Grenzen und Verfehlungen, seine Scheuklappen und Verbrämungen waren?


211 Texte zum nicht-heteronormativen Film

Im März 2022 ist das Buch Queer Cinema Nowbeim Berliner Filmverleih und Verlag Salzgeber erschienen, „Die wichtigsten nicht-heteronormativen Filme aus 12 Jahren sissy“ verspricht das Cover. Es versammelt 211 Texte aus dem erstmals 2009 erschienenen Kulturmagazin, das ursprünglich als kostenfreie Druckausgabe verteilt wurde und seit 2015 online erscheint. Eigentlich ein Werbeheftchen für den auf nicht-heterosexuelle Filme spezialisierten Verleih, aber immer auch so viel mehr als das.

Das Ergebnis ist ein massives Buch, mit dem man nicht nur eine Scheibe, sondern gleich eine Backsteinmauer einschmeißen könnte. Herausgegeben haben es Jan Künemund, Christian Weber und Björn Koll. In der Einführung heißt es stolz: „Die Auswahl darf als repräsentativ angesehen werden, sie enthält die zentralen queer-relevanten Filme, die in den letzten Jahren die Diskurse bestimmt haben, und stellt damit den aktuellen Stand des nicht-heteronormativen Kinos fest: Queer Cinema Now!“ Vertraute Namen wie Pedro Almodóvar, Xavier Dolan oder Todd Haynes stehen neben Festivalentdeckungen und Geheimtipps aus aller Welt. Man wird intuitiv irgendeinen Film vermissen, natürlich auch, weil nicht jeder bedeutsame queere Film es überhaupt in die deutschen Kinos schaffte. Doch ebenso wird man wohl einen Geheimtipp entdecken, der in der eigenen Version des Buchs gefehlt hätte.

"The Duke of Burgunday" (
"The Duke of Burgundy" (© IMAGO / Everett Collection)

Im Berliner Kino Arsenal wird seit dem 26. Juli eine gleichnamige Filmreihe gezeigt, kuratiert von Künemund und Weber. Sie besteht aus zehn der im Buch besprochenen Titel, etwa Peter Stricklands männerlosem Sadomaso-Drama The Duke of Burgundy, Alain Guiraudies Erotikthriller Der Fremde am See oder der wundervoll kämpferischen Act-Up-Heldengeschichte 120 BPM von Robin Campillo. Man wird hier sicher unterschiedlich wagemutige Filme sehen, aber keinen wirklich schlechten.


Forderung und nüchterne Beschreibung

Die Doppeldeutigkeit im Titel von Buch und Filmreihe ist so offenkundig wie gewollt. Auf der einen Seite: Queer Cinema Now! Eine Forderung wie von einem Protestplakat. Ein Slogan, Sturm und Drang, Out with the Old, in with the New. Andererseits: Queer Cinema Now. Eine nüchterne Beschreibung, fast wie ein akademisches Paper oder ein 3sat-Themenabend: Queeres Kino heute. In diesem Spannungsfeld bewegen sich auch die Texte und Filme. Zwischen Herz und Hand, zorniger Forderung und kalter Analyse, Widerstand und Anpassung.

Wenn eine Grundtendenz die über 200 Kritiken durchzieht, dann die Verweigerung gegenüber Schubladen, allzu eindeutigen Kategorien und den damit einhergehenden Zwängen. Queeres Kino soll eher können als müssen, soll eher Standpunkt eröffnen als Positionen verhärten. Es geht oft um Identität und Identitätspolitik, in der Regel als Anfang und nicht als Ende einer Diskussion. Man weiß um die Beschränktheit der eigenen Perspektive und leitet daraus eine Einladung zur Empathie ab. „Identitätszwänge“ werden abgelehnt, über Kit Hungs Beziehungsgeschichte Das stumme Spiel des Windes heißt es „die Identität der Personen verschleift sich“. Unterkomplexe Menschenbilder, zerrieben von 24 Bildern in der Sekunde. Repräsentation ist wichtig, doch gegen „Repräsentationszwänge“ verwehrt man sich. Fragen des Zeigens und Nicht-Zeigens werden ernst genommen, das verbissene Hantieren mit Abakus und Checkliste ist der Feind. Genau wie eine grundsätzliche Opferhaltung, Wehleidigkeit oder Resignation gegenüber gesellschaftlichen Logiken, die sich als aufklärender Aktivismus maskiert.

"The Wild Boys" (© Drop-Out Cinema)
"The Wild Boys" (© Drop-Out Cinema)

Aus dieser Haltung entwickelt sich zum Glück nie ein pseudo-heroischer Kampf gegen Windmühlen wie „Political Correctness“, die mancher Feuilletonist heute herbeifantasiert, sondern eine grundsätzliche Offenheit. Kritik und Leidenschaft – „If I can't dance, I don't want to be in your revolution.“ Deutlich wird, dass es bei Fragen der Diversität auch immer um eine Diversität der Formen und Ideen geht. Das queere Kino nie nur als Träger von Parolen oder als Sammlung von Problemfilmen, sondern immer auch als eine Herausforderung. Die Leinwand eine Scheibe, jeder Film ein Backstein.


Gegen die Umarmung durch den Mainstream

Ganz bewusst richten sich die Texte deshalb auch gegen die Vereinnahmung durch einen nunmehr vage homophilen Mainstream, der sich immer wieder stolz zum Retter und Vermittler aufschwingt. Eine erdrückende Umarmung, die nicht vom Ende, sondern nur von leicht neu geschnittenen Schablonen kündet. Falscher Universalismus, der Geschichten ihre Spezifizität raubt. Schon die Formulierung von den „wichtigsten nicht-heteronormativen Filmen“ erzählt von dieser Abgrenzungs-Bewegung. In Feuilleton und klassischer Filmkritik missversteht und marginalisiert man LGBT+-Themen, andere queere Publikationen haben oft kein Bewusstsein für das Kino und seine Formen.

In Erinnerung bleiben natürlich die Texte, die selbst den Kopf ein wenig querstellen. Etwa Toby Ashrafs Zwiegespräch mit seinem eigenen Anus, bei dem die Körperöffnung Bruce la Bruce für seinen Film Geron Ausverkauf vorwirft, während der Autor selbst milder gestimmt ist. Der kuriose Dialog verdeutlicht auch eine der Konfliktlinien, die sich durch viele der Kritiken zieht: Wie weit darf sich der nicht-heteronormative Film dem Rest des Kinos nähern? Darf man mit der richtigen Botschaft in die breite Öffentlichkeit drängen, oder ist die eigentliche Botschaft nicht eine Form, eine Art zu denken?

Man ist großzügig gegenüber den Filmen, zumindest so lange, wie es eben geht. „Eigentlich möchte man diesen Film gut finden, ihn verteidigen gegen die Detail-Nörgler und die an seinem Thema Nicht-Interessierten“, schreibt Jan Künemund exemplarisch über Tom Tykwers Drei. Das heißt nicht, dass die Texte unkritisch wären, doch die Kritik richtet sich meist nicht gegen die Filme, sondern geht über sie hinaus. Queer Cinema Now – eine Art, die Welt querzulesen, im Film zu sehen, was an der Welt schön und schrecklich ist, die ihn hervorbringt. Noch Pathosformel-Klamotten wie Freeheld oder The Imitation Game werden vor allem als Anlass zum Nachdenken verstanden.


Immer ein paar Jahre voraus

Man stolpert über Formulierungen, Thesen und Schlagworte, mit denen heute in Diskussionen im Feuilleton und bei sozialen Medien hantiert wird, als hätte es sie immer schon gegeben: Gender Theory, Aneignung/Appropriation, Safe Spaces und so weiter. Immer ein paar Jahre vor der breiteren öffentlichen Diskussion. Vielleicht denkt man an Susan Sontag, die in ihren „Notes on Camp“ Juden und Homosexuelle als größte Triebkraft der Kultur beschrieb.

Sieht man die Filme der „Queer Cinema Now“-Reihe im Arsenal, möchte man ihr glauben. Ein Film wie „The Wild Boys“ will erlebt werden und fordert ähnlich wüste Nachfolger heraus. Ein kleines Drama wie Jan Krügers Rückenwind blickt auf brandenburgischen Mischwald wie Apichatpong Weerasethakul auf thailändische Dschungel. Man hofft dann, Deutschland würde öfter in seinen gewöhnlichsten Flächen Raum für Abgründe und Begehren entdecken. Als Mosaik zusammengeführt, erzählen die zehn ausgewählten Titel vom Spektrum des Narrativen. Es reicht von relativ klassischer Dramaturgie, die erst durch den Schauplatz besonders wird (Rafiki und Kenia), bis hin zur wildwuchernden Musical-Melodram-Melange To Die Like a Man von João Pedro Rodrigues. Da ist nicht nur Liebe, die an der grausamen Welt scheitert oder die Bewegung „Coming-of-Age wird Coming-Out“. Sondern auch eine sprunghafte, zeitgenössisch unentschlossen suchende Liebe (Ira Sachs’ Keep the Lights On). Eine im vermeintlich außergewöhnlichen Kink zärtlich ritualisierte Liebe in The Duke of Burgundy. Eine vorsichtig tastende, utopische Fluchtpunkte anpeilende, nicht-binäre Liebe in SomethingMust Break von Ester Martin Bergsmark. Wütende, verzweifelte Liebe, die die Seine in Blut verwandelt in 120 BPM.

"Rafiki" (© Salzgeber)
"Rafiki" (© Salzgeber)


Ohnehin: Schaut und liest man „Queer Cinema Now“, präsentieren sich die Verwandlungen als Wesen des nicht-heteronormativen Kinos. Transformationen, Transsexualität, Transgression, Transit, Transzendenz. Zwischenstufen und Übergänge, Prozess statt Stillstand. Das Queer Cinema als ein Kino des Dazwischens, des Hindurchs, des über etwas Hinausgehens. So erlebt man es im Kino, so erlebt man es im Buch. In diesem Kontext zumindest will man Gilbert Adair zustimmen. Denn Verwandlung ist nie auf den Moment gerichtet, sondern immer von Dauer und spannt sich von der Gegenwart in die Zukunft; sie ist die Verweigerung gegenüber dem Status quo und die Liebe zum Kommenden.

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