Ein Klassiker des ethnologischen Films

"Schamanen im blinden Land": Der 1980 fertiggestellte, fast vierstündige Dokumentarfilm des Ethnologen Michael Oppitz ist auf DVD erschienen

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Das Wissen über Schamanismus speist sich heute weitgehend aus Mutmaßungen. Und dient gerade deshalb als weißes Blatt für wechselnde Ausdeutungen durch den Esoterik-Mainstream. Dabei hatten im ausgehenden 20. Jahrhundert noch einige ethnische Gruppen überlebt, in denen ein alltäglicher Schamanismus weiterhin praktiziert wurde. Als Michael Oppitz im Jahr 1977 die erste von drei längeren Expeditionen nach Nepal unternahm, fand er in mehreren abgelegenen Tälern des nordwestlichen Himalaya – zehn Tagesmärsche von der letzten Flugpiste entfernt – einige solcher Gemeinwesen vor. Als Gast des kleinen Magar-Volks nahm er in den nächsten zwei Jahren mit einem kleinen Team viele Stunden Ton- und Bildmaterial auf.

Das Ergebnis war der 1980 fertiggestellte, fast dreistündige Dokumentarfilm „Schamanen im blinden Land“, der sowohl in der ethnologischen Fachwelt als auch auf internationalen Filmfestivals umjubelt wurde. Nach der Premiere auf dem Forum der „Berlinale“ im Februar 1982 tourte das Werk als 16mm-Kopie durch zahlreiche kommunale und andere Kinos und brachte es dabei zu einer Art Kultstatus. Durch die Vorführungen wurde die einzige in Deutschland vorhandene Kopie allerdings nach und nach unspielbar. Vor einigen Jahren stellte sich dann heraus, dass das Negativ des Films durch den Konkurs eines New Yorker Kopierwerks verloren gegangen war. Damit schien dieses einzigartige Dokument plötzlich nicht mehr reproduzierbar. Jahrelang war der Film faktisch unsichtbar, es gab weder VHS- noch DVD-Veröffentlichungen.

Glücklicherweise tauchte im Archiv des WDR (der den Film mit einer US-amerikanischen Firma co-produziert hatte) ein nahezu unberührtes 16mm-Positiv auf. 2014 kam es zur Aufführung einer restaurierten und digitalisierten Fassung, wiederum auf dem „Berlinale“-Forum. Nun liegt der Klassiker in einer aufwändig ausgestatten DVD-Box mit viel Zusatzmaterial vor. Der Film hält einer Wiederbegegnung unbedingt stand.

Nichts wird erklärt, alles wird beobachtet

Der Ethnologe Michael Oppitz, der bei Drehbeginn kaum über filmische Erfahrungen verfügte, stellte sich zunächst die Frage, wie er das extrem vielfältige Material überhaupt in eine Struktur bekommen konnte: „Wie kriege ich eine Handlung des realen Lebens, die vor mir abläuft, beschreibend in den Griff?“ Er entschloss sich zu einem erzählerischen Verfahren. Sich einer Kultur annähernd, die ihre kollektive Erinnerung über Jahrhunderte hinweg ausschließlich mündlich überliefert hatte, wurde er durch eine epische Perspektive gerecht. Die von Oppitz verfassten und von ihm selbst aus dem Off verlesenen Texte funktionieren nicht als allwissende Kommentare in der sinnstiftenden Tradition des Kulturfilms, umreißen vielmehr klar akzentuiert die vorgefundene Situation. Es wird nichts erklärt – es wird visuell wie verbal beobachtet und beschrieben. Dadurch zwängt sich keinerlei Interpretation auf, die Assoziationsräume bleiben stets weit geöffnet.

Alle direkten Aussagen und auch die Gesänge der Schamanen sowie der übrigen Dorfbewohner sind untertitelt. (Die DVD beinhaltet sowohl die deutsche als auch die englische Sprachfassung; da letztere von niemand Geringerem als William S. Burroughs eingesprochen wurde, sei ein Sehen und Hören beider Varianten dringend anempfohlen.) Als immens wichtig erweist sich der Rhythmus des Films, der nicht nur durch die Trommelschläge und Gesänge vorgegeben wird. Oppitz und sein Kameramann Jörg Jeshel arbeiteten mit sehr langen Takes genau deshalb, um die innere Struktur der Rituale möglichst wenig zu unterbrechen. Die Montage versuchte dann nie, das Material nachträglich zu einer fernsehtauglichen „Emotionalität“ zu verdichten. Es braucht den langen Atem. Man muss sich nur darauf einlassen können.

Mittler zwischen den Sphären

„Schamanen im blinden Land“ besteht aus zwei großen Kapiteln, eingerahmt von Prolog und Epilog. In der Vorrede wird die Schöpfungsgeschichte der Magar erklärt, die unmittelbar an die Biografie des „Ur-Schamanen“ Ramma Puran Tsan geknüpft ist. Er war der erste Erzähler, der durch seine Schüler das Wissen von Generation zu Generation weitergegeben hat. Die eigene Berufung als Schamane musste er annehmen, weil das Leben seines Volks durch Machtmissbrauch und Eigennutz aus dem Gleichgewicht geraten war. Heilung bedeutet in diesem Zusammenhang, die von Hexen oder Geistern gestohlenen Seelen aus der Zwischenwelt zurück ins irdische Leben zu holen und einen „unzeitgemäßen Tod“ zu verhindern.

Ein weiteres wichtiges Aufgabengebiet besteht in der Besänftigung der Verstorbenen. Da diese sich nur schwer an ihr Dasein als Tote gewöhnen können und dazu neigen, sich weiter in das Leben der Hinterbliebenen einzumischen, muss ihnen geholfen werden. Schamanen fungieren als Mittler zwischen den Sphären, sie selbst sind unsterblich, leben in ihren Schülern fort. In Teil I werden einige Rituale sowie die Hintergründe der jeweiligen Fälle ausführlich dargestellt; Teil II beschreibt den Beruf des Schamanen genauer, geht auf die Weitergabe des Wissens und auf die Initiation der nachrückenden Novizen ein. Den Höhepunkt bildet eine mehrtägige Zeremonie, quasi das Gesellenstück des neuen, angehenden Heilers. Der Epilog zeigt das Zwiegespräch eines Schamanen mit einer Krähe.Nach der Uraufführung wurde Oppitz gefragt, ob die Gegenwart der Kamera denn nicht die Ursprünglichkeit der Rituale zwangsläufig zerstört hätte, ob es sich bei seinen Aufnahmen letztendlich nicht nur um Inszenierungen für den westlichen Blick handeln würde. Er verwies darauf, dass sich die Schamanen alles andere als naiv verhielten: Sie wussten sehr wohl um den gerade stattfindenden „Abbildungscharakter“ (Walter Benjamin). Gegenüber dem deutschen Filmteam verhielten sie sich als professionelle Partner, bauten bei der übrigen Dorfbevölkerung Vorurteile ab. Der Grund für dieses quasi kollegiale Verhalten ist einleuchtend: Die Schamanen nehmen innerhalb ihrer Stammesverbände Funktionen ein, die denen von Künstlern oder Filmemachern nicht unähnlich sind. Auch sie verbinden das Profane mit dem Erhabenen. An dieser Stelle wird das Gegenwärtige und Universelle dieser scheinbar exotischen Welt deutlich. Oppitz sucht „am Ende der Welt“ nicht nach dem Fremden. Er findet das Vertraute deshalb, weil er zwar von Außen schaut, aber den Blick doch immer auch nach Innen richtet. Gerade dadurch kommt es zu einer wohltuenden „Erdung“ des Schamanentums. Obwohl es buchstäblich um Leben und Tod geht, wird bei den Exorzismen viel gelacht. Auch Oppitz arbeitet mit Humor. In seinem Off-Text kommen, leicht ironisch, Begriffe wie „Job“, „Séance“ oder „Klient“ ins Spiel. Schamanen, so wird nachvollziehbar, arbeiten innerhalb traditioneller Strukturen als eine Art „Dienstleister“. Sie werden bei physischen und psychischen Problemen zu Rate gezogen und erfahren auch eine Entlohnung. Diese muss nicht immer materieller Natur sein.


„Schamanen im blinden Land“. SHAMANS OF THE BLIND COUNTRY. Deutschland/USA 1980. Regie: Michael Oppitz. Länge: 223 (97 & 126) Min. FSK: ab 12. Anbieter: Arthaus Musik (5 DVD). Extrafilme: „Rituelle Reise der Schamanen“ von Michael Oppitz & Mehdi Sahebi (2013); „Maya singt Begrüßung des ersten Schamanen“ von Jörg Jeshel (2007); „Abriss einer Ausstellung ‚Trommeln der Schamanen‘ im Völkerkundemuseum Zürich“ von Mehdi Sahebi (2008). Zusätzlich drei mythische Gesänge von Bal Bahãdur & Bedh Bahãdur auf 2 CD.

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