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Es funkelt. Der Reader „Queer Cinema Now“

Freitag, 19.08.2022

Zur Publikation „Queer Cinema Now“ und der Filmkritik des früheren sissy-Magazins

Diskussion

Von 2009 bis 2015 versammelt die Filmzeitschrift sissy in Berlin viele deutsche Filmkritiker:innen, um sie über „nicht-heteronormative Film“ schreiben zu lassen. Ein Reader versammelt einen Querschnitt dieses erfrischend offenen Schreibens und Nachdenkens über Filme, wobei sich die Zusammenstellung dem titelgebenden Gestus des „queeren“ verpflichtet weiß und mehr der Vielfalt anstatt dem Kanon huldigt.


Je nach Lichteinfall schimmert der Titel des Gegenstands, der den Anlass für diesen Text gibt. Von links nach rechts kippen ihn die Hände; es ist ein Ding, das berührt und angefasst, das bewegt werden will, damit sich die Regenbogenhäute der Wörter auf dem schwarzen Einband zu erkennen geben.

Nicht nur die Schrift, auch eine Silhouette lässt sich bei genauerem Hinsehen in den bunten Reflexionen ausmachen, verschwommene und doch vertraute Umrisse. Die Betrachterin wird zum Objekt ihrer eigenen Betrachtung, wenn sie sich selbst in der Spiegelung des Titels bemerkt, wenn ein Buch den Blick seiner Leserin erwidert und zurückwirft, ehe die Augen und die Finger weiterhuschen, um sich zum Papier vorzuarbeiten.


Das Utopische der Nebenfigur

Queer Cinema Now. Die wichtigsten nicht-heteronormativen Filme aus 12 Jahren sissy“ heißt die Publikation, die Björn Koll, Jan Künemund und Christian Weber herausgegeben haben und dessen Cover in gewisser Weise das herstellt, worum es geht: auf 352 Seiten um die Bedingungen, unter denen wir überhaupt schauen und um die Perspektiven, mit denen wir Filme und Welten wahrnehmen.

"Futur Drei" von Faraz Shariat (Salzgeber)
"Futur Drei" von Faraz Shariat (© Salzgeber)

Das Buch versammelt 211 Texte von 56 Autor*innen, die zwischen 2009 und 2020 erschienen sind, bis 2015 in dem vom Filmverleih Salzgeber vierteljährlich herausgegebenen „sissy“-Magazin, der einzigen deutschsprachigen Queer-Cinema-Zeitschrift. Seit der Einstellung der Zeitschrift wird sissy auf einer um audiovisuelle Inhalte ergänzten Website fortgeführt.

„Achten Sie auf die Nebenfiguren“, heißt es im Vorspann der ersten sissy-Ausgabe vom März 2009. Ein gut gemeinter Hinweis für die Filmsichtung? Eine Warnung? Ein selbstreflexives, ironisches „mission statement“ eines Magazins, das die Nebenfigur selbst im Namen trägt? Möglicherweise alles zusammen und noch mehr, zweifelsohne aber eben auch die Einladung zum spaßigen Gemeinschaftsprojekt, sich dem Kino und den Utopien hinzugeben, die im Alternativen stecken – und sich der verschleuderten Figur der Sissy anzunehmen, die weniger die Handlung vorantreibt als dass sie vielmehr die heterosexuelle Liebeserzählung aufpeppen soll. Dabei verweist die Sissy schon durch ihre Existenz auf das, was sich abseits dessen abspielt, eine Figur, die zum Träumen und Erinnern einlädt, während sie einen handfesten, ganz konkreten Gegenentwurf demonstriert.

Die sissy, so ein erkennbares Anliegen der Zeitschrift, eignet sich diese Figur an, nutzt sie als Metapher für das, was alles sein könnte, besetzt und sortiert Begehren und Aufmerksamkeit um; auch indem sie sich eben den großen Produktionen den kleineren, randständigeren Filmen widmet, die aufgrund ihrer oft schlechten finanziellen Förderung kaum oder eben nicht sonderlich lange in ausgewählten Kinos gezeigt werden.


Die Rückschau wagen

In dieser Hinsicht stellt das Buch „Queer Cinema Now“ also eine Rückschau auf jenes Kulturmagazin und seinen sehr besonderen Ansatz dar, über queeres Kino nachzudenken, in dem sich das Bewusstsein für Diversität mit der Liebe zum Kino und zur Sprache verbindet. Mit der chronologisch sortierten Auswahl an sissy-Texten leistet der Band einen Überblick über queere Filme der Gegenwart, zwischen denen sich Distanzen bemerken und Verbindungen ziehen lassen; teils stehen sie paradigmatisch für bestimmte Entwicklungen eines zeitgenössischen Kinos und dessen Debatten, teils zeichnen sich im Schreiben darüber größere gesellschaftliche Tendenzen ab – insbesondere in der Frage, wer unter welchen Vorzeichen einen kulturellen Diskurs mitgestaltet kann, sei es als Autor*in, Herausgeber*in oder eben Filmemacher*in.


Leonie Krippendorffs „Kokon“ und „Futur Drei“ von Faraz Shariat stehen in der Kompilation neben neueren Klassikern wie „A Single Man“ von Tom Ford, „Blau ist eine warme Farbe“ von Abdellatif Kechiche, „Moonlight“ von Barry Jenkins oder „Call Me by Your Name“ von Luca Guadagnino. Gleichzeitig stößt man aber auch auf weniger bekannte Filme wie „Gute Manieren“ von Juliana Rojas und Marco Dutra aus dem Jahr 2017, der mit magischem Realismus von Klassenunterschieden in der brasilianischen Gesellschaft erzählt, oder dokumentarische Formen. So finden sich auch Texte zu „Der Ost-Komplex“ (2016) und „Mein wunderbares West-Berlin“ (2017) von Jochen Hick, der sich in diesen Filmen explizit mit den schwulen Geschichten des geteilten Deutschlands beschäftigt.

"Mein wunderbares West-Berlin" von Jochen Hick (Salzgeber)
"Mein wunderbares West-Berlin" von Jochen Hick (© Salzgeber)

Am Anfang eine ausgestreckte Hand, die auf eine Reise entführt („Reich mir deine Hand“ von Pascal-Alex Vincent), am Ende ein Tanz, wo sich die einen den Raum nehmen, den die anderen noch nicht einfordern können, weil sie die eigene Position erst finden müssen („Port Authority“ von Danielle Lessovitz): Die Auswahl von „Queer Cinema Now“ folgt keiner Eindeutigkeit. So sehr das Buch Masse versammelt und Material bereitstellt, um den Versuch des Kanonischen zu unternehmen, so sehr behält es sich seine Widerspenstigkeit, wenn das Queere inkohärent, sprunghaft, unhandlich, flüchtig und vor allem unvollständig bleibt. Diese Lücken laufen in der Publikation stetig mit, die sich zunächst auf queeres Kino als schwules, weißes Kino konzentriert. Mit der Zeit, und das ist eine schöne Beobachtung in „Queer Cinema Now“, werden die Akteure diverser, lesbische und trans Geschichten präsenter. Dies betont auch den Moment der Auswahl der Texte durch die drei Herausgeber, die ihre editorische Verantwortung erstnehmen und um das wissen, was sie herzustellen vermögen.


Nicht heterosexuelle Filmkultur

Sowohl die Publikation wie zuvor auch die Zeitschrift, in der mit Rubriken wie „Mein DVD-Regal“ oder „Der Moment“ dezidiert mehr stattfindet als einzelne Filmbesprechungen, sind insbesondere als filmpublizistische Unterfangen interessant, als Beispiele, wie es sich denn über Filme schreiben lässt; mit Haltung und einer unbedingten Neugierde. „Film ist eben mehr als nur Lifestyle und Unterhaltung, und garantiert verschonen wir unsere Leser mit Fitnesstipps, Kosmetik, dem passenden Auto zur Frisur oder sonstigen Anleitungen zur Metrosexualität“, kündigte die erste sissy-Ausgabe einst an. Und weiter: „Nicht heterosexuelle Filmkultur heißt etwas anderes: Blicke über die Grenzen der Konventionen zu werfen, nach neuen Erzählformen zu suchen, Impulse an das Weltkino auszustrahlen, Denkweisen infrage zu stellen, das Spektrum dessen zu vergrößern, was erzählt werden kann.“

"Blau ist eine warme Farbe" von Abdellatif Kechiche (Wild Bunch)
"Blau ist eine warme Farbe" von Abdellatif Kechiche (© Wild Bunch)

Verrisse finden sich in „Queer Cinema Now“ kaum; stattdessen markieren viele der Texte persönliche Bezüge, Blickwinkel, Beziehungen zu ihren Gegenständen, die zum eigenen Denken und Schauen ermutigen. Es handelt sich um eine sensible Form des filmkritischen Schreibens, empathisch und lustvoll, manchmal witzig, manchmal tragisch, für die es unbedingt relevant ist, wer auf der Leinwand zu sehen ist, in welchem Kontext, aber eben auch in welchen Strukturen, wie Filme und Texte also innerhalb einer heteronormativ geprägten Gesellschaft produziert werden. „Queer Cinema Now“ ist damit auch ein „Best of“ der deutschsprachigen Filmkritik, wobei Zugänglichkeit und Repräsentation ähnlich diskutiert werden könnten wie bei den Filmen, denen sich die Autor:innen schreibend annähern.


Auf dem Terrain der Empfindung

Vor einiger Zeit hat Rüdiger Suchsland unter dem Titel „Was ist (gute) Filmkritik?“ eine substanzielle Gefährdung der Filmkritik diagnostiziert. Diese müsse, so Suchsland, persönlich werden, direkt, und sich über die Ränder hinweg umschauen: „Die Verantwortung der Kritik zielt nicht auf den Film, auf die Kunst, sondern auf die Gesellschaft. Die Verantwortung besteht zunächst einmal darin, genau hinzusehen. Und dann genau das aufzuschreiben, was man denkt, was man empfindet, selbst wenn es ein „terrain vague“ ist, selbst wenn es dem überhaupt nicht entspricht, was irgendwelche andere geschrieben haben.“ In diesem Text, der ironischerweise selbst an vielen Stellen vage und ungenau bleibt, geht es um konkrete Vorschläge, wie jenes Aufschreiben aussehen kann – und die grundlegende Frage, wer zumeist über wen und für wen mit welchem Wissen schreibt.

„Queer Cinema Now“ begibt sich auf dieses Terrain der Empfindung und formuliert ein Angebot, um sich mit der Vielfalt des queeren Kinos zu beschäftigen. Es löst Widersprüche nicht auf, sondern stellt sie aus, eben weil es keine neutrale Position gibt und die Welt nur aus Perspektiven betrachtet werden kann, über deren Schnittmengen wir uns stetig verständigen. Viele Beiträge im Buch kennzeichnet dabei eine auffallend niedrigschwellige Sprache, die mehr Menschen an dem teilhaben lässt, was sie auszudrücken versucht – und schafft es über diesen Modus des Affektiven, Filme zu vermitteln, sie näher zu bringen, die Welt, in der wir sehen und übersehen, zu kommentieren und Verbesserung einzufordern.

"Port Authority" von Danielle Lessovitz (Salzgeber)
"Port Authority" von Danielle Lessovitz (© Salzgeber)

„Einen Lieblingsfilm zu haben, ist wie einen neuen Film zu entdecken, einer der wahren Reichtümer des Lebens. Egal in welchem Alter man ihn entdeckt und egal aus welchem Grund. So ein Schatz währt ewig“, steht einleitend im Programm des Filmfestivals „Cinema of Dreams“ von Tilda Swinton und Mark Cousins, die gemeinsam das Cover der ersten sissy-Ausgabe zieren. In „Queer Cinema Now“ wird das Kino als Ort der Begegnung gefeiert, ein Festsaal, in dem jede Drehung der Diskokugel eine neue Begegnung bereithält. Es funkelt eben, dieses Queer Cinema, wie ein Spiegel, der mir zeigt, wo ich mich befinde und zugleich nicht sein kann; wie ein See im Sommer, an dem sich Blicke zugeworfen werden können, bevor im besten Fall die Küsse folgen.


Hinweis

Queer Cinema Now. Die wichtigsten nicht-heteronormativen Filme aus 12 Jahren sissy. Herausgegeben von Björn Koll, Jan Künemund und Christian Weber. Mit Texten von Thomas Abeltshauser, Toby Ashraf, Beatrice Behn, Samuel Benke, Biru Binder, Ingrid Boxhammer, Rajko Burchardt, Esther Buss, Martin Büsser, Jörg Buttgereit, Matthias Dell, Michael Eckhardt, Jessica Ellen, Lukas Foerster, Matthias Frings, Gunther Geltinger, Malte Göbel, Fritz Göttler, Thomas Groh, Maike Hank, Patrick Heidmann, Stefan Hochgesand, Hans Hütt, Enrico Ippolito, Frédéric Jaeger, Anne-Katrin Jung, Ekkehard Knörer, Andreas Köhnemann, Nenad Kreizer, Ulrich Kriest, Anja Kümmel, Jan Künemund, Claudia Lenssen, Christian Lütjens, Cosima Lutz, Sebastian Markt, Christoph Meyring, Noemi Y. Molitor, Carsten Moll, Angelika Nguyen, Nikolaus Perneczky, Aileen Pinkert, Bert Rebhandl, Peter Rehberg, Axel Schock, Maike Schultz, Paul Schulz, Micha Schulze, Barbara Schweizerhof, Alexandra Seitz, Philipp Stadelmaier, Dennis Vetter, Christian Weber, André Wendler, Jochen Werner, Sascha Westphal, Natalia Wiedmann, Andreas Wilink und Tania Witte. Verlag Salzgeber. Berlin 2022. 352 S., rund 200 Abb., 50 EUR. Bezug: In jeder Buchhandlung oder hier.

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