© La Biennale di Venezia (Cate Blanchett in "Tár")

Venedig 2022 - Von der Macht verführt

Samstag, 03.09.2022

Zum ersten Wochenende hin hat sich das 79. Filmfestival in Venedig warmgelaufen. Ein Zwischenbericht

Diskussion

Nach einem etwas verwackelten Start hat sich das 79. Filmfestival in Venedig zum ersten Wochenende hin warmgelaufen. Die Fans dürfen auf dem Lido ohne Corona-Beschränkungen auf Autogrammjagd gehen, die Filme bewegen sich auf einem ansprechenden Level. Besonders „Bones and All“ von Luca Guadagnino, „Tár" von Todd Field und „Un Couple“ von Frederick Wiseman stachen hervor.


Dem Programm der 79. Filmfestspiele Venedig war im Vorfeld deutlich anzumerken, dass sich Festivaldirektor Alberto Barbera und sein Team redliche Mühe gegeben hatten, der „Mostra“ im 90. Jahr nach ihrer Gründung zu besonders viel Glanz zu verhelfen. Doch ausgerechnet die Technik versetzte der Vorfreude einen Dämpfer. Probleme mit dem Online-Buchungssystem sorgten für Unmut. Nach den ersten Tagen aber hat sich das wieder gegeben.

Die Eröffnungsgala mit „White Noise“ von Noah Baumbach bekräftigte den glamourösen Nimbus des Festivals und die Rolle Venedigs als Plattform kommender „Oscar“-Kandidaten; mit einer Videobotschaft von Wolodymyr Selenskyj, der an den Krieg in der Ukraine als „Horror, der nicht nach 120 Minuten endet“ erinnerte und die Namen ukrainischer Kinder verlas, die ums Leben gekommen sind, wurden aber auch nachdenkliche Töne angeschlagen.

Adam Diver in "White Noise" von Noah Baumbach (Netflix)
Adam Driver in "White Noise" von Noah Baumbach (© Netflix)

Dieses Schwanken zwischen Filmlust und Krisenbewusstsein ist für die diesjährige Stimmung am Lido kennzeichnend. Bei der Premiere von „Bones and All“ von Luca Guadagnino kam beides im Auftritt von Timothée Chalamet zusammen, der bei seiner Ankunft von kreischenden Fans gefeiert wurde, um bei der Pressekonferenz nonchalant den Untergang zu prophezeien: „Ich fürchte, dass ein gesellschaftlicher Kollaps in der Luft liegt; es riecht jedenfalls danach.“


Dunkle Triebe, soziales Stigmata

In „Bones and All“ nach einem Roman von Camille DeAngelis verkörpert Chalamet einen der Protagonisten, die mit einer unwiderstehlichen Gier nach Menschenfleisch geschlagen sind und andere ihrer Art am Geruch erkennen können. Auf diese Weise findet auch die Hauptfigur, eine junge Frau namens Maren (Taylor Russell), die nach einem kannibalischen Ausrutscher von ihrem überforderten Vater verlassen wurde, zu der von Chalamet gespielten Figur. Zwei heimatlose junge „Monster“, die zu niemandem mehr gehören und zunächst als Schicksalsgemeinschaft zusammenfinden, später aber ein Liebespaar werden.

Die Geschichte spielt in der Reagan-Ära und schickt die beiden auf der Suche nach der unbekannten Mutter des Mädchens als Road Movie quer durch eine USA, die aus einsamen Hinterwäldler-Landstraßen und kleinen Ortschaften zu bestehen scheint. Der italienische Regisseur Luca Guadagnino macht daraus Genrekino, das auf frappierende Weise Zärtlichkeit und Brutalität miteinander mischt, wobei der Regisseur vor drastischem Body-Horror so wenig zurückschreckt wie davor, den Ekelfaktor mit einem süßlichen Hauch „Twilight“-Romantik zu konterkarieren.

Taylor Russell (l.) und Timothée Chalamet in "Bones and all" (La Biennale di Venezia)
Taylor Russell (l.) und Timothée Chalamet in "Bones and all" (© La Biennale di Venezia)

Dank der Chemie zwischen den beiden Jungdarstellern und schön-schrecklichen Nebenrollen für Michael Stuhlbarg und Mark Rylance als erwachsene Kannibalen und lebende Menetekel, was aus ihresgleichen werden kann, entfaltet der Film eine große Spannung, auch wenn er in seinem Spiel mit dem Kannibalismus-Motiv vage bleibt. Ähnlich wie in „Raw“ von Julia Ducournau schwingen Coming-of-Age-Aspekte mit, die Verstörung einer jungen Frau angesichts erwachender körperlicher Triebe; außerdem funktioniert der Kannibalismus aber auch als Metapher für ein soziales Stigma, das Menschen zum Leben am Rand der Gesellschaft verurteilt, ohne dass beide Aspekte wirklich ausgelotet würden.


Im Kopf einer Dirigentin

Der Wettbewerb zeichnet sich in diesem Jahr durch auffallend vielschichtige Frauenfiguren aus. In „Tár“ erzählt Todd Field von einer Musikerin (Cate Blanchett), die als erste Frau zur Chefdirigentin der Berliner Philharmoniker berufen wurde, und von der Erschütterung ihres kulturellen Elfenbeinturms. Dabei geht es um zeitlose Themen wie kreative Schaffensprozesse und das Sich-In-Beziehung-Setzen von Interpreten und Komponisten, aber auch um soziale und „woke“ Grabenkämpfe. Im Zentrum aber steht eine Auseinandersetzung mit missbräuchlichen Machtstrukturen innerhalb des scheinbar so kultivierten Orchesterbetriebs, mit Lydia Tár festgemacht an einer Figur, die eigentlich für eine Abkehr von patriarchalen Hierarchien steht, aber gegen die Verführung der Macht ebenso wenig immun ist wie ihre männlichen Kollegen. Als Vorwürfe wegen übergriffigen Verhaltens gegenüber Musikerinnen publik werden, droht der Thron der Dirigentin ins Wanken zu geraten.

Todd Field und Cate Blanchett machen daraus eine emotionale Irrfahrt, in der es weniger darum geht, den tiefen Fall einer moralisch fragwürdigen Protagonistin zu zelebrieren, als vielmehr in deren Gedanken- und Gefühlswelt einzutauchen. Nina Hoss spielt dabei die Partnerin von Tár, eine Figur, die als Konzertmeisterin der Dirigentin lange den Rücken freihält, bis sie deren Rücksichtslosigkeit irgendwann nicht mehr tolerieren kann.


Frederick Wiseman betritt Neuland

Einer ähnlichen Figur begegnete man in „Un couple“ von Frederick Wiseman, dem mit 92 Jahren ältesten Regisseur im Wettbewerb. Mit „Un couple“ beschreitet er persönliches Neuland, da es sich erstmals nicht um einen Dokumentarfilm handelt. Nathalie Boutefeu spielt in dem nur 64 Minuten langen monologischen Drama die Ehefrau des russischen Schriftstellers Leo Tolstoi und erweckt Passagen aus den Briefen von Sofja Tolstaja zum Leben.

Wortmächtig: Nathalie Boutefeu als Sofia Tolstaja
Wortmächtig: Nathalie Boutefeu als Sofia Tolstaja (© La Biennale di Venezia)

Darin geht es um deren Leiden an einer Partnerschaft, in der ihre Bedürfnisse und Gefühle, aber auch das Familienleben generell, stets im Schatten des Mannes und seines Schaffensprozesses standen. Inmitten einer Küstenlandschaft und vor einer Gartenkulisse machen Wiseman und Boutefeu Sofja Tolstaja zur Stimme, die wortgewaltig und eindringlich Erfahrungen formuliert, die, obgleich individuell, die Erfahrungen vieler Frauen widerspiegeln.

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